Noyan

Shiktur (Mitte), Noyan und Vizekönig im persischen Ilchanat. Timuridische Miniaturmalerei, 1430, Herat, heutiges Afghanistan

Noyan (auch Noyon, klassische mongolische Schrift:ᠨᠣᠶᠠᠨ, kyrillische Schrift: Hоён ‚Herr‘) war ein Amts- und Adelstitel im Mongolischen Reich und dessen Nachfolgestaaten, der auf eine Bezeichnung für nomadische Stammesführer zurückgeht.

Heute wird Noyan in der Mongolei zur höflichen Anrede, als Bezeichnung für Naturgeister und als buddhistischer Ehrentitel verwendet.

In der Türkei, Persien und Zentralasien ist Noyan als Vor- und Familienname mit der Bedeutung ‚Herr‘, ‚Prinz‘, ‚Edler‘, ‚Führer (einer Gruppe)‘ oder ‚Beschützer‘ gebräuchlich.

Geschichte

Vor dem Mongolischen Reich regierten die Noyad (Plural von Noyan) als erbliche Stammesführer die nomadischen Gemeinschaften.

Timuridische Handschrift der unter Mitwirkung von Bolad Noyan entstandenen Universalgeschichte Dschāmiʿ at-tawārīch mit einer Überschrift von Bāisonqur. Herat, 1433-1434.

Dschingis Khan griff bei der Gründung seines Reiches um 1190 auf diese bestehenden Strukturen zurück und ordnete sie nach dem Dezimalsystem. In seiner Gesellschaftsreform wurde die Bevölkerung in Einheiten von 1.000 oder 10.000 Haushalten eingeteilt, die sogenannten Minghan und Tumen. Über diese Familien und ihre Weideländer herrschte jeweils ein Noyan. Zu Kriegszeiten stellte ihm jeder Haushalt einen Kämpfer bereit. Im Zuge der Ausdehnung des Reiches erhielten die Noyad in den eroberten Ländern Gebiete, die sie als Gouverneure weitgehend autonom regierten.

Die in Teilen der Literatur verwendete Übersetzung von Noyan als „Kommandant“ oder „Befehlshaber“ kritisiert der Sozialanthropologe und Mongolei-Experte David Sneath als irreführend. Durch die Reduzierung der Dezimaleinheiten und ihrer Herrscher auf das Militärische werde die ebenso bedeutsame zivile Ebene ausgeblendet.

Nach dem Ende des Mongolischen Reiches existierte der Titel in den verschiedenen Nachfolgestaaten weiter, als klar definierter Rang oder als allgemeine Bezeichnung für Adlige.

Im persischen Ilchanat genossen Noyad wie Ilge, Shiktur oder Suqunjaq großen politischen Einfluss. Suqunjaq Noyan gilt zudem als eine der zentralen Triebkräfte für die Annäherung der mongolischen Elite an die persische Kultur. Während der mongolisch-chinesischen Yuan-Dynastie wurde der Titel an alle Regierungsbeamten vergeben. Eine große Bedeutung für den Wissenstransfer zwischen China und Persien hatte der 1285 von Kublai Khan ins Ilchanat entsandte Bolad Noyan. Er gilt als einer der wichtigsten Informationslieferanten des persischen Wesirs und Gelehrten Rashid ad-Din für seine im Auftrag der Ilchane verfasste erste Universalgeschichte der Welt, Dschāmiʿ at-tawārīch. Das Werk wurde 2025 von der UNESCO in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Lama, Dichter, Komponist und Pädagoge: Dulduityn Rawdschaa, der fünfte Noyan Khutukhtu

Als die Mongolei unter die Herrschaft der chinesischen Qing-Dynastie geriet, wurde bei der Verwaltung des Landes auf die traditionellen Herrschaftsstrukturen zurückgegriffen, wobei die Chinesen zwischen regierenden und nicht regierenden Noyad unterschieden. Einer der unter der Qing-Regierung amtierenden mongolischen Adligen, Sain Noyon Khan Namnansüren, setzte sich 1911 für die Unabhängigkeit von China ein und wurde 1912 zum ersten Premierminister des eigenständigen mongolischen Staates.

Auch im mongolischen Buddhismus wird Noyan als Ehrentitel verwendet, wie für die Inkarnationsreihe der Noyan Khutukhtu (auch Noyon Khutakt). Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist der als mongolischer Nationaldichter angesehene Dulduityn Rawdschaa.

Heute wird Noyan in der Mongolei als höfliche Anredeform verwendet sowie in einigen Ländern, die zuvor unter mongolischem Einfluss standen, als Vor- und Familienname.

Mythologie

Schamanenfelsen am Übergang des Baikalsees in die Angara. Laut mongolischer Mythologie die Wohnstätte des Flussgeistes Ama Sagaan Noyon

In der mongolischen Mythologie ist Noyan eine Bezeichnung für Naturgeister. Sie gehören zu den sogenannten Herrengeistern und werden als Besitzer und Beschützer natürlicher Phänomene und Gebiete verehrt (z. B. Feuer, Wald, Fluss, Berg), mit denen sie eine Einheit bilden. Die Geister können in menschen- oder tierähnlicher Gestalt in Erscheinung treten. Sie gelten als Nachfahren von Gottheiten oder Ahnen. Verwandeln sich die Seelen verstorbener Schamanen oder Familien- und Sippenältester in einen Noyan, werden sie als Schutzgeister der Familie und Sippe angesehen.

Namensträger

Vorname

Familienname

Titel

Naturgeister

Sonstiges

Einzelnachweise

  1. ↑ Jackson, Peter. "10. UNBELIEVING MONARCHS AND THEIR SERVANTS". The Mongols and the Islamic World: From Conquest to Conversion, New Haven: Yale University Press, 2018, p. 238 doi:10.12987/9780300227284-015
  2. 1 2 3 D. O. Morgan: Noyan. In: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, Edited by: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel, W. P. Heinrichs. doi:10.1163/1573-3912_islam_SIM_5959 2012, ISBN 978-90-04-16121-4, 1960–2007
  3. ↑ Sneath, David: The Headless State: Aristocratic Orders, Kinship Society, and Misrepresentations of Nomadic Inner Asia. Columbia University Press, New York 2007, ISBN 978-0-231-51167-4, S. 114 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. ↑ George Lane: 8. Persian Notables and the Families Who Underpinned the Ilkhanate. In: Nomads as Agents of Cultural Change. University of Hawaii Press, 2017, ISBN 978-0-8248-4789-0, S. 182–213.
  5. ↑ BOLOD. In: Encyclopaedia Iranica. Abgerufen am 1. Oktober 2026 (amerikanisches Englisch).
  6. ↑ Camiu't Tevarih/Jāmiʿ al-Tawārīkh. (unesco.org [abgerufen am 6. Oktober 2026]).
  7. ↑ Dorothea Heuschert: Die Gesetzgebung der Qing für die Mongolen im 17. Jahrhundert: anhand des Mongolischen Gesetzbuches aus der Kangxi-Zeit (1662-1722). Otto Harrassowitz Verlag, 1998, ISBN 978-3-447-04038-9, S. 124 f.
  8. ↑ Agnes Birtalan: Die Mythologie der mongolischen Volksreligion. in: Hans W. Haussig und Egidius Schmalzriedt (Hrsg.): Wörterbuch der Mythologie Band VII – Götter und Mythen in Zentralasien und Nordeurasien. (Zweiter Teil) Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-12-909871-2, S. 877–1098 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).