REM-Aufnahme von P. vietnamica (Schwimm- oder Geißelzelle). ac: Acronem; cv: kontraktile Vakuole. Balken 4µm. REM-Aufnahme von P. chileana (Geißelzelle). gr: Grube. Balken: 4μm
Pigoraptor ist eine Gattungeinzelliger, einfach begeißelter (uniflagellarer) Protisten.
Die beweglichen (motilen) Geißelzellen sind länglich-oval oder rundlich. Die glatte Geißel dieser Schwimmzellen entspringt aus einem Punkt in der Mitte der Seite, ist nach hinten gerichtet, und endet in einem langen Acronem.
Die Zellen sind nackt (ohne Schale oder Schuppen – Testa bzw. Theca), manchmal bilden sie kurze, dünne Pseudopodien aus.
Pigoraptor kann Zellverbände (Cluster) aus mehreren Einzelzellen bilden.
Die Gattung ernährt sich räuberisch, zu ihrer Beute gehören heterotropheMetakinetoplastina (ehem. Bodonida),
vor allem sich langsam bewegende und unbewegliche Zellen oder Zysten.
Kladogramm mit den Abstammungslinien, in denen große Giant VirusEndogenization Events (GEVEs) beschrieben wurden, sowie das Vorkommen von 5mC und Genkörper-Methylierungsmustern (GbM). Dunkle Punkte stehen für Vorkommen, weiße Punkte für Fehlen, graue Punkte für hohe Wahrscheinlichkeit und braune Punkte für fehlende Daten/Studien.Schematische Darstellung der möglichen phylogenetischen Position von Pigoraptor und verwandten Gattungen. A: Pluriformea als Schwesterklade zu einer die Tiere, Choanoflagellaten und Filasterea (einschließlich Pigoraptor) umfassenden Klade (nach Hehenberger etal.), B: Pluriformea als Schwesterstamm zu Ichthyosporea innerhalb von Teretosporea (Teretosporea-Hypothese nach López-Escardó etal.). Hervorgehoben sind die neuen Gattungen Syssomonas und Pigoraptor.
Pigoraptor vietnamica und P. chileana gehören verwandtschaftlich zu den Filasterea, und sind vermutlich auch verwandt mit Syssomonas multiformis (eine Spezies, die in phylogenomischen Analysen mit der Gattung mit Corallochytrium eine neue KladePluriformea bildet). Alle drei Arten sind räuberische Flagellaten, die relativ große eukaryotische Einzeller erbeuten, und alle drei scheinen auch eine komplexe Lebensgeschichte mit mehreren unterschiedlichen Stadien, einschließlich multizellulärer Cluster, aufzuweisen.
Lebenszyklus
Lebenszyklus und -phasen von P. vietnamica
Mutmaßliche Lebensstadien von Pigoraptor vietnamica: Schwimmende Geißelzellen (Flagellaten) können lange, dünne, manchmal verzweigte Filopodien bilden, die sich am Substrat anheften können. Die Geißelzellen können manchmal auch breite Lobopodien aufweisen. Sie können ihre Geißel zurückziehen und rundlich werden, um sich entweder in zwei Tochter-Geißelzellen zu teilen oder in ein zystisches Stadium überzugehen. Daraus können wiederum zwei begeißelte Tochterzellen entstehen. Die Zellen können auch locker zusammenhängende Zellverbände bilden, die sich gemeinsam ernähren und leicht wieder zerfallen.
Die Lebensstadien von Pigoraptor chileana sind denen von P. vietnamica sehr ähnlich, aber P. chileana zeigt eine viel geringere Fähigkeit zur Bildung von Filopodien und Lobopodien (solche Stadien sind bei P. chileana extrem selten).
Referenzstamm: Opistho-2 – Typlokalität: Bodensedimente einer temporär überfluteten Wiese (d.h. Süßwasser) in der Nähe des Lago Blanca, Feuerland (Chile).
Der Gattungsname Pigoraptor setzt sich zusammen aus lateinischpiger, deutsch ‚faul‘, englischlazy und raptor, deutsch ‚räuber‘, englischpredator, bedeutet also „fauler Räuber“.
Das Art-Epithetonvietnamica ist neulateinisch und bedeutet ‚aus Vietnam‘ oder ‚zu Vietnam gehörig‘, ‚in Vietnam lebend‘.
Analog bedeutet das Art-Epitheton chileana ‚aus Chile‘, ‚zu Chile gehörig‘ oder ‚in Chile lebend‘.
Kultivierung und Sequenzierung
Bei den Klonen (Stämmen) Opistho-1 und Opistho-2 (von P. vietnamica respektive P. chileana) wurde wie folgt vorgegangen:
Zwanzig Einzelzellen jedes Klons (bei Opistho-1 nochmals zusätzlich elf Einzelzellen) wurden in 0,2mℓdünnwandige Mikroreaktionsgefäße (PCR-Gefäße) übertragen, die 2μℓZelllyse-Puffer enthielten.
Die Sequenzierung wurde dann auf der Plattform Illumina MiSeq mit Leselängen von 300bp durchgeführt.
Genom und Transkriptionsfaktoren
Die Untersuchung von Genen, die mit der Multizellularität von Tieren in Verbindung stehen, ergab, dass diese neuen Filasterea ein ähnliches Repertoire an Genen zur Zelladhäsion aufweisen wie andere Arten dieser Gruppe.
Im Jahr 2024 fanden Gao etal. heraus, dass einige einzelligeHolozoaSox-artige Gene besitzen. D.h. sie kodierenProteine, die wie der TranskriptionsfaktorSox-2DNA binden. Unter diesen Holozoa befanden sich neben den ChoanoflagellatenMylnosiga fluctuans (Myflui) und Salpingoeca helianthica (Salheli) auch Filasterea wie die beiden Spezies (Pvie und Pchii) von Pigoraptor.
Die Sox-HMG-Sequenzen von Pvie, Pchi, Myflu und Salhel bilden eine Schwesterklade zu den tierischen Sox-Genen. Bekannte Sox-ähnliche Sequenzen aus anderen Choanoflagellaten (und erst recht Filasterea) zeigen dagegen eine geringere Verwandtschaft und größere Abweichungen, befinden sich also außerhalb der Sox-Hauptklade.
Dies deutet darauf hin, dass
die Sox-Gene bereits vor dem letzten gemeinsamen Vorfahren der mehrzelligen Tiere (Metazoa) entstanden sind, und
viele einzellige Holozoa ihre Sox-Gene entweder verloren haben, oder dass diese degeneriert sind.
Alle Aminosäuren, die für das sequenzspezifische Auslesen von Basen in modernen Sox-Proteinen entscheidend sind, sind auch in den Sox-Varianten von Pvie, Pchi, Myflu und Salhel konserviert.
Dies ließ die Vermutung aufkommen, dass diese Sox-Varianten auch die gleichen DNA-Motive binden können wie ihre Gegenstücke in Säugetieren.
Um diese Vermutung zu testen, wählten Gao etal. repräsentative Sox-Sequenzen von Einzellern aus. Unter diesen befanden sich insbesondere Pchi (als Filasterea-Mitglied) und Salhel (als Choanoflagellat). Es stellte sich schließlich heraus, dass diese Proteine eine Sequenzspezifität aufweisen, die sich nicht vom Sox2 von Mäusen unterscheidet.
Bildergalerie
Pigoraptor vietnamica
Morphologie und Lebensformen
Gesamtansicht und Geißelstruktur
Schnitte des Zellkerns und anderer Strukturen
Zellkern und Anordnung der Basalkörper
Anordnung der beiden Basalkörper relativ to zueinander (Serienschnitte).
Pigoraptor chileana
Morphologie und Lebensformen
Gesamtansicht, Geißelstruktur und Geißelwurzelsystem
Anordnung der Basalkörper und Struktur der Filopodien
Anmerkungen
12Acronem: Der schlanke Abschnitt einer Geißel (Wiktionary: acroneme – englisch). Unterscheide: Axonem: Bündel von neun Mikrotubuli, die das innere Gerüst eines Ciliums oder Flagellums bilden, mit zwei zusätzlichen zentralen Mikrotubuli, die die anderen verbinden, wenn das Cilium/Flagellum beweglich ist (Wiktionary: axoneme – englisch).
↑
Anordnung der beiden Basalkörper relativ zueinander (Serienschnitte, P. vietnamica):
fbb: flagellarer Basalkörper (Geißelbasalkörper); mct: Mikrotubuli; n: Zellkern (Nukleus); nfbb, Nicht-flagellarer Basalkörper; Balken: alle 0,5μm.
Dusan Devetak, Alexi Popov, Hubert Rausch, Vladimir T. Krpač: The brown lacewing Hemerobius schedli Hölzel, 1970 in the Balkan Peninsula (Neuroptera, Hemerobiidae). In: Spixiana. Band 44, Nr.1, November 2021, S.63–70; ResearchGate:356068386 (englisch); siehe insbes. Fig.2.
123456789Elisabeth Hehenberger, Denis V. Tikhonenkov, Martin Kolisko, Javier del Campo, Anton S. Esaulov, Alexander P. Mylnikov, Patrick J. Keeling: Novel Predators Reshape Holozoan Phylogeny and Reveal the Presence of a Two-Component Signaling System in the Ancestor of Animals. In: Current Biology. Band 27, Nr.13, 10. Juli 2017, S.2043–2050; doi:10.1016/j.cub.2017.06.006, PMID 28648822, Epub 22. Juni 2017 (englisch).
↑Denis V. Tikhonenkov, Elisabeth Hehenberger, Anton S. Esaulov, Olga I. Belyakova, Yuri A. Mazei, Alexander P. Mylnikov, Patrick J. Keeling:Insights into the origin of metazoan multicellularity from predatory unicellular relatives of animals. In: BMC Biology. 18. Jahrgang, Nr.39, 9.April 2020, ResearchGate:340538125, doi:10.1186/s12915-020-0762-1, PMID 32272915, PMC7147346(freier Volltext) – (englisch).
12Núria Ros-Rocher, Alberto Pérez-Posada, Michelle M. Leger, Iñaki Ruiz-Trillo: The origin of animals: an ancestral reconstruction of the unicellular-to-multicellular transition. In: Open Biology. 18. Juni 2022; doi:10.1098/rsob.2003591 (englisch).
123Ya Gao, Daisylyn Senna Tan, Mathias Girbig, Haoqing Hu, Xiaomin Zhou, Qianwen Xie, Shi Wing Yeung, Kin Shing Lee, Sik Yin Ho, Vlad Cojocaru, Jian Yan, Georg K.A. Hochberg, Alex de Mendoza, Ralf Jauch: The emergence of Sox and POU transcription factors predates the origins of animal stem cells. In: Nature Communications. Band 15, Nr.9868, 14. November 2024; doi:10.1038/s41467-024-54152-x, hdl:1810/376326 (englisch).