Vetternwirtschaft oder Nepotismus bezeichnet eine übermäßige Vorteilsbeschaffung durch und für Familienangehörige oder andere Verwandte (oder enge Freunde). Beispiele für diese Bevorzugung sind die Gewährung von ungewöhnlich günstigen Vertragskonditionen untereinander oder die Unterlassung notwendiger Prüfungen bei Verwandten zu Lasten einer Institution oder eines Unternehmens, in denen ein Familienmitglied eine leitende Position innehat. Auch Schiebung kann eine Form der Vetternwirtschaft sein. Selten gebraucht wird die weibliche Form Cousinenwirtschaft als Bevorzugung von weiblichen Verwandten und Freundinnen bei Stellenbesetzungen, Auftragsvergaben und Ähnlichem ohne Bezug zur fachlichen Eignung.
In schwäbischen Mundarten ist die Bezeichnung Vetterleswirtschaft üblich, in alemannischen MundartenVetterliwirtschaft. Bei einer Günstlingswirtschaft sind keine Familienangehörigen, sondern andere Personen die Nutznießer des verschafften Vorteils (vergleiche Klientelpolitik). Im bairischen Sprachraum heißt es ungeachtet einer familiären Verbandelung Spezlwirtschaft (Spezi, Spezl: „Freund“), in Österreich Freunderlwirtschaft oder Filz, im Rheinland bekannt als Klüngel.
Wortherkunft
Die Bezeichnung „Vetternwirtschaft“ (von „Vetter“, zur Bedeutung und Wortherkunft siehe dort) kam erst im 20. Jahrhundert auf und wird zur Jahrtausendwende häufiger verwendet als „Nepotismus“.
Das Wort „Nepotismus“ ist abgeleitet vom lateinischen nepōs („Enkel, Urenkel, Neffe, Nachkomme“).
Geschichte
Vetternwirtschaft gab und gibt es in und zwischen Herrscherhäusern. Innerhalb des europäischen Hochadels gab es stets Verwandtschaften über Staatsgrenzen hinweg, teilweise zustande gekommen durch Vernunftehen oder arrangierte Heiraten. Diese Verwandtschaften beeinflussten auch das Entstehen und Vergehen von Allianzen, Bündnissen und Koalitionen.
In Frankreich wird die Bezeichnung népotisme für die durch gemeinsame akademische oder dienstliche Karrieren entstehenden Abhängigkeiten und Begünstigungen benutzt, die insbesondere den öffentlichen Dienst und den großen staatlich kontrollierten, formal privatwirtschaftlichen Bereich durchdringen (etwa bei Energie- und Versorgungswirtschaft, Bahn, Film und Kultur).
Es gibt nicht wenige Kulturen, in denen Vetternwirtschaft die „moralisch richtige Vorgehensweise“ darstellt. Das betrifft „verwandtschaftlich regulierte Welten“, denn wie andere Primaten auch haben wir Menschen altruistische Neigungen gegenüber unseren nahen genetischen Verwandten. Vetternwirtschaft wird folglich gesehen als „kluger Schachzug, um vertrauenswürdige Mitarbeiter zu gewinnen.“
Beispiele
Kölner Klüngel, ein System auf Gegenseitigkeit beruhender Hilfeleistungen und Gefälligkeiten
US-Präsident Donald Trump ernannte 2016 seine Tochter Ivanka (Yael Kushner) zur Beraterin im Weißen Haus sowie seinen Schwiegersohn Jared Kushner zum Chefberater (senior advisor) mit einer Reihe von Sonderfunktionen.
Ämterpatronage: ungerechtfertigte Bevorzugung von Bewerbern bei der Besetzung von Ämtern und Positionen, vor allem im Öffentlichen Dienst oder Wissenschaftsbetrieb
Seilschaft: informelle Gruppierungen von Personen, die ihr berufliches oder anderweitiges Vorankommen gegenseitig fördern
Klientelismus: ein System ungleicher Abhängigkeitsbeziehungen in politischen Apparaten
Kamarilla: Günstlingspartei, die ohne Befugnis und Verantwortung Einfluss auf die Entscheidungen eines Herrschers ausübt
legacy preference: Bevorzugung der Kinder von Ehemaligen (Alumni) als offizielles Auswahlkriterium für Studienbewerber an US-amerikanischen Universitäten (insbesondere der Ivy League)
cuñadísimo (spanisch, etwa „größter aller Schwäger“): privilegierte Stellung eines Schwagers; die Bezeichnung ist abgeleitet vom Titel el Generalísimo (etwa „größter aller Generäle“), mit dem sich der spanische Diktator General Francisco Franco ansprechen ließ und der als umgangssprachliche Bezeichnung ins Spanische einging, als Franco begann, seinen (Schwipp-)Schwager Ramón Serrano Súñer an sämtlichen Entscheidungen zu beteiligen und ihn gegenüber anderen Faschisten und Monarchisten zu bevorzugen.
Arne Karsten: Künstler und Kardinäle: Vom Mäzenatentum römischer Kardinalnepoten im 17. Jahrhundert. Doktorarbeit Universität Berlin 2001. Böhlau u.a. 2003, ISBN 3-412-11302-6.
Arne Karsten, Hillard von Thiessen (Hrsg.): Nützliche Netzwerke und korrupte Seilschaften. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-36292-7.
Joseph Henrich:Die seltsamsten Menschen der Welt: wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Nr.2471). Suhrkamp, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-30071-8.
↑Richard D. Kahlenberg:Der direkte Weg nach Harvard – US-Unis bevorzugen Kinder von Alumni. In: Le Monde diplomatique. Nr.37/18. WOZ Die Wochenzeitung, Zürich 13.September 2018, S.22 (monde-diplomatique.de).
↑Antony Beevor:La Guerre d’Espagne. 3. Auflage. Éditions Calmann-Lévy, Paris 2011, ISBN 978-2-253-12092-6, S.461 (übersetzt von Jean-François Sené).