Niederlandistik (auch Nederlandistik) ist das wissenschaftliche Forschungs- und Studienfach, das sich mit niederländischer und flämischer Sprachwissenschaft, Literatur, Landeskunde, Gesellschaft und Kultur beschäftigt.
Niederlandistik kann an mehr als 20 Universitäten im deutschsprachigen Raum (Aachen, Berlin, Germersheim, Hildesheim, Kiel, Köln, Münster, Oldenburg, Wien, Zürich und so weiter) als Haupt- oder Nebenfach belegt werden. Daneben können Sprachkurse im Niederländischen beim Studium der Germanistik angerechnet werden.
Die Berufsbilder der Absolventen sind Lehrer an weiterführenden Schulen extra muros, Lektor im Verlagswesen, kulturelle Tätigkeit (zum Beispiel Ausstellungen, Kunstgeschichte) sowie der Beruf als Übersetzer oder Journalist. Ferner sind bei Mehrfachqualifikation im sozial-, wirtschafts- und rechtswissenschaftlichen Bereich weitere Berufsperspektiven in der privaten Wirtschaft, im öffentlichen Dienst sowie in der Politik möglich.
Anfang des 16. Jahrhunderts wurde, unter dem Einfluss des Humanismus, das Mittelalter (das erst gerade zu Ende gegangen war), eher negativ bewertet, nämlich als die dunkle und ungebildete Zeit zwischen der Antike und der eigenen Zeit. Dementsprechend hat man es oft nicht für nötig gehalten, die mittelniederländischen Handschriften aufzubewahren. Häufig wurden alte Handschriften wiederverwertet: Als Bucheinbände oder Füllmaterial verwendet oder zu Leim zerkocht.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es unter dem Einfluss des deutschen Lyrikers und Germanisten August Hoffmann von Fallersleben zu einem erneuten Interesse an der mittelniederländischen Sprache und Literatur. Hier zeigten sich regionale Unterschiede beim neuen Interesse an der Sprachgeschichte.
Im niederländischsprachigen Teil von Belgien interessierten sich die Philologen besonders für die ruhmreiche Vergangenheit des Niederländischen im Mittelalter (siehe Herzogtum Brabant und Grafschaft Flandern). Im innerbelgischen Sprachenkonflikt wollten sie aufzeigen, dass das Niederländische auf dem Gebiet des heutigen Belgien bereits im Mittelalter eine ruhmreiche Kultursprache war. Namhafte Vertreter dieser Ausrichtung waren Jan Frans Willems, Ferdinand Snellaert, Constant Serrure und Philipp Blommaert.
In den Niederlanden hingegen war das Mittelalter für die eigene Geschichte und Identität weniger wichtig. Das Goldene Zeitalter der Niederlande war das 17. Jahrhundert, nicht das Mittelalter. Dementsprechend behandelten die niederländischen Philologen die mittelniederländische Sprache und Literatur auch sachlicher als ihre Kollegen in Flandern. Diese Philologen fasst man auch als die Leidener Schule von Matthias de Vries zusammen. Dazu gehörten (neben de Vries) W.J.A. Jonckbloet, Eelco Verwijs, Jacob Verdam, L.A. te Winkel, W.L. van Helten, Henri Ernest Moltzer, Gerrit Kalff, F.A. Stoett, J.W. Muller und teilweise auch J. Franck.
In dieser Zeit fingen Jacob Verdam und Eelco Verwijs das Middelnederlandsch Woordenboek an, das "Mittelniederländische Wörterbuch". Es etablierte das Fachgebiet der Älteren Niederlandistik.
Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die Universitäten Bonn (1906) und Berlin (1910) mit Lehrveranstaltungen im Fach Niederländisch. Ein regelrechter Aufschwung fand während des Ersten Weltkrieges statt, als Überbau von imperialistischem Denken, das oft in proaktive Unterstützung des Nationalsozialismus mündete oder gleichgeschaltet wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Fachvertreter weitgehend kompromittiert. Jacob Marius Jalink (*1895 – †1974), in mehrfacher Hinsicht selbst betroffen, beklagt jahrzehntelange Niveaulosigkeit und den Ausfall von wissenschaftlichem Nachwuchs in der Folge. Die drei zwischen 1945 und 1965 in Westdeutschland einschließlich West-Berlin verteidigten niederlandistischen Doktorarbeiten (darunter seine eigene) stammen alle von Muttersprachlern.
1964 genehmigte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen je eine C-4-Professur in Köln (Schwerpunkt Literatur) und in Münster (Schwerpunkt Linguistik). Der nach Köln berufene Niederländer Petrus Josephus Henricus Vermeeren (*1913 – †1974), ein Quereinsteiger aus dem wissenschaftlichen Bibliothekswesen, war nicht habilitiert, ebenso wenig wie dessen Nachfolger, der laïsierte Priester Herman W. J. Vekeman (*1938 – †2013). In den circa 25 Jahren seiner aktiven Zeit wurde letzterer vierfacher Doktorvater, seine Nachfolgerin Maria-Theresia Leuker wurde in ihrer ebenfalls fast ein Vierteljahrhundert währenden Amtszeit (1999–2023) zweifache Doktormutter.
An der Universität Wien wurde auf Betreiben des Keltologen Helmut Birkhahn Anfang der 1990er Jahre ein Studienversuch Nederlandistik installiert. Dafür wurde der Flamingant Herbert Elisabeth Van Uffelen (* 1953) gewonnen, und aus dem "Versuch" wurde eine ordentliche Professur. Im engeren Sinne akademischer Nachwuchs blieb aber hier in drei Jahrzehnten aus. Trotzdem bemühte sich die Universität bei Erreichen der Pensionsgrenze um eine Nachfolge, es gab ein Bewerbungsverfahren mit Probevorlesungen. Dennoch wurde der Masterstudiengang eingestellt.
Im 20. Jahrhundert machte die Niederlandistik Fortschritte, aber es wuchs auch das Bewusstsein, dass es folgende große Wissenslücken und Ungewissheiten gab:
Um diese Lücken füllen zu können, begann Maurits Gysseling mit einer sehr umfangreichen Ausgabe aller niederländischen Texte bis 1300, dem Corpus van Middelnederlandse teksten (tot en met het jaar 1300), auch Corpus Gysseling genannt. Diese Textausgabe soll die frühen niederländischen Texte genau und sorgfältig wiedergeben, und zwar amtliche und literarische. Diese Textausgabe soll es ermöglichen, die zeitliche und räumliche Verteilung von Lauten, Beugungsformen und Satzbauformen zu untersuchen.
Einen direkten Zugang zu elektronischen Zeitschriften bietet der Fachzugang Niederlandistik, Afrikaans, Friesisch der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek (EZB). Dieser Fachzugang ist Teil der EZB-Fachsicht des Fachinformationsdienstes Benelux / Low Countries Studies.