Online-Deliberation

Online-Deliberation unterstützt die Öffentlichkeit mit Internet-Anwendungen beim Abstimmen ihrer Meinung und der Willensbekundung zu politischen Themen. In der deliberativen Demokratie ermitteln freie und gleiche Bürger mit öffentlicher Abwägung die Beste für (möglichst) alle tragbare Lösung politischer Probleme. In der Internet-Standardisierung wird Konsens-basierte Entscheidungsfindung unter dem Begriff „rough consensus“ seit Mitte der 1990er Jahre eingesetzt. Von Bürgern öffentlich untereinander abgestimmte politische Lösungen erhalten so mehr Berechtigung als eine reine Wahl nach Mehrheit. Das Internet erleichtert es, Interessierte einzubinden, und macht so getroffene Entscheidungen sowie den Weg zu ihnen leicht für die Öffentlichkeit nachvollziehbar.

Begriffsklärung

Online-Deliberation vereinfacht es, die Öffentlichkeit in die politische Meinungsbildung einzubeziehen. Sie folgt dem Modell der „kritischen“ deliberativen Demokratie nach Habermas. Der politische Meinungsaustausch durch die Öffentlichkeit ist die ursprüngliche Berechtigung der demokratischen Entscheidungsfindung. Betrachten Teilnehmende und Gesellschaft die so erzielte Entscheidung als demokratischen Mehrwert, dann hat sie ihr stärkstes Gewicht. Übereinstimmung ist hierbei der Weg, nicht das Ziel. Übereinstimmung ist also nur die Methode, mit der die beste mögliche Entscheidung getroffen wird. Die Übereinstimmung lässt sich nicht erzwingen und wo sie nicht besteht, lässt sich mit dieser Art der Entscheidungsfindung nichts entscheiden.

E-Partizipation ermöglicht der Öffentlichkeit eine Meinungsbildung zu Themen, die von einem Parlament oder einer Verwaltung vorgegeben wird. Online-Deliberation ermöglicht der Öffentlichkeit zusätzlich, eigene politische Themen zu formulieren oder auch über umzusetzende politische Lösungen als gegenüber Verwaltung und Parlament auf Augenhöhe respektierter Interessenverband der Öffentlichkeit mit zu entscheiden. Online-Deliberation ist ihrerseits Teil der politischen Online-Meinungsbildung. Politische Online-Meinungsbildung umfasst jede Art politischer Diskussion im Internet, wie sie etwa auch in sozialen Medien stattfindet. Politische Online-Meinungsbildung verfolgt nicht die Ziele der Online-Deliberation, ist keine Form deliberativer Demokratie und beansprucht das auch nicht.

LiquidFeedback und die isländische Plattform „My neighborhood“ unterstützen Meinungsbildung durch die Öffentlichkeit. Beide erfordern keine Moderation und entscheiden mit Mehrheitsstimmrecht. Eine abwägende Meinungsbildung findet nicht oder mit einem anderen Ablauf statt.

Ziele

Demokratische Bürger fordern mehr politische Gestaltungsmöglichkeiten. Politiker und Verwaltung beziehen Bürger in Entscheidungen ein, um deren Qualität zu verbessern und ihnen so mehr Berechtigung zu geben. Vorteilhafte Ergebnisse einer gemeinsamen abwägenden Lösungsfindung durch alle Teilnehmenden stärken deren demokratisches Verständnis und damit die Demokratie selbst. Die Bürgerschaft, die kommunale Angelegenheiten mitgestaltet, bildet den Ursprung der Demokratie bis zurück ins Altertum. Wie die Bürgerbeteiligung insgesamt wenden sich am Anfang des 21. Jahrhunderts viele Online-Deliberation Anwendungen an thematisch, regional oder kommunal begrenzte Nutzergruppen. Online-Deliberation ist zu diesem Zeitpunkt über die ersten Schritte hinaus, aber trotzdem noch im Entwicklungsstadium. Die Erwartungen der beteiligten Gruppen sind hoch. Die Möglichkeit, Missverständnisse auszuräumen und Verbesserungen in Abläufen umzusetzen steigt durch geteiltes und etwa gleiches örtliches und thematisches Wissen aller Teilnehmenden. Überschaubare Gruppen lösen ihre Konflikte und treffen ihre bedeutenden Entscheidungen leichter auf der ergänzend zur Online-Deliberation notwendigen Ebene persönlicher Treffen. Persönliches Zusammenkommen mit Online-Teilnehmenden holt diese aus der Anonymität.

Die Online-Deliberation ergänzt notwendige Bausteine der Meinungsbildung durch die sich beratende Bürgerschaft, die ohne sie nur schwer umsetzbar sind:

Leichter umsetzbare Deliberative Demokratie durch Online Deliberation (Abb. angelehnt an ein Original von Dennis Frieß)
Leichter umsetzbare Deliberative Demokratie durch Online Deliberation (Abb. angelehnt an ein Original von Dennis Frieß)

Erleichterte Umsetzung durch thematische Begrenzung

Breit geteiltes Wissen zu einem Problem und den Ansätzen zu seiner Behebung erlaubt es gemischten, gleichberechtigten und gleichwertigen Teilnehmenden eine Lösung abzustimmen. Bei Online-Deliberation zur Lösung technischer Probleme diskutieren zunächst Fachexperten je Spezialgebiet. Politisch wird die Diskussion auf Augenhöhe leichter, wenn Bewohner eines Viertels oder einer Stadt ihre eigenen Angelegenheiten regeln. Auf Städte, Viertel und Gemeinden bezogen ist die politische Online Deliberation einfacher anwendbar:

Auf regionaler und nationaler Ebene ist geteilte Problemkenntnis in einem großen Teilnehmerkreis seltener.

Kritik

Der Widerspruch zwischen möglichst repräsentativer Beteiligung und einer Meinungsbildung basierend auf gleichwertigen Beiträgen auf Augenhöhe lässt sich nicht auflösen. Lehnt man deliberative politische Meinungsbildung zu regionalen oder nationalen Problemen an Online-Deliberation im technischen Bereich an, dann sollten zunächst nur Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen, aber vergleichbarer Wissenstiefe diskutieren. Deren gemeinsam erreichtes Ergebnis wird vor einer abschließenden Festlegung einer breiteren Diskussion unterzogen, einem Blick aus anderen Winkeln also. Die Technik-bezogene Online-Deliberation zur Internet-Standardisierung verläuft in diesen Schritten. Ob auf diesem oder einem anderen Weg: hier bestehen sich widersprechende Ziele. Die Auflösung dieses Widerspruchs erfordert wiederum Übereinstimmung zwischen den Teilnehmenden an der Online Deliberation.

Nicht exakt festlegbar ist auch die Frage, wann Konsens besteht. Lösungsansätze aus langjähriger Erfahrung bestehen und erkennen an, dass es schwer sein kann, Konsens festzulegen. Idealerweise gibt es zu einem deliberativ abgestimmten Lösungsvorschlag keine Einwände mehr. Bestehen mehrere Lösungsvorschläge, wäre der zu wählen, mit dem die überwiegende Mehrheit Leben kann. Politische Entscheidungen einer Mehrheit auf Kosten einer Minderheit dürfen nicht ausgrenzend sein. Der Minderheit muss spürbar entgegengekommen werden (Beispiele wären mit den Betroffenen abgestimmter, spürbarer und wirklich durchgesetzter Lärm- und Abgasschutz oder auch eine Beteiligung an wirtschaftlichen Gewinnen bei Baumaßnahmen aller Art, die örtlich zu hohen oder sich steigernden Belastungen von Anwohnern führen).

Online-Deliberation darf nicht anonym bleiben. Persönliche Kenntnis der Handelnden untereinander fördert den gegenseitigen Respekt. Zudem ersetzt Online Deliberation persönliche Treffen nicht. Oft lassen sich Lösungen bis auf einen oder wenige Knackpunkte abstimmen. Online Deliberation ermöglicht es aber, verschiedene Sichtweisen vor einem persönlichen Treffen auszuformulieren, so dass sie vor einem solchen Treffen bekannt sind. Schwierige einzelne Punkte sind bei öffentlichen persönlichen Treffen und bei unter allen Teilnehmenden vorhandenem Willen zur Einigung oft lösbar.

Beispiele

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Elisa Bruno: Co-deciding with Citizens: Towards Digital Democracy at EU Level. Hrsg.: ECAS. 2015, ISBN 978-2-87451-028-1, 3. ICT and Deliberation, S. 47, Seite 11 (englisch, ecas.org [PDF; 2,1 MB; abgerufen am 6. September 2020]).
  2. ↑ Dennis Frieß: Online Deliberation Complete. Towards a new framework to analyze and explain deliberation. Hrsg.: Conference Paper prepared for the 65thICA Annual Conference. San Juan, Puerto Rico 21. Mai 2015, S. 38, Seite 2 (englisch, researchgate.net [PDF; 984 kB; abgerufen am 6. September 2020]).
  3. ↑ Dennis Frieß: Online-Deliberation. Hrsg.: Düsseldorf Institute for Internet and Democracy (= DIID-Précis. Dec 2016). Düsseldorf November 2016, S. 7 (hhu.de [PDF; 535 kB; abgerufen am 6. September 2020]).
  4. ↑ Pete Resnick: RFC: 7282 – On Consensus and Humming in the IETF. Juni 2014, Abschnitt 5: Consensus is the path, not the destination. (englisch).
  5. ↑ Jennifer Stromer-Galley: Political Discussion and Deliberation Online. Hrsg.: The Oxford Handbook of Political Communication. Oxford August 2017, Contemplations on the State of This Area of Inquiry, S. 18, Seite 9, doi:10.1093/oxfordhb/9780199793471.013.015_update_001 (englisch, oxfordhandbooks.com [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 6. September 2020]).
  6. ↑ Better Reykjavik. Ein beratendes Projekt der Stadt Reykjavík. The Citiziens Foundation and the City of Reykjavík, abgerufen am 17. September 2020: „Better Reykjavík is an online consultation forum where citizens are given the chance to present their ideas on issues regarding services and operations of the City of Reykjavík“
  7. ↑ Dennis Frieß, Pablo Porten-Cheé: What do Participants take away from local eParticipation. Analyzing the Success of local eParticipation from a Democratic Citizens’ Perspective. In: Analyse und Kritik. Band 40, Nr. 1, Juni 2018, 1 Introduction, S. 29, Seite 2, doi:10.1515/auk-2018-0001 (englisch, researchgate.net [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 6. September 2020]).
  8. ↑ Alicia Lindhoff: Alle Kanäle öffnen. In: Frankfurter Rundschau. 15. September 2020, ISSN 0940-6980, S. 2 (fr.de [abgerufen am 16. September 2020]).
  9. ↑ Viktoria Beinrott: Bürgerorientierte Smart City. Hrsg.: TOGI (= TOGI Schriftenreihe. Band 12). epubli, 2015, ISBN 978-3-7375-3170-2, ISSN 2193-8946, 5 Empfehlungen für eine bürgerorientierte Smart City, S. 100, Seite 87 (zu.de [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 6. September 2020]).
  10. ↑ Dennis Frieß: Online Deliberation Complete. Towards a new framework to analyze and explain deliberation. Hrsg.: Conference Paper prepared for the 65thICA Annual Conference. San Juan, Puerto Rico 21. Mai 2015, An empirical framework for online deliberation, S. 38, Seite 15 (englisch, researchgate.net [PDF; 984 kB; abgerufen am 6. September 2020]).
  11. ↑ Pete Resnick: RFC: 7282 – On Consensus and Humming in the IETF. Juni 2014 (englisch).
  12. ↑ Julia Macher: Wenn Bürger Politik gestalten. Barcelonas Erfolg mit der Plattform Decidim. Deutschlandfunk, 4. März 2020, abgerufen am 19. September 2020.
  13. ↑ Alicia Lindhoff: Städte der Zukunft – Die Welt im Kleinen. In: Frankfurter Rundschau. 11. September 2020, ISSN 0940-6980, S. 2 (fr.de [abgerufen am 16. September 2020]).
  14. ↑ C. Faulí et al.: Study on the benefits and drawbacks of remote voting. Hrsg.: European Union. 2018, ISBN 978-92-79-97406-9, S. 262, Seite 207 (englisch, europa.eu [PDF; abgerufen am 17. September 2020]).
  15. ↑ Four News Startups Trying To Improve Civic Discourse. In: Nieman Reports. 27. Juni 2018, abgerufen am 11. Juni 2023 (englisch).