Paride ed Elena

Werkdaten
Titel: Paride ed Elena

Titelblatt des Librettos, Wien 1770

Form: Dramma per musica in fünf Akten
Originalsprache: Italienisch
Musik: Christoph Willibald Gluck
Libretto: Ranieri de’ Calzabigi
Literarische Vorlage: Heroides, Briefe 16–17
Uraufführung: 3. November 1770
Ort der Uraufführung: Wiener Burgtheater
Spieldauer: ca. 3 Stunden
Ort und Zeit der Handlung: Sparta und Umgebung, in mythischer Zeit
Personen
  • Elena (Helena), Königin von Sparta (Sopran)
  • Paride (Paris), Sohn des trojanischen Königs (Sopran, Kastrat oder Tenor)
  • Amore (Amor), unter dem Namen Erasto (Erastes), Vertrauter der Helena (Sopran)
  • Pallade (Pallas Athene) (Sopran)
  • ein Trojaner (Sopran)
  • Trojaner, Spartaner, Spartanische Athleten, Gefolge der Pallade (Chor, Ballett)

Paride ed Elena ist eine Oper in fünf Akten von Christoph Willibald Gluck. Es ist die dritte von Glucks sogenannten Reformopern für Wien, nach Orfeo ed Euridice und Alceste. Das Libretto aller drei Opern verfasste Ranieri de’ Calzabigi. Die Handlung behandelt die Ereignisse zwischen dem Urteil des Paris und der gemeinsamen Flucht von Paris und Helena nach Troja. Die Uraufführung fand am 3. November 1770 im Burgtheater in Wien statt.

Handlung

Zur Vorgeschichte: Die olympischen Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite streiten, wer von ihnen die Schönste ist. Zeus als höchster Gott lässt den jungen trojanischen Prinzen Paris entscheiden. Dessen Urteil fällt zugunsten von Aphrodite aus, die ihm die Hand der schönsten Frau auf Erden, Helena, versprochen hat.

Kurzfassung

Hier setzt die Handlung der Oper ein: Paris (Paride) ist in Sparta, um Helena (Elena), die Verlobte des Königs Menelaos, zu gewinnen. Zu Beginn bringt Paride der Göttin Aphrodite (hier mit lateinischer Bezeichnung: Venus/Venere) ein Opfer dar. Mit Ermutigung von Erasto sucht er die Liebe Elenas. Paride und Elena treffen sich im königlichen Palast von Sparta und sind jeweils von der Schönheit des anderen beeindruckt. Sie bittet ihn, bei einem sportlichen Wettkampf als Richter zu fungieren. Als er gebeten wird, zu singen, tut er dies zum Lob ihrer Schönheit und gibt zu, dass der Zweck seines Besuchs darin besteht, ihre Liebe zu gewinnen. Sie befiehlt ihm, sich zurückzuziehen. Verzweifelt fleht er sie an, und sie beginnt nachzugeben. Dank des Eingreifens von Erasto, der sich als Amor (Amore) offenbart, gibt sie schließlich nach, doch Pallas Athene (Pallade) warnt sie daraufhin vor dem bevorstehenden Leid. In der letzten Szene bereiten sich Paride und Elena darauf vor, nach Troja aufzubrechen.

Erster Akt

Strand mit Blick auf die nahe Stadt Sparta; Schiffe in der Ferne und Boote auf dem Fluss; Zelte am Strand; eine Venus-Statue unter einer Rosenlaube

Szene 1. Der trojanische Prinz Paride ist mit seinen Leuten nach Sparta gereist, um Elena, die dort als Königin herrscht, zu entführen. Um sich den Beistand Veneres zu sichern, bringen sie ihr mit Tänzen und Gesängen ein Opfer dar (Chor: „Non sdegnare, o bella Venere“ – Arie Paride: „O del mio dolce ardor“ – Sopransolo: „Dall’aurea sua stella“ – Arie Paride: „Spiagge amate“). Paride zweite Arie wird durch die Ankunft eines Boten aus Sparta und dessen Gefolge unterbrochen.

Szene 2. Dieser Bote (Erasto) ist in Wirklichkeit der verkleidete Gott Amore, der Sohn Veneres. Auf seine Bitte hin erzählt Paride die Vorgeschichte und ergänzt: Er habe gehört, dass Elena an Schönheit sogar Venere übertreffe, und wolle sich mit eigenen Augen davon überzeugen. Amore gibt ihm zu verstehen, dass er seine wahren Absichten durchschaue, ihm aber dennoch helfen werde (Duett Paride/Amore: „Ma, chi sei?“).

Szene 3. Amore verspricht Paride, dass er Elena für sich gewinnen werde, denn sowohl Amores Mutter als auch dieser selbst stehen ihm zur Seite (Arie Amore: „Nell’idea ch’ei volge in mente“). Amore entfernt sich. Die mit ihm eingetroffenen Spartaner bleiben zurück, bewundern den Reichtum und die prächtigen Geschenke der Trojaner und unterhalten diese mit Tänzen (Ballett). Paride bereitet sich unterdessen auf den Empfang bei Elena vor.

Zweiter Akt

Saal im Königspalast von Sparta mit einem Thron an einer Seite

Szene 1. Erasto beschreibt Elena mit überschwänglichen Worten das gute Aussehen des trojanischen Prinzen.

Szene 2. Als Paride mit seinem Gefolge eintrifft, um Elena die Gastgeschenke zu überreichen, sind beide geradezu schockiert von der Schönheit des jeweils anderen. Nachdem Paride die Fassung wiedergewonnen hat, schmeichelt er Elena und meint, seine Geschenke seien im Vergleich zu ihr allzu bescheiden. Sie nimmt diese aber gerne an und heißt ihn in Sparta willkommen. Auch sie wird nun mutiger und neckt ihn damit, wie sehr ihn die Schönheiten in seiner Heimat vermissen werden (Terzett Elena/Paride/Amore: „Forse più d’una beltà“). Nach einer Bemerkung über seine wohl flüchtige Treue geht sie mit Amore und den Spartanern ab.

Szene 3. Paride ist verwirrt, hofft aber auf Veneres Beistand (Arie Paride: „Le belle immagini“).

Dritter Akt

Großer Hof des Palasts, umgeben von Säulengängen und Loggien für Wettkämpfe und Spiele

Szene 1. Um Paride und die Trojaner zu unterhalten, veranstaltet Elena sportliche Wettkämpfe der Jugend ihres Landes. Spartaner, Trojaner, Volk, Wachen, Ringkämpfer und andere Teilnehmer der Spiele treffen ein (Chor: „Dalla reggia rilucente“ – Tenorsolo: „Negli strali“). Die nun folgenden Wettspiele werden vom Ballett ausgeführt (Aria per i Atleti). Anschließend fordert Elena Paride auf, den Sieger mit einer Lorbeerkrone auszuzeichnen. Die Athleten preisen unterdessen den Gott Delphis (Chor: „Lodi al nume“). Auf Elenas Wunsch trägt Paride nun ein Lied aus seiner Heimat vor (Arie: „Quegli occhi belli“). Er nutzt diese Gelegenheit, ihr seine Liebe zu enthüllen (Duett Paride/Elena: „Fingere più non so“). Elena geht das zu weit. Sie versucht mehrfach, ihn zu unterbrechen. Das steigert Parides Leidenschaft nur noch mehr – so weit, dass er für einen Moment ohnmächtig wird. Amore zieht sich zurück, um die Gefühle der beiden wachsen zu lassen. Als Paride wieder zu sich kommt, bedrängt er Elena erneut (Arie Paride: „Mi fugge spietata!“). Sie fühlt sich immer mehr unter Druck gesetzt und verlässt ihn schließlich wütend. Paride bleibt verzweifelt zurück. Das Volk, das davon nichts mitbekommen hat, feiert fröhlich die Sieger der Wettkämpfe (Ballett).

Vierter Akt

Kabinett der Königin mit einem Schreibtisch

Szene 1. Paride hat Elena einen Brief gesandt, in dem er ihr seine durch Venere versprochenen Ansprüche auf sie erklärt. Sie überlegt, wie sie auf dieses entwürdigende Schreiben reagieren soll. Ihr erster Gedanke ist, es einfach zu ignorieren und zu schweigen. Doch das erscheint ihr zu riskant. Stattdessen schreibt sie ihm, dass sie längst einem anderen Mann versprochen sei und diesem Treue halten wolle.

Szene 2. Elena bittet Erasto/Amore, Paride den Brief zu übergeben. Dieser erscheint jedoch bereits selbst und liest den Brief in ihrer Gegenwart (Terzett: „Ah, lo veggo“). Amore ist sich sicher, dass Elena ihre Meinung noch ändern wird. Sie und Paride leiden bereits beide unter dieser Entwicklung (Duett Elena/Paride: „Non lontana“).

Szene 3. Vorerst jedoch verzweifelt Paride. Er reicht Elena seinen Dolch und fordert sie auf, ihn zu töten, um seine Qualen zu beenden. Sie rät ihm stattdessen, sie zu vergessen und am Leben zu bleiben. Das ist für ihn undenkbar (Arie Paride: „Di te scordarmi“). Er geht verzweifelt ab.

Szene 4. Elena ist unsicher geworden. Sie glaubt, die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren (Arie Elena: „Lo potrò“).

Fünfter Akt

Gärten

Szene 1. Amore beschließt, der Verwirrung durch eine List ein Ende zu bereiten. Er erzählt Elena, dass Paride zutiefst enttäuscht abgereist sei. Elena reagiert darauf mit einem heftigen Gefühlsausbruch. Sie fühlt sich von Paride verraten und will alle Mädchen vor der Falschheit der Männer warnen (Arie Elena: „Donzelle semplici“). Dann will sie ihm nachsetzen und seine Flotte vernichten.

Szene 2. In diesem Moment trifft Paride ein. Amore ruft ihm zu, dass er sein Ziel erreicht habe, da Elena ihn liebe. Er gibt sich den beiden als Liebesgott zu erkennen. Paride fleht Elena an, dem göttlichen Gebot zu folgen und sich zu ihm zu bekennen. Als sie ihm die zustimmend die Hand reicht, ist Donnergrollen zu hören.

Szene 3. In den Wolken erscheint die Göttin Pallade mit ihrem Gefolge und verheißt Paride, dass die eroberte Schöne die Quelle ihrer Rache sein werde (Arie Pallade und Chor: „Và coll’amata in seno“). Griechenlands Männer und Fürsten werden im Kampf zusammenstehen und seine Heimat Troja vernichten.

Szene 4. Trotz ihres Entsetzens beschließen Paride und Elena, das Schicksal gemeinsam furchtlos auf sich zu nehmen (Duett Elena/Paride: „L’amo! L’adoro!“). Amore verspricht ihnen seinen Schutz, und die beiden schwören sich ewige Treue (Terzett: „Sempre a te sarò fedele“).

Meeresbucht vor dem Königspalast von Sparta; auf dem Meer beleuchtete trojanische Schiffe, am Ufer verschiedene Boote; auf dem Strand trojanische Zelte; Nacht

Szene 5 (letzte Szene). Die trojanischen Seeleute und die Diener von Paride und Elena feiern mit Tanz und Gesang die bevorstehende Abreise (Chor: „Vieni al mar!“ – Arioso Amore: „Altri mai“). Paride und Elena begeben sich an Bord (Duett Paride/Elena: „Sempre a te sarò fedele“).

Gestaltung

Paride ed Elena zählt gemeinsam mit Orfeo ed Euridice (1762) und Alceste (1767) zu den sogenannten Reformopern, die aus der Zusammenarbeit von Christoph Willibald Gluck und dem Librettisten Ranieri de’ Calzabigi hervorgingen.

Libretto

Das Libretto, das Erzherzog Peter Leopold gewidmet ist, orientiert sich an zwei Elegien aus dem Umfeld des römischen Dichters Ovid, die als Teil der Heroides (Briefe 16 und 17) überliefert sind und einen fiktiven Briefwechsel zwischen Paris und Helena darstellen.

Die beiden Hauptfiguren sind sowohl literarisch als auch musikalisch bewusst kontrastierend angelegt: Paris erscheint als lebenslustiger, weltgewandter Trojaner, während Helena als pflichtbewusste und bodenständige Spartanerin charakterisiert wird. Die moralisch problematische Konstellation der Liebesbeziehung wurde dabei gezielt abgeschwächt. Vor dem Hintergrund der strengen sittlichen Maßstäbe im Wien der Regierungszeit Maria Theresias passten Gluck und Calzabigi den Stoff an die Anforderungen der Zensur an. Insbesondere wurde Helena nicht als Ehefrau des Menelaos dargestellt, sondern lediglich als dessen Verlobte, um die Darstellung eines Ehebruchs ohne unmittelbare Bestrafung zu vermeiden. Darüber hinaus wird die Beziehung der Protagonisten im Werk durch das Eingreifen der Liebesgottheit Amor legitimiert, wodurch tragische Elemente weiter zurücktreten.

Musik

Die Musik zu Paride ed Elena komponierte Gluck nahezu vollständig neu; lediglich einzelne Passagen gehen auf frühere Werke zurück. Die Rolle des Paride hatte Gluck seinem Lieblingskastraten Giuseppe Millico auf den Leib komponiert. Im Vorwort zur ersten gedruckten Ausgabe der Oper aus dem Jahr 1770 erläuterte der Komponist, dass dem Werk im Vergleich zu Alceste starke Leidenschaften und ausgeprägte tragische Situationen fehlten. Entsprechend sei auch die musikalische Gestaltung weniger auf dramatische Wucht als vielmehr auf einen möglichst wahrheitsgetreuen Ausdruck ausgerichtet.

Orchester

Orchesterbesetzung bei der Uraufführung, Wien 1770:

Musiknummern

Die Oper enthält die folgenden Musikstücke:

Erster Akt

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Zweiter Akt

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Dritter Akt

Szene 1

Vierter Akt

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Szene 4

Fünfter Akt

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Szene 4

Letzte Szene

Werkgeschichte

Entstehung

Der genaue Entstehungsprozess des Dramma per musica Paride ed Elena ist nicht vollständig dokumentiert. Es wird jedoch angenommen, dass Text und Musik in den Jahren zwischen 1768 und 1770 in Wien entstanden. Das Libretto wurde von Ranieri de’ Calzabigi vermutlich nach der Uraufführung von Alceste im Dezember 1767 begonnen und laut einem Brief an Antonio Greppi bereits vor dem 12. Dezember 1768 abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Christoph Willibald Gluck offenbar schon mit der Komposition begonnen, die er wahrscheinlich erst in den frühen Monaten des Jahres 1770 vollendete.

Uraufführung

Die Uraufführung des Werkes fand am 3. November 1770 im Wiener Burgtheater statt und wurde anlässlich eines Besuchs von Erzherzog Peter Leopold von Österreich, zu dieser Zeit Großherzog der Toskana, gegeben.

Die Titelpartie der Elena übernahm Caterina Schindlerin, während Giuseppe Millico die Rolle des Paride sang. In den weiteren Partien traten Teresa Curtz als Amore sowie Gabbriela Tagliaferri als Pallade auf. Für die choreographische Gestaltung der Balletteinlagen war Jean-Georges Noverre verantwortlich, einer der bedeutendsten Ballettreformer des 18. Jahrhunderts. Das Bühnenbild stammte von Alessio Cantini.

Rezeption

Bei der Uraufführung fand insbesondere die gesangliche Leistung Anerkennung, wobei der Sänger Giuseppe Millico in der Rolle des Paris hervorgehoben wurde. Auch die aufwändige Inszenierung und die zahlreichen Balletteinlagen wurden positiv bewertet. Gleichzeitig stieß das Werk jedoch aufgrund seines als uneinheitlich empfundenen Stils auf Kritik.

Weitere Aufführungsgeschichte

In Wien blieb die Oper bis etwa 1772 mit nur wenigen Aufführungen im Repertoire. Weitere Aufführungen zu Glucks Lebzeiten sind nur vereinzelt belegt, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in Italien. Anlässlich des 300. Geburtstag von Christoph Willibald Gluck wurde das Werk bei den Internationalen Gluck-Opern-Festspielen 2014 unter dem Motto „ReFORM und ReVISION“ in einer Fassung von Christian Baier und Sebastian Hirn gezeigt. Das Dirigat führte der Spezialist für historische Aufführungspraxis, Andreas Spering. Regie, Bühnenbild und Videodesign verantwortete Sebastian Hirn. Die Titelrollen sangen Alexandra Zamojska als Helena und Anna Dennis als Paride. Die Arbeit wurde in zahlreichen Zeitungen wegen ihrer Radikalität herausgehoben und in der Süddeutschen Zeitung als eine der drei besten Aufführungen des Jahres 2014 genannt.

Aufnahmen

Digitalisate

Commons: Paride ed Elena – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Werkinformationen in der Gluck-Gesamtausgabe. Abgerufen am 13. April 2026.
    1. 1 2 3 4 5 6 Genese.
    2. 1 2 Allgemeines.
    3. ↑ Werkteile.
    4. ↑ Übernahmen.
  2. ↑ Troja und die Folgen – Griechische Mythologie als Opernsujet auf der Website „KölnKlavier: Manuskripte W. Lempfrid“. Abgerufen am 13. April 2026.
  3. ↑ Egbert Tholl: Unabdingbar. Ein gute Jahr für die Oper. Rezension der Produktion in Nürnberg 2014. In: Süddeutsche Zeitung. 23. Dezember 2014. Abgerufen am 11. August 2026.
  4. Christoph Willibald Gluck. In: Andreas Ommer: Verzeichnis aller Operngesamtaufnahmen (= Zeno.org. Band 20). Directmedia, Berlin 2005.
    1. ↑ S. 5579.
    2. ↑ S. 5580.
    3. ↑ S. 5581.
    4. ↑ S. 5582.
    5. ↑ S. 5583.
  5. ↑ Werkinformationen auf klassika.info. Abgerufen am 13. April 2026.
  6. ↑ Informationen zur CD Capriccio C60027-2 auf der Website des Musiklabels Naxos. Abgerufen am 13. April 2026.
  7. ↑ Informationen zur CD Archiv 0289 477 5415 auf der Website des Musiklabels Deutsche Grammophon. Abgerufen am 13. April 2026.