In den 1520er Jahren hielt die Reformation in Hamburg Einzug. Johannes Bugenhagens Schrift Vom christlichen Glauben und rechten guten Werken veranlasste zunächst das Nikolai-Kirchspiel, sich eine Gotteskastenordnung zur Versorgung der Armen zu geben. Die Spenden wurden von 12 aus der Gemeinde gewählten Diakonen verwaltet. Die anderen drei Kirchspiele (St. Michaelis gab es damals noch nicht) schlossen sich an. Im Langen Rezess von 1529 ernannte die Hamburgische Bürgerschaft die 48 Armenpfleger zu ständigen Vertretern der Bürger gegenüber dem Rat. In der Kirchenordnung von 1529 kam zu den vier Gemeindegotteskästen noch ein „Hauptkasten“ hinzu. Dazu kam die Verwaltung des Heilig-Geist-Spitals, des in ein Frauenwohnstift umgewandelten Franziskanerklosters und weiterer Stiftungen. Unter den Diakonen jedes Kirchspiels sollten in einem komplizierten Wahlverfahren vom Rat und dem Diakonenkollegium je 4 Oberalte gewählt werden, von denen jeweils drei die Schlüssel des Armenkastens der Gemeinde verwahrten, während die übrigen vier gemeinsam die Aufsicht über den Hauptkasten innehatten. Eine ähnliche Ordnung entwarf Bugenhagen auch für Lübeck, wo die Rolle der politischen Vertretung jedoch vom Bürgerausschuss der 64 übernommen werden sollte, während sich die Aufgabe der Oberalten auf die Armenfürsorge beschränkte. Das Scheitern des Bürgermeisters Jürgen Wullenwever führte aber dazu, dass dieses Modell nie in Anwendung kam. In Hamburg dagegen wuchs der politische Einfluss der Oberalten in den folgenden Jahrhunderten.
Während die ersten Oberalten die Anführer der reformatorischen Bewegung in Hamburg gewesen waren, rekrutierte das Kollegium sich bereits eine Generation später aus denselben Kreisen wie der Rat. Die Diakone rekrutierten neue Mitglieder bald wie der Rat durch Selbstergänzung. Die Oberalten wurden nach dem Senioritätsprinzip aus dem Kreis der Diakone bestimmt, weshalb das Kollegium, dessen Mitglieder früher auf Lebenszeit gewählt wurden, bald vergreiste und als „Überalte“ verspottet wurde.
Mit der Hamburgischen Verfassung von 1860 verlor das Kollegium der Oberalten seine politische Funktion. Heute bildet es das Kuratorium für das Hospital zum Heiligen Geist, eine große Hamburger Seniorenwohnanlage. Seine Mitglieder scheiden nach ihrem 75. Geburtstag aus.
Oberalte 1528 bis 2000
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16. Jahrhundert
1528: Götke Möller, Hermann Soltow, Detlev Schuldorp, Joachim Möller, Joachim von der Fechte, Carsten Keding, Meino von Eitzen, Hinrick Davorde, Joachim Wullenweber, Hans Hartmann, Dierich Bödeker, Hans von Bergen
1778: Albert Möller, Vincent Bulle, Nikolaus Adolph Schmidt, Johann Hinrich von Essen
1779: Johann Lustig, Johann Friedrich Schrader
1780: Johann Conrad Klinck
1781: Thomas Hoffmann, Johann Georg Feistkorn, Philipp Schlüter, Jacob Hinrich Hudtwalcker, Garlieb Amsinck, Johann Gottlieb Gerhard
1782: Johann Bostelmann
1783: Hinrich Jönsen, Franz Andreas Prale, Marcus Oldenburg, Friedrich Justus
1784: Detlof Nordthoff, Christian Reiners
1786: Adolph Schlüter, Joachim Friedrich Cunitz, Joachim Matthias Hasse, Johann Philipp Tietjens
1787: Peter Joachim Heymann, Moritz Nikolaus Hartung, Paridom Daniel Korn, Johann Nicolaus Kahrs
1789: Peter Wortmann, Peter Hinrich Jürgensen, Johann Christoph Carl Meyer, Rudolph Amsinck, Heino Christian Brandenburg
1790: Hans Jürgen Schröder, Simon Henning Brauer
1791: Balduin Balthasar Goedecken
1792: Friedrich Carstens, Johann Joachim Tecklenburg
1793: Johann Peter Seydler
1794: Michael Harmensen
1795: Johann Friedrich Tonnies, Heinrich Kühl, Paul Köster, Johann Rudolph Berndes
1797: Claes Bartels
1799: Franz Klefeker, Joachim von den Steenhoff
19. Jahrhundert
Georg Johann Heinrich Siemers, Oberalter 1847, Lithographie von Friedrich Wilhelm GraupensteinJohann Roosen-Runge, Oberalter 1857, Lithographie von Friedrich Wilhelm Graupenstein
1800: Johann Nikolaus Kiesewetter, Johann Heinrich Matthias Färber, Marx Grave, Wilhelm Hinrich Ide
1802: Johann Hockmeyer, Nikolaus Mertens, Johann Matthias Bargmann
1803: Johann Jakob Mylius
1804: Johann Ludwig Fürstenau
1805: Friedrich Carl Herrmann, Michael Feldtmann
1806: Julius Diederich Flickwier, Johann Gotthard Martens
1807: Adolph Friedrich Minder
1808: Siegmund Diederich Rücker, Gottlieb Gerlach
1809: Hermann Riecke, Johann Friedrich Droop
1810: Frans Doorman, Hinrich Haanwinckel
1814: Heinrich Kühl, Otto von Axen, Christian Hinrich Lohmann, Johann Gottfried Schramm, Johann Caspar Gläser, Hermann Flügge
1816: Peter Daniel Prale
1817: Peter Bauch
1818: Christoph Hasse
1819: Walther Peter Möller
1820: Christian Gottfried Ulrich
1821: Johann Benjamin Neumann, Johann Wilhelm Möller, Johann Lucas Krüger, Walther Philipp Schlüter
1823: Andreas Ehrenfried Martens, Johann Anthon Schmidt, Johann Conrad Sievert
1824: Johann Diedrich Söhlmann
1825: Johann Hinrich Böckmann
1826: Vincent Matsen
1827: Peter Jakob Petersen, Johann Andreas von Beseler
1828: Zimbert Joachim Steetz, Georg Ehlert Bieber, Johann Otto Bieber
1829: Georg Nikolaus Mohr, August Schwalb
1831: Diederich Masendorff
1832: Jürgen David Meyer, Hermann Friedrich Justus, Johann Peter Westermann
2019: Michael Labe, Martina Krüss-Leibrock, Detlev Burkart, Alk Friedrichsen, Ulrich Hagenah, Sophie Hanzig, Christiane Hoffmann, Daniel Kaiser, Roland Keich, Birgit Pagels, Axel Pfeifer, Sabine Stratmann, Bernd Struß, Karin Frfr. Voith von Voithenberg, Doris Wittlinger
Literatur
Arnold Schuback: Chronologisches, bis auf die neuesten Zeiten fortgesetztes Verzeichniss der bisherigen Mitglieder eines Hochedlen und Hochweisen Raths, der Ehrbaren Oberalten und der Verordneten löblicher Cämmerey der Freyen Stadt Hamburg, Johann August Meißner, Hamburg 1820, Digitalisat bei sub.uni-hamburg.de, mit handschriftlichen Nachträgen bis in die 1860er Jahre.
Friedrich Georg Buek:Die Hamburgischen Oberalten, ihre bürgerliche Wirksamkeit und ihre Familien. Perthes-Besser & Mauke, Hamburg 1857, OCLC844917815 (Digitalisat bei Google Books [abgerufen am 16.Januar 2015]).
Rudolf Kayser: Die Oberalten. Festschrift zum 400jährigen Gedächtnis der Einsetzung des Kollegiums. Broschek & Co., Hamburg 1928.
Herwarth von Schade:Zur Eintracht und Wohlfahrt dieser guten Stadt: 475 Jahre Kollegium der Oberalten in Hamburg. Convent, Hamburg 2003, OCLC53903206.
Oberalte im Deutschen Rechtswörterbuch der Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften
Einzelnachweise
↑Tim Lorentzen: Johannes Bugenhagen als Reformator der öffentlichen Fürsorge; Mohr Siebeck, 2008, S. 269. 512
↑Tim Lorentzen: Johannes Bugenhagen als Reformator der öffentlichen Fürsorge; Mohr Siebeck, 2008, S. 272.
↑M. H.: Oberalte. In: Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. 4., aktualisierte und erweiterte Sonderausgabe. Ellert & Richter, Hamburg 2010, ISBN 978-3-8319-0373-3, S. 356.
↑Wullenwever, der Bruder des Lübecker Bürgermeisters Jürgen Wullenwever, verlor sein Amt nach dessen Sturz und Hinrichtung 1536. Sein Verhältnis mit Agneta Willeken, der Geliebten des ebenfall1536 hingerichteten Marx Meyer förderte den Verdacht gegen ihn, Verrat an Hamburg zu üben.
↑Bei Gustav Bolland, Die Bramfelder Brücke in Barmbek. In: Hamburgische Geschichts- und Heimatblätter. Jahrgang 1970, Heft 8, S. 217–277, wird er Albert van der Vechte genannt.