Off-the-Record Messaging (OTR, deutsch inoffizielle, vertrauliche, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Nachrichtenübermittlung) ist ein Protokoll zur Nachrichtenverschlüsselung beim Instant Messaging. Es regelt die laufende Aktualisierung und Verwaltung kurzlebiger Sitzungsschlüssel.
Im Gegensatz zur Übertragung verschlüsselter Nachrichten mit OpenPGP (oder in seltenen Fällen auch mittels X.509-Zertifikat) kann man beim Off-the-Record Messaging später nicht mehr feststellen, ob ein bestimmter Schlüssel von einer bestimmten Person genutzt wurde (Prinzip der glaubhaften Abstreitbarkeit, englisch plausible deniability). Dadurch lässt sich nach Beenden der Unterhaltung von niemandem (auch keinem der beiden Kommunikationspartner) beweisen, dass einer der Kommunikationspartner eine bestimmte Aussage gemacht hat.
Umgesetzt wird dieses Prinzip durch kombinierte Verwendung des symmetrischen Kryptoverfahrens Advanced Encryption Standard (AES), des Diffie-Hellman-Schlüsselaustauschs und der kryptographischen Hashfunktion SHA-1. Es stehen eine Programmbibliothek und zahlreiche Instant-Messaging-Programme zur Verfügung, welche das Protokoll entweder direkt oder über Zusatzmodule nutzen können.
In den Statuten des Projektes sind die folgenden vier Eckpfeiler definiert:
Der folgende Abschnitt stellt vereinfacht die Funktion des OTR-Protokolls in Version 2 dar.
Während ihrer Kommunikation miteinander wählen Alice und Bob private Schlüssel beziehungsweise . Jeweils zwei, zum Beispiel und , werden zur Erzeugung eines gemeinsamen Geheimnisses mittels des Diffie-Hellman-Schlüsselaustauschs verwendet. Aus diesem Geheimnis werden die Schlüssel und berechnet.
dient zur Verschlüsselung jeder Nachricht mittels Advanced Encryption Standard (AES) im Counter Mode. Dadurch wird die symmetrische Blockchiffre AES zur Stromchiffre. Zur anfänglichen Authentifizierung verwenden Alice und Bob digitale Signaturen, wodurch sie sich während der Unterhaltung sicher sein können, mit wem sie kommunizieren. dient zur Authentifizierung einer einzelnen Nachricht mittels der Streuwertfunktion SHA-1 (Secure Hash Algorithm 1), die als Message Authentication Code (MAC) verwendet wird.
Beim Senden von Nachrichten werden neue private Schlüssel beziehungsweise und die dazugehörigen AES- und MAC-Schlüssel erzeugt. Die nicht mehr verwendeten privaten Schlüssel werden gelöscht, damit Alice nicht mehr mit ihren Nachrichten in Verbindung gebracht werden kann. Dies führt aber auch dazu, dass Alice nachträglich weder ihre eigenen noch die Nachrichten von Bob lesen kann. Zudem werden nicht mehr verwendete MAC-Schlüssel veröffentlicht, so dass jede andere Person die Nachrichten von Alice hätte signieren können.
Für den Diffie-Hellman-Schlüsselaustausch werden eine 1536-Bit-Primzahl und eine Primitivwurzel modulo mit benötigt. Alle Exponentiationen erfolgen dann modulo dieser Primzahl.
Zu Beginn eines Gesprächs müssen initiale Schlüssel ausgetauscht werden und die Authentizität der Gesprächsteilnehmer überprüft werden, das heißt Alice und Bob müssen sich jeweils sicher sein, mit wem sie kommunizieren. Dies verhindert, dass Alice beispielsweise anstatt mit Bob mit der Angreiferin Eve einen Schlüsselaustausch durchführt. Der ganze Vorgang wird Authenticated Key Exchange (AKE) genannt und mit dem SIGMA-Protokoll umgesetzt:
Zwischendurch wird die Verbindung möglichst immer mit AES verschlüsselt und einzelne Nachrichten mittels SHA-256-HMAC authentifiziert.
Angenommen, Alice möchte an Bob die Nachricht schicken. Sie führt dabei folgende Schritte aus:
Bob empfängt die weiter oben erzeugten Daten von Alice und führt folgende Schritte durch:
Ein weiteres Sicherheitskonzept ist die Fälschbarkeit. Durch die zur Verschlüsselung verwendete Stromchiffre (AES im Counter Mode), bei der der Klartext einfach mit einem XOR verknüpft wird, um den Geheimtext zu erhalten, kann bei erfolgreichem Erraten eines Teils des Klartexts der Angreifer den Geheimtext so modifizieren, dass dieser Teil sich zu einem beliebigen Text entschlüsselt. Dies verringert nicht die Sicherheit, da Bob sich durch das Signieren der Nachricht mit dem MAC-Schlüssel sicher sein kann, dass die verfälschte Nachricht nicht von Alice stammt. Im Nachhinein kann aber der Angreifer diese Nachricht signieren, da der zugehörige MAC-Schlüssel veröffentlicht wurde. So wird erschwert, dass Alice durch den Inhalt einer Nachricht mit ihr in Verbindung gebracht werden kann, da nachträglich die Nachricht für jeden signierbar und beschränkt modifizierbar ist.
Eine computergestützte Kryptoanalyse des Protokolls in der Version 2 wurde von der Stanford University durchgeführt, wobei mehrere Schwachstellen entdeckt wurden: Durch einen Mittelsmannangriff ist es möglich, auf eine ältere Version des Protokolls (zum Beispiel Version 1) zu wechseln, um so deren Schwachstellen auszunutzen. Weiterhin ist die Abstreitbarkeit im starken Sinne, das heißt, dass jeder eine Nachricht hätte signieren können, bei einem Angreifer mit vollständiger Kontrolle über das Netzwerk nicht mehr gegeben. Dieser kann die veröffentlichten MAC-Schlüssel durch zufällige Daten ersetzen, wodurch es anderen nicht mehr möglich ist, mit diesen Schlüsseln Nachrichten gültig zu signieren. Zudem haben die Autoren einen Angriff bei der Authentifizierung im AKE gefunden, der jedoch entdeckt werden kann und keine weitreichenden Folgen nach sich zieht.
| libotr | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Entwickler | Das OTR-Team |
| Aktuelle Version | 4.1.1 (9. März 2016) |
| Betriebssystem | Windows, Linux, xBSD, macOS |
| Programmiersprache | Java (java-otr) bzw. C (libotr) |
| Kategorie | Verschlüsselung |
| Lizenz | LGPL/GPL (Freie Software) |
| deutschsprachig | ja |
| otr.cypherpunks.ca | |
Als Referenzimplementierung des Protokolls steht von den beiden Entwicklern, Ian Goldberg und Nikita Borisov, eine Programmbibliothek namens libotr zur Verfügung. Sie ist als freie Software auch im Quelltext veröffentlicht und unter den Bedingungen der GNU Lesser General Public License (LGPL) lizenziert. Mit der Bibliothek wird ein Toolkit zum Fälschen von Nachrichten geliefert. Die Entwickler stellen auch ein Plugin für Pidgin zur Verfügung. Letztere unterstehen beide den Bedingungen der GNU General Public License (GPL).
Die folgenden Clients unterstützen Off-the-Record Messaging nativ. Das schließt ein, dass man mit ihnen OTR mit allen implementierten Instant-Messaging-Protokollen verwenden kann (zum Beispiel OSCAR, XMPP, MSN und YIM). Eine weitere Liste mit Programmen findet sich auf der Website der Entwickler.
Zunächst wurde auch ein Proxy entwickelt, der die Nutzung mit dem OSCAR-Protokoll (AIM/ICQ) ermöglichen sollte, auch wenn der Chatclient selbst OTR nicht unterstützt. Die Software wird seit 2005 nicht mehr weiterentwickelt und der Hersteller rät von der Benutzung ab.
OTR wurde von Nikita Borisov, Ian Avrum Goldberg und Eric A. Brewer 2004 beim „Workshop on Privacy in the Electronic Society“ (WPES) als Verbesserung gegenüber dem OpenPGP- und dem S/MIME-System vorgestellt. Am 21. November 2004 wurde die erste Version 0.8.0 der Referenzimplementierung veröffentlicht. 2005 wurde von Mario Di Raimondo, Rosario Gennaro und Hugo Krawczyk eine Analyse vorgestellt, die auf mehrere Schwachstellen aufmerksam machte und Korrekturen dazu vorschlug, darunter insbesondere eine Sicherheitslücke beim Schlüsselaustausch. Daraufhin wurde 2005 Version 2 des OTR-Protokolls veröffentlicht, die eine Variation der vorgeschlagenen Modifikation umsetzt, die zusätzlich die öffentlichen Schlüssel verbirgt. Zusätzlich wurde für Chatsysteme mit begrenzter Nachrichtengröße die Möglichkeit zur Fragmentierung von OTR-Nachrichten eingeführt und eine einfachere Überprüfungsmöglichkeit gegen Mittelsmannangriffe ohne den Abgleich von Schlüsselprüfsummen implementiert. Dabei kann über das Sozialistische-Millionäre-Protokoll das Wissen um ein beliebiges gemeinsames Geheimnis genutzt werden, bei welchem auch eine relativ niedrige Entropie tolerierbar ist. 2012 wurde Version 3 des Protokolls veröffentlicht. Als Maßnahme gegen fortwährenden Neuaufbau einer Sitzung mit mehreren konkurrierenden Chat-Clients, die gleichzeitig auf dieselbe Benutzeradresse angemeldet sind, wurde in Version 3 eine genauere Kennung der Sender- und Empfänger-Client-Instanz eingeführt. Außerdem wird ein zusätzlicher Schlüssel ausgehandelt, der für einen weiteren Datenkanal genutzt werden kann.
Zur Unterstützung mehrerer Gesprächsteilnehmer wurden mehrere Systeme vorgeschlagen. Ein 2007 von Jiang Bian, Remzi Seker und Umit Topaloglu vorgeschlagenes Verfahren nutzte das System eines Teilnehmers als „virtuellen Server“. Das 2009 veröffentlichte Verfahren „Multi-party Off-the-Record Messaging“ (mpOTR) kam ohne zentrale Organisationsinstanz aus und wurde von Ian Goldberg et al. in Cryptocat eingeführt. 2013 wurde in TextSecure das Axolotl-Protokoll eingeführt, das auf OTR Messaging und dem Silent Circle Instant Messaging Protocol (SCIMP) basiert. Es brachte als zentrales Zusatzmerkmal die Unterstützung asynchroner Kommunikation („Offline-Nachrichten“), sowie außerdem bessere Resilienz bei gestörter Nachrichtenreihenfolge und simplere Unterstützung mehrerer Gesprächsteilnehmer. Das 2015 in Conversations eingeführte OMEMO integriert Axolotl in das Instant-Messaging-Protokoll XMPP („Jabber“) und ermöglicht nunmehr auch Dateiübertragungen abzusichern. Es wurde im Herbst 2015 bei der XMPP Standards Foundation zur Standardisierung eingereicht.
Das Socialist-Millionaires'-Protokoll (SMP) ermöglicht, den sonst out of band stattfindenden Vergleich der Fingerprints der öffentlichen Schlüssel durch ein shared Secret zu ersetzen.