Gens Petronia

Die Petronii (deutsch: Petronier) waren eine bedeutende Familie (gens) im alten Rom.

Herkunft

Die Familie Petronius scheint ursprünglich nicht römisch, sondern etruskisch, umbrisch oder sabinisch gewesen zu sein. Im einst umbrischen Perusia (heute Perugia) fanden sich Aschenkisten mit etruskischen Inschriften (ein Zweig der Familie Petronius trägt später den Beinamen „Umbrinus“), in Montepulciano lebte ein haruspex Gaius Petronius, Sohn der Crispina, (wobei schon die Angabe des Muttersnamens typisch etruskisch ist) und auch in Praeneste (heute: Palestrina) gibt es alte Grabsteine mit dem etruskischen Namen „Petruni“, die vielleicht aus dem 7./6. Jahrhundert stammen.

Wie andere Familien auch führten die Petronier sich auf sehr alte Vorfahren zurück, deren historische Existenz jedoch zweifelhaft ist. Im ersten Buch der Exempla-Sammlung des Valerius Maximus (erschienen 31 n. Chr.), das über die Religion handelt, findet sich eine paradigmatische Erzählung, der es kaum um historische Richtigkeit zu tun ist. Maximus berichtet, der römische König Tarquinius Superbus habe einst die sibyllinischen Bücher erworben und zwei ausgewählte Männer zu ihrem Schutz bestellt. Einer von ihnen, ein gewisser Atilius sei bald darauf von einem Sabiner namens Petronius bestochen worden, damit ihm erlaubt würde, die Bücher abzuschreiben. Atilius sei daraufhin wie ein Vatermörder gesäckt worden. Im Jahre 495 v. Chr. soll man die von Petronius abgeschriebenen Sibyllinischen Bücher konsultiert haben, bevor man den Tempel des Liber, der Libera und der Ceres einen Tempel weihte. Die Erzählung ist kaum historisch.

Petronii während der römischen Republik

Der Name Petronius erscheint in Rom tatsächlich erst im 2. Jahrhundert v. Chr.

Petronii während der Kaiserzeit

Der Senator L. Petronius Rufus (= PIR² P 305) war am 23. Mai 17 v. Chr. Zeuge eines Senatsbeschlusses.

Petronii ohne Cognomen / Petronii Turpiliani

Der wichtigste Zweig der Familie waren die Petronii ohne Cognomen, (wie es scheint trugen einzelne Söhne dieser Familie gleichwohl das Cognomen Turpilianus). Offenbar hielt man sich gerade in dieser Familie eine sabinische Abstammung zugute. Begründer dieses Zweiges war:

  • Publius Petronius Turpilianus (Münzmeister), römischer Münzmeister (IIIvir monetalis) um 20–18 v. Chr., vmtl. Sohn des vorigen, wohl identisch mit dem gleichnamigen Prokonsul von Hispania Baetica um 6/5 v. Chr. Mit ihm beginnend gehört die Familie dem Senatorenstand an (= PIR² P 314)
  • Petronia, erste Gattin des späteren Kaisers Vitellius (wohl Tochter des Publius), Mutter des
- Vitellius Petronianus und des
- Servius Cornelius Dolabella Petronianus (Konsul 86) (= PIR² P 323)

Der bedeutendste Sohn dieser Linie war zweifellos der Dichter

  • Titus Petronius gen. Arbiter (* ca. 14; † 66 n. Chr.), irrtümlich auch Publius Petronius Niger, römischer Politiker und Schriftsteller, Autor des Satyricon, auch er wohl ein Sohn des Auguren Publius Petronius (= PIR² P 294)

Petronii Nigri

Möglicherweise eng verwandt mit dieser Linie sind die Petronii Nigri:

  • Publius Petronius Niger, 62 Suffektkonsul (Sohn des Vorigen) (siehe PIR² P 294, dort vermischt mit Titus Petronius Arbiter),
  • siehe auch unter Pontia (wohl Tochter des P. Petronius Niger) (= PIR² P 832)

Petronii Umbri(ni)

Daneben erlangte insbesondere die Familie der Petronii Umbri(ni) früh einige Bedeutung:

  • Petronia C.f., Tochter des Vorigen, verheiratet mit Galeo (Tettienus) (= PIR² P 324)
  • Q. Petronius Umber, 54 Legat Neros in Galatien (Bruder der Vorigen) (= PIR² P 318)
  • M. Petronius Umbrinus, 81 Suffektkonsul (Sohn des Vorigen) (= PIR² P 320)
  • M. Petronius Cremutius, 87 Arvalbruder (Sohn des Vorigen) (= PIR² P 278)

Weitere Petronii des 1. Jhs.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. finden sich außerdem:

  • Weitere Mitglieder der Familie Petronius Secundus sind der im Folgenden genannte Präfekt von Ägypten und später ein L. Petronius Secundus, der von seinem gleichnamigen Vater in der Priscilla-Katakombe in Rom bestattet wurde und daher vermutlich Christ war (ILCV 738)

Petronii als Präfekten von Ägypten

Im Jahre 88 n. Chr. wird in Ägypten eine reiche Dame erwähnt, namens

Nach Publius Petronius im 1. Jahrhundert v. Chr. (siehe oben) erscheint vom Ende des 1. bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts eine Anzahl Petronii als Präfekten von Ägypten:

Petronii Mamertini

Die beiden letztgenannten Petronii gehören zur Familie der Petronii Mamertini, deren Mitglieder im 2. Jahrhundert verschiedene hohe Ämter bekleideten:

  • M. Petronius Mamertinus, 150 Suffektkonsul (= PIR² P 287), Sohn des Vorigen
  • Petronius (Sura?) Antoninus (PIR² P 272)

Petronii als Prokuratoren, Stadtpräfekten, Konsuln und in anderen hohen Ämtern vom 2. bis zum 4. Jh.

Auch vom 2. bis ins 4. Jahrhundert gab es immer wieder weitere Petronii, die hohe und höchste Ämter ausübten:

  • ? P. Petronius Priscus, (Praetor?), 184 Magister der Arvalbrüder; † nach 193. (= PIR² P 299)
  • Q. Petronius Melior, um 184 procurator annonae (= PIR² P 291)
  • ? Q. Petronius Melior, praefectus frumenti dandi (= PIR² P 290)
  • L. Petronius Sabinus, (Sohn des Vorigen?) aus Ancona, procurator Augustorum unter Marcus Antoninus und Commodus (177–180) (= PIR² P 307)

Petronii Probi(ani)

Vom Anfang des 4. bis zum Anfang des 6. Jhs. stellt der Zweig der Petronii Probiani eine Anzahl von Konsuln:

  • Petronius Probinus, 341 Konsul, 345/346 Stadtpräfekt

Petronii als Verwandte der Kaiser

Auch in der nächsten Verwandtschaft der Kaiser finden sich immer wieder Angehörige der Familie, schließlich wird ein Petronius sogar selbst zum Kaiser:

Petronii als Bischöfe und andere Vertreter der hohen Geistlichkeit

Vom 4. Jahrhundert an verzeichnet auch die höhere Geistlichkeit Mitglieder der Familie Petronius in ihren Reihen:

Freigelassene Petronii

Neben diesen Familien haben sich viele Hundert Petronii in Inschriften verewigt (wohl zumeist freigelassene Sklaven). Die folgende Sammlung der Cognomina erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

Petronius...Achilles/Achillius, Adaucta, Aelus, Agilus, Amerimnus, Amphionus, Andronicus, Annianus, Antoninus, Apronianus, Aquila, Aquileiensus, Argentillus, Avita,
Bassillus,
Castus, Cautinus, Celsus, Certus, Charito, Chryseros, Classi/cus Marrucinus, Cominianus, Crassillus?, Crescens,
Discoridianus, Dossenus, Dyssullus,
Epactianus, Epitynchan(o), Euscherus, Exoratus,
Felix, Fisianus, Florentinus, Florinus, Fortunatus,
Galerius, Gemellus/Gemellinus, Gratus,
Herasmidicus, Hermia/Hermes, Hermonax, Hilarius,
Institutus, Iucundus, Iustus,
Laudocius/Laodicius, Liccaeus,
Maevius (Mevius), Mamertinus, Marcella, Marcianus, Martialis, Maternus, Maximus/Maximillus, Myrismus Iunior,
Nepos, Nicepor/Nicephorus, Numphodotus,
Onesiphorus,
Parthenius, Pauper, Philomusus, Pierius, Petronianus, Philogenes, Potens, Primigenius, Primitivus, Primus/Primulus, Priscus/Priscianus, Proculus, Probus, Pupinius Modestus,
Romanus, Rusticus,
Saturus, Salvius/Salvianus, Scaenarius, Severus/Severinus, Stephanus, Sucessus, Sulla,
Tenax, Tertius, Thiasus, Trophimus, Tryphon,
Urnius, Ursus/Ursulus, Valens, Veteranus, Vocusianus

Siehe auch

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ oder M. Tullius; Dionysios von Halikarnassos, Antiquitates Romanae 4,62 nennt ihn M. Aetilius.
  2. ↑ Tarquinius autem rex M. Atilium duumvirum, quod librum secreta rituum civilium sacrorum continentem, custodiae suae conmissum corruptus Petronio Sabino describendum dedisset, culleo insutum in mare abici iussit, idque supplicii genus multo post parricidis lege inrogatum est, iustissime quidem, quia pari vindicta parentum ac deorum violatio expianda est. (Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 1,1,13). Vergleiche Friedrich Münzer: Petronius 83. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1230 f.
  3. ↑ Polybios, Historiai 32,28,3.
  4. ↑ L. Petronius vor 151/150 (Friedrich Münzer: Petronius 87. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1231.), P. Petronius im Jahr 88 v. Chr. (Friedrich Münzer: Petronius 93. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1232.)
  5. ↑ Titus Petronius, Sohn des Publius, Offizier im Bundesgenossenkrieg 89 v. Chr.: Friedrich Münzer: Petronius 93. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1232.
  6. ↑ Valerius Maximus, Facta et dicta memorabilia 7,5; Friedrich Münzer: Petronius 88. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1231.
  7. ↑ Plutarch, Crassus 30 f.
  8. ↑ Appian, De bello civili 5,1,4.
  9. ↑ CIL 6, 32323: Edmund Groag: Petronius 65. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1222.
  10. ↑ Gemäß Suetons Vita Persii einer der gelehrtesten und ehrwürdigsten Männer (doctissimorum et sanctissimorum virorum): Arthur Stein: Petronius 30. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1214.
  11. ↑ RE 19 (1938) Sp. 1221
  12. ↑ Wilhelm Enßlin: Petronius 15. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIX,1, Stuttgart 1937, Sp. 1197.