Petros Solomon

Petros Solomon (Tigrinya ጴጥሮስ ሰሎሞን; geboren am 5. Mai 1951 in Asmara) ist ein eritreischer Politiker. Er war Kommandant bei der Eritrean People’s Liberation Front (EPLF) und spielte eine Schlüsselrolle im Eritreischen Unabhängigkeitskrieg. Nach der Unabhängigkeit bekleidete er verschiedene Ministerämter. Im September 2001 wurde er wegen seiner oppositionellen Haltung gegen Präsident Isayas Afewerki festgenommen. Seither ist sein Verbleib ungeklärt; auch ob er noch am Leben ist, ist nicht bekannt. Amnesty International stuft ihn als politischen Gefangenen ein.

Frühes Leben

Solomon wurde 1951 in Asmara in eine angesehene Familie geboren. Seine Schulbildung absolvierte er in Asmara und Addis Abeba. Während seines Studiums an der Haile-Selassie-Universität trat er 1972 der EPLF bei. Er ist mit Aster Yohannes verheiratet, die sich ebenfalls 1972 der Front anschloss. Das Paar hat vier Kinder: Simon, die Zwillinge Zerai und Hanna sowie Meaza. Beide kämpften im Unabhängigkeitskrieg gegen Äthiopien, in dem die EPLF 1991 die faktische Unabhängigkeit Eritreas erlangte.

Solomons Schwester beteiligte sich ebenfalls am eritreischen Unabhängigkeitskampf und kam während des Krieges ums Leben.

Eritreischer Unabhängigkeitskrieg

Petros Solomon war von 1972 bis zum Ende des eritreischen Unabhängigkeitskrieges 1991 Chefstratege und Leiter des Militärgeheimdienstes (Brigade 72) der EPLF. Von 1977 bis 1994 war er zudem Mitglied des Exekutivkomitees (Politbüro) der EPLF.

Er gilt als Kommandeur der Nakfa-, Kerkebet- und Zara-Fronten während der Roter-Stern-Kampagne Anfang der 1980er Jahre. Gemeinsam mit Ogbe Abraha führte er 1987 die Schlacht zur Befreiung der Stadt Barentu in Eritrea an. 1990 befehligte er die EPLF-Armee, die Massaua während der Operation Fenkil eroberte und damit die äthiopische Armee in Eritrea nachhaltig schwächte.

Solomon führte auch die EPLF-Truppen, die im Mai 1991 Asmara einnahmen. Nach der Einnahme der Stadt übernahm er vorübergehend deren Verwaltung bis zur Ankunft von Isaias Afewerki.

Regierungsbeteiligung

Nach dem militärischen Sieg der EPLF wurde Petros Solomon Mitglied der eritreischen Regierung. Er war zunächst Innenminister und übernahm später das Verteidigungs- sowie das Außenministerium.

Als Außenminister traf er unter anderem den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton und dessen Ehefrau Hillary Clinton.

1997 wurde er zum Minister für Meeresressourcen ernannt. In diesem Amt entwickelte er eigenständig die Idee einer an den relativ hohen Salzgehalt der Böden Eritreas angepassten biosalinen Landwirtschaft.

Opposition und Inhaftierung

Konflikt mit Präsident Afewerki

Im Mai 2001 veröffentlichte Solomon gemeinsam mit 14 weiteren hochrangigen Politikern und ehemaligen Führungspersönlichkeiten des Unabhängigkeitskampfes einen offenen Brief, in dem sie politische Reformen in Eritrea forderten. Die Unterzeichner wurden als G-15 bekannt.

Sie kritisierten die Machtkonzentration beim Präsidenten und forderten insbesondere die Einberufung der provisorischen Nationalversammlung sowie des Zentralrats der Regierungspartei Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ). Darüber hinaus verlangten sie die Umsetzung der 1997 verabschiedeten, aber nicht in Kraft gesetzten Verfassung und die Abhaltung nationaler Wahlen.

Die Reformforderungen entstanden vor dem Hintergrund wachsender innerparteilicher Kritik an Afewerkis Regierungsführung und am Umgang mit dem Eritrea-Äthiopien-Krieg von 1998 bis 2000. Im August 2001 wandten sich die Unterzeichner erneut mit einem offenen Brief an den Präsidenten.

Solomon und der ebenfalls der G-15 angehörende ehemalige Außenminister Haile Woldetensae wurden bereits im Juni 2001 aus dem Kabinett entlassen.

Festnahme und Haftbedingungen

Am frühen Morgen des 18. September 2001 begann eine Verhaftungswelle gegen die G-15. Solomon wurde von Sicherheitskräften festgenommen, als er sein Haus in Asmara in Sportkleidung zum morgendlichen Joggen verließ.

Insgesamt wurden am 18. und 19. September elf Mitglieder der G-15 festgenommen. Gleichzeitig ließ die Regierung unabhängige Zeitungen schließen und zahlreiche Journalisten inhaftieren.

Die eritreische Regierung warf den festgenommenen Politikern Landesverrat und eine Verschwörung gegen die staatliche Ordnung vor. In einer Stellungnahme gegenüber den Vereinten Nationen erklärte sie 2007, die Gefangenen hätten mit feindlichen ausländischen Mächten zusammengearbeitet und die nationale Sicherheit gefährdet.

Zu einem Gerichtsverfahren kam es nicht. Die Regierung begründete das Ausbleiben eines Prozesses unter anderem damit, dass die Offenlegung von Beweismitteln während des Konflikts mit Äthiopien die nationale Sicherheit gefährden könne.

Solomon wurde ohne formelle Anklage an einem geheim gehaltenen Ort inhaftiert. Weder seine Familie noch Rechtsanwälte oder unabhängige Beobachter erhielten Zugang zu ihm.

Als mutmaßlicher Haftort gilt das abgelegene Gefängnis Eiraeiro (auch Ela-Ero) im Tiefland nordöstlich von Asmara, in dem auch andere Mitglieder der G-15 und inhaftierte Journalisten festgehalten worden sein sollen. Eine offizielle Bestätigung seines dortigen Aufenthalts liegt nicht vor.

Internationale Reaktionen

Die Afrikanische Kommission der Menschenrechte und der Rechte der Völker stellte im November 2003 fest, dass die Inhaftierung der elf Politiker gegen mehrere Bestimmungen der Afrikanischen Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker verstieß. Sie forderte ihre unverzügliche Freilassung und eine Entschädigung.

Die UN-Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen hatte die Festnahmen bereits 2002 als willkürlich eingestuft und bestätigte diese Beurteilung in einer am 27. November 2007 verabschiedeten Stellungnahme. Sie stellte Verstöße gegen Artikel 9 und 19 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte fest, die unter anderem die persönliche Freiheit und die Meinungsfreiheit schützen, und forderte die sofortige Freilassung der Gefangenen.

Amnesty International bezeichnete Solomon und die übrigen inhaftierten Mitglieder der G-15 als Gewissensgefangene und forderte ihre Freilassung.

Schicksal der Familie

Zum Zeitpunkt seiner Festnahme befand sich Solomons Ehefrau Aster Yohannes für ein Studium in den Vereinigten Staaten. Die vier Kinder des Paares kamen nach der Verhaftung ihres Vaters zunächst bei ihrer Großmutter väterlicherseits unter.

Yohannes versuchte zunächst, für ihre Kinder Reisepässe zu erhalten, um sie zu sich in die Vereinigten Staaten holen zu können. Die eritreischen Behörden verweigerten dies und forderten sie auf, selbst nach Eritrea zurückzukehren.

Nachdem sie Zusicherungen erhalten hatte, dass ihr bei einer Rückkehr keine Gefahr drohe, reiste sie im Dezember 2003 nach Asmara. Am 11. Dezember wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft am Flughafen von Sicherheitskräften festgenommen, noch bevor sie ihre dort wartenden Kinder wiedersehen konnte.

Die Familie erfuhr später, dass sie im Gefängnis Karshelli in Asmara festgehalten worden sein soll. Seither gibt es auch über ihren Verbleib keine verlässlichen Informationen.

Nach Solomons Verhaftung wurden zahlreiche ehemalige Untergebene und Freunde, die sich öffentlich gegen seine Festnahme ausgesprochen hatten, ebenfalls inhaftiert. Auch die Großmutter der Kinder wurde von den Behörden aufgefordert, ihre Nachfragen nach dem Schicksal der Eltern einzustellen.

Solomons Tochter Hanna verließ Eritrea später ohne Reisepass über die Grenze und gelangte schließlich in die Vereinigten Staaten. Dort lebt sie mit ihrer Familie und arbeitet als Traumafachkraft.

Ungeklärtes Schicksal

Seit seiner Festnahme im September 2001 wurde Petros Solomon nicht mehr öffentlich gesehen. Die eritreischen Behörden haben weder seinen Aufenthaltsort noch seinen Gesundheitszustand bekannt gegeben.

Im Oktober 2023 äußerte der langjährige Eritrea-Beobachter Martin Plaut die Vermutung, dass die meisten Mitglieder der G-15, darunter auch Solomon, inzwischen nicht mehr am Leben seien. Eine unabhängige Bestätigung seines Todes liegt jedoch nicht vor.

Anlässlich des 25. Jahrestages der Verhaftungen im September 2026 berichtete die BBC erneut über das Schicksal der G-15 und ihrer Angehörigen. Solomons Tochter Hanna erklärte, dass sie weiterhin nicht wisse, ob ihre Eltern noch lebten, und dass die Familie Auskunft über deren Schicksal verlange. Die eritreische Regierung und ihre Botschaft im Vereinigten Königreich ließen eine entsprechende Anfrage der BBC unbeantwortet.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Tesfalem Araia und Teklemariam Bekit: 'I don't even know if my parents are alive' – the war heroes jailed 25 years ago. In: BBC News. 20. September 2026, abgerufen am 21. September 2026 (englisch).
  2. 1 2 Eritrea: Prisoners of conscience held for a decade must be released (Memento des Originals vom 3. Dezember 2011 im Internet Archive), Amnesty International, 15. September 2011. Abgerufen am 18. März 2026 (englisch). 
  3. ↑ Vanessa Tsehaye: x.com. Abgerufen am 26. Dezember 2024 (englisch).
  4. ↑ Rizwan Syed: Eritrean Tsedal Yohannes fights to free her family from indefinite sentence without trial, The World and all its voices. Abgerufen am 18. März 2026 (englisch). 
  5. 1 2 3 4 5 Ten Long Years: A Briefing on Eritrea’s Missing Political Prisoners. Human Rights Watch, 22. September 2011, abgerufen am 21. September 2026 (englisch).
  6. ↑ Jane Perlez: Eritreans, Fresh From Victory, Must Now Govern In: The New York Times, 16. Juni 1991. Abgerufen am 18. März 2026 (englisch). 
  7. 1 2 3 Dan Connell, Tom Killion: Historical Dictionary of Eritrea. Scarecrow Press, 2010, ISBN 978-0-8108-7505-0, S. 421 (englisch, google.com).
  8. ↑ President quietly shuffles cabinet. Indian Ocean Newsletter, 29. März 1997, archiviert vom Original am 17. Oktober 2008 (englisch).
  9. ↑ 2005 Blue Planet Prize Commemorative Lectures. The Asian Glass Foundation, archiviert vom Original am 20. Oktober 2007; abgerufen am 18. März 2026 (englisch).
  10. 1 2 3 4 Opinions adopted by the Working Group on Arbitrary Detention, A/HRC/10/21/Add.1, Opinion No. 23/2007 (Eritrea), S. 26–31. United Nations Human Rights Council, 4. Februar 2009, abgerufen am 21. September 2026 (englisch).
  11. ↑ Dan Connell: Conversations With Eritrean Political Prisoners. ISBN 1-56902-235-6 (englisch).
  12. ↑ Martin Plaut: A further update on Eritrea’s most high profile political prisoners. 26. Oktober 2023, abgerufen am 17. März 2026 (englisch).
Personendaten
NAME Solomon, Petros
KURZBESCHREIBUNG eritreischer Politiker
GEBURTSDATUM 5. Mai 1951
GEBURTSORT Asmara