
Noyan (auch Noyon, klassische mongolische Schrift:ᠨᠣᠶᠠᠨ, kyrillische Schrift: Hоён ‚Herr‘) war ein Amts- und Adelstitel im Mongolischen Reich und dessen Nachfolgestaaten, der auf eine Bezeichnung für nomadische Stammesführer zurückgeht.
Heute wird Noyan in der Mongolei zur höflichen Anrede, als Bezeichnung für Naturgeister und als buddhistischer Ehrentitel verwendet.
In der Türkei, Persien und Zentralasien ist Noyan als Vor- und Familienname mit der Bedeutung ‚Herr‘, ‚Prinz‘, ‚Edler‘, ‚Führer (einer Gruppe)‘ oder ‚Beschützer‘ gebräuchlich.
Vor dem Mongolischen Reich regierten die Noyad (Plural von Noyan) als erbliche Stammesführer die nomadischen Gemeinschaften.

Dschingis Khan griff bei der Gründung seines Reiches um 1190 auf diese bestehenden Strukturen zurück und ordnete sie nach dem Dezimalsystem. In seiner Gesellschaftsreform wurde die Bevölkerung in Einheiten von 1.000 oder 10.000 Haushalten eingeteilt, die sogenannten Minghan und Tumen. Über diese Familien und ihre Weideländer herrschte jeweils ein Noyan. Zu Kriegszeiten stellte ihm jeder Haushalt einen Kämpfer bereit. Im Zuge der Ausdehnung des Reiches erhielten die Noyad in den eroberten Ländern Gebiete, die sie als Gouverneure weitgehend autonom regierten.
Die in Teilen der Literatur verwendete Übersetzung von Noyan als „Kommandant“ oder „Befehlshaber“ kritisiert der Sozialanthropologe und Mongolei-Experte David Sneath als irreführend. Durch die Reduzierung der Dezimaleinheiten und ihrer Herrscher auf das Militärische werde die ebenso bedeutsame zivile Ebene ausgeblendet.
Nach dem Ende des Mongolischen Reiches existierte der Titel in den verschiedenen Nachfolgestaaten weiter, als klar definierter Rang oder als allgemeine Bezeichnung für Adlige.
Im persischen Ilchanat genossen Noyad wie Ilge, Shiktur oder Suqunjaq großen politischen Einfluss. Suqunjaq Noyan gilt zudem als eine der zentralen Triebkräfte für die Annäherung der mongolischen Elite an die persische Kultur. Während der mongolisch-chinesischen Yuan-Dynastie wurde der Titel an alle Regierungsbeamten vergeben. Eine große Bedeutung für den Wissenstransfer zwischen China und Persien hatte der 1285 von Kublai Khan ins Ilchanat entsandte Bolad Noyan. Er gilt als einer der wichtigsten Informationslieferanten des persischen Wesirs und Gelehrten Rashid ad-Din für seine im Auftrag der Ilchane verfasste erste Universalgeschichte der Welt, Dschāmiʿ at-tawārīch. Das Werk wurde 2025 von der UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Als die Mongolei unter die Herrschaft der chinesischen Qing-Dynastie geriet, wurde bei der Verwaltung des Landes auf die traditionellen Herrschaftsstrukturen zurückgegriffen, wobei die Chinesen zwischen regierenden und nicht regierenden Noyad unterschieden. Einer der unter der Qing-Regierung amtierenden mongolischen Adligen, Sain Noyon Khan Namnansüren, setzte sich 1911 für die Unabhängigkeit von China ein und wurde 1912 zum ersten Premierminister des eigenständigen mongolischen Staates.
Auch im mongolischen Buddhismus wird Noyan als Ehrentitel verwendet, wie für die Inkarnationsreihe der Noyan Khutukhtu (auch Noyon Khutakt). Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist der als mongolischer Nationaldichter angesehene Dulduityn Rawdschaa.
Heute wird Noyan in der Mongolei als höfliche Anredeform verwendet sowie in einigen Ländern, die zuvor unter mongolischem Einfluss standen, als Vor- und Familienname.

In der mongolischen Mythologie ist Noyan eine Bezeichnung für Naturgeister. Sie gehören zu den sogenannten Herrengeistern und werden als Besitzer und Beschützer natürlicher Phänomene und Gebiete verehrt (z. B. Feuer, Wald, Fluss, Berg), mit denen sie eine Einheit bilden. Die Geister können in menschen- oder tierähnlicher Gestalt in Erscheinung treten. Sie gelten als Nachfahren von Gottheiten oder Ahnen. Verwandeln sich die Seelen verstorbener Schamanen oder Familien- und Sippenältester in einen Noyan, werden sie als Schutzgeister der Familie und Sippe angesehen.