

Pietro Chiari (* 25. Dezember 1712 in Brescia; † 31. August 1785 ebenda) war ein italienischer Weltgeistlicher, Dichter und Romanautor, der vor allem in Venedig und in Brescia tätig war, das noch zur Republik Venedig zählte.
Pietro Chiari wurde in einer Stadt geboren, die zur Republik Venedig gehörte. Über seine frühen Jahren erfahren wir nur durch seine eigenen Schriften, in denen er jedoch vage bleibt. Als erstes zweier Kinder einer Familie mit militärischer Tradition und bescheidenen wirtschaftlichen Möglichkeiten verlor die Familie früh die Mutter, die bei der Geburt ihres zweiten Sohnes starb. Eine Zeit lang folgte Pietro seinem Vater, einem Oberst im Dienst Venedigs, weshalb er von sich sagen konnte, er sei „nato, cresciuto ed educato come Caligola sotto a’ padiglioni“ (sinngemäß: ‚wie Caligula unter den Zelten geboren, aufgewachsen und gebildet‘).
Ohne Begabung für die militärische Laufbahn, zog er sich in die Lektüre zahlreicher Bücher aus den unterschiedlichsten Disziplinen zurück, begann ein Studium bei den Jesuiten, vielleicht in Modena. Dabei besaß er eine Vorliebe für Literatur, Geschichte und Philosophie. Da er die Ordensdisziplin nicht ertragen wollte, verließ er die Jesuiten und wurde einer der zahlreichen weltlichen Abbés seiner Epoche, denen die Ordenskleidung mehr Vorrechte als Einschränkungen verschaffte. Pietro Chiari wurde also Weltgeistlicher. Von sich selbst schrieb er bar jeder echten Selbstkritik: ‚soweit ich mich selbst beurteilen kann, waren meine besten Eigenschaften zu jeder Zeit Treue, Diskretion und Ehre, während meine größten Laster zu jeder Zeit übermäßige Aufrichtigkeit, unangebrachtes Vertrauen und ein allzu gutes Herz waren‘.
In Modena wurde er Lehrer für Rhetorik am Collegio di S. Bartolomeo della Compagnia di Gesù. Zwei seiner lateinischen Vorlesungen sind erhalten, aber auch theologische Abhandlungen und zahlreiche Gedichte, sowohl auf Latein als auch in der Volkssprache. Eine Reihe von Liebschaften führten ihn nach Imola, Parma, Bologna sowie wieder nach Modena – Erfahrungen, aus denen einige seiner Gedichte entstanden, wie das auf die hochmütige Mirtinda (möglicherweise die Bologneserin Angela Pizzi) und die schönen Augen der Crimatea (der Marquise Caterina Landi).

Freundschaftlichen Beziehungen, insbesondere zum Grafen Camillo Zampieri (1701–1784) aus Imola und zum Jesuiten Iacopo Antonio Bassani (1686–1747) aus Vicenza, waren weitere Inspirationsquellen. Als sein Vater starb, kehrte er für einige Zeit nach Brescia zurück, sein Wohnsitz blieb allerdings Modena, wo er weiterhin als Privatlehrer arbeitete. Doch diese Tätigkeit gefiel ihm wenig, da ihm die Qualitäten eines Erziehers fehlten.
Er verkehrte auch am Hof, jedoch mit wenig Erfolg, sodass er – vielleicht als Opfer von Verleumdungen – die Stadt 1744 plötzlich verließ. Nach der Schlacht von Velletri (16.–17. Juni und 11. August 1744), in der spanisch-neapolitanische Truppen eine österreichische Armee besiegten, erscheint Chiari im November 1744 als Sekretär im Dienst des Kardinals Federico Marcello Lante della Rovere. In dessen Gefolge reiste er durch Italien und gelangte bis nach Neapel. Während eines Aufenthalts in Rom hatte er Gelegenheit, an einer Versammlung der Accademia dell’Arcadia teilzunehmen, wo er ein Gedicht im Stil Dantes vortrug.
An der Jahreswende 1746 auf 1747 nahm Chiari Aufenthalt in Venedig, wobei er die alten Kontakte seines Vaters zum einflussreichen Haus Mocenigo nutzte, das allein im 18. Jahrhundert drei Dogen stellte. Tatsächlich fand er allerdings Unterstützung bei der Familie Grimani, die ihm den Einstieg in das Milieu der Literaten sowie in die exklusiven Zirkel der patrizischen Salons eröffnete. Mit Pietro Grimani hatte auch sie einen Dogen in dieser Zeit gestellt (1741–1752). Vor allem aber unterhielt sie Theater in der Stadt. Chiari stieß auf eine Gesellschaft im Umbruch, und zu dieser Erneuerung leistete auch er durch ständige literarische und theatralische Polemiken, in die er verwickelt war, seinen zeittypischen Beitrag.
Chiari begann mit Gelegenheitsgedichten, die er zu Hochzeiten, Ordensweihen, aber auch zu Amtsantritten von Prokuratoren und zum Städtelob mit großer Leichtigkeit vortrug. Mehrere Gedichte sind der schönen Cornelia Barbaro Gritti (unter dem Namen „Eurilla“) gewidmet, womit er sich in die Schar ihrer Verehrer einreihte, zu denen Francesco Fulvio Frugoni und Pietro Metastasio ebenso zählten wie Carlo Goldoni und Francesco Algarotti. Sie selbst unterhielt, nachdem ihr gewalttätiger Ehemann in der Festung Cattaro auf Lebenszeit eingesperrt worden war, einen berühmten Salon und betätigte sich auch als Dichterin.

Angeregt von den Lettere critiche aus der Feder von Giuseppe Antonio Costantini wandte er sich 1749 der Briefmode zu. So verfasste er seine Lettere scelte (die mit dem Datum 1750 erschienen), wobei er durchaus gegen sein Vorbild polemisierte, etwa gegen dessen Konservatismus. In der neuen Ausgabe seines Werks reagierte Costantini ausgesprochen heftig, insbesondere in einem Brief mit dem anspielungsreichen Titel „La scimia [sic!] col fagotto“, in dem er Chiari beschuldigte, ein plumper Plagiator und ein maßloser Schreiberling zu sein.
1748 nahm Chiari seine Arbeit als Bühnenautor der Truppe des Genuesen Giuseppe Imer († 1758) am Teatro San Samuele in Venedig auf, wo er die Protektion der Grimani genoss. Diese hatten Imer 1734 das besagte Theater überlassen. Somit nahm Chiari dort die frühere Stelle Goldonis ein, der im Dienst des Gerolamo Medebach (1706–1790) stand, der das Teatro Sant’Angelo gepachtet hatte – worauf sogleich eine heftige Polemik entbrannte. Dabei konnte Chiari auf arrivierte Schauspieler wie Gaetano Casali, Antonio Vitalba († 1758) und vor allem Antonio Sacchi (Sacco) setzen. Dort inszenierte er 1749 La scuola delle vedove, eine Parodie auf Carlo Goldonis La Vedova scaltra aus dem Jahr 1748. Diese Auseinandersetzung soll sogar einer der Gründe gewesen sein, warum Goldoni schließlich Venedig verließ. In jedem Falle galt Chiari als Goldonis „antagonist par excellence“. Chiaris Debüt im Herbst fand mit L’avventuriere alla moda statt, doch verlief sie schlecht; zudem verbreitete sich in der Stadt ein satirisches Sonett über die erfolglose Komödie, das Goldoni zugeschrieben wurde. Im Theater S. Angelo wurde unterdessen La vedova scaltra erfolgreich wiederaufgeführt, woraufhin Chiari eine unwürdige Parodie darauf verfasste: La scuola delle vedove. Dies rief wiederum Goldonis Empörung hervor, der umgehend mit einem apologetischen Prolog konterte. Der Streit sorgte für so großes Aufsehen, dass schließlich die Justiz eingriff, die das Werk von Chiari verbot und damit im November 1749 eine Theaterzensur verhängte. Chiari glaubte, jedes Stück um- oder neu schreiben zu dürfen, weil er die bessere Ausbildung zu besitzen meinte; andere hielten die so entstandenen Werke für Plagiate.
Im Herbst 1751 zog die Truppe von S. Samuele in das größere und besser ausgestattete Teatro San Giovanni Grisostomo um, das ebenfalls den Grimani gehörte. Doch schon im Herbst 1752 gab Chiari diese Tätigkeit aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit der Theatergesellschaft auf.
Nun machte er sich daran, Romane zu schreiben. Einen ersten Versuch hatte er bereits 1749 unternommen, als er eine Bearbeitung eines anonymen Roman-Pasticcio betitelte, nämlich L’ussaro italiano cioè Le avventure amorose e militari del conte V.… di K.… Accadute nel presente Secolo, e scritte da lui medesimo in lingua italiana. Sein erster echter Roman war jedoch La filosofessa italiana, der Ende 1753 erschien. Das Werk traf den Zeitgeschmack durch seine ungezügelte Phantasie und seine unwahrscheinlichen Wendungen. Tatsächlich fanden die extravaganten und geradezu verworrenen Abenteuer der Marquise N. N., die am Ende ihres bewegten Lebens ihre Memoiren verfasste, so großen Anklang, dass das Werk nicht weniger als zehn Auflagen erlebte. Chiari schrieb nun, neben literarischen und Theaterwerken, ein oder sogar zwei Romane pro Jahr, insgesamt mehr als vierzig.
Seine Protagonisten, meistens Frauen, erzählen in der Ich-Form. Neben überraschenden und glanzvollen Handlungen finden sich ungewöhnliche Orte, wie ein Kloster in Avignon, aber auch Lyon oder Paris, Mailand und Rom, Amsterdam und London. Reisen und Entdeckungen fanden eine breite Leserschaft. So erschienen La Bella pellegrina o sia Memorie di una dama moscovita (1759), La viaggiatrice o sia Le avventure di madamigella E. B. (1761), dann die Trilogie La ballerina onorata, La cantatrice per disgrazia und La commediante in fortuna (1754–1755). Es folgten Il poeta o sia Le avventure di D. Oliviero de Vega (1756), La giuocatrice di lotto (1757), La zingana. Memorie egiziane di madama N. N. scritte in francese da lei stessa (1758), La francese in Italia (1759), L’uomo d’un altro mondo (1760). Chiari bezog sich dabei deutlich auf Voltaire, Montesquieu oder Jonathan Swift.
1754 wurde er in Venedig durch den Herzog von Modena Francesco III. d’Este zum Hofpoeten gekrönt. Er verfasste insgesamt mehr als 60 Lustspiele, durch die er mit Carlo Goldoni zu wetteifern suchte. Giacomo Casanova, der sich in La commediante in fortuna verunglimpft fühlte, verfasste 1755 eine Satire gegen Chiari. Allerdings räumte er in seinen Lebenserinnerungen ein, dass er Chiari für einen guten Dichter halte.
Chiari fühlte sich zu einigen mehr oder weniger philosophischen, ebenfalls für die Epoche typischen Werken berufen, wie L’uomo. Lettere filosofiche (1755) oder La filosofia per tutti – Werke, die sein Bestreben nach unterhaltsamer Vermittlung widerspiegeln, die allerdings für die Philosophie selbst ohne Bedeutung blieben.
Im Herbst 1753, nachdem Goldoni zum Theater der Vendramin in S. Luca gewechselt hatte, wurde Chiari erneut berufen, ihn zu ersetzen, diesmal in der Truppe von Medebach am Teatro S. Angelo. Damit flammte die Theaterpolemik erneut und mit noch größerer Heftigkeit auf. Ihren Höhepunkt fand sie in den Komödienspielzeiten 1753–1754 und 1754–1755, in denen sich die „Chiaristen“ und „Goldonisten“ hemmungslos bekämpften. Auf Goldonis Molière antwortete Chiari mit Molière marito geloso. Auf die erfolgreiche Sposa persiana konterte Chiari mit den gewaltigen Erfolgen von La Schiava chinese und Le Sorelle chinese, bis es beim Karneval 1754 zu lautstarken Auseinandersetzungen kam.
Auf Seiten Chiaris trat Giorgio Baffo hervor, ein Dichter der Volkssprache, während sich Gasparo Gozzi auf Goldonis Seite stellte – ein Beleg dafür, dass dieses Thema über die bloße Berichterstattung und parteiischen Übertreibungen hinaus auch namhafte Vertreter der Kulturszene beschäftigte. Bemerkenswert ist, dass die Frauen mehrheitlich auf der Seite Chiaris standen, der in seinen Werken, Romanen und Komödien um ihre Gunst geworben hatte. Unterstützer fand er zudem von Gleichgesinnten in Modena.
Im Jahr 1756 veröffentlichte Chiari seine Commedie in versi und fügte dem ersten Band eine Dissertazione storica e critica sopra il teatro antico e moderno hinzu, eine historische Abhandlung über das antike und moderne Theater. Seiner Ansicht nach wurden Theater zum Wohle der Gesellschaft gegründet; Bühnenwerke dürften nicht die Unterhaltung zum Ziel haben, sondern die Hebung der Sitten; die Lehren der antiken Autoren seien wichtig, doch was am meisten zähle, sei die Zustimmung des Volkes. Theaterstücke müssten nach ihm in Versen verfasst werden, der Stil müsse leicht und schlicht sein, niemals trivial usw. Außerdem spielten bei ihm Masken immer noch eine wesentliche Rolle, zumindest in den frühen Aufführungen.
Chiari blieb bis zum Karneval 1760 im S. Angelo, die Rivalität mit Goldoni verlor weitgehend ihre Bedeutung. Giacomo Casanova hatte noch 1755 mit heftigen Satiren gegen Chiari geschrieben, vermutlich um sich dafür zu rächen, dass er in der Rolle des Herrn Vanesio im Roman La commediante in fortuna dargestellt worden war. Einige Jahre später verfasste der genuesische Abenteurer Giacomo Passano unter dem Pseudonym „Antonio Pogomas“ eine satirische Sammlung von dreihundert Sonetten unter dem Titel Chiareide. Doch nun begann 1757 eine neue Runde der Polemiken, angetrieben von Carlo Gozzi und der Accademia dei Granelleschi, worin auch wieder Chiari und Goldoni verwickelt wurden. Doch diesmal standen die beiden gemeinsam gegen die äußerst konservative venezianische Einrichtung, die die Ideen der beiden zu bekämpfen suchte. Die Kritik richtete sich genau gegen das, was das Lesepublikum begeisterte, nämlich exotische Figuren, wie Kouli-kan re di Persia, La Madre tradita, L’amore di libertà, L’amore della patriao sia Cordova liberata da’ Mori, aber auch die vorklassischen Stoffe, wie Elena rapita und La rovina di Troia. Chiaris Kritiker nannten die Werke ein „saccheggio“, eine Ausplünderung.
Im Herbst 1760 kehrte er an das Theater San Giovanni Grisostomo zurück – weiterhin im Gefolge der Medebachtruppe und damit erneut im Dienste der Familie Grimani. Sein Debüt erfolgte mit der Komödie La notte critica sowie einem Prolog zu diesem Anlass; beides bot den Anlass für ein erneutes Aufflammen der Polemik in den Spalten von Gasparo Gozzis Gazzetta veneta. Anschließend ließ er die beiden verbleibenden Werke der Vergil-Tetralogie aufführen, nämlich La navigazione d’Enea und Enea nel Lazio. In den Atti degl’Accademici Granelleschi (1760–1761) wurde Chiari geradezu mit Spott übergossen. Chiari sah sich gezwungen, sein Schweigen zu brechen: Zunächst ließ er 1761 durch seinen Schüler Placido Bordoni eine dreibändige Sammlung italienischer und lateinischer Gedichte und Prosastücke unter dem Titel Poesie e prose italiane e latine publizieren. Sodann wies er noch im selben Jahr ihre Kritik in der Schrift Riflessioni sul genio e i costumi del secolo scharf zurück. Gozzi konterte zwar mit Fogli sopra alcune massime del genio e costumi del secolo dell’abate Pietro Chiari e contro a’ poeti Nugnez de’ nostri tempi, doch war die Kritik darin so zurückhaltend, dass man sie als Friedensangebot auffassen konnte.
1761 kam es tatsächlich zur Aussöhnung mit Goldoni, den er als „degnissimo comico vate“ und gar als „poeta amico“ bezeichnete, aber auch wegen seiner Nachfolge Gozzis bei der Gazzetta veneta.
Im April 1762, fast gleichzeitig mit Goldoni, der nach Frankreich aufbrach, verließ auch Chiari Venedig für immer. Er zog sich nach Brescia zurück, was jedoch nicht bedeutete, dass er seine schriftstellerische Tätigkeit verminderte. So verfasste er etliche Romane, darunter La viniziana di spirito (1762), L’amante incognita (1765), La vedova di quattro mariti (1771), L’isola della fortuna (1774), La cinese in Europa (1779) und Le pazzie fortunate in amore (1783), dann Commedie da camera ossia Dialoghi familiari (1770–1771), das philosophische Gedicht in vier Gesängen La verità (1778) sowie eine Art Sammelwerk in zwölf kleinen Bänden mit dem Titel Trattenimenti dello spirito umano sopra le cose del mondo passate, presenti e possibili ad avvenire (1780–1781). Hinzu kam eine Reihe von Libretti, darunter Alcimena principessa dell’Isole Fortunate (1749, Musik von Baldassare Galuppi) bis hin zu La bella Girometta (1761, Musik von Ferdinando Giuseppe Bertoni), Il marchese villano (1762, Musik von Galuppi), L’astrologa (1762, Musik von Niccolò Piccinni), Le serve rivali (1766, Musik von Tommaso Traetta).
Posthum erschien noch sein Gedicht Il teatro moderno di Calicut (1787), doch sein ehrgeizigstes Werk, die Storia universale di tutte le lingue (die Universalgeschichte aller Sprachen), stellte er trotz äußerster Anstrengung nicht mehr fertig.
Seine dramatischen Arbeiten erschienen gesammelt als Commedie (Venedig 1756, 10 Bände, und Bologna 1759–1762), wozu noch Nuova raccolta di commedie (Venedig 1762) und Tragedie (Bologna 1792) kamen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Chiari, Pietro |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Dichter |
| GEBURTSDATUM | 25. Dezember 1712 |
| GEBURTSORT | Brescia |
| STERBEDATUM | 31. August 1785 |
| STERBEORT | Brescia |