Ausgangspunkt ihres autofiktionalen Romans Triste Tigre (2023) war der jahrelange sexuelle Missbrauch durch ihren Stiefvater. Auf der Suche nach erzählerischen Mitteln, über Trauma und Ohnmacht zu berichten, setzte sie sich dabei u.a. mit der Darstellungen von Inzest und Vergewaltigung in den Werken von Christine Angot, Virginie Despentes, Toni Morrison, Vladimir Nabokov, Virginia Woolf auseinander. Ihr intertextueller Zugang wird bereits im Buchtitel deutlich: Triste Tigre verweist auf den Roman Tres tristes tigres (1967) des kubanischen Autors Guillermo Cabrera Infante, was das narrative Exil der Erzählerfigur vorwegnimmt; zugleich erinnert der Titel an Tigre, Tigre! (2012) von Margaux Fragoso, deren Roman ebenfalls von einem vergewaltigten Kind handelt. Triste Tigre erreichte die Finalrunde des Prix Goncourt 2023 und wurde u.a. mit dem Prix Femina, dem Prix Goncourt des lycéens und dem Choix Goncourt de la Suisse ausgezeichnet. Der Missbrauch bleibt in ihrem Schreiben stets präsent; es zeigt sich aber auch, dass die volle Wahrheit ihrer Erfahrungen sprachlich kaum greifbar ist, sodass das Werk auch die unüberwindbaren Grenzen des Verstehens und Verarbeitens eines Traumas aufzeigt.
Werke (Auswahl)
Prosa
La vie des rats. Erzählungen. La Tangente, Marseille 2007, ISBN 2-9527118-1-X.
La Realidad. Ort der Frauen. Aus dem Französischen übersetzt von Michaela Meßner. München, dtv 2026 ISBN 978-3-423-28524-7.
Fachtexte
L'écriture de l'inquiétude dans les nouvelles de Raymond Carver, Richard Ford et Tobias Wolff. Atelier national de reproduction des thèses, Paris, 2005 ISBN 978-2-7295-6838-2.
Cuerpo habitado Alteridad, hospitalidad y literatura en El Huésped de Guadalupe Nettel, in: Dante Barrientos-Tecun und Anne Reynes-Delobel (Hrsg.): Écritures dans les Amériques au féminin. Presses universitaires de Provence, 2017 ISBN 978-2-8218-9591-1.
Ehrungen
2010: Premio Lya Kostakowsky für den Essay Lectores entre líneas
2023: Prix littéraire du Monde der Tageszeitung Le Monde für Triste Tigre
2023: Le Prix Blù Jean-Marc Roberts für Triste Tigre
2023: Prix Les Inrockuptibles der Kulturzeitschrift Les Inrockuptibles für Triste Tigre
↑Livia Sarai Lergenmüller:Neuer Roman über Missbrauch: Der Hölle de facto entkommen. In: Die Tageszeitung: taz. 20.Oktober 2024, ISSN0931-9085 (taz.de[abgerufen am 21.Oktober 2024]).
↑Annabelle Hirsch. Vergebung kann es nicht geben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 41, 11. Oktober 2024, S. 57.