Philipp Ludwig von Seidel

Philipp Ludwig von Seidel, ca. 1875–1880

Philipp Ludwig Seidel, seit 1882 Ritter von Seidel, (* 24. Oktober 1821 in Zweibrücken, Rheinkreis; † 13. August 1896 in München) war ein deutscher Mathematiker, Optiker und Astronom. In einigen Quellen ist er nur als Ludwig Seidel bekannt.

Leben

Philipp Ludwig Seidel wurde am 24. Oktober 1821 im seinerzeit zu Bayern gehörigen Zweibrücken als Sohn eines Postmeisters der Bayerischen Staatsposten geboren. Sein jüngerer Bruder ist der Architekt Georg Friedrich Seidel. Aufgrund der Versetzungen des Vaters gelangte er im Laufe der Kindheit nach Hof, wo er das Gymnasium der Stadt besuchte, das heutige Jean-Paul-Gymnasium. Dort wurde er von Ludwig Christoph Schnürlein, einem Schüler von Carl Friedrich Gauß, naturwissenschaftlich geprägt. Seidel verließ das Gymnasium mit Erlangung des Reifezeugnisses zum Ende des Schuljahres 1838/39.

Anschließend studierte Seidel ab 1840 an der Universität Berlin bei Johann Peter Gustav Lejeune Dirichlet und Johann Franz Encke, dann an der Albertina in Königsberg bei Carl Gustav Jacob Jacobi und Friedrich Wilhelm Bessel, sowie ab 1843 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1846 erlangte er an der Ludwig-Maximilians-Universität München den Doktorgrad mit der Dissertation De optima forma speculorum telescopicorum. Seit 1847 Privatdozent, wurde er 1851 außerordentlicher, 1855 ordentlicher Professor an der Universität München.

Werk

Um 1855 schuf er die nach ihm benannte Seidelsche Theorie der optischen Abbildungsfehler. 1857 erschien sein weit beachtetes Buch darüber, das lange Zeit das Standardwerk des Gebiets war, unter anderem weil Josef Maximilian Petzvals geplante Gesamtdarstellung vor der Drucklegung verlorenging.

Er arbeitete eng zusammen mit Carl August von Steinheil, mit dem er zunächst vor allem metrologische, dann aber auch physikalische und photometrische Untersuchungen durchführte. Mit seiner Arbeit von 1856 lieferte er die theoretischen Grundlagen für ein vereinfachtes Herstellungsverfahren optischer Gläser für die Firma Steinheil. Zusammen mit Steinheil führte Seidel die ersten photometrischen Messungen an Sternen durch.

1874 veröffentlichte er seine Arbeit zur iterativen Lösung linearer Gleichungssysteme, eine Methode, die als Gauß-Seidel-Verfahren in der numerischen Mathematik bekannt ist. Von 1879 bis 1882 war Seidel als Nachfolger von Johann von Lamont geschäftsführender Direktor der Sternwarte Bogenhausen. Unter seinen Studenten an der Universität München war auch Max Planck.

Er war der Erste, der 1847 den Begriff der gleichmäßigen Konvergenz (üblicherweise Karl Weierstraß zugeschrieben) benutzte, um den falschen Cauchyschen Summensatz (Augustin-Louis Cauchy hatte 1821 fälschlich behauptet, Grenzwerte von konvergenten Summen stetiger Funktionen wären stetig) zu „retten“ (wie gleichzeitig George Gabriel Stokes).

Ehrungen

1851 wurde er zum außerordentlichen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt, 1861 wurde er ordentliches Mitglied. 1854 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt. Seit 1863 war er korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1864 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt. 1970 wurde der Mondkrater Seidel nach ihm benannt.

Schriften

Literatur

Nachrufe

  • H. Seeliger: Todes-Anzeige. In: Astronomische Nachrichten. Bd. 141 (1896), S. 319. (Nachruf auf L. P. v. Seidel)
  • Ferdinand Lindemann: Gedächtnissrede auf Philipp Ludwig von Seidel. Gehalten in der öffentlichen Sitzung der k. b. Akademie der Wissenschaften zu München am 27. März 1897. In: Fest- und Gedächtnisschriften. Band 7,17. München 1898 (badw.de [abgerufen am 27. September 2024]).

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 Rudolf Fritsch: Seidel, Philipp Ludwig Ritter von. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 24. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 176–178 (deutsche-biographie.de).
  2. ↑ Heute existieren in Hof mehrere Gymnasien. Die anderen entstanden aber erst im 20. Jahrhundert aus Oberreal- und Mädchenschulen, während das heutige Jean-Paul-Gymnasium schon in den 1830ern als Gymnasium bezeichnet wurde.
  3. ↑ Gedruckte Jahresberichte des Gymnasiums Hof, Schuljahre 1836/37 bis 1838/39 (Historische Schulbibliothek des Jean-Paul-Gymnasiums Hof); freundlicherweise recherchiert und zusammengestellt durch den Betreuer der historischen Schulbibliothek, Dr. Hans Schönemann, StD i. R.
  4. ↑ Philipp Ludwig von Seidel im Mathematics Genealogy Project (englisch)
  5. ↑ Mitgliedseintrag von Philipp Ludwig Ritter von Seidel bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 10. Januar 2026.
  6. ↑ Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 223.
  7. ↑ Mitglieder – historisch: Ludwig von Seidel. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 10. Januar 2026.
  8. ↑ Mitgliedseintrag von Philipp Ludwig Ritter von Seidel bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 18. November 2015.
  9. ↑ Seidel im Gazetteer of Planetary Nomenclature der IAU (WGPSN) / USGS