Ninhydrin

Strukturformel
Struktur von Ninhydrin
Allgemeines
Name Ninhydrin
Andere Namen
  • 2,2-Dihydroxyhydrinden-1,3-dion
  • 2,2-Dihydroxyindan-1,3-dion
  • Indantrionhydrat
  • 2,2-Dihydroxy-1,3-indendion
  • 2,2-Dihydroxy-1H-inden-1,3(2H)-dion
  • NINHYDRIN (INCI)
Summenformel C9H6O4
Kurzbeschreibung

farblose Kristalle

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 485-47-2
EG-Nummer 207-618-1
ECHA-InfoCard 100.006.926
PubChem 10236
Wikidata Q421098
Eigenschaften
Molare Masse 178,15 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

Zersetzung ab 250 °C

Löslichkeit
  • wenig in Wasser (20 g·l−1 bei 20 °C)
  • löslich in siedendem Wasser und Ethanol, schlecht in Diethylether
Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
Gefahrensymbol

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​315​‐​319
P: 264​‐​280​‐​301+312​‐​302+352​‐​305+351+338​‐​332+313
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Ninhydrin ist das Hydrat des Indan-1,2,3-trions und dient als Reagenz zum Nachweis von Ammoniak und primären Aminogruppen, insbesondere von Aminosäuren.

Eigenschaften

Ninhydrin reagiert mit der Aminogruppe von Aminosäuren unter Wasserabspaltung zu einer Schiffschen Base (Imin). Nach Decarboxylierung der Carboxygruppe der Aminosäure und anschließender Abspaltung des Amino-Restes entsteht Amino-Ninhydrin. Dieses dimerisiert mit Ninhydrin zu einem violetten Farbstoff (Ruhemanns Purpur). Die intensive violette Farbe kann durch Mesomerie unter der Beteiligung einer Wasserstoffbrückenbindung innerhalb des Systems konjugierter Doppelbindungen erklärt werden.

Die Intensität der Farbe ist der Konzentration des Farbstoffes (siehe Lambert-Beersches Gesetz) und damit der Konzentration einer zu bestimmenden Aminosäure proportional. Zur quantitativen Analyse werden photometrisch bei 570 nm mehrere Proben mit bekannter Konzentration als Standards mit der zu untersuchenden Probe verglichen. Bei der Reaktion mit sekundären Aminosäuren, wie Prolin oder Hydroxyprolin, entsteht ein gelber Farbkomplex, welcher bei 400 nm photometrisch gemessen werden kann.

Ninhydrin hat auch eine Bedeutung bei der Umsatzkontrolle bei der Festphasen-Peptidsynthese (SPPS) und in der organischen Festphasensynthese (SPOS) und ist ein Bestandteil des Kaiser-Tests.

Die Reaktion ist relativ empfindlich, die Nachweisgrenze liegt bei 0,001 bis 0,1 mg.

Verwendung

Ninhydrin wird vor allem für den Nachweis von Aminosäuren und Proteinen verwendet. Für Proteine ist der Test jedoch nur erfolgreich, wenn relativ kurze Oligopeptide vorliegen, da Ninhydrin nur mit freien Aminogruppen reagiert und diese bei langkettigen Polypeptiden kaum vorhanden sind. Der Nachweis wird in Lösung (unter Erhitzen im Wasserbad) durchgeführt, bzw. ist Teil der Analyse in Aminosäureanalysatoren. Diese nutzen HPLC-Technik und Nachsäulenderivatisierung mit Ninhydrin zum standardisierten Nachweis von freien und proteingebundenen Aminosäuren, wie beispielsweise in der Futtermittelindustrie EU-weit vorgeschrieben. Ninhydrin wird häufig auch als Sprühreagenz z. B. bei der Papierchromatografie oder Dünnschichtchromatographie verwendet.

Eine weitere auf dieser Reaktion basierende Anwendung ist die Erstellung von Fingerabdrücken. Da im Schweiß Aminosäuren vorkommen, können diese mit Ninhydrin reagieren und die Finger- bzw. Handabdrücke sichtbar machen.

Dieser Mechanismus findet auch in der Medizin als sogenannter Moberg-Test Anwendung zum Nachweis peripherer Nervenläsionen. Da die für die Schweißsekretion regulierenden sympathischen Fasern ab dem Austritt aus dem Rückenmark gemeinsam mit den peripheren Nervenbahnen verlaufen, ist auch die Schweißsekretion gestört, was sich an einem abgenommenen Hautabdruck mittels Ninhydrin nachweisen lässt.

Eine Ausnahme bildet die Aminosäure Prolin bzw. Hydroxyprolin, die als sekundäre Aminosäuren statt einer primären (NH2) eine sekundäre (NH) Aminogruppe besitzen. Prolin und Hydroxyprolin reagieren über einen anderen Reaktionsmechanismus zu einem gelbroten Produkt mit einem Absorptionsmaximum bei 400 nm. Bei der Reaktion mit einer primären Aminosäure, welche eine NH2 Gruppe besitzt ein Absorptionsmaximum von 570 nm besitzt, und zu einem Violetten Farbstoff namens Ruhemanns Purpur reagiert.

Zwei Moleküle Ninhydrin reagieren in alkalischem Milieu mit kurzen Oligopeptiden zu einem violetten Farbstoff, Ruhemanns Purpur.

Reaktionsmechanismen mit Aminosäuren

⍺-Aminosäuren

Der Reaktionsmechanismus ist komplizierter als üblicherweise dargestellt; damit befassen sich Friedmann und Williams. Im Einzelnen laufen – wie in der Darstellung zu sehen – folgende Reaktionen ab: Zunächst wird das Ninhydrin 1 zum Trion dehydratisiert. Am mittleren Carbonylsauerstoff greift die Aminogruppe 2 der Aminosäure an und kondensiert zum Imin. Dieses weist eine offene Siebenring-Struktur auf, welche eine zyklische Elektronenverschiebung unter Decarboxylierung ermöglicht. Durch Hydrolyse des Imins wird der Aminosäurerest als Aldehyd abgespalten und es verbleibt das primäre Amin. In einer Kondensationsreaktion entsteht so mit einem zweiten Ninhydrinmolekül unter Wasserabspaltung das Ruhemanns Purpur 3.

Kaiser-Test Reaktionsschema


Ausnahme: Prolin

Ein Prolinmolekül und ein Ninhydrinmolekül reagieren zu einem gelben, intermediären Additionsprodukt, welches nun ein weiteres Ninhydrinmolekül am Ring binden kann, wodurch ein ebenfalls purpurnes Produkt entsteht.

Reaktion von Ninhydrin mit Prolin

Ninhydrin in der kriminalistischen Anwendung

Ninhydrin und Amido-Schwarz finden Einsatz bei der Sicherung von Fingerabdrücken. Ein diesbezügliches Patent wurde am 27. September 1954 in den Vereinigten Staaten von Svante Odén (* 29. April 1924 in Stockholm; † 1986 Todeserklärung nach Verschollenheit, Professor für Bodenkunde) angemeldet. Dieser erlangte Bekanntheit durch die Entdeckung der Versauerung von Böden durch Niederschläge und durch Analysen von Schwermetallen im Klärschlamm aus kommunalen Kläranlagen. Die Ninhydrin-Untersuchung von saugenden Spurenträgern gehört seither, neben den Verwendung von verschiedenen Adhäsionspulvern je nach Oberflächenbeschaffenheit und Kontrasterfordernis des Spurenträgers (Rußpulver, Argentorat, Lycopodium, Blancopodium etc.) und Silbernitrat sowie Cyanacrylat, zu den wesentlichen Methoden in den kriminaltechnischen Laboren und wird in der Regel wie folgt angewendet:

Besonderheiten

Ninhydrin ist eine der wenigen Verbindungen, die der Erlenmeyerregel widersprechen.

Literatur

Wiktionary: Ninhydrin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Ninhydrin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Eintrag zu NINHYDRIN in der CosIng-Datenbank der EU-Kommission, abgerufen am 16. September 2021.
  2. 1 2 Eintrag zu Ninhydrin. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 30. Mai 2014.
  3. 1 2 3 4 Eintrag zu Ninhydrin in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 2. Januar 2024. (JavaScript erforderlich)
  4. ↑ S. Ebel, H. J. Roth (Hrsg.): Lexikon der Pharmazie. Georg Thieme Verlag, 1987, ISBN 3-13-672201-9, S. 465.
  5. ↑ E. Kaiser, R. L. Colescott, C. D. Bossinger, P. I. Cook: Color test for detection of free terminal amino groups in the solid-phase synthesis of peptides. In: Analytical Biochemistry. Band 34, Nr. 2, April 1970, S. 595–598.
  6. ↑ V. K. Sarin, S. B. H. Kent, J. P. Tam, R. B. Merrifield: Quantitative monitoring of solid-phase peptide synthesis by the ninhydrin reaction. In: Analytical Biochemistry. Band 117, Nr. 1, S. 147.
  7. ↑ Aminosäureanalysatoren | ARACUS | Made in Germany | membraPure. In: membrapure.de. Abgerufen am 4. November 2025 (deutsch).
  8. ↑ VERORDNUNG (EG) Nr. 152/2009 DER KOMMISSION vom 27. Januar 2009 zur Festlegung der Probenahmeverfahren und Analysemethoden für die amtliche Untersuchung von Futtermitteln. Abgerufen am 4. November 2025.
  9. ↑ Chromatographie von Proteinen. In: ChemgaPedia. Archiviert vom Original am 4. März 2016; abgerufen am 13. Februar 2025.
  10. 1 2 FU Berlin: Proteine. FU Berlin, abgerufen am 11. November 2019.
  11. ↑ Mendel Friedman, L. David Williams: Stoichiometry of formation of Ruhemann's purple in the ninhydrin reaction. In: Bioorganic Chemistry. Band 3, Nr. 3, 1974, S. 267–280, doi:10.1016/0045-2068(74)90017-0.
  12. ↑ D. J. McCaldin: The Chemistry of Ninhydrin. ACS Publications, 31. August 1959, S. 39–51.
  13. ↑ Robert Heindl: Patent für ein kriminalistisches Verfahren (Ninhydrinmethode). In: Archiv für Kriminologie. Band 119, 5 und 6. Schmidt-Römhild, Lübeck 1. Juni 1957, S. 177 (Text des Patentanspruchs in Identification News, Januar 1957, S. 1 f.).
  14. ↑ Chemie verstehen: Fingerabdrücke, abgerufen am 31. Dezember 2009.
  15. 1 2 3 4 Henry C. Lee, Robert E. Gaensslen: Advances in fingerprint technology. CRC Press, 2001.
  16. ↑ G. Kaiser: Kriminologie. Eine Einführung in die Grundlagen. 10., völlig neubearbeitete Auflage. Heidelberg 1997.