Winkel am Kreis

Mit dem Begriff Winkel am Kreis (kurz Kreiswinkel) bezeichnet man drei Arten von Winkeln, die im Zusammenhang mit Kreisen auftreten: Mittelpunktswinkel (Zentriwinkel) werden von zwei Radien begrenzt, Umfangswinkel (Peripheriewinkel, Sehnenwinkel) von zwei Sehnen und Sehnentangentenwinkel – entsprechend ihrem Namen – von einer Sehne und einer Tangente.

Definitionen

Mittelpunkts- (), Umfangs- () und Sehnentangentenwinkel ()

In den folgenden Definitionen wird ein Kreisbogen (im Bild oben blau gezeichnet) mit den Endpunkten und vorausgesetzt. Auf dem Kreisbogen (schwarz), der den gegebenen Kreisbogen zum vollständigen Kreis ergänzt, befindet sich an beliebiger Stelle ein Punkt . Der Kreismittelpunkt wird mit bezeichnet.

Viele Autoren von Geometrie-Lehrbüchern nehmen bei Mittelpunktswinkeln, Umfangswinkeln und Sehnentangentenwinkeln nicht Bezug auf den gegebenen Kreisbogen, sondern auf die Kreissehne . Es muss aber klar sein, welcher der beiden Bögen, in die die Sehne den Kreis unterteilt, gemeint ist.

Kreiswinkelsatz (Mittelpunktswinkelsatz, Zentriwinkelsatz)

Bemerkung: Für den Mittelpunktswinkel liefert dieser Satz den Umfangswinkel . Der Satz des Thales kann demnach als Spezialfall des Kreiswinkelsatzes aufgefasst werden.

Beweis 1

Kreiswinkelsatz 1. Fall: zwischen und
ist der Mittelpunktswinkel, der Umfangswinkel bei P.

Es wird die Verbindungsstrecke eingezeichnet. Der Winkel zwischen und ist mit bezeichnet, der Winkel zwischen und mit . Die Dreiecke und sind gleichschenklig (Basiswinkel bzw. , siehe Zeichnungen). Die Winkel und sind definiert durch und (Gegenuhrzeigersinn!). Zu beachten ist, dass diese beiden Winkel auch größer als sein können. Die drei Winkel bei , nämlich , und , bilden einen -Winkel (Vollwinkel), es gilt also

.

Im Folgenden sind drei Fälle zu unterscheiden:

Kreiswinkelsatz 2. Fall: auf ,
Kreiswinkelsatz 3. Fall: außerhalb von und (näher bei )
1. Fall zwischen und

In diesem Fall ist das Viereck nicht überschlagen. Es kann jedoch konvex (für ), konkav (für ) oder zu einem Dreieck ausgeartet sein (für ).

Der Satz über die Winkelsumme im Dreieck zeigt:

Einsetzen in die obige Bedingung ergibt:

Wegen (siehe Zeichnung) folgt daraus die Behauptung .

2. Fall auf oder

In diesem Fall ist die Argumentation wie im 1. Fall, allerdings gilt jetzt (falls auf ) bzw. (falls auf ).

3. Fall außerhalb von und

In diesem Fall ist das Viereck überschlagen (siehe nebenstehendes Bild: Der Punkt befindet sich nahe seinen Endlagen bei oder bei ).

Fall 3.1: Wenn näher bei liegt (siehe Zeichnung), gilt

.

Die zweite dieser Bedingungen ergibt . Durch Einsetzen folgt also:

Fall 3.2: Wenn näher bei liegt, gilt entsprechend

.

Die letzte dieser Bedingungen bedeutet . Durch Einsetzen erhält man:

Zusammenfassung

In allen Fällen lautet das Ergebnis .

Kreiswinkelsatz, Verdeutlichung am Beispiel des Mittelpunktswinkels und des Umfangswinkels . Die Animation berücksichtigt alle drei Fälle.

Beweis 2

1. Fall Einer der Schenkel des Umfangswinkels verläuft durch den Mittelpunkt

Die beiden Winkel und sind als Basiswinkel des gleichschenkligen Dreiecks beide gleich . Der Winkel beträgt entsprechend (Winkelsumme). Für den Nebenwinkel folgt daraus

.
2. Fall AMBP ist ein reguläres, nicht überschlagenes Viereck

Die Strecke wird über hinaus verlängert. Die durch diese Hilfslinie entstandenen Teilwinkel seien mit bzw. bezeichnet. Sowohl und als auch und erfüllen die Voraussetzungen von Fall 1, es gilt also und . Man erhält folglich

.

Diese Argumentation gilt gleichermaßen für (konkaves Viereck), (ausgeartetes Viereck) und (konvexes Viereck).

3. Fall AMBP ist ein überschlagenes Viereck

Da das Dreieck gleichschenklig ist, sind die Winkel und beide gleich groß, hier: . Auch das Dreieck ist gleichschenklig, somit muss gelten. Da die Scheitelwinkel beim Schnittpunkt gleich groß sind, müssen sich die beiden anderen Winkel der Dreiecke und zur selben Summe addieren:

Durch Einsetzen folgt

,
.

In allen drei Fällen ergibt sich, wie behauptet, .

Beweis 3

Dieser Beweis verwendet die Parallelverschiebung, die den Kreismittelpunkt in den Punkt überführt. Der zugehörige Verschiebungsvektor ist also . Die Bildpunkte von und bezüglich dieser Verschiebung seien mit bzw. bezeichnet. Die Verschiebung bildet das Dreieck auf das Dreieck ab. Da sich die Winkelgröße bei einer Verschiebung nicht ändert, gilt . Die Vierecke und sind Rauten, denn alle ihre Seitenlängen stimmen mit dem Kreisradius überein. Es kann nun die Tatsache ausgenützt werden, dass die Innenwinkel der beiden Rauten mit dem Scheitel durch die Diagonalen bzw. halbiert werden. Die Winkelgrößen (Mittelpunktswinkel) und (Umfangswinkel) lassen sich durch die Größen dieser Innenwinkel ausdrücken. Allerdings ist auch hier eine Fallunterscheidung nötig.

1. Fall Viereck AMBP nicht überschlagen

ist gleich der Summe der Innenwinkel der beiden Rauten bei , die Summe der halbierten Innenwinkel. Dies gilt gleichermaßen für , und .

1. Fall: Viereck AMBP nicht überschlagen (für μ < 180°)
2. Fall A, M, P oder B, M, P auf einer Geraden

Die Argumentation ist wie im 1. Fall, allerdings verschwindet eine der beiden Rauten. ist so groß wie der nicht verschwindende Innenwinkel bei , halb so groß.

2. Fall: A, M, P auf einer Geraden
3. Fall Viereck AMBP überschlagen

ist gleich der Differenz der Innenwinkel der beiden Rauten bei , die Differenz der halbierten Innenwinkel.

3. Fall: Viereck AMBP überschlagen
Zusammenfassung Der Mittelpunktswinkel ist doppelt so groß wie der Umfangswinkel .

Umfangswinkelsatz (Peripheriewinkelsatz, Sehnenwinkelsatz)

Beweis: Der Umfangswinkelsatz folgt unmittelbar aus dem Kreiswinkelsatz. Nach diesem Satz ist jeder Umfangswinkel halb so groß wie der zugehörige Mittelpunktswinkel. Also müssen alle Umfangswinkel gleich groß sein.

Auch ein direkter Beweis des Umfangswinkelsatzes ist möglich, und zwar durch einen weiteren Punkt P' auf dem gegebenen Kreisbogen, sodass ein Sehnenviereck AP'BP entsteht. Dieser Beweis verwendet die Tatsache, dass sich in einem Sehnenviereck gegenüberliegende Winkel zu ergänzen. (Zur Vermeidung eines Zirkelschlusses ist es allerdings nötig, diese Eigenschaft ohne Rückgriff auf Umfangswinkel zu begründen, nämlich mit Basiswinkeln in gleichschenkligen Dreiecken.) Auf diese Weise sind durch den Winkel bei P' alle Umfangswinkel festgelegt.

Umfangswinkelsatz, Verdeutlichung der Eigenschaft des Umfangswinkels am Scheitelpunkt , Animation

Sehnentangentenwinkelsatz

Sehnentangentenwinkelsatz:
Der von der Sehne s und der Tangente t begrenzte Sehnentangentenwinkel bei A ist mit bezeichnet. ist der Umfangswinkel bei P und der zugehörige Mittelpunktswinkel.

Beweis: Zu zeigen ist .

Das Dreieck ist gleichschenklig. Nach dem Kreiswinkelsatz () gilt also

.

Weil eine Kreistangente senkrecht zum zugehörigen Radius ist (), folgt

.

Für muss diese Überlegung geringfügig abgewandelt werden.

Aus ergibt sich der Zusammenhang mit dem Mittelpunktswinkel: .

Fasskreisbogen

In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Umfangswinkelsatz steht der Begriff des Fasskreisbogens. Das Fasskreisbogenpaar ist definiert als die Menge (der geometrische Ort) aller Punkte, von denen aus eine gegebene Strecke unter einem gegebenen Winkel erscheint. Fasskreisbögen werden oft für geometrische Konstruktionen verwendet.

Skizze zum Fasskreisbogenpaar

Anwendung bei Begründungs- und Konstruktionsaufgaben

Umfangswinkelsatz

Der Umfangswinkelsatz wird in der Elementargeometrie des Öfteren für Begründungen verwendet, etwa bei den Beweisen des Sehnensatzes und des Sekantensatzes mithilfe ähnlicher Dreiecke.

Der Beweis des nachfolgenden Anwendungsbeispiels beruht auf einer mehrfachen Anwendung des Umfangswinkelsatzes (Bild 1):

Bild 2: Skizze zum Anwendungsbeispiel (Spezialfall)
Bild 1: Skizze zum Anwendungsbeispiel
Gegeben seien drei Geraden , und , die sich im Punkt schneiden. Von einem Punkt werden jeweils die Lote auf , und gefällt.
Dann stimmen die Innenwinkelweiten des entstandenen Dreiecks mit den Schnittwinkelweiten der drei Geraden überein.

Beweis:

Betrachtet wird der Thaleskreis über der Strecke mit verschiedenen Peripheriewinkeln.
  • Die Winkel und sind Umfangswinkel über dem zur Sehne gehörigen (kleineren) Kreisbogen und haben deshalb dieselbe Weite .
  • Die Winkel und sind Umfangswinkel über dem zur Sehne gehörigen (kleineren) Kreisbogen und haben deshalb dieselbe Weite .
  • Die Winkel und haben wegen dieselbe Weite .
Damit ist die Aussage bewiesen.

Für den Spezialfall, dass die drei Geraden sich im Punkt unter einem Winkel von jeweils schneiden, ergibt sich mit als unmittelbare Folgerung (Bild 2):

Gegeben seien drei Geraden , und , die sich im Punkt unter einem Winkel von jeweils schneiden. Von einem Punkt werden jeweils die Lote auf , und gefällt.
Dann ist das Dreieck gleichseitig.

Kreiswinkelsatz

Der Kreiswinkelsatz eignet sich, um etwa den Satz von Cardano zu begründen, aber auch als Konstruktionsbaustein zur Lösung z. B. folgender Aufgaben:

Hierfür wird zuerst der Umkreis eines Zehnecks mit nur einer Seitenlänge konstruiert und anschließend zweimal hintereinander der Kreiswinkelsatz angewendet.
Bild 3: Kreiswinkelsatz
Ansatz für die Dreiteilung eines beliebigen Winkels. Durch den Punkt verläuft später der rechte Ast der Hyperbel.
Bild 4: Kreiswinkelsatz
Konstruktion eines Polygons bei gegebener Seitenlänge , das die doppelte Anzahl Ecken eines Polygons mit gleicher Seitenlänge hat.
Beispiel:
Die Seitenlänge des gesuchten Zwanzigecks (blau) ist gleich der des vorgegebenen Zehnecks.
Bild 5: Kreiswinkelsatz
Konstruktion eines Polygons bei gegebener Seitenlänge , das die halbe Anzahl Ecken eines Polygons mit gleicher Seitenlänge hat. Darin ist die Mittelsenkrechte von
Beispiel:
Die Seitenlänge des gesuchten Zehnecks (blau) ist gleich der des vorgegebenen Zwanzigecks.

Literatur

Wikibooks: Kreiswinkelsatz – Lern- und Lehrmaterialien
Wikibooks: Sehnentangentenwinkelsatz – Lern- und Lehrmaterialien

Einzelnachweise

  1. ↑ Günter Aumann: Kreisgeometrie: Eine elementare Einführung. Springer, 2015, ISBN 978-3-662-45306-3, S. 2. «Wenn klar ist, welcher Bogen mit den Endpunkten , gemeint ist, sprechen wir bisweilen auch vom Umfangswinkel über der Sehne .»
  2. 1 2 Günter Aumann: Kreisgeometrie: Eine elementare Einführung. Springer, 2015, ISBN 978-3-662-45306-3, S. 15 (google.de [abgerufen am 26. Oktober 2026]).
  3. ↑ Lorenz Halbeisen, Norbert Hungerbühler, Juan Läuchli: Mit harmonischen Verhältnissen zu Kegelschnitten - Perlen der klassischen Geometrie, 2. Auflage, Springer Spektrum 2016, ISBN 978-3-662-63329-8, S. 23/219