
Carpe diem (wörtlich: „Pflücke den Tag“) ist eine Sentenz aus der um 23 v. Chr. entstandenen Ode An Leukonoë des römischen Dichters Horaz (* 65 v. Chr., † 8 v. Chr.). Sie fordert in der Schlusszeile als Fazit des Gedichts dazu auf, die knappe Lebenszeit heute zu nutzen und das nicht auf den nächsten Tag zu verschieben. Im Deutschen wurde die Übersetzung „Nutze den Tag“ zum geflügelten Wort.
„Nutze den Tag“ oder „Genieße den Tag“ trifft den eigentlichen Kern der Redewendung nur unzulänglich. Die der natürlichen Welt entlehnte Metapher ruft ein Bild des Pflückens von Blumen oder Früchten wach, als eines im sinnlichen Erleben der Natur wurzelnden Augenblicks.
Der Appell ist hedonistisch nur im Sinn Epikurs gemeint, der für eine möglichst einfache Lebensweise eintrat.
Horaz schrieb vier Lyrikbücher („Liber I–IV“) mit insgesamt 104 Gedichten („Carmina“). Das erste Buch enthält die Ode „An Leukonoë“ (wörtlich „die Klardenkende“) und wurde, wie das zweite und dritte, um 23 v. Chr. verfasst, das vierte entstand zehn Jahre später. Im Unterschied zu seinen griechischen Vorgängern war Horaz nur Dichter und nicht Musiker; deshalb waren seine „Lieder“ nicht vertont. Horaz verknüpft in ihnen gern die verschiedensten Themen, von Liebe, Freundschaft und Problemen des Alltags bis hin zu politischen und philosophischen Fragen. Mit treffenden Bildern, Aussparungen und leisen Untertönen gelingen ihm verhaltene, hintergründige Aussagen. Viele seiner Gedichte beginnen wuchtig und klingen dann leicht und heiter aus.
| Original:
Tu ne quaesieris (scire nefas) quem mihi, quem tibi |
Übersetzung
Frage nicht (denn eine Antwort ist unmöglich), welches Ende die Götter mir, welches sie dir, |
Das Metrum (Versmaß) der Ode ist der in der lateinischen Lyrik relativ seltene asclepiadeus maior:
Beispiel:
Christian Morgenstern parodierte das berühmte Lied des Horaz 1896 als „Studentenscherz“. Morgenstern griff dabei nicht nur den Inhalt des Vorbildes auf, sondern er ahmte auch das Metrum nach:
Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
Martha! Geh nicht mehr hin, bitte, zu der dummen Zigeunerin!
Nimm dein Los, wie es fällt! Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist,
das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem
werden: sieh’s doch nur ein: das, lieber Schatz, steht nicht in unsrer Macht.
Amüsier dich, und laß Wein und Konfekt schmecken dir wie bisher!
Seufzen macht mich nervös. Nun aber Schluß! All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, m’amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!

Carpe diem wird häufig als zentrales Motiv der Dichtung des Barock bezeichnet. Die Erfahrungen verheerender Kriege, im Heiligen Römischen Reich des Dreißigjährigen Krieges führten im 17. Jahrhundert zu einem starken Gefühl der Vergänglichkeit und damit des Vanitas-Motivs (Es ist alles eitel) und Memento mori (Bedenke, dass du sterben musst). Daraus entstand zugleich das Bedürfnis, das Hier und Jetzt zu nutzen. Die Sinnlichkeit des Barock und die Verspieltheit des Rokoko werden zentral auf diesen Appell zurückgeführt. Exemplarisch ist Martin Opitz’ Ode Ich empfinde fast ein Grawen von 1624. Ein Nachklang ist Johann Martin Usteris „Rundgesang“ Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht (1793).
Während aber Horaz, völlig diesseitsorientiert, sein „carpe diem“ als Aufforderung versteht, das einmalige Leben nicht ungelebt zu lassen, hat „carpe diem“ im jenseitsorientierten Christentum im Grunde keinen Platz. Das Bewusstsein der Endlichkeit ist – christlich verstanden – das Wissen um die größere Bedeutung des jenseitigen Lebens. Die Orientierung am Genuss, die im „carpe diem“ liegt, birgt also die Gefahr, dieses jenseitige Leben zu verspielen.