Phytotelma

Dendrotelme

Ein Phytotelma (Plural Phytotelmata, seltener auch Phytotelmen, von altgriechisch φυτόν ‚Pflanze‘ und τέλμα ‚Pfütze‘) ist ein Kleinstgewässer, das sich in einer Vertiefung einer lebenden Landpflanze bildet. Das Wasser stammt meist vom Regen, seltener wird es aktiv von der Pflanze ausgeschieden.

Der Begriff Phytotelma wurde 1928 durch den ungarischen Zoologen Lajos Varga in die Fachsprache eingeführt. Er geriet weitgehend wieder in Vergessenheit, seine heutige Verwendung geht wesentlich auf eine Arbeit des US-amerikanischen Botanikers Bassett Maguire im Jahr 1971 zurück.

Typen von Phytotelmata

Wassergefüllter Bromelientrichter während der Anthese

Man unterscheidet die folgenden Typen von Phytotelmata:

Lebensbedingungen in Phytotelmata

Phytotelma der Wilden Karde

Phytotelmata sind grundsätzlich weltweit verbreitet, allerdings nur in Regionen mit ausreichend hohen Niederschlägen. In Mitteleuropa kann man vor allem wassergefüllte Astlöcher finden. Das Lebensalter von Phytotelmata kann sehr stark variieren. Astlöcher wurden schon über mehr als zehn Jahre durchgehend beobachtet. Auch der Wasserkörper in Bromelientrichtern besteht wahrscheinlich so lange wie die Pflanze lebt. Blattachsel und Kannen karnivorer Pflanzen überdauern hingegen nur etwa eine Vegetationsperiode, manchmal trocknen sie aber auch schon sehr viel früher aus. Die Größe von Phytotelmata schwankt extrem. Blattachseln oder die Fallen kleiner fleischfressender Pflanzen enthalten oft kaum 1 Milliliter Wasser, große Kannen der fleischfressenden Kannenpflanzen (Nepenthes) oft mehrere Liter, große Astlöcher bis zu 100 Liter.

Das Wasser in Phytotelmata ist anfangs meist nährstoffarm, da es aus Regen stammt. Im Lauf der Zeit fallen Staub oder abgestorbenes Laub hinein, beziehungsweise ertrinken Tiere in den Kannen fleischfressender Pflanzen. Das Wasser wird daher im Lauf der Zeit immer nährstoffreicher. Die Temperatur des Wassers unterliegt extremen Schwankungen, da die geringe Wassermenge Wärme schnell aufnimmt oder abgibt. Bei starker Erwärmung kann das Wasser auch sehr sauerstoffarm werden.

In Baumlöchern und Bambusstängeln nimmt die Pflanze keinen erkennbaren Einfluss auf die Zusammensetzung des Wassers. Bromelien und fleischfressende Kesselfallenpflanzen hingegen entziehen dem Wasser aktiv Nährstoffe für die Ernährung der Pflanze. Dafür scheiden fleischfressende Pflanzen häufig Enzyme, Detergenzien, Säuren oder Radikale in ihre Kannenflüssigkeit ab, um ihre Beute schneller zu verdauen. In Blattachseln finden sich bisweilen gelöste Schleime.

Die Bewohner der Phytotelmata

Phytotelmata werden von einer Vielzahl an Organismen besiedelt, das Spektrum reicht von Bakterien und Pilzen über Insekten, Milben und Kleinkrebsen bis zu Kaulquappen. Wirklich gut erforscht sind heute nur die Insekten. Die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft wird von mehreren Faktoren bestimmt:

Insgesamt wurden mehrere hundert Arten als Bewohner von Phytotelmata beschrieben. Von besonderer Bedeutung sind die folgenden Organismengruppen:

Baumsteigerfrösche wie das giftige Erdbeerfröschchen nutzen die Wasseransammlung in Phytotelmata als Kinderstube für ihre Kaulquappen

Von diesen vielen Arten sind in jedem einzelnen Phytotelma aber stets nur einige wenige vertreten. Ein Phytotelma mit mehr als sechs Insektenarten gilt bereits als sehr artenreich, für andere Tiergruppen dürften ähnliche Zahlen gelten. Die Zahl der Individuen kann aber sehr hoch sein. So sind etwa 400 Rädertiere in einer einzigen Falle von Sarracenia keine Seltenheit.

Ökologie des Phytotelmas

So klein die meisten Phytotelmata auch sind, bieten sie doch Platz für verschiedene Organismen mit unterschiedlichen Ansprüchen, sie enthalten somit mehrere ökologische Nischen. Die wesentlichen Lebensweisen sind hier aufgezählt:

Die Nahrungsketten in Phytotelmata sind also in der Regel relativ kurz und umfassen höchstens drei Glieder (Sarcophage – Prädatoren – Top-Prädatoren); in jungen oder artenarmen Phytotelmata findet man sogar meist nur ein- oder zweigliedrige Nahrungsketten.

Trotz der geringen Größe der Phytotelmata können oft zwei oder mehr Arten mit ähnlichen Bedürfnissen koexistieren, indem sie sich die Ressourcen raffiniert aufteilen. In den Kesseln der fleischfressenden Pflanze Sarracenia purpurea etwa leben drei Arten von Fliegenlarven von Tieren, welche in die Falle stürzen. Die erste, Blaesoxipha fletcheri, frisst an der Beute, solange sie noch an der Oberfläche der Flüssigkeit schwimmt. Die zweite, Metriocnemus knabi, frisst weiter, sobald das tote Tier bis zum Grund der Falle abgesunken ist. Beim Fressen lösen sich jedoch viele kleine Partikel von der Leiche, die von der dritten Fliegenlarve, Wyeomyia smithii, aus der Flüssigkeit filtriert werden. Letztere frisst daneben noch Bakterien und Protozoen.

Phytotelmata als Modellsystem der Ökologie

Phytotelmata sind scharf abgegrenzte Mikrobiotope von oft nur wenigen Zentimetern Größe und einer Lebenserwartung von oft nur einigen Wochen. Anders als „normale“ Ökosysteme kann man daher ihre gesamte Entwicklung bequem studieren. Ebenso kann man sehr einfach Experimente durchführen, etwa Arten hinzufügen oder herausfangen. Außerdem ist die Zahl der vorkommenden Arten recht überschaubar. Deswegen benutzen Ökologen zunehmend Phytotelmata als Modellsysteme, um Theorien zur Einwanderung von Arten, Konkurrenz, Nahrungsketten und -netzen etc. zu testen.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ L. Varga: Ein interessanter Biotop der Biocönose von Wasserorganismen. In: Biologisches Zentralblatt, Band 48, 1928, S. 143–162.
  2. ↑ Bassett Maguire (1971): Phytotelmata - biota and community. structure determination in plant-held water. Annual Review of Ecology and Systematics 2: 439-464.
  3. ↑ P. Werner: Habitatnutzung bei Pfeilgiftfröschen im amazonischen Tieflandregenwald in Peru. In: elaphe, Band 18, Nr. 4, 2010, S. 15–19.
  4. ↑ J. Stynoski, Y. Torres-Mendoza et al. (2014): Evidence of maternal provisioning of alkaloid-based chemical defenses in the strawberry poison frog Oophaga pumilio. Ecology, 95(3), 587–593, doi:10.1890/13-0927.1
  5. ↑ Indraneil Das, Alexander Haas. New species of Microhyla from Sarawak: Old World’s smallest frogs crawl out of miniature pitcher plants on Borneo (Amphibia: Anura: Microhylidae). (PDF) In: Zootaxa, Band 2571, 2010, S. 37–52.