Paul Binder

Paul Binder (* 29. Juli 1902 in Stuttgart; † 25. März 1981 ebenda) war ein deutscher Politiker der CDU.

Paul Binder (Mitte) und die übrigen Mitglieder des Sachverständigenrats, Februar 1964

Leben und Beruf

Binder, der evangelisch-lutherischen Glaubens war, studierte an den Universitäten in Tübingen, Rostock und Dijon Rechtswissenschaften und Nationalökonomie. 1932 wurde er in Tübingen bei Herbert von Beckerath mit einer Arbeit über Die Darstellungsmöglichkeiten politischer und psychologischer Einflüsse auf die Kursgestaltung einer Währung promoviert. Binder war seit dem Sommersemester 1922 Mitglied der dem süddeutschen Liberalismus nahestehenden Studentenverbindung Akademische Gesellschaft Stuttgardia. Von 1937 bis 1941 war er stellvertretender Direktor bei der Dresdner Bank in Berlin und leitete die „Zentralstelle für Arisierung“ jüdischen Vermögens. Insbesondere verriet er nicht-jüdischen Übernahme-Interessenten, in der Regel Konkurrenten in der jeweiligen Branche, vor der formellen Übernahme der Firmen deren interne Wirtschaftsdaten. Im Mai 1938 erlangte er durch das Reichswirtschaftsministerium Kenntnis von der in Kürze erfolgenden restlosen Liquidierung aller „nicht-arischen“ Betriebe unter Wert und vermittelte durch Reisen im ganzen Reichsgebiet persönlich vor Ort, um schriftliche Nachweise zu vermeiden, mit Hilfe der örtlichen NSDAP-Gliederung (deren sog. Wirtschaftsberater) die Firmen an die so vorbereiteten Aufkäufer. Für Immobilien sollte nur der Einheitswert gezahlt werden.

Ab 1941 befasste er sich als nunmehr selbständiger Wirtschaftsprüfer mit der Verwertung liquidierten Vermögens in den eroberten Ostgebieten, insbes. von Industriebetrieben. Binder war Mitglied der DAF und des NSBDT. Dabei arbeitete er vorrangig mit SS-eigenen Firmen zusammen. In zweiter Tätigkeit war er für Rüstungsunternehmen tätig, v. a. aus Hermann Görings Bereich, dem Reichsluftfahrtministerium sowie beim U-Boot-Bau. Binder unterhielt eigene Stützpunkte in Warschau, in Krakau und in Amsterdam sowie in Ebingen, dem Familiensitz. Ab April 1944 machte er mit Ludwig Erhard und dessen „Institut für Industrieforschung“ (einer Filiale der „Reichsgruppe Industrie“) Pläne darüber, wie das Raubgut auch nach einer möglichen Niederlage im Krieg weiter verwertet werden könne. Bei Kriegsende schaffte er mit allen Unterlagen rechtzeitig den Rückzug nach Württemberg und ließ sich in Tübingen, in der französischen Besatzungszone, nieder. Hier war er sicher vor Nachforschungen der US-amerikanischen Besatzungsbehörde „Financial Investigation Security“ über seine bisherigen Erwerbungen.

1945 wurde er in französischem Auftrag „Landesdirektor für Finanzen“ in Württemberg-Hohenzollern, mit Sitz in Tübingen. 1946/47 wurde er Finanzstaatssekretär und Vizepräsident des „Staatssekretariats für das französisch besetzte Gebiet Württembergs und Hohenzollerns“, einer vorläufigen Regierung nach Besatzungsrecht, als Stellvertreter des Carlo Schmid. Als Kurt Georg Kiesinger ihn um einen „Persilschein“ bat – er wollte eine Hochschulkarriere machen –, lehnte Binder das ab, denn jener war NSDAP-Mitglied gewesen. 1946 trat Binder der CDU bei; von 1952 bis 1957 war er CDU-Kreisvorsitzender in Stuttgart. Im Mai 1947 stellten die Franzosen fest, wer er war, und er wurde entlassen. Später übernahm er die Treuhänderschaft der Stuttgarter Filiale der Deutschen Bank.

Binder wurde von Januar 1964 bis Februar 1968 zum Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik („Die fünf Wirtschaftsweisen“) berufen.

Abgeordneter

Von 1946 bis 1947 war Binder Abgeordneter in der Beratenden Landesversammlung und dann bis 1952 im Landtag von Württemberg-Hohenzollern. 1948/49 war Binder zugleich Vorsitzender des Ausschusses für Finanzfragen des Parlamentarischen Rates zur Ausarbeitung des Grundgesetzes. 1953 zog Binder als Nachfolger für Hermann Dold im Wahlkreis Tuttlingen in den ersten Landtag von Baden-Württemberg ein. Auch dem zweiten Landtag (1956 bis 1960) gehörte Binder als Abgeordneter, diesmal für den Wahlkreis Balingen an.

Ehrungen

Veröffentlichungen (Auswahl)

Fußnoten

  1. ↑ Siehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Paul Binder im Rostocker Matrikelportal
  2. ↑ Immo Eberl, Helmut Marcon (Bearb.): 150 Jahre Promotion an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Biographien der Doktoren, Ehrendoktoren und Habilitierten 1830-1980 (1984). Stuttgart 1984, S. 302f. (Nr. 997)
  3. ↑ Jürg Arnold: Stuttgardia Tübingen 1869–1994. Geschichte der Akademischen Gesellschaft Stuttgardia. Württembergischer Geschichts- und Altertumsverein, Stuttgart 1994, S. 402.
  4. ↑ Paul Binder im Findbuch der Konrad-Adenauer-Stiftung (PDF)
  5. ↑ Binder Paul – Detailseite – LEO-BW. In: leo-bw.de. Abgerufen am 18. Mai 2026.
  6. ↑ Reiner Ruf: NS-Vergangenheit: Ein Vernichtungskrieger und viele Räuber jüdischen Eigentums. In: stuttgarter-zeitung.de. 15. Mai 2026, abgerufen am 18. Mai 2026.

Literatur

Commons: Paul Binder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Personendaten
NAME Binder, Paul
KURZBESCHREIBUNG deutscher Politiker (CDU), MdL
GEBURTSDATUM 29. Juli 1902
GEBURTSORT Stuttgart
STERBEDATUM 25. März 1981
STERBEORT Stuttgart