Nossis

Foto einer Marmorbüste
Marmorbüste von Nossis von Francesco Jerace

Nossis (altgriechisch Νοσσίς Nossís) war eine antike griechische Epigrammatikerin. Sie wirkte um 280/70 v. Chr. zur Zeit des Hellenismus. Sie stammte aus Lokroi Epizephyrioi in Magna Graecia. Nossis, die vermutlich gut ausgebildet war und aus einer Adelsfamilie stammte, wurde nicht nur von Sappho beeinflusst, sondern ihr wurde auch eine Rivalität zu dieser nachgesagt. Elf oder zwölf ihrer Epigramme, meist religiöse Widmungen und Grabinschriften, sind in der Griechischen Anthologie erhalten geblieben. Ihr Werk ist bekannt für einen Fokus auf die Lebenswelt von Frauen. Moderne Wissenschaftler wie Marilyn B. Skinner haben argumentiert, dass Nossis sich bewusst als Teil einer weiblichen literarischen Tradition positionierte, im Gegensatz zu der männlicher Dichter wie Pindar.

Obwohl sie zu den am besten erhaltenen antiken griechischen Dichterinnen zählt, scheinen ihre Werke nicht in den griechischen Literaturkanon aufgenommen worden zu sein. Im 20. Jahrhundert wurde die Imagistin H. D. von Nossis beeinflusst, ebenso wie Renée Vivien bei ihrer französischen Übersetzung der antiken griechischen Dichterinnen.

Leben

Nossis stammte aus Epizephyrischen Lokris in Magna Graecia (dem heutigen Locri in Kalabrien, Süditalien). Sie war laut einem ihrer erhaltenen Epigramme die Tochter der Theophilis und Enkelin der Kleocha und entstammte damit der Aristokratie. Ihr Wirken kann auf den Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. datiert werden, da sie ein Epitaph für den Dramatiker Rhinthon verfasste. Die Eloquenz ihrer Dichtung lässt darauf schließen, dass sie relativ gut ausgebildet war.

Dichtkunst

Nossis gilt als eine der am besten erhaltenen griechischen Dichterinnen, von der zwölf vierzeilige Epigramme, die ihr zugeschrieben werden, in der Griechischen Anthologie enthalten sind. Die Urheberschaft eines dieser Epigramme ist ungewiss – die Überschrift, unter der es in der Anthologie steht, könnte „im Stil von Nossis“ oder „angeblich von Nossis“ bedeuten. Es ähnelt stilistisch und metrisch den anderen Gedichten von Nossis, könnte aber auch eine spätere Nachahmung sein. Wie andere hellenistische Dichterinnen veröffentlichte Nossis ihre Epigramme wahrscheinlich; umstritten ist, ob sie auch als Inschriften angebracht wurden oder rein literarische Werke waren. Zwei der in der Griechischen Anthologie erhaltenen Epigramme von Nossis könnten ursprünglich das Eröffnungs- und das Schlussgedicht ihrer eigenen Sammlung gewesen sein; diese sind keine Inschriften und wurden vermutlich für das Buch verfasst.

Nossis’ Gedichte sind in einem literarischen dorischen Dialekt verfasst. Der Großteil ihrer Epigramme handelt von Frauen. Sie verfasste vor allem Epigramme für religiöse Widmungen und Grabinschriften; vier davon sind Widmungen für Frauenporträts. Im Gegensatz zu anderen hellenistischen Widmungs-Epigrammen, die üblicherweise aus der Perspektive eines neutralen Beobachters geschrieben sind, ist die Erzählstimme in ihren Widmungen die einer Person, die eine persönliche Verbindung zur Widmungsempfängerin hat. Hetären, junge Mädchen und Hausherrinnen stehen im Mittelpunkt der erotisch geprägten Dichtung, die die Schönheit der Frauen herausstellt und die epigrammatische Darstellung von Kunstobjekten mit deren Rezeption verbindet.

Nossis’ Lyrik ist bekannt für ihren Fokus auf Frauen, deren Welt und für sie relevante Themen. Viele ihrer Lebensdaten sind ebenso ihrem Werk zu entnehmen. Zwei Drittel ihrer erhaltenen Gedichte handeln von Frauen. Marilyn B. Skinner vermutet, dass diese ursprünglich für ein Publikum aus engen weiblichen Vertrauten geschrieben wurden, und bezeichnet Nossis als ein frühes Beispiel für die „erkennbar weibliche literarische Stimme“. Antipatros von Thessalonike zählte sie zu den neun herausragendsten Dichterinnen Griechenlands, den neun Musen der griechischen Dichtkunst, und bedachte sie mit dem Epitheton θηλύγλωσσος thelýglossos, das nur an dieser Stelle überliefert ist und so viel wie „mit Frauenzunge“ bedeutet.; Laurel Bowman sieht darin einen Hinweis darauf, dass die Konzentration auf Frauen in Nossis’ erhaltenen Werken repräsentativ für ihr gesamtes poetisches Schaffen ist.

In ihrer Lyrik beansprucht Nossis ihren Platz in einer Tradition weiblicher Dichterinnen in der Nachfolge von Sappho und Erinna und beschäftigt sich zudem mit biologisch-weiblichen Beziehungen, wie etwa ihrer Abstammung von ihrer Mutter und Großmutter. Ihre Epigramme wurden von Sappho inspiriert, mit der sie sich, wie sie behauptet, messen will; mehrere ihrer Gedichte enthalten sprachliche Anspielungen auf Sappho. Eines davon (AP 5.170, möglicherweise das Eröffnungsgedicht ihrer Sammlung) ist Sapphos Fragment 16 nachempfunden; es könnte auch auf Sapphos Fragment 55 anspielen. Marilyn B. Skinner argumentiert, dass dieses Gedicht nicht nur Anspruch auf das Erbe Sapphos erhebt, sondern auch die männliche Tradition der Lyrik ablehnt, die durch Pindar repräsentiert wird. In einem anderen Gedicht (AP 7.718, dem Schlussgedicht) stellt sich Nossis als eine von Sapphos Gefährtinnen dar, von ihr getrennt wie die abwesende Frau in Sappho 96.

ὦ ξειν', εἰ τύ γε πλεῖς ποτί καλλίχοραν Μιτυλήναν

τᾶν Σαπφοῦς χαρίτων ἄνθος ἐναυσόμενος,

εἰπεῖν ὡς Μούσαισι †φίλαν τήνᾳ τε Λόκρις γᾶ

τίκτε μ' ἴσαις δ' ὅτι μοι† τοὔνομα Νοσσὶς ἴθι.


Reisender, wenn du nach Mytilene segelst, der Stadt der schönen Chortänze,

um dich von der Blüte der Anmut Sapphos inspirieren zu lassen,

dann sage, dass mich die lokrische Erde geboren hat,

die den Musen und ihr lieb ist. Wenn du erfahren hast, dass mein Name Nossis ist, dann geh.

Neben Sappho bezieht sich Nossis auch auf Homer und Hesiod sowie möglicherweise auf Alkaios von Lesbos und Anakreon; möglicherweise wurde sie auch von Erinna und Anyte von Tegea beeinflusst. Meleagros von Gadara beschreibt Nossis in seinem Werk als Liebesdichterin, obwohl nur eines ihrer erhaltenen Epigramme von der Liebe handelt.

Rezeption

Nossis wird von späteren Kommentatoren oder Lexikographen nicht erwähnt und scheint nicht in den griechischen Literaturkanon aufgenommen worden zu sein. Im dritten Jahrhundert v. Chr. beziehen sich Theokritos und Poseidippos auf sie. Sie war noch im ersten Jahrhundert v. Chr. bekannt, als Meleagros von Gadara sie im „Kranz des Meleagros“, dem ältesten Sammlungsteil aus der Zeit um 100 v. Chr. in der Anthologia Palatina thematisierte, und in der augusteischen Zeit ist sie eine von neun Dichterinnen, die in einem Epigramm von Antipatros von Thessalonike namentlich genannt werden. Eines ihrer Epigramme wird von Cillaktor parodiert, und zwei von Herodas’ Mimen, der sechste und der siebte, beziehen sich auf sie. Marilyn B. Skinner hat argumentiert, dass auch Herodas’ vierte Mime im Rahmen eines Angriffs auf Dichterinnen ausdrücklich auf das Werk von Nossis anspielt. Mary Maxwell argumentiert, dass der Stil der augusteischen Dichterin Sulpicia die hellenistischen Dichterinnen, darunter auch Nossis, imitiert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts übersetzte Renée Vivien in ihrem Werk Les Kitharèdes die Gedichte mehrerer antiker griechischer Dichterinnen ins Französische, darunter auch die von Nossis; Tama Lea Engelking vertritt die Ansicht, dass Vivien insbesondere von Nossis’ Epigramm AP 7.718 beeinflusst wurde. Die Imagistin H. D. wurde stark von Nossis beeinflusst und übersetzte deren erstes Epigramm als Teil des Gedichts Nossis. Judy Chicago bezog sie in den Heritage Floor ein, der mit dem Gedeck für Sappho in The Dinner Party in Verbindung steht. Die moderne Forschung zu Nossis hat sich vor allem mit ihrer Beziehung zu Sappho und ihrer Einbindung in eine weibliche Tradition der griechischen Dichtung befasst.

Ausgabe

Literatur

Commons: Nossis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Nossis – Quellen und Volltexte (griechisch)

Anmerkungen

  1. Sylvia Bernard: Hellenistic Women Poets. In: The Classical Journal. Band 73, Nr. 3, 1978.
    1. ↑ hier: S. 204
    2. 1 2 3 hier: S.210
    3. ↑ hier: S.211
    4. ↑ hier: S.9
  2. Natoli, Bartolo A.; Pitts, Angela; Hallett, Judith P.: Ancient Women Writers of Greece and Rome. Routledge, 2022.
    1. 1 2 hier: S.118
    2. 1 2 3 hier S.117
    3. ↑ hier: S.139
  3. ↑ Plant, I.M.: Women Writers of Ancient Greece and Rome: An Anthology. University of Oklahoma Press, Norman 2004, S. 66.
    1. ↑ hier: S.64
  4. ↑ Skinner, Marilyn B.: Sapphic Nossis. In: Arethusa. Band 22, 1989, S. 5.
    1. ↑ hier: S.10-11
  5. Laurel Bowman: Nossis, Sappho and Hellenistic Poetry. In: Ramus. Band 27, Nr. 1, 1998, S. 39–59, doi:10.1017/S0048671X00001934.
    1. 1 2 hier: S.46
    2. ↑ hier: S.55
    3. ↑ hier: S.49
    4. ↑ hier: S.51
    5. 1 2 hier: S.52
  6. ↑ Coughlan, Taylor S.: The Poetics of Dialect in the Self-Epitaphs of Nossis and Leonidas of Tarentum. In: Classical Philology. Band 115, Nr. 4, 2020, S. 607–629, doi:10.1086/710798.
  7. Laurel Bowman: The "Women's Tradition" in Greek Poetry. In: Phoenix. Band 58, Nr. 1/2, S. 1, doi:10.2307/4135194 (Ausgabe 21/2004).
    1. 1 2 hier: S.16
    2. ↑ hier: S.19
    3. ↑ hier: S.22
    4. ↑ hier: S.20
  8. ↑ Skinner, Marilyn B.: Nossis Thêlyglôssos: The Private Text and the Public Book. In: Greene, Ellen (Hrsg.): Women Poets in Ancient Greece and Rome. University of Oklahoma Press, 2005, ISBN 978-0-8061-3663-9.
    1. ↑ hier: S.113
    2. ↑ hier: S.112
    3. 1 2 hier: S.126
  9. ↑ Greene, Ellen: Introduction. In: Ellen Greene (Hrsg.): Women Poets in Ancient Greece and Rome. University of Oklahoma Press, 2005, ISBN 978-0-8061-3663-9.
  10. ↑ Anthologia Palatina 9,26,7.
  11. ↑ Emily Hauser: How Women Became Poets: A Gender History of Greek Literature. Princeton University Press, 2023, ISBN 978-0-691-23928-6, S. 247–249.
    1. ↑ hier: S.271
  12. ↑ Jane McIntosh Snyder: The Women and the Lyre. Southern Illinois University Press, Carbondale 1991.
  13. ↑ Nossis 11, Gow-Seite = AP 7.718. Der Wortlaut dieses Epigramms, insbesondere die letzten beiden Zeilen, ist sehr ungewiss
  14. ↑ Mieke de Vos: From Lesbos She Took Her Honeycomb: Sappho and the 'Female Tradition' in Hellenistic Poetry. In: Pieper, Christoph; Ker, James (Hrsg.): Valuing the Past in the Greco-Roman World. 2014, S. 429–430.
  15. ↑ Marilyn B. Skinner: Ladies' Day at the Art Institute: Theocritus, Herodas, and the Gendered Gaze. In: Lardinois, André; McClure, Laura (Hrsg.): Making Silence Speak: Women's Voices in Greek Literature and Society. Princeton University Press, Princeton, N.J. 2001, S. 216–221.
  16. Mary Maxwell: H.D.: Pound's Sulpicia. In: Arion: A Journal of Humanities and the Classics. Band 10, Nr. 2, 2002, S. 15–48, JSTOR:20163884.
    1. ↑ hier: S.19
    2. ↑ hier: S.29
  17. ↑ Tama Lea Engelking: Renée Vivien's Sapphic Legacy: Remembering the "House of Muses. In: Atlantis. Band 18, 1992, S. 134–135.
  18. ↑ Josephine Balmer: Piecing Together the Fragments: Translating Classical Verse, Creating Contemporary Poetry. Oxford University Press, 2013, ISBN 978-0-19-958509-0.
  19. ↑ Nossis. In: Brooklyn Museum. 3. Juni 2023, abgerufen am 26. August 2026.