Orthodoxer Marxismus

Karl Kautsky (1904), führender Theoretiker der orthodoxen Marxisten in Deutschland

Der orthodoxe Marxismus, auch marxistische Orthodoxie genannt (Griechisch für „Rechtgläubigkeit“) bezeichnet eine marxistische Strömung, die sich im Zuge der Revisionismusdebatte um Eduard Bernstein Ende des 19. Jahrhunderts aus dem zuvor als einheitlich verstandenen Marxismus herausbildete und insbesondere mit der deutschen Sozialdemokratie unter Karl Kautsky verbunden war.

Kennzeichnend ist die orthodox-marxistische Auffassung des historischen Materialismus als deterministische Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung, die Annahme einer gesetzmäßigen Zuspitzung der Widersprüche des Kapitalismus sowie die Annahme einer wissenschaftlich begründeten Notwendigkeit und Unausweichlichkeit des Sozialismus. Politisch hielt der orthodoxe Marxismus am Ziel der revolutionären Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft und an der Überwindung des Kapitalismus durch den Klassenkampf fest.

Als weitere bedeutende Theoretiker gelten August Bebel, Georgi Walentinowitsch Plechanow und Antonio Labriola. Darüber hinaus sind in Abgrenzung zum Reformismus auch Vertreter des Austromarxismus wie Otto Bauer und Rudolf Hilferding sowie Revolutionäre wie Lenin, Rosa Luxemburg und Leo Trotzki als „orthodoxe Marxisten“ bezeichnet worden.

Politische Ausrichtung

Marek Waldenberg (2000) definiert den „orthodoxem Marxismus“ als eine marxistische Strömung sowie eine internationale Erscheinung mit mehreren nationalen Varianten. Er habe sich erst im Zuge der Revisionismus-Debatte um Eduard Bernstein aus dem zuvor „einheitlichen Marixmus“ herausgebildet und lasse sich in der Theorie vorrangig charakterisieren „durch die Behandlung des historischen Materialismus als einer deterministischen Theorie von der gesellschaftlichen Entwicklung“. Folgende weitere Ausführungen macht Waldenberg zu der Strömung:

„Für den orthodoxen Marxismus ist auch die Anerkennung der Hauptelemente der Marxschen Analyse der Ökonomie des Kapitalismus als System deren innere, immanente Widersprüche sich systematisch zuspitzen werden, bezeichnend. Im Verständnis des Sozialismus zeichnet sich der orthodoxe Marxismus in erster Linie dadurch aus, daß er die Notwendigkeit des Sozialismus als wissenschaftlich erwiesen betrachtete; weiter behauptet er, daß der Sozialismus deswegen unausweichlich sei, weil die Arbeiterklasse ihn notwendigerweise verwirklichen will und stark genug sein wird, um dies zu erreichen. Der Sozialismus wurde vom orthodoxen Marxismus in erster Linie als vollständige oder fast vollständige Vergesellschaftung der Produktionsmittel verstanden. Die Eroberung der Staatsmacht wird als notwendige Voraussetzung und als Anfang der sozialistischen Umwälzungen angesehen. Im Bereich der Strategie forderte der orthodoxe Marxismus die Politik der totalen Opposition, wenn auch in abgemildeter Form.“

Marco Iorio (2012) definiert „orthodoxen Marxismus“ in seiner Einführung in die Theorien von Karl Marx als die Position der deutschen Sozialdemokratie unter der Führung ideologischen Führung Karl Kautskys bis ca. 1914, dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Inhaltlich habe sich dieser orthodoxe Marxismus dadurch ausgezeichnet, dass der Klassenkampf und die Vorbereitung einer proletarischen Revolution weiterhin Teil des politischen Programmes der Sozialdemokratie waren.

Als ein Definitionsmerkmal des orthodoxen Marxismus sieht Lothar Fritze (2014) das „Festhalten am Ziel der revolutionären Umgestaltung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in Kombination mit der Auffassung, dass diese weltweite Revolution sich nicht ohne Gewalt vollziehen wird.“ In diesem Zusammenhang sieht Fritze sowohl Wladimir Iljitsch Lenin als auch Rosa Luxemburg im orthodox-marxistischen Denken verankert. Weder Marx noch Engels (oder später Lenin) hätten sich jemals ernsthaft mit der Frage beschäftigt, ob und auf welche Art und Weise der Sozialismus mit demokratischen, nichtrevolutionären Mitteln durchsetzbar sein könnte. Da orthodoxe Marxisten davon überzeugt sind, dass eine evolutionäre Anpassung des Kapitalismus an die Anforderungen der Produktionskraftentwicklung unmöglich und somit nur durch eine Revolution überwindbar sei, stelle der Marxismus als die einzige Alternative zur Rettung der Menschheit dar. Diese Überzeugung fände etwa in Luxemburgs Ausruf „Sozialismus oder Untergang in die Barbarei!“ Ausdruck.

Leszek Kołakowski (1978) bezeichnet Karl Kautsky, Franz Mehring (1846–1919) und Heinrich Cunow (1862–1936) als „die hervoragendsten Theoretiker der marxistischen Orthodoxie“ bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Für Kołakowski ist dabei Kautsky „der wesentliche Schöpfer und gleichsam die Verkörperung der Orthodoxie“, während er in Mehring neben Kautsky die „die zweite Säule der deutschen marxistischen Orthodoxie“ sieht.

Wortgebrauch

Bereits im Jahre 1872 warfen die Gegner von Marx und Engels innerhalb der Ersten Internationalen diesen vor, eine „orthodoxe Dogmatik“ zu vertreten. Seitdem wurde der Begriff der „marxistischen Orthodoxie“ wiederholt mit einer ironischen, kritisierenden Bedeutung gebraucht, häufig von Seiten anderer Sozialisten. Die bürgerliche Presse übernahm den Begriff. Schließlich ging Kautsky dazu über, den von ihm selbst vertretenen Standpunkt der Mehrheit der SPD als den „orthodoxen“ zu kennzeichnen, wobei er das Wort meistens in Anführungszeichen setzte. Laut Karl Korsch galten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges sowohl der Vertreter der sozialdemokratischen Zentrums Kautsky, der Austromarxist Otto Bauer als auch der revolutionäre Bolschewist Wladimir Iljitsch Lenin allesamt als orthodoxe Marxisten, die sich vom Revisionismus absetzten.

Ende

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges schlossen viele sozialdemokratische Parteien anfänglich einen „Burgfrieden“ mit den jeweiligen nationalen Regierungen und gaben damit das Ziel einer revolutionären Entwicklung zugunsten nationaler Interessen vorübergehend auf. Dadurch zerfiel die Zweite Internationale. Kautsky und Lenin waren uneins über die Frage, ob der Zeitpunkt für die Revolution in Russland gekommen sei. Die marxistische Orthodoxie zersplitterte in verschiedene gegnerische Richtungen und verlor ihren politischen Einfluss. Im Anschluss an die Oktoberrevolution 1917 kam es in Russland zu einer sich selbst so bezeichnenden marxistischen „Restauration“. Rückblickend wurden die Vertreter der Orthodoxie durch Lenin, Leo Trotzki und die Komintern auch als „Zentristen“ bezeichnet.

Neomarxistische Rezeption

Infolge der ersten neomarxistischen Kritik an der marxistischen Orthodoxie wurde der implizit schon bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel erreichte Stand der Gesellschaftskritik neu gewürdigt. Georg Lukács kritisierte die historisierende Lesart der bisherigen orthodoxen Marxinterpretation und ersetzte sie durch eine logische, in welcher das Proletariat zum Subjekt der Geschichte wird. Für Lukacs ist das Ziel einer neuen, richtig verstandenen Orthodoxie nicht länger eine endgültige Widerlegung revisionistischer und utopistischer Tendenzen, sondern vielmehr die sorgfältige Vermittlung zwischen den tagesaktuellen Aufgaben und der Totalität des historischen Prozesses.

Laut Karl Korsch warfen die orthodoxen Marxisten die Philosophie überhaupt beiseite, wie es Ludwig Feuerbach seinerzeit mit der hegelschen Philosophie getan hatte. Jeglicher Idealismus wurde in diesem Sinn zugunsten einer materialistischen Auffassung zurückgewiesen. Natur und Gesellschaft entwickeln sich deterministisch nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten, und diese Gesetze sind der wissenschaftlichen Forschung im Prinzip zugänglich. Die orthodoxen Marxisten waren dabei Anhänger der Evolutionstheorie von Charles Darwin. Sie fassten somit den historischen Materialismus als einen Spezialfall des dialektischen Materialismus auf, wie er von Engels im Anti-Dühring entwickelt worden war.

Hauptwerke

Anhang

Literatur

Aufsätze und Kapitel

Neomarxistische Rezeption

Einzelnachweise

  1. ↑ Ditmar Brock et al. (Hg.): Soziologische Paradigmen nach Talcott Parsons. Eine Einführung. Wiesbaden 2009, S. 419.
  2. ↑ Marek Waldenberg: Labriola und Kautsky – eine oder zwei Interpretationen des historischen Materialismus? In: Bert Becker, Horst Lademacher (Hrsg.): Geist und Gestalt im historischen Wandel. Facetten deutscher und europäischer Geschichte 1789–1989. Münster/New York 2000, S. 157–166; hier S. 163 f.
  3. ↑ Marek Waldenberg: Labriola und Kautsky – eine oder zwei Interpretationen des historischen Materialismus? In: Bert Becker, Horst Lademacher (Hrsg.): Geist und Gestalt im historischen Wandel. Facetten deutscher und europäischer Geschichte 1789–1989. Münster/New York 2000, S. 157–166; hier S. 164.
  4. ↑ Marco Iorio: Einführung in die Lehren von Karl Marx. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 300.
  5. ↑ Lothar Fritze: Kommunistische Ideologie und die Rechtfertigung von Zwang und Gewalt. In: Frank-Lothar Kroll, Barbara Zehnpfennig (Hg.): Ideologie und Verbrechen. Kommunismus und Nationalsozialismus im Vergleich. München 2014, S. 93–112, hier S. 96.
  6. ↑ Leszek Kolakowski: Karl Kautsky und die deutsche Orthodoxie. In: Ders.: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung, Entwicklung, Zerfall. Zweiter Band. 3. Auflage, München 1988 [1978], S. 43–76, hier S. 75.
  7. ↑ Leszek Kolakowski: Karl Kautsky und die deutsche Orthodoxie. In: Ders.: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung, Entwicklung, Zerfall. Zweiter Band. 3. Auflage, München 1988 [1978], S. 43–76, hier S. 43.
  8. ↑ Leszek Kolakowski: Karl Kautsky und die deutsche Orthodoxie. In: Ders.: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung, Entwicklung, Zerfall. Zweiter Band. 3. Auflage, München 1988 [1978], S. 43–76, hier S. 71.
  9. ↑ vergleiche: Karl Marx, Friedrich Engels, Die angeblichen Spaltungen in der Internationale, 1872, MEW Bd. 18, S. 35
  10. ↑ Korsch: Marxism and Philosophie
  11. ↑ Lukacs: What is Orthodox Marxism?
  12. 1 2 Laut M. Heinrich: Kommentierte Literaturliste zur Kritik der politischen Ökonomie
  13. 1 2 3 Laut I. Elbe: Zwischen Marx, Marxismus und Marxismen – Lesarten der Marxschen Theorie