
Übertourismus (englisch: overtourism) wird von der Welttourismusorganisation UNTWO als „die Auswirkung des Tourismus auf ein Reiseziel oder Teile davon, die die wahrgenommene Lebensqualität der Bürger und/oder die Qualität der Besuchererfahrungen übermäßig beeinflusst, und zwar in einem Ausmaß, dass sie das tägliche Leben der Einwohner und/oder die Fähigkeit der Besucher, das Reiseziel zu genießen, stört“. Aus Sicht der Einheimischen kann ein großer Anteil an Touristen zu einem Störfaktor werden, der das Leben der Einheimischen belastet. Auch Besucher selbst können die hohe Zahl der sie umgebenden Touristen als störend empfinden. „Übertourismus“ wird auch als Steigerung des Massentourismus bezeichnet. Eine im Deutschen verbreitete Bezeichnung für Partytourismus ist der Ballermann-Tourismus.
Im Oxford Dictionary war das Wort „Overtourism“ auf der Liste der zehn Top-Kandidaten für das Wort des Jahres 2018.
Wachsender Tourismus führt angesichts begrenzten Raumes zu zunehmenden Konflikten, sie treten vor allem an viel besuchten Destinationen, auch „Hotspots“ genannt, weltweit auf. Das Problem des wachsenden Tourismus ist bisher vor allem unter dem Gesichtspunkt der ökologischen und sozio-kulturellen Tragfähigkeit betrachtet worden. In den 1980er Jahren empfahl Mohamed A. Tangi vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen Regeln für ein verträgliches Neben- und Miteinander von Gästen und Einheimischen, beispielsweise ein Maximum von 600 Gästen pro Hektar Strand. Unter dem Begriff des Overtourism fällt darüber hinaus die psychologische und politische Dimension des Problems.
Das Beratungsunternehmen McKinsey veröffentlichte im Dezember 2017 im Auftrag des World Travel & Tourism Council eine Studie zum Thema Overcrowding. Sie enthält unter anderem eine Bewertungsmatrix, die eine Einschätzung darüber erlauben soll, wo und in welchem Ausmaß die Touristenmassen zu einem Problem geworden sind. Eines der Kriterien ist die Zahl der Besucherdichte: Ab 930.000 Menschen pro Quadratkilometer und Jahr bestehe nach der Studie größter Handlungsbedarf, das Gedränge für Anwohner und Besucher werde dann unzumutbar, und auch Infrastruktur, Sehenswürdigkeiten und Natur würden über die Maße strapaziert.
Der Tourismus wächst global stärker als die Gesamtwirtschaft. Das Problem des Overtourism hat sich in den letzten Jahren durch folgende Entwicklungen zusätzlich verschärft, wobei wichtig festzuhalten ist, dass jedes Tourismusziel einen unterschiedlichen Mix aus Gründen für das Auftreten des Phänomens hat:
Insgesamt führt eine übermäßig große Zahl von Touristen gleichzeitig auch zu einer Abhängigkeit: Durch die Verdrängung von Einwohnern und anderen Wirtschaftszweigen bleibt den betroffenen Gebieten oftmals nur noch der Tourismus als Einnahmequelle, sodass Maßnahmen gegen übermäßige Besucherzahlen häufig nur gegen große Widerstände möglich sind, je weiter die ausschließliche Ausrichtung auf Tourismus bereits fortgeschritten ist. Auch Proteste gegen den Tourismus sind insbesondere in Städten mit einem relativ hohen Anteil an gebildeten Einwohnern, von denen viele nicht am Tourismus beteiligt sind oder zumindest nicht direkt davon profitieren, am ausgeprägtesten.


2017 haben Amsterdam 18 Mio. Touristen besucht – bei rund 800 000 Einwohnern. Bei den Wahlen zum Stadtrat im März 2018 war Übertourismus ein Wahlkampfthema. Ein besonderes Ärgernis sind „Partytouristen“, die Lärm verursachen und Müll hinterlassen. Der neu gewählte Stadtrat plante verschiedene Maßnahmen. So sollte unter anderem die ursprünglich geplante Erweiterung des Hafens für Kreuzfahrtschiffe noch einmal überdacht werden.
Nachdem Mitte Juni 2020 für eine städtische Volksinitiative rund 25.000 Unterschriften gesammelt wurden, musste sich das Stadtparlament mit entsprechenden Forderungen befassen: wie z. B., dass die Zahl touristischer Übernachtungen begrenzt sowie das Vermieten von Wohnungen via beispielsweise Airbnb verboten werden sollte. Im Juni 2021 hat der Stadtrat daraufhin einen Katalog von Maßnahmen beschlossen, die u. a. den Bau von neuen Hotels einschränkt. Im Mai 2023 wurde zur Eindämmung des Drogentourismus ein Verbot des Cannabiskonsums in der Öffentlichkeit erlassen.
In Barcelona kamen auf 1,6 Mio. Einwohner im Jahr 2019 rund 24 Mio. Touristen, davon 10,5 Mio. Kreuzfahrtpassagiere. Im Sommer 2017 hatten Nachbarschaftsverbände am populären Stadtstrand „Barceloneta“ eine Demonstration gegen die „Touristifizierung“ organisiert und damit ein großes Medienecho bewirkt. Die Oberbürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, hatte die Parole ausgegeben: „Die Stadt den Bürgern zurückgeben.“ Dies bedeutete konkret: Mieten müssen erträglich sein, Touristenmassen dürfen nicht den Alltag einzelner Stadtviertel dominieren. Seit Oktober 2023 ist es Kreuzfahrtschiffen verboten, im stadtnahen nördlichen Teil des Hafens anzulegen. Im Juli 2024 gab es Protestzüge von rund 2800 Einheimischen, bei denen sogar Touristen mit Wasserpistolen belästigt wurden.
St. Magdalena ist ein Dorf im Villnößtal unterhalb der Geislergruppe. Im Tal leben rund 2.500 Einwohner. Der Anblick von St.Magdalena mit Kirche und alten Bauernhäusern sowie den Dolomitenbergen im Hintergrund ist ein beliebtes Fotomotiv. Durch die sozialen Medien ist das Bild weltweit bekannt geworden und hat einen Ansturm von Fototouristen erzeugt. Um die Besucherzahl zu bewältigen, gibt es u. a. mehrsprachige Hinweisschilder, markierte Fotopoints, öffentliche Toiletten, Einzäunungen. Zusätzlich erhebt man großstädtische Parkgebühren und kontingentiert die Zahl der täglichen Reisebusse. Die Bewohner leiden unter dem Ansturm der zahlreichen Besucher, die oftmals kein Verständnis für die Privatsphäre der Einwohner zeigen und sich respektlos verhalten.
Das Dorf Bibury in der englischen Grafschaft Gloucestershire erlangte nationale Bekanntheit, seitdem der Schriftsteller William Morris es als „schönsten Ort des Landes“ bezeichnete, und ist mit seiner idyllischen, typisch britischen Architektur und Landschaft heute zusehends eine Attraktion für Touristen, die vor allem mit Reisebussen anreisen. Zeitweise besuchen bis zu 50 Busse mit bis zu 20.000 Touristen am Tag das nur etwa 600 Einwohner zählende Dorf. Zur Bekämpfung des Overtourism hat sich eine Arbeitsgruppe gegründet, die strengere Beschränkungen für Reisebusse einführen und Halte- und Parkverbote durchsetzen will, um die Sicherheit und das Wohlergehen der Einwohner zu sichern.
In Dubrovnik konzentriert sich der Besucherstrom auf die Altstadt, die 400 mal 300 Meter misst. 2016 gab es dort noch vier Lebensmittelläden, aber 107 Souvenirgeschäfte und 143 Restaurants. Nur noch rund 1000 Einheimische wohnten im Jahr 2018 in der Altstadt, teilweise wurden Häuser an wohlhabende Russen und Araber verkauft. Die Fernsehserie Game of Thrones, die teilweise in Dubrovnik gedreht wurde, ließ die Tourismuszahlen weiter steigen. Eine weitere Belastung sind Tagesgäste von bis zu sieben gleichzeitigen Kreuzfahrtschiffen. Das Einkommen aus dem Tourismus kommt nur zu einem kleinen Teil dem lokalen Gewerbe zugute. Bewohner übten politischen Druck aus mit dem Motto: „Wir müssen die Stadt ihren Einwohnern zurückgeben.“
Die kleine Marktgemeinde Hallstatt im Salzkammergut verzeichnete im Jahr 2018 bei 776 Einwohnern einen Ansturm von 19.344 Reisebussen, was rund einer Million Besuchern entspricht – an die 10.000 an manchen Tagen. Vor allem asiatische, insbesondere chinesische, Touristen besuchen den Ort zumeist als Tagestouristen im Rahmen von Europareisen. Die Bewohner beklagen, dass ihre Privatsphäre massiv gestört wird, so sei eine Nutzung der Terrassen nahezu unmöglich. Einzelne Touristen würden sogar Gärten oder Wohnzimmer betreten und selbst Trauerfeiern auf dem Friedhof könnten nicht in Ruhe durchgeführt werden. Es würde dabei fotografiert und es käme vor, dass Zuschauer nach dem Trauermarsch applaudieren. Die Einnahmen der Gemeinde aus den öffentlichen Toiletten übersteigen mit 150.000 Euro die Grundsteuern. Die Gemeinde sucht intensiv nach Lösungen, die das Leben für die Bewohner wieder erträglich machen sollen. Ab Herbst 2020 dürfen Stops von Reisebussen nur noch in vorher vom örtlichen Tourismusbüro gegen Gebühr zugeteilten Zeitfenstern durchgeführt werden. So wird der Ansturm zeitlich verteilt und insgesamt limitiert.
Im Jahr 2017 betrug die Zahl der Touristen auf Island 2,5 Mio., sieben Jahre vorher waren es erst 0,5 Mio. In den Sommermonaten ist jeder fünfte Mensch im Land ein Tourist. Bei rund 340.000 Einwohnern bewirkt der Besucheransturm einen Anstieg bei Preisen für Unterkunft, Verpflegung und sonstigen Dienstleistungen. Man befürchtet, dass jene Ressource ruiniert wird, deretwegen die meisten ausländischen Besucher kommen – Einsamkeit, Ruhe und spektakuläre, unberührte Natur. Um zu vermeiden, dass die Bevölkerung beginnt, die Touristen als Ärgernis wahrzunehmen, plant die lokale Behörde den Anstieg der Besucherzahlen durch verschiedene Maßnahmen einzudämmen. Insbesondere soll die private Vermietung von Unterkünften stärker reguliert werden.
Im Sommer 2017 lagen manchmal an einem Tag bis zu sieben große Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Palma de Mallorca. Mit einem Zuwachs von 10 Prozent hatte die Zahl der Urlauber auf der Insel 2017 einen Rekordwert erreicht. Im Mai 2024 gab es mit rund 10.000 Teilnehmern Demonstrationen der Einheimischen gegen die Auswüchse des Massentourismus. Angeprangert wurden überteuerte Wohnungen, Umweltverschmutzung, überfüllte Strände und Trinkwasserknappheit. Mitbelegt wurde, dass besonders das touristische Mobilitätsverhalten weit klimaschädlicher sei als das der Mallorquiner. Seit den 2010er Jahren geht die mallorquinische Regierung gegen Party- und Alkoholtourismus vor, der im Deutschen als Ballermann-Tourismus bezeichnet wird. Dabei wurde das sogenannte Eimersaufen untersagt. Die Inselregierung hat 2024 beschlossen, die Zahl der Übernachtungsplätze von 430.000 auf 412.000 zu reduzieren.
Jährlich kommen rund 30 Millionen Besucher nach Venedig. In der Innenstadt lebten 1951 noch 175.000 Einwohner, 2022 waren es nur noch 50.000. Der Tourismus mit all seinen Auswirkungen hat viele Einwohner verdrängt. Ein besonderer Konfliktstoff sind große Kreuzfahrtschiffe; die Schiffsbewegungen bedrohen die empfindlichen Fundamente der Gebäude. Von den rund 60.000 täglichen Besuchern in der Stadt entfällt die Hälfte auf Kreuzfahrer, die dort zudem kaum Geld ausgeben. Es haben sich unter den Einwohnern Widerstandsgruppen gebildet, die politischen Druck ausüben. Aussage eines Betroffenen: „Das Problem ist, dass diese Touristen denken, dies sei eine Art Disneyland. Sie sollten aber nicht vergessen, dass dies eine lebende Stadt ist.“ Neben einer Ortstaxe für Übernachtungsgäste erhebt Venedig ab 2024 ein Eintrittsgeld für Tagestouristen. Nach jahrelangen Diskussionen hat die Stadt ab August 2021 großen Kreuzfahrtschiffen die Einfahrt in die Lagunenstadt verboten.
Als Gegenentwurf zur gängigen Reiseliteratur mit Listen der schönsten weltweiten Zielorte gibt es inzwischen Veröffentlichungen, die diejenigen Destinationen aufzählen, die wegen eines zu hohen Aufkommens an Touristen nicht empfohlen werden. „Fodor’s“, ein englischsprachiger Verlag für Reiseliteratur, veröffentlicht alljährlich die sogenannte „No List“. Wegen Übertourismus sowie weiterer Kriterien wie z. B. Sicherheit, ökologische Belastungen, wird von einem Besuch abgeraten. 2026 wurden genannt: Antarktis, Glacier-Nationalpark (Vereinigte Staaten), Mombasa und Mexico City sowie diverse Ziele in Europa: Die Kanarischen Inseln, die Isola Sacra und die Jungfrau (Berg).
Der US-amerikanische Fernsehsender CNN hatte 2018 eine Liste der Negativempfehlungen erstellt. Neben Venedig, Dubrovnik und Barcelona enthält sie Santorin (Griechenland), Bhutan, die Isle of Skye (Schottland), Machu Picchu (Peru), Cinque Terre (Italien), Galápagos, die Antarktis, den Mount Everest und das Taj Mahal.

McKinsey weist darauf hin, dass in betroffenen Destinationen eine längerfristige strategische Planung und die Formulierung von geeigneten Zielen erforderlich sei, insbesondere unter Beachtung des Gesichtspunkts der Nachhaltigkeit. Tourismusmanagement vor Ort ist traditionell auf verwaltende Aufgaben ausgerichtet. In der Vergangenheit war oft nur ein Mengenwachstum beispielsweise gemessen an der Zahl der Übernachtungen gefordert. Grundlage für die Erstellung einer Planung ist eine ausführliche Analyse der Ist-Situation und die Festlegung von geeigneten Messgrößen zur Überwachung der Zielerreichung.
Außerdem müsse eine systematische Öffentlichkeitsarbeit vor Ort durchgeführt werden. Ziele, Maßnahmen, Erfolge und Misserfolge des lokalen Tourismusmanagements müssen gegenüber den Einwohnern transparent gemacht werden, damit alle relevanten Institutionen in das Geschehen eingebunden sind.
Im September 2018 hat die Welt-Tourismus-Organisation (UNWTO) getagt und Strategien mit konkreten Maßnahmen gegen Overtourism veröffentlicht:
Eine Liste möglicher Maßnahmen gegen Übertourismus hat die Organisation Responsible Tourism, eine Abteilung des International Centre for Responsible Tourism im Rahmen ihrer Beratungsarbeit veröffentlicht. Konkrete Beispiele aus diesen und anderen Quellen sind:
Im Fall von Venedig haben einige Kreuzfahrtgesellschaften (P&O Cruises, Holland-America, Cunard) bereits die Anzahl der jährlichen Besuche reduziert.