Unter Nephrotoxinen (oder Nierengiften) versteht man giftige Substanzen (altgriechischτοξικόνtoxikón, deutsch ‚Gift [womit man die Pfeile bestrich]‘, Toxine), die speziell die Zellen der Niere (altgriechischνεφρόςnephrós) schädigen und im schlimmsten Fall zum Ausfall (Urämie) führen.
Erklärung
Meistens handelt es sich dabei um nephrotoxische Medikamente. Auch in der industriellen Verwendung benutzte Chemikalien wie Ethylenglycol (Frostschutz, Enteisung) oder Quecksilbersalze können oral aufgenommen zur Urämie führen. Nephrotoxine biologischen Ursprunges (Pilzgifte, Schlangengifte, Bakterientoxine) sind im Gegensatz zu Leber- und Nervengiften selten. Ein wichtiges Beispiel ist die akute tubuläreNekrose, die sowohl durch Toxine wie auch durch eine Ischämie ausgelöst werden kann. Davon zu unterscheiden sind die Urämietoxine, diese Metaboliten stauen sich im Endstadium der Niereninsuffizienz im Körper zurück, schädigen hier mehrere Organe und verursachen die Symptome der Urämie.
Die Nephrotoxizität oder Nierengiftigkeit der einzelnen Giftstoffe hängt von ihrer Konzentration im Gewebe ab. Hinsichtlich der Dosierung möglicherweise nephrotoxischer Medikamente siehe im Internet zum Beispiel unter www.dosing.de. Unter der Nephrotoxis versteht man die Schädigung aller Tubuli in ihren proximalen Abschnitten infolge einer Vergiftung der Epithelien zum Beispiel durch Sublimat.
Als Nephrotoxine werden aber auch bakterielle oder nicht-bakterielle Antigene bezeichnet, die zur Bildung von Antikörpern beziehungsweise Immunkomplexen führen, die ihrerseits eine Glomerulonephritis auslösen und so die Nieren schädigen können.
Die endogenen und exogenen Nierengifte können wie folgt eingeteilt werden:
Nephrotoxine sind nierenschädliche organische Verbindungen, die im Stoffwechsel (Metabolismus) des Patienten entstehen.
Urämietoxine sind körpereigene Verbindungen, die eine Niereninsuffizienz mit oder ohne Nierenschädigung verursachen können.
Definitionsgemäß verursachen die Nephrotoxine eine Nierenkrankheit (Nierenschädigung, Nephropathie). Nicht jede Niereninsuffizienz beruht auf einer Nierenkrankheit. Die Urämietoxine verursachen dagegen eine Niereninsuffizienz, aber nicht notwendig auch eine Nierenkrankheit. Die extrarenalen Nierensyndrome nach Wilhelm Nonnenbruch beschreiben die Niereninsuffizienz ohne Nierenkrankheit. Das sind zum Beispiel das Kardiorenalsyndrom oder das Hepatorenalsyndrom.
Medizingeschichte
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man zu den Nierengiften ausschließlich biologische Toxine: „In der Mehrzahl der Fälle dürfte der Gang der Dinge wohl so sein, daß die Giftstoffe der Bakterien die akute Nierenentzündung erzeugt haben.“ Diese Nephrotoxine (oder Nierengifte) waren bakterielle oder nichtbakterielle Antigene, die zur Bildung nephrotroper Antikörper führen, diese im Bereich der Basalmembranen binden und so eine Glomerulonephritis auslösen sollen.
Später gab es eine umfangreiche Forschung zur „Immunologie der experimentellen Nephropathie“, hier insbesondere zur akuten Nephrotoxin-Nephritis. Zu „den Nephrotoxinen, die zur akuten Niereninsuffizienz führen und deren Aktion möglicherweise reversibel ist, gehören das Quecksilber-Bichlorid, Wismut, Blei und gewisse Sulfonamide.“
Heute spricht man dagegen von der Nephrotoxizität körperfremder Agentien oder sonstiger „nierenschädigender Substanzen“.
Literatur
Volker Kliem, Gerhard Lonnemann, Jörg Radermacher, Reinhard Richard Brunkhorst: Durch Nephrotoxine verursachte tubulointerstitielle Nephropathien. In: Karl-Martin Koch (Hrsg.): Klinische Nephrologie. 1. Auflage, Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-21730-5, S. 240–259
↑Volker Kliem, Gerhard Lonnemann, Reinhard Richard Brunkhorst:Nephrotoxin-induzierte tubulointerstitielle Nephropathien. In: Internist (Berlin). Band37, Nr.11, 1996, S.1116-28.
↑Richard J. Johnson, John Feehally (Hrsg.): Comprehensive Clinical Nephrology. Mosby 2006.
↑M. Joannidis, S. J. Klein, S. John et al.:Prävention der akuten Nierenschädigung beim kritisch kranken Patienten. In: Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin. Band113, 2018, S.358–369, doi:10.1007/s00063-018-0413-2.
↑Georg-Winfried Schmidt: Leitfaden der Säuglings- und Kinderheilkunde, 5. Auflage, Köln-Mülheim 1981, S. 313.
↑Gunilla Einecke, Anette Melk, Philip F. Halloran: Immunsuppresive Agents Used in Transplantation. In: John Feehally, Jürgen Floege, Richard J. Johnson (Hrsg.): Comprehensive Clinical Nephrology. 3. Auflage, Mosby Elsevier Verlag, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-323-04602-2, S. 1035–1048.
↑Hermann Strauss: Die Krankheiten der Nieren. Schwabacher’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin ohne Jahr [1923] (= Schwabachers Medizinische Bibliothek. Heft 4), Zitat S. 28.
↑Bis in die späten Jahre des letzten Jahrhunderts galten als Toxine ausschließlich solche biologischen Ursprungs, also zum Beispiel von Schlangen oder Bakterien, und man bezeichnete nichtbiologische nierenschädigende Stoffe als nephrotoxische Substanzen oder Medikamente. Aus pragmatischen Gründen wurde diese Trennung mittlerweile aufgehoben und selbst in Fachbüchern und in medizinischen Leitlinien gibt es eigene Abschnitte über Nephrotoxine (siehe zum Beispiel Joannidis et alii).