Noether-Theorem

Emmy Noether in einem Glasfassadenbild am Robert-Gernhardt-Platz in Göttingen (2025)
Seite aus einem wissenschaftlichen Artikel, in dem Noether ihr Theorem beweist (1918)

Das Noether-Theorem ist ein 1918 von der deutschen Mathematikerin Emmy Noether formulierter Lehrsatz, der elementare physikalische Größen wie Ladung, Energie und Impuls mit geometrischen Eigenschaften verknüpft, nämlich der Invarianz (Unveränderlichkeit) der Wirkung unter Symmetrietransformationen:

Zu jeder kontinuierlichen Symmetrie eines physikalischen Systems gehört eine Erhaltungsgröße.

Dabei ist eine Symmetrie eine Transformation (zum Beispiel eine Drehung oder Verschiebung), die das Verhalten des physikalischen Systems nicht ändert. Es gilt auch die Umkehrung:

Jede Erhaltungsgröße ist Generator einer Symmetriegruppe.

Beispiele für Symmetrien und zugehörige Erhaltungsgrößen

Eine Erhaltungsgröße eines Systems von Teilchen ist eine Funktion der Zeit , der Orte und der Geschwindigkeiten der Teilchen, deren Wert sich auf jeder von ihnen im Laufe der Zeit durchlaufenen Bahn nicht ändert. So ist die Energie eines nichtrelativistischen Teilchens der Masse , das sich in einem Potential bewegt, eine Erhaltungsgröße. Das heißt, für jede Bahn , die der Bewegungsgleichung genügt, gilt zu jeder Zeit :

.

Die Symmetrien, die zur Erhaltung der elektrischen Ladung und anderer Ladungen von Elementarteilchen gehören, betreffen Wellenfunktionen von Elektronen, Quarks und Neutrinos. Jede solche Ladung ist ein lorentzinvarianter Skalar, das heißt, sie hat in allen Bezugssystemen denselben Wert, anders als beispielsweise der Drehimpuls, die Energie oder der Impuls.

Mathematische Formulierung

Wirkung

Der im Noether-Theorem formulierte Zusammenhang von Symmetrien und Erhaltungsgrößen gilt für solche physikalischen Systeme, deren Bewegungs- oder Feldgleichungen aus einem Variationsprinzip abgeleitet werden können. Man verlangt hierbei, dass das sogenannte Wirkungsfunktional einen Extremwert annimmt (siehe auch Prinzip der kleinsten Wirkung).

Bei der Bewegung von Massepunkten ist dieses Wirkungsfunktional durch eine Lagrangefunktion der Zeit , des Ortes und der Geschwindigkeit

charakterisiert und ordnet jeder differenzierbaren Bahnkurve das Zeitintegral

zu. Beispielsweise ist in Newtonscher Physik die Lagrangefunktion eines Teilchens im Potential die Differenz von kinetischer Energie und potentieller Energie :

Die physikalisch tatsächlich durchlaufene Bahn, die zur Anfangszeit durch den Startpunkt und zur Endzeit durch den Endpunkt geht, macht den Wert der Wirkung im Vergleich mit allen anderen (differenzierbaren) Bahnen, die durch denselben Start- bzw. Endpunkt gehen, stationär (oder extremal). Die physikalisch tatsächlich durchlaufene Bahn erfüllt daher die Bewegungsgleichung

(Herleitung siehe Variationsrechnung). Dies entspricht gerade der Newtonschen Bewegungsgleichung

.

Differentialgleichungen, die sich derart aus einem Wirkungsfunktional durch Variation ableiten lassen, nennt man variationell selbstadjungiert. Alle elementaren Feld- und Bewegungsgleichungen der Physik sind variationell selbstadjungiert.

Symmetrie

Man sagt, dass eine Differentialgleichung eine Symmetrie besitzt, wenn es eine Transformation des Raumes der Kurven gibt, die die Lösungen der Differentialgleichungen auf Lösungen abbildet. Für variationell selbstadjungierte Differentialgleichungen erhält man eine solche Transformation, wenn die Transformation das Wirkungsfunktional bis auf Randterme invariant lässt. Das Noether-Theorem besagt, dass die Invarianz des Wirkungsfunktionals gegenüber einer einparametrigen stetigen Transformationsgruppe die Existenz einer Erhaltungsgröße zur Folge hat und dass umgekehrt jede Erhaltungsgröße die Existenz einer (mindestens infinitesimalen) Symmetrie der Wirkung zur Folge hat.

Wir beschränken uns hier auf Symmetrien in der klassischen Mechanik.

Sei eine einparametrige, differenzierbare Gruppe von Transformationen, die (genügend differenzierbare) Kurven auf Kurven abbildet, und gehöre der Parameterwert zur identischen Abbildung, .

Beispielsweise bildet mit jede Kurve auf die um früher durchlaufene Kurve ab. Die Transformation mit verschiebt jede Kurve um eine Konstante .

Die Transformationen heißen lokal, wenn sich die Ableitung bei der identischen Abbildung ausgewertet auf der Kurve , schreiben lässt als:

.

Identische Abbildung bedeutet dabei, dass die infinitesimale Transformation

für alle Kurven als Funktion der Zeit, des Ortes und der Geschwindigkeit gebildet wird.

Beispielsweise sind die Verschiebungen von Zeit und Ort lokal und gehören zur infinitesimalen Transformation beziehungsweise zu .

Sei nun die Lagrangefunktion des mechanischen Systems. Dann heißen die lokalen Transformationen Symmetrien der Wirkung, wenn sich für alle Kurven die Lagrangefunktion bei infinitesimalen Transformationen nur um die Zeitableitung einer Funktion , ausgewertet auf , ändert:

Denn dann ändert sich die Wirkung nur um Randterme

.

Der Zusammenhang dieser Definition der Symmetrie der Wirkung mit der Erhaltungsgröße wird klar, wenn man die partiellen Ableitungen der Lagrangefunktion nach ausführt, und dabei als Kurzschrift die Definition der infinitesimalen Transformation verwendet

Ergänzt man den ersten Term zu einem Vielfachen der Bewegungsgleichung und zieht man die Ergänzung beim zweiten Term ab, entsteht

und die Definitionsgleichung einer infinitesimalen Symmetrie einer Wirkung lautet

.

Da aber das -Fache der Bewegungsgleichungen auf den physikalisch durchlaufenen Bahnen verschwindet, besagt diese Gleichung, dass die Funktion

,

die zur Symmetrie gehörige Noetherladung, sich auf den physikalisch durchlaufenen Bahnen nicht ändert:

Umgekehrt ist jede Erhaltungsgröße definitionsgemäß eine Funktion , deren Zeitableitung auf physikalischen Bahnen verschwindet, also ein Vielfaches (von Ableitungen) der Bewegungsgleichungen ist. Dieses Vielfache definiert die infinitesimale Symmetrie .

Anmerkungen

.

Ist bekannt, wie die Energie von der Geschwindigkeit abhängt, so legt diese Gleichung die Lagrangefunktion bis auf einen Anteil fest, der linear in den Geschwindigkeiten ist und nicht zur Energie beiträgt. Denn zerlegt man die Lagrangefunktion beispielsweise in Anteile , die homogen vom Grad in der Geschwindigkeit sind, dann tragen sie mit zur Energie bei. Ist also , so ist die Lagrangefunktion

.

Insbesondere besteht in Newtonscher Physik die Energie aus der kinetischen Energie, die quadratisch in der Geschwindigkeit ist, , und der geschwindigkeitsunabhängigen potentiellen Energie, . Daher ist die Lagrangefunktion -mal die kinetische Energie plus -mal potentielle Energie. In der relativistischen Physik gilt für die Lagrangefunktion und die Energie eines freien Teilchens der Masse :

Invarianzbedingung und Erhaltungsgröße

Die Bewegungsgleichungen bleiben bei einer infinitesimalen Abbildung der Koordinaten (mit und dem Punkt als Ableitung nach der Zeit )

und der Zeit

invariant, falls sich die Wirkung bei dieser Ableitung nur um eine Konstante ändert

Dazu muss die Invarianzbedingung

für eine beliebige Funktion gelten. Nach Emmy Noether existiert deshalb eine Erhaltungsgröße

und entspricht der Gesamtenergie des Systems:
und entspricht dem Impuls des Systems.
von Punktmassen unter einer Paarwechselwirkung :
  • Zeitunabhängigkeit erhält die Gesamtenergie gemäß (3):
  • Translationsinvarianz unter der Abbildung mit konstantem Verschiebevektor für alle Punktmassen hält mit und die Lagrange-Funktion (4) unverändert , was zur Invarianzbedingung bzw. führt. Die Erhaltungsgröße (2) ist dann (:
mit dem Impuls und dem Gesamtimpuls . Da der Vektor beliebig gewählt werden kann bleibt der Gesamtimpuls auch selbst erhalten.
  • Rotationsinvarianz unter der Drehung mit konstanter Drehachse um den infinitesimalen Winkel für alle Punktmassen hält
und analog
Invariant. Aus
folgt
und die Lagrange-Funktion (4) bleibt unverändert , was zur Invarianzbedingung bzw. führt. Die Erhaltungsgröße (2) ist dann (:
mit dem Einzelimpuls , dem Einzeldrehimpuls und dem Gesamtdrehimpuls . Da der Drehvektor beliebig gewählt werden kann bleibt der Gesamtdrehimpuls in einem abgeschlossenen System auch selbst erhalten.
  • Relativität in der klassischen Mechanik besagt, dass die Newtonschen Bewegungsgleichungen unter der Galilei-Transformation bzw. mit konstanter Geschwindigkeit , , und infinitesimalem invariant ist. Damit bleibt für alle Punktmassen deren Abstand invariant und die Geschwindigkeit wird zu mit dem Betragsquadrat
.
Dadurch verändert sich die die Lagrange-Funktion zu:
Mit der Schwerpunktslage und der Gesamtmasse gilt lautet die Lagrange-Funktion
Die Invarianzbedingung (1) lautet mit
Das führt zunächst auf . Die Erhaltungsgröße (2) ist dann:.
und entspricht dem geradlinig gleichförmig bewegten Schwerpunkt des Systems.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. ↑ Eugene J. Saletan und Alan H. Cromer: Theoretical Mechanics. John Wiley & Sons, 1971, ISBN 0-471-74986-9, S. 83–86 (englisch).
  2. ↑ Wolfgang Nolting: Grundkurs Theoretische Physik 2 - Analytische Mechanik. 8. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-12949-0, S. 82.
  3. ↑ Wolfgang Nolting: Grundkurs Theoretische Physik 2 - Analytische Mechanik. 8. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-12949-0, S. 85.
  4. ↑ Wolfgang Nolting: Grundkurs Theoretische Physik 2 - Analytische Mechanik. 8. Auflage. Springer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-12949-0, S. 88.
  5. ↑ Leonard Susskind, Art Friedman: Elektrodynamik und Relativität - Das Theoretische Minimum : Alles, was Sie brauchen, um Physik zu treiben. 1. Auflage. Springer, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-60733-6, S. 70.
  6. ↑ Leonard Susskind, Art Friedman: Elektrodynamik und Relativität - Das Theoretische Minimum : Alles, was Sie brauchen, um Physik zu treiben. 1. Auflage. Springer, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-60733-6, S. 75.
  7. 1 2 3 Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 196.
  8. 1 2 Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 197.
  9. 1 2 Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 198.
  10. ↑ Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 207.
  11. ↑ Klaus Lichtenegger: Schlüsselkonzepte zur Physik : Von den Newton-Axiomen bis zur Hawking-Strahlung. 1. Auflage. Springer Spektrum, Berlin 2015, ISBN 978-3-8274-2384-9, S. 210.
  12. ↑ Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 87.
  13. ↑ Matthias Bartelmann, Björn Feuerbacher, Timm Krüger, Dieter Lüst, Anton Rebhan, Andreas Wipf: Theoretische Physik 1 - Mechanik. Springer-Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-662-56114-0, S. 199.

Literatur