
Aktion Bernhard (auch Unternehmen Bernhard oder Operation Bernhard) wurde eine Geldfälschungsaktion des Sicherheitsdienstes (SD) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in der Zeit des Nationalsozialismus genannt. Sie ist die bislang größte bekannte Geldfälscheraktion der Geschichte. Ziel war eine massenhafte Fälschung der Pfundnoten der Bank of England in höchster Qualität.
Das Fälschungsprojekt hatte im Wesentlichen zwei Ziele: Das eine war, die britische Wirtschaft mit Falschgeld zu überschwemmen. Die Aktion hätte bei konsequenter Umsetzung dieselben negativen Auswirkungen gehabt wie eine extrem expansive Geldpolitik der Bank of England – durch die Überschwemmung der Volkswirtschaft mit Geld wäre es im Erfolgsfall zu einer enormen Inflation gekommen. Es war weiterhin davon auszugehen, dass die Aktion bei Bekanntwerden in der britischen Öffentlichkeit zu einem Verlust der Glaubwürdigkeit des Pfund Sterling geführt hätte. Dadurch hätte es in großem Umfang zu einem Verlust der Zahlungsmittelfunktion des britischen Geldes kommen können (d. h. britische Konsumenten und Läden hätten die eigene Währung nicht mehr akzeptiert), wodurch der Wirtschaftskreislauf der Volkswirtschaft erheblich gestört worden wäre.
Das andere Ziel war die Bereicherung und Beseitigung der akuten Devisennot des NS-Regimes. Die Operation erbrachte erhebliche Einnahmen aus Geldschöpfungsgewinnen, da die gefälschten Banknoten auf dem internationalen Finanzmarkt abgesetzt werden konnten. Zudem war es hochgestellten Angehörigen des Regimes möglich, sich durch Umtausch der „Blüten“ in andere Währungen und Gold auch persönlich zu bereichern.
Die Bank von England räumte im Jahr 2003 ein, dass die Falschgeldaktion die Stabilität des Pfunds in der Kriegszeit ernsthaft bedroht hatte. Es kann von einer Gefahr für die Stabilität des internationalen Finanzsystems in diesem Zeitraum ausgegangen werden.
Es wurde auch die Möglichkeit genutzt, nur die Vorderseite der „Banknoten“ wie ein Original zu gestalten, auf der Rückseite jedoch einen arabischen Text abzudrucken. Diese Scheine wurden um 1943 über Afrika abgeworfen und postulierten den baldigen Untergang Großbritanniens. Ein solcher Geldschein ist in der Sammlung Winkelhöfer / Dresden erhalten.
Am 1. September 1939 überfiel das „Dritte Reich“ Polen, was aus europäischer Sicht als Beginn des Zweiten Weltkrieges gesehen wird. Am 18. September 1939 unterbreitete Arthur Nebe, Leiter des Reichskriminalpolizeiamts, auf einer Sitzung des Finanzministeriums den Vorschlag, bekannte Fälscher für die Herstellung echt wirkender britischer Banknoten einzusetzen. Der Plan war es, 30 Milliarden Pfund über Großbritannien abzuwerfen, um die damalige Leitwährung zu erschüttern.
SS-Oberhaupt Reinhard Heydrich gefiel der Plan, Propagandaminister Joseph Goebbels stufte ihn als grotesk ein und der Reichsminister für Wirtschaft Walther Funk lehnte ihn ab, da er gegen internationales Recht verstieß. Adolf Hitler genehmigte schließlich den Plan. Dieser gab vor, sich vorerst auf das Pfund Sterling (£) als Währung zu beschränken, wenngleich auch Dokumente wie Reisepässe, Urkunden und Briefmarken gefälscht wurden, die u. a. zur Verwirrung im Ausland und für die Spionage dienten.
Nach Erhalt der Zustimmung Hitlers befahl Heydrich die Einrichtung einer Fälschungsabteilung unter dem Codenamen Unternehmen Andreas bzw. Aktion Andreas. Die Bezeichnung leitete sich dabei vom Andreaskreuz im Union Jack ab.
Der SD-Mitarbeiter Alfred Naujocks war im Dezember 1939 Chef der Gruppe Technik im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und wurde mit einem Etat von rund 2 Mio. Reichsmark ausgestattet, um britische Pfundnoten zu fälschen. In der Berliner Delbrückstrasse begannen die Vorbereitungen. So wurde das Papier echter Pfund-Noten an deutschen Universitäten mithilfe etwa zwölf verschiedener physikalischer, optischer und chemischer Tests analysiert.
Fälschungen dieser Zeit werden heute als Serie A bezeichnet; die Produktion war noch nicht für eine Massenproduktion ausgelegt.
Etwa im Juli 1942 wurde die Aktion Andreas von SD-Chef Walter Schellenberg an den Sturmbannführer Bernhard Krüger übergeben, welcher die Aktion nach seinem Vornamen umbenannte.
Zuständig für die Aktion Bernhard im RSHA war (vermutlich) weiterhin das „Amt VI (SD Ausland) F (Technische Hilfsmittel)“. Versuche der Aktion Andreas, in regimetreuen Facharbeiterkreisen geeignete Arbeiter für die Operation zu gewinnen, waren misslungen und das RSHA ließ die Druckerei in den eigenen Räumen schließen. Anschließend griff die SS auf besonders qualifizierte Häftlinge der deutschen KZ und Vernichtungslager zurück und ließ die Drucktechnik in ein KZ verlegen. Für die Aktion war ein erheblicher Aufwand notwendig. So musste der Algorithmus der Seriennummern und die Ausgabezeit mit realen Banknoten übereinstimmen, die Qualität sollte mit der von echten Banknoten vollkommen übereinstimmen. Die richtige Zusammensetzung des Papiers stellte dabei ein großes Problem dar; erst nach hunderten von Versuchsreihen wurde die Zusammensetzung ermittelt und imitiert. Das Papier für die Geldfälschungsaktion stammte zunächst aus der Papierfabrik Spechthausen im Landkreis Oberbarnim in der Provinz Brandenburg. Die Fabrik stellte von 1874 bis 1945 das Papier für die Reichskassenscheine und fast alle Banknoten sowie Wert- und Kreditbriefe, Aktien, Schecks und andere Wertpapiere für das Deutsche Reich her. Im Zuge der Umstellung der Falschgeldproduktion auf Massenfertigung erfolgte die Verlagerung der Papierproduktion zur Papierfabrik Hahnemühle in Relliehausen (heute ein Ortsteil von Dassel). Nach eigenen Angaben stellte Hahnemühle rund 1,5 Millionen Druckbogen für Pfundnoten her. Die Fabrik wurde zum kriegswichtigen Betrieb erklärt, die Belegschaft unter Eid genommen. Drucktechnisch wurde dieser Staatsauftrag im KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin realisiert.
In den KZ-Baracken 18 und 19, fälschten 140–144 jüdische Häftlinge (siehe Kapitel Eingesetzte Häftlinge) mithilfe professioneller Geldfälscher ausländische Währungen, vor allem englische Pfundnoten mit Nennwert in Höhe von 132 Millionen Pfund, um die Volkswirtschaften der Alliierten zu destabilisieren. Das entsprach 15 Prozent des britischen Bargeldumlaufes. Einen Höhepunkt erreichte die Produktion im Sommer 1943 mit monatlich etwa 650.000 Banknoten.
Von 1942 bis 1945 wurden Banknoten zu £5, £10, £20 und £50 hergestellt. Später wurde der Plan aufgegeben, die falschen Pfundnoten in größerem Umfang in Umlauf zu bringen. Friedrich Schwend, Sitz Schloss Labers, wurde 1943 Vertriebsleiter für die gefälschten Devisen. Stattdessen wurden damit Devisen gekauft und verschiedene Aktionen der SS mit den gefälschten Pfundnoten unterstützt. So wurde beispielsweise der Spion „Cicero“ (Elyesa Bazna) mit gefälschten Pfundnoten bezahlt.
Die „Blüten“ wurden nach A-, B- und C-Noten sortiert. Dabei waren Scheine der A-Klasse Geldscheine, „die auch Banken akzeptiert haben“, während die C-Noten für einen Abwurf über Großbritannien vorgesehen waren.
Ende Februar 1945 wurden die Fälschungsarbeiten im KZ Sachsenhausen eingestellt, da die Rote Armee weiter vorrückte. Maschinen, Falschgeld und Häftlinge wurden zunächst über Prag per Bahn ins KZ Mauthausen, dann ins KZ-Nebenlager Redl-Zipf verlegt. Die Produktion wurde aber nicht mehr aufgenommen; Druckplatten und verbliebenes Falschgeld wurden in der Nacht vom 28./29. April 1945 im österreichischen Toplitzsee versenkt. Dort wurden sie zum Teil 1959 (im Auftrag des Magazins Der Stern), 1963 (Innenministerium Österreich) und 2000 (TV-Sender CBS) von Tauchern geborgen.
SS-Wachmänner überführten die Häftlinge in das nahegelegene KZ Ebensee, wo sie mit den anderen Insassen am 5. Mai 1945 von US-amerikanischen Truppen der 11. US-Panzerdivision der 3. US-Armee befreit und an das Rote Kreuz übergeben wurden. Wesentlichen Anteil daran hatte Louis Häfliger, der sich als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zur Begleitung eines Lebensmitteltransports im Lager aufhielt. Damit hatten fast alle der KZ-Häftlinge der Fälschungsaktion die Zeit im KZ überlebt.
Bernhard Krüger wurde im Jahre 1946 von den britischen Behörden verhaftet und verbrachte insgesamt vier Jahre in alliierter Haft. Juristisch wurde er nie belangt. Nach der Haftentlassung lebte er in Dassel und arbeitete bei der Papierfabrik Hahnemühle, die das Papier für die gefälschten Pfundnoten geliefert hatte, und zog später nach Hamburg, wo er 1989 starb.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Infrastruktur von Nationalsozialisten und Überlebenden des Holocaust genutzt, um über Italien nach Palästina oder nach Lateinamerika zu kommen.
Die Bank of England rief nach dem Krieg alle Pfund-Noten ab fünf Pfund zurück. Sie vernichtete damit zwar auch die echten Banknoten, dafür waren aber alle Fälschungen aus dem Verkehr gezogen. Es gab aber keine andere Möglichkeit, weil diese kaum von den falschen zu unterscheiden waren. Neue Pfund-Noten wurden nach und nach neu herausgegeben (£5: 1945, £10: 1964, £20: 1970, £50: 1981) und hatten dann zusätzliche Sicherheitsmerkmale.
Bei den eingesetzten Häftlingen handelte es sich nicht um „zufällig“ anwesende Häftlinge. Drucker, Graveure und Schriftsetzer aus zahlreichen europäischen Ländern wurden zwischen Sommer 1942 und Sommer 1944 gezielt ins KZ Sachsenhausen zur Zwangsarbeit verschleppt, insgesamt circa 142 Männer. Sieben Häftlinge wurden aus Geheimhaltungsgründen erschossen, da sie nicht zu unbeteiligten Häftlingen ins Krankenlager durften, und zwei Gefangene konnten kurz vor ihrer Befreiung fliehen.
„...Entsprechend dem Befehl hatte ich die Aufgabe, mit Häftlingen jüdischer Abstammung die Geldfälscheraktion durchzuführen. Aus diesem Grund suchte ich zunächst 39 Häftlinge aus, die aus dem KL [KZ] Sachsenhausen zugehörig. Weiter, über 100 Häftlinge, übernahm ich vom KL Ausschwitz. Ich betone ausdrücklich, dass es sich bei diesen Häftlingen, von einer Ausnahme abgesehen, um keine kriminellen Elemente, bzw. berufsmäßige Fälscher und Zuchthäusler, gehandelt hat....“
Von ihnen waren in den 2010er Jahren noch drei am Leben. Einer war Adolf Burger (1917–2016), der in Auschwitz-Birkenau als Nr. 64.401 gekennzeichnet worden war. Er hat über seine Erlebnisse während dieser Zeit ein Buch verfasst (siehe auch zum Film Die Fälscher). Ein anderer ist Abraham Sonnenfeld, dessen Vater in Transsilvanien ein Druckhaus besaß, und auch Jack Plapler (1919–2015) stand noch länger als Zeitzeuge zur Verfügung.
Die technischen und logistischen Rahmenbedingungen im KZ Sachsenhausen waren für eine große Produktionsmenge zwar vorhanden, aber die KZ-Häftlinge leisteten Widerstand und riskierten zu der ohnehin allgegenwärtigen Todesgefahr ihr Leben. So wurden beispielsweise ca. neun Millionen britische Pfund-Scheine gedruckt, aber nur 670.000 Scheine an das Reichssicherheitshauptamt ausgeliefert, somit eine Makulaturquote von 92 %. Die Facharbeiter verzögerten absichtlich die Aktion und produzierten Ausschuss.
Trotz der grundsätzlichen Perfektion der Herstellung konnte einer der ehemaligen Häftlinge zur Überraschung seiner britischen Befrager mit erstaunlicher Schnelligkeit gefälschte Noten erkennen. Als Erklärung gab er an, dass die druckfrischen Noten noch nachbearbeitet wurden, um diesen das Aussehen gebrauchter Scheine zu verleihen. Dazu gehörte auch das Zusammenheften von Scheinen mittels Sicherheitsnadeln, ein damals übliches Vorgehen, das kleine Einstichlöcher im Papier hinterließ. Im Bestreben, die Pläne ihrer Auftraggeber zu hintertreiben, stachen die Häftlinge dabei durch das Wappen, was kein patriotischer Brite tun würde.
Auf Weisung von Heinrich Himmler wurde auch die Fälschung britischer Briefmarken in Auftrag gegeben. Die erste Propagandafälschung war eine Verfälschung des Motives der Gedenkmarke zu 1⁄2 Penny anlässlich des königlichen Silberjubiläums 1935. Der Kopf des britischen Königs wurde durch den Kopf Josef Stalins ersetzt. Es wurden weitere Motive gefälscht, so die Marke anlässlich der Königskrönung von 1937 und der britischen Dauermarkenserie von 1937 mit dem Porträt von König George VI.
Mit der Ausführung dieser Fälschungen hatte Bernhard Krüger den Maler und Grafiker Leo Haas beauftragt.