Octavia E. Butler war die Tochter von Laurice und Octavia M. (Guy) Butler und stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Ihr Vater arbeitete als Schuhputzer und starb, als sie noch sehr jung war; ihre Mutter arbeitete schlechtbezahlt als Dienstmädchen. Teilweise wuchs sie bei ihren Großeltern auf, die überzeugte Baptisten waren. Während ihrer Schulzeit wurde bei ihr eine Leseschwäche diagnostiziert, zudem beschrieb sie sich selbst rückblickend als ein ausgesprochen schüchternes Kind, das viel Zeit allein in der Bibliothek verbrachte.
Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1999 zog sie nach Lake Forest Park im Bundesstaat Washington. Am 24. Februar 2006 stürzte sie auf dem Kopfsteinpflaster vor ihrem Haus und zog sich eine Kopfverletzung zu. Sie starb noch am selben Tag im Alter von 58 Jahren. Bestattet ist sie in Altadena in Kalifornien.
Werk
1976 konnte Butler mit Ellisons Hilfe ihren ersten Roman, Patternmaster, bei Doubleday publizieren. Mit dem fünfteiligen Patternmaster-Zyklus wurde sie erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Er schildert die Entstehung telepathisch begabter Menschen und behandelt dabei auch Rassen- und Geschlechterfragen. Danach veröffentlichte Octavia E. Butler mit Kindred 1979 ein Buch, das kaum noch etwas mit SF zu tun hatte und sehr erfolgreich war. Ohne die Zeitreise irgendwie technisch oder wissenschaftlich zu erklären, beschreibt sie darin, wie eine junge schwarze Frau immer wieder in die Vergangenheit ihrer Vorfahren hineingerissen wird, einschließlich eines weißen Sklavenhändlers. Dieser Kunstgriff, Gegenwart und Geschichte in einer Person zu konzentrieren, brachte dem Buch ein großes Publikum und Octavia E. Butler den ökonomischen Erfolg, um fortan vom Schreiben leben zu können.
In der Xenogenesis-Trilogie 1987–1989 (später unter dem Titel Lilith’s Brood zusammengefasst) geht es um die Rettung der Menschheit nach einem verheerenden Krieg; die Überlebenden treffen auf eine Alien-Rasse, die ein drittes Geschlecht besitzt, welches nicht nur die anderen beiden Geschlechter mental miteinander verknüpfen, sondern sie auch genetisch verändern kann.
Die 1990er Jahre über arbeitete Octavia E. Butler an der Parable-Trilogie, von der sie nur die ersten beiden Bände fertigstellen und veröffentlichen konnte. Sie schildert darin eine Dystopie, in der eine neue Religion namens „Earthseed“ die stete Veränderung aller Dinge predigt. Gesundheitliche Probleme und eine Schreibblockade hinderten sie daran, den dritten Band zu vollenden. Nach den Kurzgeschichten Amnesty (2003) veröffentlichte sie erst 2005 ihren nächsten und letzten Roman Fledgling, einen Vampir-Roman mit SF-Elementen.
Butler stand lange Jahre in enger Verbindung mit der Huntington Library und hinterließ der Bibliothek testamentarisch ihre Schriften, einschließlich ihrer Manuskripte, Korrespondenzen, Schularbeiten, Notizbücher und Fotografien. Die Sammlung, bestehend aus 9062 Stücken in 386 Kartons, wurde 2010 für die wissenschaftliche Forschung zugänglich gemacht.
Butler wurde in die Anthologie Daughters of Africa aufgenommen, die 1992 von Margaret Busby in London und New York herausgegeben wurde. 1995 wurde sie als erste Science-Fiction-Roman-Autorin in der Geschichte dieser Auszeichnung mit dem Genius Award des MacArthur Fellows Program ausgezeichnet, mit 295.000 Dollar dotiert. 2005 wurde sie in die Chicago State University’s International Black Writers Hall of Fame aufgenommen.
Im Jahr 2020, mehr als 14 Jahre nach ihrem Tod, wurde erstmals eines ihrer Bücher auf einer Bestsellerliste der New York Times geführt. The Parable of the Sower erschien in der ersten Septemberwoche des Jahres auf Platz 13 der Paperback Trade Fiction Liste.
2021 Benennung des Landeplatzes des Perseverance-Rovers auf dem Mars nach ihr
2023 Eine Straße in Lake Forest Park wurde nach ihr benannt
Trivia
Octavia E. Butlers Grabmal in Altadena wurde durch das Eaton Fire im Zuge der Wald- und Buschbrände in Los Angeles 2025 leicht beschädigt. Dem Geschehen wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil, da Butlers Sämann-Parabel von 1993 bereits ausgedehnte Brände im Stadtgebiet von Los Angeles während der Amtszeit eines radikalkonservativen US-Präsidenten prognostizierte.
Bibliografie
Patternist / Musternisten (Romanzyklus)
1 Patternmaster (1976)
Deutsch: Als der Seelenmeister starb. Übersetzt von Inge Pesch von der Ley. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24037, 1982, ISBN 3-404-24037-5.
2 Mind of My Mind (1977)
Deutsch: Der Seelenplan. Übersetzt von Rosemarie Macke. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24039, 1983, ISBN 3-404-24039-1.
3 Survivor (1978)
Deutsch: Alanna. Übersetzt von Waltraud Götting. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24052, 1984, ISBN 3-404-24052-9.
4 Wild Seed (1980)
Deutsch: Wilde Saat. Übersetzt von Will Platten. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24060, 1984, ISBN 3-404-24060-X.
5 Clay’s Ark (1984)
Seed to Harvest (Sammelausgabe von 1,2,4,5; 2007)
Xenogenesis / Lilith’s Brood (Trilogie)
1 Dawn (1987)
Deutsch: Dämmerung. Übersetzt von Barbara Heidkamp. Heyne SF&F #4765, 1991, ISBN 3-453-04478-9.
2 Adulthood Rites (1988)
Deutsch: Rituale; aus dem Amerikanischen von Barbara Heidkamp. Heyne SF&F #4766, 1991, ISBN 3-453-04479-7.
3 Imago (1989)
Deutsch: Imago; aus dem Amerikanischen von Barbara Heidkamp. Heyne SF&F #4767, 1991, ISBN 3-453-04480-0.
Xenogenesis (Sammelausgabe von 1–3; 1989, Sammelausgabe; auch: Lilith’s Brood, 2000)
Deutsch: Die Genhändler. Sonderausgabe in einem Bd.; aus dem Amerikanischen von Barbara Heidkamp. Heyne SF&F #5998, 1999, ISBN 3-453-14897-5.
Deutsch: Xenogenesis: das große Zukunftsepos; aus dem Amerikanischen von Barbara Heidkamp. Heyne, München 2024, ISBN 978-3-453-32228-8.
Parable / Parabel (Romanzyklus)
1 Parable of the Sower, 1993 (auch: The Parable of the Sower, 2017)
Deutsche Erstausgabe: Parabel Band 1: Die Parabel vom Sämann. Übersetzt von Kurt Bracharz. Heyne SF&F, München, 1999, ISBN 3-453-14896-7.
2 Parable of the Talents 1998 (auch: The Parable of the Talents, 2016)
The Parable of the Sower / The Parable of the Talents (Sammelausgabe von 1 und 2; 2016)
Einzelromane
Kindred (1979)
Deutsch: Vom gleichen Blut. Übersetzt von Peter Rummel. Bastei Lübbe Science Fiction Special #24042, 1983, ISBN 3-404-24042-1. Auch als: Kindred – Verbunden. Übersetzt von Mirjam Nuenning. w_orten & meer (w-orten & meer #5), 2016, ISBN 978-3-945644-05-8.
Fledgling (2005)
Sammlungen
Bloodchild and Other Stories (1995; auch: Bloodchild and Other Stories, Second Edition, 2005)
Unexpected Stories (2014)
Kurzgeschichten
Crossover (1971, in: Robin Scott Wilson (Hrsg.): Clarion)
Near of Kin (1979, in: Roy Torgeson (Hrsg.): Chrysalis 4)
Deutsch: Nahe Verwandte. Übersetzt von Leni Sobez. In: Roy Torgeson (Hrsg.): Am Vorabend des St. Poleander-Tages. Moewig (Playboy Science Fiction #6716), 1981, ISBN 3-8118-6716-4.
Speech Sounds (in: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine, Mid-December 1983)
Deutsch: Der süße Klang des Wortes. Übersetzt von Biggy Winter. In: Friedel Wahren (Hrsg.): Isaac Asimovs Science Fiction Magazin 28. Folge. Heyne SF&F #4366, 1987, ISBN 3-453-31368-2.
Bloodchild (in: Isaac Asimov’s Science Fiction Magazine, June 1984)
Deutsch: Blutsbrut. Übersetzt von Bernd Müller. In: Donald A. Wollheim und Arthur W. Saha (Hrsg.): World’s best SF 4. Bastei-Lübbe SF Special #24069, 1985, ISBN 3-404-24069-3. Auch als: Blutsbande. Übersetzt von Jürgen Langowski. In: Friedel Wahren (Hrsg.): Isaac Asimovs Science Fiction Magazin 27. Folge. Heyne SF&F #4294, 1986, ISBN 3-453-31301-1.
The Evening and the Morning and the Night (in: Omni, May 1987; auch: The Evening, the Morning, and the Night, 2015)
Bernd Kronsbein: Octavia E. Butler. Nekrolog. In: Sascha Mamczak, Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2007. Heyne, München 2007, ISBN 978-3-453-52261-9, S. 386–392.
Stephen W. Potts: „We Keep Playing the Same Record“: A Conversation with Octavia E. Butler. Science Fiction Studies 23, 3, Qusgabe 70, 1996. (Online verfügbar bei Science Fiction Studies)
Mike McGonigal: Indexed Octavia Butler. Interview. Index Magazine 1998. (Online verfügbar bei Index Magazine)
Usch Kiausch: Schreiben ist ein Akt der Hoffnung. Ein Gespräch mit Octavia E. Butler. In: Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2001. München 2001, ISBN 3-453-17944-7, S. 449–459.
Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald M. Hahn, Wolfgang Jeschke: Lexikon der Science Fiction Literatur. Heyne, München 1991, ISBN 3-453-02453-2, S.292–294.
Mary Turzillo Brizzi: Butler, Octavia E(stelle). In: James Gunn: The New Encyclopedia of Science Fiction. Viking, New York u.a. 1988, ISBN 0-670-81041-X, S.79.
John Pfeiffer: Butler, Octavia E(stelle). In: Noelle Watson, Paul E. Schellinger: Twentieth-Century Science-Fiction Writers. St. James Press, Chicago 1991, ISBN 1-55862-111-3, S.109f.
↑Science fiction writers: critical studies of the major authors from the early nineteenth century to the present day. In: Choice Reviews Online. Band36, Nr.10, 1.Juni 1999, ISSN0009-4978, S.36–5393–36–5393, doi:10.5860/choice.36-5393.
↑Margalit Fox:Octavia E. Butler, Science Fiction Writer, Dies at 58. In: The New York Times. 1.März 2006, ISSN0362-4331 (nytimes.com[abgerufen am 8.Juli 2020]).
↑Dath reiht Butler unter „jüngere, große Talente“, die Harlan Ellison gefördert habe (F.A.Z., 30. Juni 2018).
↑Henry Carnell:One week in, the Los Angeles fires are still spreading.In:Mother Jones.Abgerufen am 15.Januar 2025(amerikanisches Englisch):„A prominent resident of Altadena was MacArthur “Genius” grant–winning science fiction author Octavia Butler, who wrote an eerily prescient novel in 1993, The Parable of the Sower, that predicted massive wildfires in Los Angeles—including Altadena—in 2025, alongside the rise of a far-right president with the catchphrase “Make America Great Again.”“