Neuroborreliose

Klassifikation nach ICD-10
A69.2+ Lyme-Krankheit
G01* Meningitis bei anderenorts klassifizierten bakteriellen Krankheiten
G63.0* Polyneuropathie bei anderenorts klassifizierten infektiösen und parasitären Krankheiten
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-11
1C1G.10 Lymeneuroborreliose
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Neuroborreliose (Neuro-Borreliose) ist eine Manifestationsform der Lyme-Borreliose, einer Infektionserkrankung, die durch das Bakterium Borrelia burgdorferi hervorgerufen wird. Dieser Erreger wird in Europa überwiegend durch den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) übertragen, sehr selten auch durch fliegende Insekten (Pferdebremsen, Stechmücken). Die Borreliose ist eine systemische Erkrankung, die verschiedene Organsysteme betreffen kann, unter anderem befällt sie auch das zentrale und periphere Nervensystem. Bei etwa 50 Prozent der Neuroborreliose-Betroffenen zeigt sich vorher keine typische Erythema migrans (Europa / Deutschland).

Verlauf

Im Anfangsstadium (frühes lokalisiertes Stadium) der Borreliose-Erkrankung tritt zwischen dem 3. und dem 30. Tag nach einem Zeckenstich bei etwa der Hälfte der Patienten eine ringförmige Rötung (Erythema chronicum migrans), häufig am Ort des Zeckenstiches auf. Atypische Formen wie ein Lymphozytom sind möglich, weitere Symptome einer Infektion können grippeähnliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erschöpfungsgefühl und erhöhte Temperatur sein. Wenn das Erythema migrans nicht zeitnah oder nicht lange und hoch genug dosiert mit Antibiotika behandelt wird, besteht die Gefahr, dass sich die Erreger ausbreiten (disseminiertes oder generalisiertes Stadium). Das Auftreten von grippeähnlichen Symptomen, insbesondere von Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen (Myalgien), jedoch ohne Husten und Schnupfen, weist auf einen Übergang in das disseminierte Stadium hin.

Da der Zeckenstich in der Regel schmerzlos ist, sich bei etwa 50 Prozent der Betroffenen kein Erythema migrans entwickelt und dieses häufig bei Auftreten an schwer einsehbaren Körperregionen übersehen wird, kann die Krankheit weiter voranschreiten und alle Organe, aber insbesondere das zentrale und periphere Nervensystem, die Muskeln und Gelenke sowie das Herz befallen. Häufig entwickelt sich die Neuroborreliose bereits im frühen disseminierten Stadium. Sie kann auch zeitgleich mit einem Erythema migrans auftreten. Aufgrund möglicher längerer Inkubations- und Latenzzeiten kann sich die Krankheitsmanifestation auch erst Monate oder in Einzelfällen Jahre nach einer erfolgten Infektion entwickeln.

Krankheitszeichen

Im frühen disseminierten Stadium tritt häufig eine Meningitis und Meningoradikulitis (Garin-Boujadoux-)Bannwarth auf. Typisch sind vor allem nachts heftige Schmerzen im Versorgungsgebiet einzelner Nerven oder Nervenwurzeln, oft mit begleitenden Lähmungen. Es kann zu Hirnnervenausfällen kommen, geradezu exemplarisch ist die oft auch beidseitige Periphere Fazialisparese. Ein isolierter Befall des peripheren Nervensystems im Sinne einer Entzündung von Nerven (Neuritis) ist möglich.

In den europäischen und deutschen Empfehlungen zur Lyme-Borreliose werden folgende späte Formen der Neuroborreliose genannt:

Bei folgenden Krankheitszeichen sollte auch an eine Neuroborreliose gedacht werden:

Die frühe akute Neuroborreliose geht meist mit sehr schweren Krankheitszeichen einher. Der spätere Verlauf kann schleichend sein.

Diagnostik

Die Diagnosestellung einer Neuroborreliose ist häufig schwierig. Sie kann in 10 % aller Fälle aufgrund einer Nervenwasseruntersuchung gesichert werden. Folgende diagnostische Kriterien werden in der Fachliteratur zur Diagnose der Neuroborreliose angegeben:

Je nachdem welche Kriterien erfüllt sind, wird die Neuroborreliose als gesichert, wahrscheinlich oder möglich bezeichnet. Die Wertung der diagnostischen Kriterien ist jedoch strittig. So können insbesondere bei einem Befall des peripheren Nervensystems die Entzündungszeichen im Liquor fehlen. In der Frühphase einer Neuroborreliose mit einer Beteiligung des Zentralen Nervensystems sind häufig noch keine Antikörper und damit auch keine intrathekalen Antikörper im Liquor zu finden.

Therapie

Es werden Penicilline, Cephalosporine (Ceftriaxon, Cefotaxim) oder Doxycyclin eingesetzt. In der Regel wird drei bis vier Wochen antibiotisch behandelt.

Die optimale Therapie der Neuroborreliose ist jedoch strittig. In einer aktuellen amerikanischen Studie wurde untersucht, ob die Lyme-Enzephalopathie auf eine erneute und länger verabreichte Behandlung mit Ceftriaxon anspricht. Es wurden lediglich kurzzeitige Besserungen festgestellt. Der medizinische Dissens betrifft die Art des Antibiotikums, die Dauer der Behandlung, die Dosierung des jeweiligen Antibiotikums, Nebenwirkungen und mögliche Wiederholungen bei Therapieversagen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Leitlinie Neuroborreliose der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. In: AWMF online (Stand 2005)
  2. ↑ Leitlinie Neuroborreliose der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. In: AWMF online (Stand 2005)
  3. 1 2 G. Günther, M. Haglund: Tick-borne encephalopathies : epidemiology, diagnosis, treatment and prevention. CNS Drugs. 2005; 19(12), S. 1009–1032. PMID 16332143.
  4. ↑ Logigian u. a. Successful treatment of Lyme encephalopathy with intravenous ceftriaxone. In: J Infect Dis. 1999 Aug; 180(2), S. 377–383. PMID 10395852
  5. ↑ Brian A. Fallon u. a.: A randomized, placebo-controlled trial of repeated IV antibiotic therapy for Lyme encephalopathy. In: Neurology. 2007, doi:10.1212/01.WNL.0000284604.61160.2d.