Oscar Neumann

Oscar Neumann

Oscar Rudolph Neumann (* 3. September 1867 in Berlin; † 17. Mai 1946 in Chicago) war ein deutscher Ornithologe und Mammaloge.

Leben

Oscar Neumann kam als Sohn von Anna Meyer (1842–1912) zur Welt, die am 2. Juni 1863 in Berlin den Bankier Marcus, genannt Max Neumann (1823–1901) geheiratet hatte. Mütterlicherseits war Oscar Neumann der Enkel der Schriftstellerin Rahel Meyer, geb. Weiß. Eine seiner Schwestern war Elsa Neumann, die erste Frau, die an der Königlichen Universität in Berlin promoviert wurde.

Neumann interessierte sich frühzeitig für Naturgeschichte und insbesondere für die Vogelwelt. Im November 1892 begann er seine erste Reise innerhalb Afrikas, die ihn von Tanga (in der deutsch verwalteten Zone Ostafrikas) über den Norden Tanganjikas, den Süden Ugandas, Kenia, dem Victoriasee bis zur Residenz Kwa des Königs Mtesa von Uganda am Nordufer des Sees. Die Ergebnisse und Mitbringsel seiner Reise beschrieb er im Journal für Ornithologie bzw. stellte sie im Zoologischen Museum Berlin aus. Seine Beschreibungen, die von 1898 bis 1900 erschienen, trugen den Titel Beiträge zur Vogelfauna von Ost- und Central-Afrika.

Eine zweijährige Reise durch Somaliland und den Süden Äthiopiens startete Neumann 1899 an der Seite des Kollegen Carlo von Erlanger. Von Zeila am Golf von Aden ging es nach Addis Abeba. Hier trennten sich ihre Wege und Neumann ging alleine nach Schoa um von dort eine neue Route in den Sudan zu finden. Erlanger entschied sich hingegen für die Route zum Rudolfsee. Die Reisebeschreibung Neumanns erschien 1902 unter dem Titel From the Somali coast through Southern Ethiopia to the Sudan im The Geographical Journal. Erneut wurden die Ergebnisse – eine Beschreibung von 1300 Vogelarten – in einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Viele ornithologische Ergebnisse publizierte er von 1904 bis 1906 im Journal für Ornithologie unter dem Titel Vögel von Schoa und Süd-Äthiopien. Neben den Vogelarten gehörten 1000 Säugetiere und ca. 30.000 Insekten zu Neumanns Ausbeute.

Durch seine Reisen hatte Neumann viel über die Verbreitung verschiedener Varietäten und ihre Ökologie erfahren. So war es nicht verwunderlich, dass er einer der Ersten war, der mit dem von Ernst Hartert (1859–1933) eingeführten Unterartenkonzept sympathisierte. In Artikeln wie Neue und seltene Arten des genus "Sigmodus" Temm. oder Über die afrikanischen gelbbäuchigen Zosterops-Formen setzte er das Konzept konsequent um.

Viele seiner Sammelobjekte wurden von anderen Personen wie dem Zoologen Paul Matschie (1861–1926), dem Arthropodenforscher Karl Kraepelin (1848–1915), dem Entomologen Walther Horn (1871–1939), dem Malakologen Johannes Thiele (1860–1935), dem Herpetologen Ernst Ahl (1898–1943) oder dem Zoologen Franz Hilgendorf (1839–1904) beschrieben.

Ab 1908 war Neumann durch finanzielle Schwierigkeiten veranlasst, eine Anstellung im Walter Rothschild Zoological Museum in Tring anzunehmen. Hier publizierte Neumann einige nachhaltige Studien über afrikanische Vögel, die alle in der Fachzeitschrift Bulletin of the British Ornithologists’ Club erschienen. Doch auch dieser Plan scheiterte bereits nach wenigen Monaten, da auch Rothschild in eine finanzielle Schieflage geriet. So entschloss sich Neumann für die nächsten 25 Jahre als Börsenmakler in Berlin zu arbeiten. Trotz der Wende in seiner Karriere publizierte er weiter eine beachtliche Anzahl von wissenschaftlichen Artikeln. 1915 entschloss er sich neben der Avifauna Afrikas auch Vögel aus anderen Erdteilen zu bearbeiten.

Mit der Machtergreifung Hitlers wurde er vom Börsenhandel verbannt. So verlagerte er seine Arbeit auf das Feld der systematischen Taxonomie. Gleichzeitig ermutigte er lokale Vogel- und Säugetiersammler in vielen Ländern bestimmte Gebiete und Inseln zu besuchen. Deren Sammlungen studierte er im Zoologischen Museum von Berlin und verteilte sie anschließend an verschiedene Museen, wobei große Teile an die Museen in den Vereinigten Staaten gingen. Eine besonders erfolgreiche Expedition unter seiner Ägide war die von Johannes J. Menden auf den Inseln von Taliabu und Peling nahe der Ostküste von Celebes.

Durch seine jüdische Herkunft wurde ihm schließlich das Betreten des Zoologischen Museums in Berlin, in dem er 40 Jahre als freiwilliger Hilfsarbeiter und Donator gearbeitet hatte, verboten. So nahm ihn sein Freund Julius Riemer (1880–1958) in seinem Hause auf, schuf ihm dort einen Arbeitsplatz und versorgte ihn mit Literatur und Material. Später organisierte Riemer dann die Flucht aus Berlin, so dass er mit der letzten Transportmöglichkeit über Spanien nach Amerika entkam. Die Flucht führte ihn 1941 über Kuba nach Chicago, wo er die letzten Jahre seines Lebens als Konservator am Field Museum of Natural History arbeitete. Große Teile seiner Sammlungen befinden sich heute im Julius Riemer Museum in Wittenberg.

Am Ende nahezu taub und blind, verstarb Neumann, der nie verheiratet war, nach einer kurzen Krankheit.

Mitgliedschaften

Ab 1886 war er Mitglied in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft. Im Jahr 1897 wurde Neumann zum Mitglied der British Ornithologists’ Union (BOU) gewählt, eine Mitgliedschaft, die er aber 1910 wegen finanziellen Schwierigkeiten aufgeben musste. Im Jahr 1928 wurde er ein korrespondierender Fellow der American Ornithologists’ Union und 1929 zum ausländischen Mitglied der BOU.

Dedikationsnamen

Chiloglanis neumanni

Beim 146. Treffen des British Ornithologists’ Club im Jahre 1908, an dem auch Neumann teilnahm, stellte Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild eine neue Vogelart unter dem Basionym Sylvietta neumanni vor. Heute ist die Art unter dem Namen Trugtesia (Hemitesia neumanni) bekannt. Im Englischen hat sich zusätzlich der Trivialname Neumann’s Warbler etabliert. Im gleichen Treffen ehrte ihn Boyd Francis Alexander (1873–1910) im wissenschaftlichen Namen des Neumannstars (Onychognathus neumanni) (Basionym: Amydrus neumanni). Sein Name findet sich ebenfalls in den Vogelunterarten des Graubürzel-Singhabichts (Melierax metabates neumanni) Hartert, E, 1914, der Gelbbauch-Fruchttaube (Ptilinopus solomonensis neumanni) Hartert, E, 1926, des Papuateichhuhns (Gallinula tenebrosa neumanni) Hartert, E, 1930, des Blassschnabeltokos (Tockus pallidirostris neumanni) (Reichenow, 1894) und des Spitzschwanzsittichs (Aratinga acuticaudata neumanni) Blake & Traylor, 1947.

Für die von Neumann 1906 beschriebene Arabische Küstengazelle (Gazella erlangeri) fand in englischsprachiger Literatur der Trivialname Neumann’s Gazelle Einzug. Matschie nannte 1874 die Neumann’s Kusuratte Arvicanthis neumanni und eine Unterart des Steinböckchen Raphicerus campestris neumanni nach ihrem Entdecker.

Kraepelin widmete ihm 1903 den Namen in der Art Zeria neumanni, die zur Gattung der Walzenspinnen gehört. Auch in der zu den Stromschnellenwelsen (Chiloglanis) gehörenden Art Chiloglanis neumanni Boulenger, 1911, der zur Gattung Nothobranchius gehörenden Art Nothobranchius neumanni (Hilgendorf, 1905), 1911, der zu den Kiemenfüßern gehörenden Art Streptocephalus neumanni Thiele, 1904 und der zu den Echten Fröschen gehörenden Art Ptychadena neumanni (Ahl), 1924 findet sich eine Hommage an deren Entdecker.

Nicht nach Oscar Neumann benannt sind eine zu den Hechtlingen gehörende Art des Neumann-Hechtlings Epiplatys neumanni Berkenkamp, 1993, die zu den Kiemenfüßern gehörende Art Chirocephalus neumanni Hartland-Rowe, 1967 und die zu den Echten Tierläusen (Anoplura) gehörende Art Hoplopleura neumanni Fahrenholz, 1919. So ist Epiplatys neumanni Werner Neumann aus Zwickau, dem Autor des Buches Die Hechtlinge, Chirocephalus neumanni Jehuda Neumann (1915–1993) und Hoplopleura neumanni dem französischen Parasitologen Louis Georges Neumann (1846–1930) gewidmet.

Erstbeschreibungen von Oscar Rudolph Neumann

Oscar Rudolph Neumann hat viele Gattungen, Arten und Unterarten als Erstautor beschrieben. Bei einigen Beschreibungen arbeitete er mit Anton Reichenow (1847–1941), Julius von Madarász (1858–1931) und Ernst Hartert zusammen.

Vogelgattung

Vogelarten

Bergbussard (Buteo oreophilus)

Zu den Arten die Neumann beschrieben hat, gehören chronologisch:

Säugetierarten

Unterarten (Vögel)

Zu den Unterarten die Neumann beschrieben hat, gehören chronologisch:

Unterarten (Säugetiere)

Werke

Quellen

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. den bei FamilySearch ausgewerteten und dort als Digitalisat abrufbaren Geburtseintrag (Web-Ressource, nach Anmeldung entgeltfrei zugänglich).
  2. ↑ Vgl. die bei FamilySearch ausgewertete und dort als Digitalisat abrufbare Ehestands-Urkunde (Web-Ressource, nach Anmeldung entgeltfrei zugänglich).
  3. ↑ Vgl. die Todesanzeige der Schwester in Königlich privilegierte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen Nr. 345, 26. Juli 1902 (Morgen-Ausgabe), 3. Beilage (Web-Ressource) und den Bericht Die Trauerfeier für Frln. Dr. phil. Elsa Neumann... in Norddeutsche Allgemeine Zeitung Jg. 41, Nr. 175, 29. Juli 1902, S. 2 (Web-Ressource)
  4. 1 2 3 4 5 6 7 Theodore Sherman Palmer, S. 226
  5. 1 2 3 4 5 Erwin Stresemann, S. 520
  6. ↑ Georg Friedrich Paul Matschie (1893) & (1904)
  7. ↑ Karl Kraepelin (1903)
  8. ↑ Walther Horn (1904)
  9. ↑ Johannes Thiele (1904)
  10. ↑ Ernst Ahl (1924)
  11. ↑ Franz Martin Hilgendorf (1905)
  12. 1 2 3 Erwin Stresemann, S. 521
  13. ↑ Hermann Pohle, S. 76
  14. ↑ Irina Steinmann: Nils Seethaler hat zur Person Julius Riemer geforscht. In: Wittenberger Sonntag vom 10. Mai 2019. (Memento vom 24. Februar 2021 im Internet Archive)
  15. ↑ Mitglieder-Verzeichnis 1897 der DO-G
  16. ↑ Lionel Walter Rothschild, S. 42
  17. ↑ Boyd Alexander, S. 41
  18. ↑ Ernst Hartert (1914), S. 1165
  19. ↑ Ernst Hartert (1926), S. 42
  20. ↑ Ernst Hartert (1930), S. 123
  21. ↑ Anton Reichenow, S. 128 Syn. Lophoccros neumanni
  22. ↑ Emmet Reid Blake, S. 166
  23. ↑ Georg Friedrich Paul Matschie (1894b), S. 204 Syn: Mus neumanni
  24. ↑ Georg Friedrich Paul Matschie (1894a), S. 122 Syn: Pediotragus neumanni
  25. ↑ Karl Kraepelin, S. 547 Syn: Solpga parkinsoni Poc. var. neumanni n. var.
  26. ↑ George Albert Boulenger, S. 481
  27. ↑ Franz Martin Hilgendorf, S. 409 Syn: Clarias neumanni
  28. ↑ Johannes Thiele, S. 371
  29. ↑ Ernst Ahl, S. 4 Syn: Rana neumanni
  30. ↑ Heinz Otto Berkenkamp, S. 11
  31. ↑ Richard C. B. Hartland-Rowe, S. 83
  32. ↑ Heinrich Fahrenholz, S. 25
Personendaten
NAME Neumann, Oscar
ALTERNATIVNAMEN Neumann, Oscar Rudolph (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Ornithologe
GEBURTSDATUM 3. September 1867
GEBURTSORT Berlin
STERBEDATUM 17. Mai 1946
STERBEORT Chicago