Sein Vater war der Gymnasialdirektor Gustav Kramer aus Halberstadt, seine Mutter war Pauline Ritter (1817–1877) aus Frankfurt am Main, eine Nichte des Geographen Carl Ritter.
Ostern 1853 zog er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Halle an der Saale, wo sein Vater Direktor der Franckeschen Stiftungen wurde. Er besuchte das Pädagogium der Stiftungen bis zum Abitur Ostern 1861. Anschließend studierte er Mathematik, Philosophie und Naturwissenschaften in Halle, Göttingen und Berlin. Während seines Studiums wurde er 1861 Mitglied der Schwarzburgbund-Verbindung Tuiskonia Halle. 1864 nahm er am Deutsch-Dänischen Krieg teil und lernte bei dieser Gelegenheit in Lübeck seine zukünftige Frau kennen. 1865 wurde er an der philosophischen Fakultät der Universität Halle promoviert.
Der Pädagoge
Kramer übernahm 1866 eine Stelle als Adjunkt (Hilfslehrer) am Gymnasium in Schulpforta. Im selben Jahr musste er Dienst im Deutschen Krieg leisten. Ab 1868 war er Mathematiklehrer am Gymnasium in Schleusingen. 1870 wurde er zum dritten Mal einberufen und nahm im Deutsch-Französischen Krieg an der Belagerung der Festung Phalsbourg/Pfalzburg in Lothringen teil.
Am 27. Dezember 1872 heiratete er in Lübeck Marie Breier (1843–1919), Tochter des Johann Friedrich Breier aus Eutin, Direktor des Katharineums in Lübeck, und der Margaritha Thormann (1817–1879) aus alter Berner Familie.
Ostern 1879 wurde er Oberlehrer an der Latina der Franckeschen Stiftungen in Halle, die bis 1878 von seinem Vater geleitet worden waren. 1884 wurde er zum Rektor des Realgymnasiums der Stiftungen ernannt.
Im Sommer 1891 wurde er wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Provinzialschulkollegium in Magdeburg, er zog mit seiner Familie dorthin um. Zu Beginn des Winterhalbjahres 1892 folgte seine Ernennung zum Provinzialschulrat.
Der Naturwissenschaftler
Neben seiner Lehrtätigkeit betrieb Kramer eingehende naturwissenschaftliche Forschungen. 1875 erschienen erste Veröffentlichungen über Milben (Acari). Er beschrieb als erster die GattungAturus und weitere Arten und Gattungen. 1877 leistete er einen Beitrag zu einer neuen Systematik der Wassermilben (Hydrachnellae). Im Rahmen seiner Milbenforschung befasste er sich ab 1883 mit der Auswertung von Sammelergebnissen verschiedener Expeditionen nach Afrika und in die Arktis. Teile seiner Originalsammlung befinden sich im Zoologischen Museum in Berlin (Viets).
Nach seinem Tod kehrte seine Familie nach Halle zurück. Von den fünf Kindern starben zwei Töchter früh. Sein Sohn Gustav Kramer (1877–1915) war Amtsrichter, sein Sohn Johannes Kramer (1885–1915) war Kunsthistoriker und ab 1912 beim Aufbau der Bibliotheca Hertziana in Rom tätig. Beide Söhne fielen 1915 kurz nacheinander im Ersten Weltkrieg in Litauen bzw. Polen. Die einzige überlebende Tochter Maria Kramer (1879–1936) heiratete den Pfarrer Wilhelm Fries (1878–1952), einen Sohn des Direktors der Franckeschen Stiftungen Wilhelm Fries.
Werke
De doctrina Spinozae de mente humana, Halle, Waisenhaus, 1865; zugl. Halle-Wittenberg, Phil. Diss. v. 12. August 1865
Anmerkungen zur Theorie der räumlichen Wahrnehmung, Schleusingen, Hannebergisches Gymnasium, 1872
Theorie und Erfahrung, Beiträge zur Beurtheilung des Darwinismus, Halle a. d. Saale, Nebert, 1877
Descartes und das Brechungsgesetz des Lichtes, in: Abhandlungen zur Geschichte der Mathematik, Leipzig, Teubner, 1882, Bd. 2, H. 1–4, S. 236–278; ebenso in: Zschr. f. Mathematik u. Physik, hist.-literar. Abt., Supplement, Jg. 27,4, 1882
Beiträge zur Geschichte des Realgymnasiums der Franckeschen Stiftungen, Einladungsschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum dieser Schule, Beilage zum Jahresbericht des RG zu Halle a. S., 1885
Gustav Kramer, in: Conrad Bursian u. Iwan von Müller (Hrsg.): Biogr. Jb. f. Alterthumskunde, Leipzig, Reisland, 1888
Mathematische Lesestoffe für die Prima der Realgymnasien, Beilage z. Jahresbericht des RG der Franckeschen Stiftungen, 1889, S. 11–24; ebenso in: A. Sommer: Rede zur Schulfeier des Geburtstags seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. Halle, Waisenhaus, 1889
Die darstellende Geometrie im Realgymnasium, Halle, Waisenhaus, 1890
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
(Zum Teil nach Ausrissen im Nachlass des Verfassers, unvollständige Quellenangaben wurden soweit möglich ergänzt)
Beiträge zur Naturgeschichte der Hydrachniden, in: Archiv f. Naturgesch., 41, 1875, 1, 263–332, Tf. 8–9
Beiträge zur Naturgeschichte der Milben, ebda. 42, 1876, 1, 28–45, Tf. 3
Zur Naturgeschichte einiger Gattungen aus der Familie der Gamasiden, ebda. 42, 1876, 1, 46–105, Tf. 4–5
Eine Bemerkung über ein Räderthier aus der Familie der Asplanchneen, ebda. 42, 1876, 1, 179–182
Die Familie der Bdelliden I, ebda. 42, 1876, 1, 183–196, Tf. 8, Fig. 5–8
Über Dendroptus, ein neues Milbengeschlecht, ebda. 42, 1876, 1, 197–208
Nachträgliche Bemerkungen über Milben, ebda., 43, 1877, 1, 55–56
Grundzüge zur Systematik der Milben, ebda., 43, 1877, 1, 215–247
Zwei parasitische Milben des Maulwurfs, ebda, 43, 1877, 1, 248–259
Reflexionen über die Theorie, durch welche der Saison-Dimorphismus bei den Schmetterlingen erklärt wird, ebda, 43, 1877, 1, 411–419
Beiträge zur Naturgeschichte der Milben, in: Zschr. f. die ges. Naturwiss., 51, 1878, 519–561
Neue Acariden, in: Archiv f. Naturgesch., 45, 1879, 1, 1–18, Tf. 1–2
Über die Milbengattungen Leptognathus Hodge, Raphignatus Dug., Caligonus Koch und die neue Gattung Cryptognathus, ebda., 45, 1879, 1, 2, 142–157, Tf. 8 u. 238–242
Über die postembryonale Entwicklung bei der Milbengattung Glyciphagus, ebda., 46, 1880, 102–110
Über die Prinzipien der Klassifikation bei den Gamasiden, [ebda., 47, 1881?], 639–642
Über Milben, in: Zschr. f. die ges. Naturwiss., 54, 1881, 417–452, Tf. 3–4
Über die Segmentierung bei den Milben, in: Archiv f. Naturgesch., 48, 1882, 1, 178–182, Tf. 13, Fig. 1–4
Über Tyroglyphus carpio, eine neue Art der Gattung Tyroglyphus Latr., ebda., 48, 1882, 1, 185–186
Über Gamasiden, ebda., 48, 1882, 1, 374–434, Tf. 19–20
Versuche von Dr. Braun in Dorpat, in: Zschr. f. die ges. Naturwiss., 55, 1882, 274
zus. mit Carl Neumann (Schweden): Acariden, während der Vega-Expedition eingesammelt, bestimmt und beschrieben, in: Vega-Expeditionens vetensk. Jakttagelser, 3, Stockholm, 1883, 519–532, Tf. 39–44
Über Milben, I. Zur Kenntnis einiger Gamasiden; II. Neue Milben aus anderen Familien, in: Archiv f. Naturgesch., 52, 1886, 1, 241–268, Tf. 12
Über das Hydrachnidengenus Anurania Neum., in: Zool. Anz., 12, 317, 1889, 499
Zur Entwicklung der Hydrachniden, ebda., 13, 341, 1890, 427–428
Über die Typen der postembryonalen Entwicklung bei den Acariden, in: Archiv f. Naturgesch., 57, 1891, 1, 1–14
Die Hydrachniden (Wassermilben), in: Otto Zacharias (Hrsg.), Die Tier- und Pflanzenwelt des Süßwassers, Einführung in das Studium derselben, Einführungsband, Bd. 1 u. 2, Leipzig, Weber, 1891
Zur Entwicklungsgeschichte und Systematik der Süßwassermilben, in: Zool. Anz., 15, 389, 1892, 149
Über die verschiedenen Typen der sechsfüßigen Larven bei den Süßwassermilben, in: Archiv f. Naturgesch., 59, 1893, 1, 1–24, Tf. 1
zus. mit Carl Neumann (Schweden): Acariden, während der Vega-Expedition eingesammelt, [vermutl in: Nordenskiöld, Die wiss. Ergebnisse der Vega-Expedition, von Mitgliedern der Expedition u. anderen Forschern bearbeitet, Leipzig, Brockhaus], 1893, 519–529
Über zwei von Herrn Dr. F. Stuhlmann in Ostafrika gesammelte Gamasiden, in: Beiheft z. Jb. der Hamburg. Wiss. Anstalten, 12, 1895; dasselbe: Berlin, Reimer, 1901
Über die Benennung einiger Arrenurus-Arten, in: Zool. Anz., 18, 465, 1895, 1–5
Giovanni Canestrini u. E. Trouessart, in: Zool. Centralblatt, 1896, 491–493
Über eine neue Pelzmilbe des Bibers (Haptosoma truncatum nov. ge. sp.), in: Zool. Anz., 19, 1896, 134–136
Neue Acariden von der Insel Borkum, ebda., 19, 1896, 444–448
Zwei neue Oribatiden von der Insel Borkum, ebda., 20, 1897, 535–536
Grönländische Milben, in: Bibliotheca Zoologica, hrsg. v. Rudolf Leuckart u. Carl Chun, Stuttgart, Nägele, Bd. 8, H. 19, 3. Lfg., 1897, 77–83; ebenso in: Zool. Ergebnisse der von der Ges. f. Erdkunde zu Berlin unter Leitung Dr. von Drygalski’s ausgesandten Grönlandexpedition nach Dr. Vanhöffen’s Sammlung bearbeitet, Stuttgart, Nägele, 1897
Trombididen aus Madagaskar, in: Abh. d. Senckenbergischen Naturforsch. Ges., Bd. 21: Alfred Voeltzkow: Wiss. Ergebnisse der Reisen in Madagaskar u. Ost-Afrika 1889–1895, Frankfurt, Diesterweg, 1897, 209–211
Wilhelm Fries: Die Franckeschen Stiftungen in ihrem zweiten Jahrhundert, Halle: Waisenhaus, 1898
Anthonie Cornelis Oudemans (Arnheim): Aus P. Kramers Nachlaß (Acari), in: Archiv f. Naturgesch., Berlin, Nicolai, 1926, Abt. A, S. 99–119
Karl Viets: Notizen zu Paul Kramer’s Sammlung von Hydrachnellen (Acari) des Berliner Zool. Museums, in: Archiv f. Hydrobiologie, Stuttgart, Schweizerbart, 1949, 42,4, S. 510–512
ders.: Die Milben des Süßwassers und des Meeres, 2 Bde., Jena, Gustav Fischer, 1955, Bd. 1, S. 180–182, Porträtfoto, 440–441
Einzelnachweise
↑Leopold Petri (Hrsg.): Mitgliederverzeichnis des Schwarzburgbundes. Vierte Auflage, Bremerhaven 1908, S. 154, Nr. 259.