Pierre Masse

Pierre Masse. Schwarz-weiß-Porträt eines älteren Franzosen mit weißen Haaren und Kinnbart
Pierre Masse – Studio Harcourt.

Pierre Masse (* 13. Dezember 1879 in Ribérac, Dordogne, get. Oktober 1942, Auschwitz) war ein französischer Rechtsanwalt, Senator und Staatssekretär (Secrétaire d'État), der mit dem Transport Nr. 39 vom 30. September 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde, wo er – vermutlich im Oktober 1942 – starb.

Leben

Pierre Masse wurde am 13. Dezember 1879 in Riberac, Dordogne, geboren. Er war der Sohn von Charles Édouard Masse (1850–1920), der aus Straßburg stammte, und von Sarah „Lucie“ Simon (1855–1942) aus Montpellier. Pierre Masse erwarb einen Doktor der Rechte, und war dann ab 1906 erster Sekretär (premier secrétaire) der Conférence des avocats

Er wurde 1914 als Abgeordneter für Hérault gewählt. Einige Monate später nahm er am Ersten Weltkrieg teil, wo ihm sein Verhalten Ehrungen mit dem croix de guerre und der Légion d’honneur ausgezeichnet wurde.

1917 wurde er von Paul Painlevé in die neue Regierung berufen. Er war vom 12. September 1917 bis zum 15. November 1917 Sous-secrétaire d’État à la Guerre (stellvertretender Kriegs-Staatssekretär) beauftragt für Militärgerichtsbarkeit im Kabinett Painlevé I.

Im Jahr 1919 gab er die parlamentarische Laufbahn auf, um sich seiner beruflichen Karriere zu widmen. Er entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Zivilrechtler seiner Generation sowie zu einem herausragenden Strafverteidiger und gehörte von 1928 bis 1934 dem Rat der Anwaltskammer an.

Im Jahr 1939 kehrte er in die Politik zurück: Er wurde zum Senator des Départements Hérault gewählt und schloss sich der Fraktion der „Gauche démocratique“ (Demokratische Linke) an. Am 10. Juli 1940 versuchte er in Vichy gemeinsam mit Jean Boivin-Champeaux vergeblich, von Pierre Laval die Verankerung einer Garantie der persönlichen Freiheitsrechte in der neuen Verfassung zu erwirken, und stimmte schließlich für die Übertragung verfassungsgebender Vollmachten an Marschall Pétain. Dabei hatte er von Pierre Laval zuvor folgende Antwort erhalten:

« Wenn Sie unter individuellen Freiheiten das Recht für all die Metöken und Ausländer[…] verstehen, dann würde ich beispielsweise präzisieren, dass niemand Abgeordneter werden kann, der nicht schon seit mehreren Generationen Franzose ist. Das ist unsere Art – ich habe Sie doch richtig verstanden, nicht wahr? – Rassenpolitik zu betreiben. »

Im Oktober 1940, als das Gesetz erlassen wurde, das Offiziere jüdischer Abstammung aus der Armee entfernte (Loi portant statut des Juifs), sandte Pierre Masse ein Protestschreiben an Marschall Pétain. Darin fragte er, ob er seinem Bruder (einem Offizier, der 1916 bei Douaumont gefallen war) sowie seinem Schwiegersohn und seinem Neffen (ebenfalls Offiziere, gefallen im Mai 1940) die Rangabzeichen abnehmen müsse; ob er seinem Bruder (der bei Neuville-Saint-Vaast gefallen war) die Militärmedaille belassen dürfe; ob sein Sohn (ein Offizier, der im Juni 1940 verwundet worden war) seinen Rang behalten könne; und ob man seinem Urgroßvater nicht etwa rückwirkend die Helenamedaille aberkennen werde. Kurze Zeit später übernahm er die Verteidigung des Dramatikers Henri Bernstein, der im November 1938 von Alain Laubreaux, dem Theaterkritiker der Zeitung „Je suis partout“, aufgrund seiner jüdischen Herkunft aufs Übelste diffamiert worden war. Sein brillantes Plädoyer verschaffte ihm eine zweifelhafte Publizität. Nachdem Laubreaux im Februar 1940 in Abwesenheit wegen Verleumdung verurteilt worden war, legte er Einspruch gegen das Urteil ein; eine erneute Verhandlung war für Juni 1940 angesetzt, doch weder Bernstein – der nach New York geflohen war – noch der inhaftierte Laubreaux erschienen zum Termin. Im Februar 1941 wurde er erneut vor Gericht gestellt und verteidigte sich ohne Anwalt. Er wurde freigesprochen.

Im Februar 1941 erhielt Pierre Masse ein an alle Parlamentarier gerichtetes Rundschreiben, in dem diese aufgefordert wurden, Angaben zu einer etwaigen jüdischen Abstammung zu machen. In einem zweiten, an Marschall Pétain gerichteten Schreiben brachte er nachdrücklich seine Weigerung zum Ausdruck, als „Franzose zweiter Klasse“ («Français de la deuxième catégorie») behandelt zu werden.

Pierre Masse in Drancy (r.).

Er wurde am 21. August 1941 auf Anordnung der Deutschen von der französischen Polizei in seiner Wohnung festgenommen, zusammen mit weiteren Kollegen, alle Juden und einige der berühmtesten der Pariser Anwaltskammer: Jean Weill, Théodore Valensi, Maurice Azoulay, Albert Ulmo, Gaston Crémieux und Edmond Bloch. Anschließend wurde er im Camp de Drancy und später in Compiègne interniert. Die kollaborationistische Tageszeitung Paris-Soir veröffentlichte eine antisemitische Reportage über Masse und seine Kollegen unter der Überschrift: „Ich habe sie gesehen – diese jüdischen Millionäre, einst berühmte Anwälte der Pariser Anwaltschaft, interniert in einem Lager nahe unserer Hauptstadt.“

In beiden Lagern war sein vorrangiges Anliegen, seinen Leidensgenossen zu helfen: Er tröstete manche und teilte die wenigen Pakete, die ihn erreichten. Dabei arbeitete er mit Annette Monod zusammen, einer Sozialarbeiterin des Roten Kreuzes, die im Lager einen Sozialdienst aufgebaut hatte und es schaffte, Nachrichten oder Pakete hinein- und hinauszuschmuggeln. Um ihn vor der weiteren Deportation zu retten, ersannen Freunde eine Geschichte über einen angeblichen Missbrauch einer Vollmacht (Abus de blanc-seing) von Masse. Ihr Ziel war, Zeit zu gewinnen, indem sie eine eingehende Untersuchung auslösten. Der Plan hatte teilweise Erfolg: Masse wurde in das Gefängnis La Santé zurückgebracht und dort als Verwaltungs Häftling inhaftiert. Doch die Einstellung des Verfahrens (Non-lieu en procédure pénale) durch Staatsanwalt Maurice Gabolde führte zu seiner Rückverlegung nach Drancy und anschließend nach Compiègne. Marschall Pétain richtete mit Verspätung ein Freilassungsgesuch an die Besatzungsbehörden. Diese lehnten das Gesuch jedoch ab und zeigten sich erstaunt darüber, dass sich das Zivilkabinett des Marschalls um das Schicksal eines „besonders gefährlichen Juden“ («Juif particulièrement dangereux») sorgte. Am 30. September 1942 wurde er mit dem Transport Nr. 39 nach Auschwitz deportiert. wo er zu Tode kam, wahrscheinlich bereits im Verlauf des Oktobers.

Persönliches

Pierre Masse war verheiratet mit Marie Arrault. Das Paar hatte drei Kinder: Jacques (1910–2002), Marie-Thérèse und Philippe.

Ehrungen

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Pierre Masse (1879-1942). In: Sénat. Abgerufen am 29. Juli 2025 (französisch).
  2. ↑ […] si vous entendez par libertés individuelles, le droit pour tous les métèques, les étrangers […], je préciserai, par exemple, que personne ne pourra être député s’il n’est pas français depuis plusieurs générations. C’est notre manière à nous, je vous ai bien compris n’est-ce pas, de faire de la politique raciale. Pierre Masse. In: memoire.avocatparis.org. (französisch).
  3. ↑ Florent Georgesco: Anne Sinclair: «Je n’avais pas d’archives familiales, alors je suis partie à l’enquête». In: Le Monde. 2. Mai 2020 (französisch).
  4. ↑ „ on ne retirera pas rétrospectivement la médaille de Sainte-Hélène à son arrière-grand-père.“ Robert Aron (mit Georgette Elgey): Histoire de Vichy – 1940–1944., éd. Fayard, [Les grandes études contemporaines], Paris 1954: S. 232.
  5. ↑ Jean-Jacques Bernard: Le camp de la mort lente. Editions Le Manuscrit, Témoignages de la Shoah 2006: S. 318. ISBN 978-2-7481-6931-7 google books
  6. ↑ Michel Laffitte, Annette Wieviorka: À l’intérieur du camp de Drancy. Plon 2015. ISBN 978-2-262-05155-6 google books
  7. ↑ A. Laubreaux: «La pomme d’Adam». In: Je suis partout. 25. November 1938 (französisch).
  8. 1 2 3 4 Robert Badinter: Mort d’un israélite français. Hommage à maître Pierre Masse. In: Le Débat. no. 158. 2010 (französisch).
  9. ↑ Je Suis partout. 28. Februar 1941 (französisch)., Je Suis partout. 7. März 1941 (französisch)., La Petit Gironde. 23. Februar 1941 (französisch)., Le Cri du peuple de Paris. 21. Februar 1941 (französisch)., A. Laubreaux, „Le déserteur“. In: Le Cri du peuple de Paris. 21. November 1940 (französisch)., La Gazette de Bayonne. 22. November 1940 (französisch).
  10. ↑ Hélène Berr: Journal. Tallandier 2008: S. 142. Crimes ennemis en France. La persécution raciale (Témoignage de Valensi, qui fait état de 52 arrestations). In: Service d’information des crimes de guerre, Office français d’édition 1947. S. 120 (französisch)., Robert Badinter: Un antisémitisme ordinaire: Vichy et les avocats juifs (1940-1944). In: Le Petit Parisien, Fayard. 12. September 1941 (französisch)., Liora Israël: Robes noires, années sombres: La Résistance dans les milieux judiciaires. Fayard 2005.
  11. ↑ «Je les ai vus, ces juifs millionnaires, ex-célébrités du barreau parisien internés dans un camp proche de notre capitale.» Paris-Soir. 12. September 1941 (französisch).
  12. 1 2 Pierre Masse. In: Mémorial de la Shoah. (französisch).
  13. ↑ Masse Pierre. In: Sénat. senat.fr. Abgerufen am 9. März 2015 (französisch).
  14. ↑ 1960 - Quatrième série des Héros de la Résistance. In: phil-ouest.com. Abgerufen am 26. Mai 2018 (französisch).
  15. ↑ «Auschwitz l’histoire vraie du crime absolu». In: Nouvel Observateur. 2097 mediatheque.territoires-memoire.be. Abgerufen am 2. Dezember 2014 (französisch).
Personendaten
NAME Masse, Pierre
KURZBESCHREIBUNG französischer Anwalt und Politiker, Holocaustopfer
GEBURTSDATUM 13. Dezember 1879
GEBURTSORT Ribérac, Département Dordogne, Frankreich
STERBEDATUM Oktober 1942
STERBEORT KZ Auschwitz