Das Paillier-Kryptosystem wurde 1999 von Pascal Paillier an der Eurocrypt vorgestellt. Es handelt sich dabei um ein asymmetrisches Kryptosystem, dessen Sicherheit darauf beruht, dass für einen zusammengesetzten Modul nicht effizient geprüft werden kann, ob ein Element in eine -te Wurzel modulo besitzt oder nicht. Eine besondere Eigenschaft des Paillier-Kryptosystems ist, dass zwei verschlüsselte Nachrichten addiert werden können, ohne die Nachrichten vorher zu entschlüsseln.
Das Verfahren wird oft als Nachfolger des Okamoto-Uchiyama-Kryptosystems bezeichnet. Des Weiteren ist es ein Spezialfall des Damgård-Jurik-Kryptosystems.
Im Folgenden werden die Schlüsselerzeugung und die Algorithmen zur Ver- und Entschlüsselung von Nachrichten beschrieben.
Das Schlüsselpaar wird folgendermaßen generiert:
Der öffentliche Schlüssel besteht aus , der private Schlüssel aus .
Vereinfachung: Die Schlüsselerzeugung kann auch folgendermaßen vereinfacht werden:
Um eine Nachricht zu verschlüsseln, verfährt man wie folgt:
Zum Entschlüsseln definiert man zuerst die Funktion . Für einen Schlüsseltext verfährt man dann wie folgt:
In diesem Schritt ist zu beachten, dass die Division modulo durchgeführt werden muss, d. h., durch Multiplikation mit dem multiplikativ Inversen. Die Division in der Berechnung der logarithmischen Funktion wird über den ganzen Zahlen ausgeführt.
Vereinfachung: Hat man die vereinfachte Variante der Schlüsselgenerierung gewählt, ergibt sich die Entschlüsselung zu:
Unter der Decisional Composite Residuosity-Annahme kann gezeigt werden, dass das Verfahren semantisch sicher gegen gewählte-Klartext Angriffe ist. Diese Annahme besagt, dass für einen zusammengesetzten Modul nicht effizient geprüft werden kann, ob ein Element in eine -te Wurzel modulo besitzt oder nicht.
Das Paillier-Kryptosystem ist additiv-homomorph, wodurch durch Operationen auf Schlüsseltexte unbekannte Klartexte addiert werden können:
Allerdings gibt es keine bekannte Möglichkeit, mittels Operationen auf zwei Schlüsseltexten die enthaltenen Nachrichten miteinander zu multiplizieren.
Die homomorphen Eigenschaften werden u. a. im Zusammenhang mit den folgenden Anwendungen ausgenützt.
Aufgrund der angeführten Homomorphieeigenschaften ist das Verfahren allerdings nicht IND-CCA sicher, d. h. nicht sicher unter gewählten Schlüsseltext-Angriffen. Jedes Verschlüsselungssystem, das diese Sicherheit besitzt, müsste nämlich auch nicht-verformbar sein, eine Eigenschaft, die zur Homomorphie im Widerspruch steht. In der Literatur findet man auch Transformationen, das Paillier-Kryptosystem in eine IND-CCA-sichere Variante zu transformieren. Ob diese Transformationen angebracht sind oder nicht, ist von der jeweiligen Anwendung abhängig.
Die oben angeführten Schritte sollen hier an einem kleinen Beispiel veranschaulicht werden.
Zunächst wählen wir den Sicherheitsparameter und wählen und . Dies erlaubt uns nun, die vereinfachte Variante der Schlüsselerzeugung zu wählen. Damit erhalten wir:
Der öffentliche Schlüssel ist damit gegeben durch:
Der geheime Schlüssel lautet .
In einem ersten Schritt muss der zu verschlüsselnde Text in Zahlen kleiner als übersetzt werden. Wir ersetzen dazu einfach jeden Buchstaben durch seine Position im Alphabet:
A=01 B=02 C=03 usw. (00 = Leerzeichen)
Wir verschlüsseln nun je drei Zeichen auf einmal, da vier aufeinanderfolgende Buchstaben unter Umständen einen zu großen Wert liefern könnten.
Klartext: P A I L L I E R Kodierung: 16 01 09 12 12 09 05 18 00
Wir haben drei zu verschlüsselnde Klartexte (, und ), für die wir jeweils ein benötigen.
r1 = 12312 r2 = 623543 r3 = 215688
Die Verschlüsselungen ergeben sich damit zu:
ci = gmirin mod n2 c1 = 899778160109 12312899777 mod 809598649729 = 594091908920 c2 = 508000332395 c3 = 783129227180
Da wir zur Schlüsselgenerierung die vereinfachte Variante gewählt hatten, können wir die Nachrichten entschlüsseln durch:
mi = L(ci mod n2) / mod n
Wichtig ist hier, dass die Division ausgeführt wird. Wir berechnen daher mittels des erweiterten Euklidischen Algorithmus das multiplikative Inverse von modulo und erhalten damit . Damit ergibt sich die Entschlüsselung zu:
m1 = L(594091908920897876 mod 809598649729) * 141522 mod 899777 = 160109 m2 = 121209 m3 = 051800
Durch Invertierung der Substitutionsvorschrift kann man diese Werte nun wieder in Buchstaben übersetzen.