Notker Labeo, Fantasieporträt (Relief an der Tür der Stiftskirche St. Gallen)Zeichnung und Erklärung geometrischer Figuren nach Aristoteles in Notkers Kommentar zu den Kategorien in der Handschrift St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 818, Seite 62 (11. Jahrhundert)Glossen Notkers in einer Handschrift von CicerosDe inventione. St.Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 820, Seite 124 (10. Jahrhundert)
Notker starb an den Folgen einer Infektionskrankheit, welche Teilnehmer des Italien-Feldzugs Kaiser Heinrichs II. nach St.Gallen eingeschleppt hatten.
Werk
Notkers Übersetzungstechnik ist nicht einseitig auf das Verständnis des lateinischen Textes ausgerichtet, sondern zielt vielmehr auch auf einen treffenden (althoch)deutschen Ausdruck ab. Dies machte ihn vor allem bei seinen Schülern hochbeliebt. Notker hat de facto eine neue Wissenschaftssprache und eine mit künstlerischem Feingefühl durchsetzte deutsche Literatursprache geschaffen. Er verfasste unter anderem auch eine musiktheoretische Abhandlung.
Beeindruckend ist auch das graphematische System, das er für seine alemannische Muttersprache mitgeschaffen hat. Hierzu äussert sich Notker in einem Brief an Bischof Hugo von Sitten folgendermassen: «Man müsse wissen, daß die deutschen Wörter nicht ohne Akzent – Akut und Zirkumflex – geschrieben werden dürfen mit Ausnahme der Artikel, die allein ohne Akzent ausgesprochen würden.»
Notkers Anlautgesetz
Notker war ein feiner Beobachter seiner alemannischen Sprache, was sich in seinen Werken auch in der Schreibung der Plosive niederschlug: Im Wortanlaut wechseln in seinem Schreibsystem b und p, d (soweit < germ. þ, nicht < t) und t, g und k sowie weniger regelmässig v und f je nach Auslaut des vorangehenden Wortes. Die stimmlosen Konsonanten p, t, k stehen erstens am Anfang eines Satzes oder Satzteils und zweitens innerhalb eines Satzes, wenn das unmittelbar vorausgehende Wort auf einen stimmlosen Konsonanten endet (bei Notker p, t, k; pf, z, ch; b, d, g; f, h, s). Dagegen stehen die Konsonanten b, d, g im Anlaut, wenn das unmittelbar vorausgehende Wort auf einen Vokal oder einen stimmhaften Konsonanten endet (bei Notker l, r, m, n). Das Anlautgesetz gilt auch für das Grundwort eines Kompositums.
Beispiele:
ter bruoder, aber des pruoder (‚der Bruder‘, ‚des Bruders‘); himilbûwo, aber erdpûwo (‚Himmelbau‘, ‚Erdbau‘)
unde daz, aber ist taz (‚und das‘, ‚ist das‘)
demo golde, aber des koldes (‚dem Golde‘, ‚des Goldes‘); fiurgot, aber erdcot (‚Feuergott‘ ‚Erdgott‘)
tu vahest, aber ih fahe (‚du fängst‘, ‚ich fange‘)
Franz Kampers, Klemens Löffler: Notker.The Catholic Encyclopedia 11. Robert Appleton Company, New York, 1911. Veröffentlicht auf newadvent.org, 13. Januar 2017 (englisch).
Dieter Kartschoke: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter. 4. Notker III. 3.,aktualisierte Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2000, S.199 (Buchausgabe).
Ida Fleischer: Die Wortbildung bei Notker und in den verwandten Werken, eine Untersuchung der Sprache Notkers mit besonderer Rücksicht auf die Neubildungen. Dissertation von 1901, Universität Göttingen.
Ida Fleischer:Erklärungen einiger Isolierter Wortformen in Notkers Werken. In: Journal of English and Germanic philology. Band5, Nr.3, 1905, S.353–354, JSTOR:27699760.
Sonja Glauch: Die Martianus-Capella-Bearbeitung Notkers des Deutschen (= Münchener Texte und Untersuchungen. Band 116/117). Tübingen 2000 (Max-Weber-Preis der BADW 1999).
Anton Näf: Die Wortstellung in Notkers Consolatio. Untersuchungen zur Syntax und Übersetzungstechnik (= Das Althochdeutsche von Sankt Gallen. Band 5). de Gruyter, Berlin 1979, ISBN 3-11-008058-3.
Editionen:
Jessica Ammer, Andreas Nievergelt (Hrsg.): Notker der Deutsche. Die Lehrschriften. Lateinisch – Althochdeutsch – Neuhochdeutsch (=Monasterium Sancti Galli. Band 10). Schwabe, Basel 2024, ISBN 978-3-7965-5102-4.
Notker der Deutsche: Die Werke. Neue Ausgabe. Hrsg. von Petrus W. Tax und James C. King. Band 1A: Notker latinus zu Boethius, »De consolatione Philosophiae«. De Gruyter, Berlin 2008.
Harald Saller: Ein neues Editionskonzept für die Schriften Notkers des Deutschen anhand von De interpretatione (=Kultur, Wissenschaft, Literatur. Beiträge zur Mittelalterforschung. Band 4). Lang, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-631-50250-8 (Demo-CD).
↑ Abschnitt sowie die Übersetzung des Notker-Zitates nach: Dieter Kartschoke (siehe Literatur)
↑Wilhelm Braune: Althochdeutsche Grammatik. I.Laut- und Formenlehre (=Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. A.Hauptreihe. Bd.5.1). 16., Auflage, neu bearbeitet von Frank Heidermanns. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, S.145f.
↑Stefanie Stricker: Notkers Anlautgesetz. In: Metzler Lexikon Sprache. Hrsg. von Hans Glück. Metzler, Stuttgart/Weimar 1993, S.429.