Otto Ulitz

Otto Ulitz, um 1930

Otto Ulitz (* 28. September 1885 in Kempten (Allgäu); † 28. Oktober 1972 in Borgholzhausen) war ein deutscher Politiker, Verwaltungsbeamter und später Vertriebenenfunktionär. In der Zwischenkriegszeit war er als Leiter des Deutschen Volksbunds und als Abgeordneter der Deutschen Partei im Schlesischen Parlament der führende Vertreter der deutschen Minderheit im damals zu Polen gehörenden Ostoberschlesien. In der NS-Zeit leitete er die Schulabteilung im Regierungsbezirk Kattowitz. In der Bundesrepublik war er von 1953 bis 1975 Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier.

Leben

Otto Ulitz wurde in Bayern geboren. Sein Vater war Beamter bei der Bahn und stammte aus Breslau. Otto Ulitz wuchs zusammen mit seinem Bruder Arnold im oberschlesischen Kattowitz auf. Nach Abschluss der Oberrealschule machte er eine Verwaltungsausbildung und trat nach dem Wehrdienst 1904/05 in den Dienst der kommunalen Polizei von Kattowitz. In dieser stieg er 1909 zum Kommissar und 1912 zum Leiter der Kattowitzer Polizeiinspektion auf. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg, zuletzt als Oberleutnant. Nach Kriegsende wurde er Anfang 1919 Leiter der Polizeiexekutive im Polizeipräsidium von Kattowitz.

Politiker in der Abstimmungszeit und in Polen

Infolge des Versailler Vertrags wurde in Oberschlesien eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit zu Deutschland oder Polen durchgeführt. Die Zeit von 1919 bis 1921 war von drei Aufständen polnischer Nationalisten gegen die deutsche Herrschaft geprägt. Zusammen mit dem Sanitätsrat Max Bloch aus Beuthen war Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei Mitglied im Deutschen Plebiszitausschuss zur Vorbereitung der Volksabstimmung am 20. März 1921. Für diese hauptamtliche Tätigkeit schied er aus dem preußischen Polizeidienst aus, behielt jedoch ein Rückkehrrecht in sein Beamtenverhältnis. Das Plebiszit brachte ein uneindeutiges Ergebnis: Eine Mehrheit im gesamten Abstimmungsgebiet stimmte für Deutschland, im östlichsten Teil Oberschlesiens gab es aber eine Mehrheit für Polen. Der Völkerbundrat beschloss daraufhin im Oktober 1921, das Gebiet zu teilen, Ulitz’ Heimatstadt Kattowitz kam zu Polen.

Einen Monat später gründete sich der Deutsche Volksbund für Polnisch-Schlesien (Volksbund). Von der Gründung an bis 1939 war Ulitz geschäftsführender Vorsitzender bzw. Präsident des Volksbunds, der die Dachorganisation der deutschen kulturellen, karitativen und wirtschaftlichen Organisationen im nun zur Polnischen Republik gehörenden Ostoberschlesien und bis zu 35.000 Mitglieder stark war. Von 1922 bis 1935 war Ulitz außerdem für die liberal-konservative Deutsche Partei Abgeordneter der deutschen Minderheit im Schlesischen Parlament, der Volksvertretung der autonomen Woiwodschaft Schlesien, in dessen erster bis dritter Legislaturperiode. Er war damit der führende Vertreter der deutschen Minderheit in Ostoberschlesien.

Von offizieller polnischer Seite wurde Ulitz 1927 der Beihilfe zur Fahnenflucht beschuldigt, er hätte Deutschen in Oberschlesien geholfen, der Wehrpflicht in der polnischen Armee auszuweichen. Durch seine Immunität als Abgeordneter konnte gegen Ulitz kein Verfahren eröffnet werden, jedoch wiederholte der polnische Außenminister Zaleski 1928 die Anschuldigungen vor der Kommission des Völkerbundes. Nachdem 1929 ein erneuter Antrag des oberschlesischen Wojwoden Michał Grażyński auf Aufhebung der Immunität von Ulitz vom Schlesischen Parlament abgelehnt worden war, löste Präsident Mościcki das Schlesische Parlament kurzerhand auf. Wenige Stunden später wurde Ulitz verhaftet und auf Basis gefälschter Dokumente zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Deutschen Reich war Ulitz als Leiter der Deutschen Volksbunds für Polnisch-Schlesien zunehmend von den Subventionen und damit auch von Weisungen des NS-Regimes abhängig. Unter dem Druck des rechten Flügels des Volksbunds und dem Eindruck der Erosion des Minderheitenschutzes in Polen unter dem Piłsudski-Regime passte sich Ulitz immer weiter an das NS-System an.

Funktionen im NS-Staat

Am 1. September 1939 marschierte die Wehrmacht in Polen ein und begann damit den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende der Kampfhandlungen in Polen am 6. Oktober 1939 erhielt Otto Ulitz, obwohl damals noch nicht Mitglied der NSDAP, am 18. Oktober 1939 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP „für Verdienste um das Deutschtum“. Nach dem Krieg wurde Ulitz von DDR-Seite vorgeworfen, dass ihm diese Auszeichnung wegen einer Mitwirkung an den Vorbereitungen für den fingierten Überfall auf den Sender Gleiwitz verliehen wurde, der als einer der Vorwände für den deutschen Überfall auf Polen diente. Der Historiker Matthias Stickler hält dies aber für unwahrscheinlich.

Ostoberschlesien wurde nach der Niederlage Polens vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektiert und mit der preußischen Provinz Schlesien vereinigt. Anschließend leitete Ulitz die Schulabteilung des neugeschaffenen Regierungsbezirks Kattowitz bzw. nach der Aufteilung der Provinz Schlesien 1941 im Oberpräsidium der Provinz Oberschlesien. Diese Funktion behielt er auch nach seiner – rein nominellen – Ernennung zum Ministerialrat im Reichsministerium des Innern im März 1941 bis zur Evakuierung aus Kattowitz im Januar 1945. Der Titel als Ministerialrat war tatsächlich mit keiner Funktion in einem Ministerium verbunden und seine Verleihung (mitsamt Besoldung) stellte laut Michael Schwartz „eine bemerkenswerte Ausnahme in der NS-Bürokratie“ dar.

Da Ulitz erst durch die Annexion Ostoberschlesiens wieder deutscher Staatsbürger geworden war, hätte er frühestens im Herbst 1939 der Partei beitreten können. Er beantragte am 11. Juli 1941 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.712.129). Ulitz habe sich, so Michael Schwartz, „dem NS-Regime zwischen 1939 und 1945 bewusst und aktiv zur Mitarbeit zur Verfügung gestellt“. In seiner Funktion als Leiter der staatlichen Schulverwaltung der Region Oberschlesien sei Ulitz zwar für „keine konkreten Verbrechen“ verantwortlich gewesen, habe aber die NS-Bildungspolitik umgesetzt, die „zwangsläufig auf eine rassistisch orientierte Germanisierungspolitik hinauslief“. Zudem seien „politische motivierte Maßregelungen von Lehrern und Schülern in seinem Aufgabenbereich“ rigide durchgeführt worden.

Vertriebenenfunktionär nach 1945

Nach Kriegsende wurde Ulitz 1945 vom NKWD festgenommen und erst in Polen und dann in der SBZ/DDR inhaftiert. 1952 wurde er in die Bundesrepublik entlassen, wo er 1953 zum Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier gewählt wurde und „dezidiert rechtskonservative Positionen“ vertrat. 1956 wurde er vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Nach Bekanntwerden des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP wurde der Vorschlag zurückgezogen. Ulitz verfasste 1957 den schmalen Band „Aus der Geschichte Oberschlesiens“, der 1962 und 1971 in zweiter und dritter, jeweils erweiterter Auflage erschien. 1960 unterlag Ulitz in einer Kampfabstimmung gegen Hans Krüger um den Vorsitz des Bund der Vertriebenen.

Unter Hinweis auf seine vorgebliche Beteiligung an der Planung des Überfalls auf den Sender Gleiwitz wurde Ulitz zusammen mit 1800 Wirtschaftsführern, Politikern und führenden Beamten der Bundesrepublik im 1965 herausgegebenen Braunbuch der DDR aufgelistet.

Zwei Jahre nach Ulitz' Tod erschien 1974 im Oberschlesischen Heimatverlag eine Ulitz-Biographie. Er war Mitglied der Historischen Kommission für Schlesien.

Auszeichnungen

Literatur

Commons: Otto Ulitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Manfred Kittel: Vertreibung der Vertriebenen? Der historische deutsche Osten in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik (1961-1982). Oldenbourg, München 2007, S. 17, ISBN 3-486-58087-6. (Erschienen in einer Schriftenreihe des Instituts für Zeitgeschichte, München.)
  2. 1 2 3 4 5 Matthias Stickler: Ulitz, Otto. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 26. Duncker & Humblot, Berlin 2016, ISBN 978-3-428-11207-4, S. 563 (deutsche-biographie.de).
  3. ↑ Walter Grünfeld: Rückblicke. Paperbackshop - Echo Library, 2006, ISBN 978-1-4068-1015-8. (Memoiren im BoD-Verlag.)
  4. ↑ Richard Blanke: Orphans of Versailles: the Germans in western Poland 1918-1939. University Press of Kentucky, Lexington (KY) 1993, S. 57, ISBN 0-8131-1803-4.
  5. ↑ Richard Blanke: Orphans of Versailles: the Germans in western Poland 1918 - 1939. University Press of Kentucky, Lexington (KY) 1993, S. 16–17, ISBN 0-8131-1803-4.
  6. 1 2 Otto Ulitz. In: Der Spiegel. Nr. 11, 1956, S. 48 (online – 14. März 1956).
  7. ↑ Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundes der Vertriebenen und das "Dritte Reich." Oldenbourg, München 2013, S. 338.
  8. ↑ Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundes der Vertriebenen und das "Dritte Reich." Oldenbourg, München 2013, S. 525
  9. ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/45481030
  10. ↑ Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundes der Vertriebenen und das "Dritte Reich." Oldenbourg, München 2013, S. 525 u. S. 582.
  11. ↑ Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundes der Vertriebenen und das "Dritte Reich." Oldenbourg, München 2013, S. 530.
  12. ↑ Otto Ulitz: Aus der Geschichte Oberschlesiens. Bundesverband der Landsmannschaft der Oberschlesier e. V., Bonn 1957. Zweite, erweiterte Auflage 1962. Dritte, stark erweiterte Auflage 1971 unter dem Titel Oberschlesien - Aus seiner Geschichte.
  13. ↑ Manfred Kittel: Vertreibung der Vertriebenen?. Oldenbourg, München 2007, S. 16, ISBN 3-486-58087-6.
  14. ↑ Norbert Podewin (Hrsg.): „Braunbuch“. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin. Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft. Edition Ost, Berlin 2002, ISBN 3-360-01033-7 (Reprint der 3. Auflage von 1968). Eintrag zu Otto Ulitz (Memento vom 5. Oktober 2010 im Internet Archive).
  15. ↑ Gerhard Webersinn: Otto Ulitz - ein Leben für Oberschlesien. Oberschlesischer Heimatverlag, Augsburg 1974.
    Der Autor Gerhard Webersinn stammt selbst aus Schlesien und wandte sich nach seiner Pensionierung als Richter am Oberverwaltungsgericht von Nordrhein-Westfalen in Münster (1969) der schlesischen Geschichte zu.
  16. ↑ Fünfzig Jahre Historische Kommission für Schlesien. In: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau, Band 17, 1972, Mitgliederverzeichnis S. 416
Personendaten
NAME Ulitz, Otto
KURZBESCHREIBUNG deutscher Politiker, Sprecher der Landsmannschaft der Oberschlesier
GEBURTSDATUM 28. September 1885
GEBURTSORT Kempten (Allgäu)
STERBEDATUM 28. Oktober 1972
STERBEORT Borgholzhausen