Anbar (Stadt)

Anbar (mittelpersische Bezeichnung für „Kornkammer“) war eine 62 km westlich von Bagdad gelegene antike und mittelalterliche Stadt im heutigen Zentral-Irak. Es spielte im 3. und 4. Jahrhundert eine Rolle in den Römisch-Persischen Kriegen, wurde 363 vom römischen Kaiser Julian nach einer kurzen Belagerung erobert und war nach der islamischen Eroberung im frühen 7. Jahrhundert ab 752 zehn Jahre lang die Hauptstadt des Abbasiden-Kalifats, ehe Bagdad 762 gegründet wurde. Bis ins 10. Jahrhundert blieb Anbar eine mäßig prosperierende Stadt, verfiel danach aber rasch. Als lokales Verwaltungszentrum hatte sie bis ins 14. Jahrhundert Bestand, wurde jedoch später aufgegeben.

Einige erhalten gebliebene Ruinen von Anbar befinden sich etwa 5 km nordwestlich von Falludscha. Nach der Stadt ist das irakische Gouvernement al-Anbar benannt. 1980 wurde das Titularbistum Anbar dei Caldei eingerichtet.

Geschichte

Lage und Ursprünge

Die Stadt befand sich am linken Ufer des mittleren Euphrats in einer fruchtbaren Ebene unweit der Großen Arabischen Wüste. Sie lag am Austritt des von den Arabern Nahr Isa genannten Kanals, dem ersten jener schiffbaren Kanäle, die den Euphrat nach Osten hin mit dem Tigris verbanden. Die Ursprünge der Stadt sind unbekannt. Jedenfalls war sie sehr alt und wurde vielleicht schon in babylonischer Zeit oder noch früher gegründet. Der nahegelegene Siedlungshügel Tell Aswat wird auf etwa 3000 v. Chr. datiert.

Sassanidische Ära

Die Stadt war ursprünglich unter dem Namen Misiche (altgriechisch Μισιχή), Mesiche (altgriechisch Μεσιχή) oder Massike bekannt. Aufgrund ihrer Lage an einem wichtigen Euphrat-Übergang und als nördlichster Punkt des komplexen Bewässerungssystems des Sawad (= Süd-Irak) besaß die Stadt beträchtliche strategische Bedeutung. Als westliches Einfallstor nach Zentralmesopotamien wurde sie vom sassanidischen Herrscher Schapur I. (regierte 240–270) mit einem doppelten Mauerring umgeben und mit einer Garnison sowie einer Zitadelle versehen, um seine Hauptstadt Ktesiphon vor Invasionen des Römischen Reichs zu schützen. Nach seinem entscheidenden Sieg über den römischen Kaiser Gordian III. in der Schlacht von Mesiche (244 n. Chr.) benannte Schapur I. die Stadt in Peroz-Shapur (auch Pērōz-Šāpūr, Pērōz-Šābuhr; mittelpersisch Siegreich Schapur) um. Viele arabische Autoren wie at-Tabarī schrieben diese Namensänderung irrtümlich dem Sassaniden-König Schapur II. zu. Die von römischen und griechischen spätantiken Autoren wie Ammianus Marcellinus und Zosimos verwendete gräzisierte Namensform lautete Pirisabora oder Bersabora (altgriechisch Βηρσαβῶρα).

Während der Regierungszeit Schapurs II. (309–379) belagerte der römische Kaiser Julian im Rahmen seines Perserfeldzugs im April 363 Peroz-Shapur, das laut Ammianus Marcellinus damals eine volkreiche Stadt war und die zweite Stelle im Irak einnahm. Der sassanidische Kommandant der Stadt, Mamersides, ließ sich auf keine Verhandlungen ein, woraufhin die römischen Truppen zunächst mit einem Rammbock eine Lücke in die Befestigungsmauern schlugen und in die Stadt eindrangen. Nachdem sie die Zitadelle, in die sich die persischen Garnisonssoldaten zurückgezogen hatten, mit einer Helepolis beschossen, übergab Mamersides die Stadt, die von den Römern eingeäschert wurde. Schapur II. ließ die Stadt wieder aufbauen. Ab 420 ist die Stadt als Bischofssitz belegt. Hier residierte sowohl ein Bischof der Assyrischen Kirche des Ostens als auch einer der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien. Die Garnison von Peroz-Shapur bestand aus Persern, die Stadt hatte aber auch zahlreiche arabische und jüdische Einwohner. In der Nähe lag das babylonisch-jüdische Zentrum Pumbedita, an dessen Stelle heute die irakische Stadt Falludscha steht.

Während der Herrschaft des Sassaniden-Königs Kavadh I. (regierte 488–496 und 499–531) wurde Peroz-Shapur im frühen 6. Jahrhundert der Verwaltungssitz der zwischen Euphrat und Tigris gelegenen Provinz Šāḏ Qobāḏ und gehörte zu einem nach der Stadt benannten Distrikt (Fīrūz Sābūr) dieser Provinz. Im 6. Jahrhundert wurde Peroz-Shapur in Anbar umbenannt und war in frühislamischer Zeit die Hauptstadt der von Šāḏ Qobāḏ in al-ʿĀlī umgetauften Provinz. Während der Herrschaft des letzten Lachmiden-Königs Al-Nu'man III. ibn al-Mundhir (regierte 582–602) wurden dessen Freunde und Unterstützer mit Vorräten aus den Lagerhäusern Anbars versorgt. Danach fiel Anbar wieder unter direkte sassanidische Herrschaft.

Islamische Zeit

Der arabische Feldherr Chālid ibn al-Walīd fiel 633 im Irak ein. Vor Anbar stieß er mit dem Kommandanten dieser Stadt, Šīrzāḏ, zusammen, der über eine aus 70.000 Persern und Arabern bestehende Armee verfügt haben soll. Nachdem etwa 2000 Soldaten dieser Streitmacht von Pfeilen des muslimischen Heers geblendet worden waren, ergab sich Šīrzāḏ und durfte Anbar mit seiner Garnison verlassen. Chalid schloss einen Vertrag mit den Einwohnern der Stadt und erhob von ihnen einen jährlichen Tribut. Die Einwohner Anbars sollen aber später den Vertrag mit Chalid gebrochen und mit Jarīr ben ʿAbdallāh Baǰalī neue Konditionen ausgehandelt haben, wonach sie sie sich zu einem Jahrestribut von 400.000 Dirhams und 1000 Mänteln verpflichteten. Laut dem muslimischen Historiographen al-Balādhurī wurde die dritte Moschee im Irak in Anbar durch Mohammeds Gefährten Saʿd ibn Abī Waqqās errichtet. Dieser kam von seiner anfänglichen Idee, Anbar zu einer muslimischen Garnisonsstadt zu machen, aufgrund des dortigen endemischen Fiebers und der vielen Flöhe wieder ab. Als der Kalif ʿAlī ibn Abī Tālib (regierte 656–661) durch die Stadt reiste, wurde er von den dort lebenden 90.000 Juden herzlich begrüßt, und er „empfing sie überaus freundlich.“

Anbar blieb in frühislamischer Zeit eine blühende, bevölkerungsreiche Stadt und ein wichtiger Verwaltungssitz, der auch militärische Bedeutung hatte. Die Städte Hīt und ʿAnāt wurden während der Herrschaft der Kalifen Muʿāwiya I. (regierte 661–680) oder Yazid I. (regierte 680–683) vom Territorium Anbars abgetrennt und der Provinz Dschazīra zugeschlagen. Der irakische Statthalter al-Haddschādsch ibn Yūsuf ließ die Kanäle der Stadt reinigen. Abu l-Abbas as-Saffah (regierte 749–754), der Begründer des Abbasiden-Kalifats, machte Anbar zu seiner Hauptstadt und ließ etwa 2,5 km nördlich von ihr eine neue Stadt für seine aus Chorasan stammenden Truppen errichten. Hier wurde auch ein großer Palast erbaut. As-Saffah starb im Juni 754 in Anbar und wurde hier beigesetzt. Sein Nachfolger, der Kalif al-Mansūr (regierte 754–775), residierte bis zur Gründung Bagdads im Jahr 762 in Anbar. Die Stadt behielt weiterhin einige Bedeutung; so hielt sich der Kalif Hārūn ar-Raschīd (regierte 786–809) in den Jahren 799 und 803 hier auf. Der Wohlstand der Stadt basierte auf der Landwirtschaft, aber auch auf dem Handel zwischen Irak und Syrien.

Der Verfall der abbasidischen Macht im späteren 9. Jahrhundert setzte Anbar 882 und 899 Angriffen der Beduinen aus. 927 plünderten die Qarmaten unter ihrem Führer Abū Tāhir al-Dschannābī die Stadt während ihres Einfalls im Irak. Die Verwüstung Anbars wurde zwei Jahre später durch einen weiteren Beduinenangriff noch verschlimmert, und der Niedergang der Stadt beschleunigte sich. Während der im frühen 10. Jahrhundert schreibende Geograph al-Istachrī die Stadt noch als bescheiden, aber bevölkerungsreich charakterisiert, bezeugen Ibn Hauqal und al-Muqaddasī, die eine Generation später schrieben, ihren Verfall und den Rückgang ihrer Einwohnerzahl. Der jüdische Reisende Benjamin von Tudela kam um 1168 in die Gegend von Anbar. 1262 wurde die Stadt von den Mongolen unter deren Feldherrn Kerboka erneut geplündert und viele ihrer Einwohner massakriert. Auch während der Herrschaft der Ilchane spielte Anbar bis ins frühe 14. Jahrhundert als Verwaltungszentrum eine gewisse Rolle. Shams al-Din Juvayni († 1284), ein bedeutender Minister der frühen Ilchane, ließ einen Kanal von Anbar nach Nadschaf anlegen. Nach dem 14. Jahrhundert wurde die Stadt aufgegeben.

Überreste

Heutzutage sind von Anbar nur noch Ruinenhügel vorhanden. Die zahlreichen Überreste auf dem Gebiet der ehemaligen Stadt lassen auf ihre einstige Bedeutung schließen. Sie liegen 5 km nordwestlich von Falludscha und haben einen Umfang von etwa 6 km. Zu den Überresten gehören Spuren der spätmittelalterlichen Stadtmauer sowie Ruinen einer an der Nordostecke befindlichen quadratischen Befestigungsanlage und der etwa 1 km südwestlich davon gelegenen, von Säulenreihen umgebenen frühislamischen Moschee.

Literatur

Anmerkungen

  1. 1 2 3 4 M. Streck, A. A. Duri: Al-Anbār, in: Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Bd. 1 (1960), S. 484.
  2. 1 2 3 Christopher Brunner: Geographical and administrative divisions: settlements and economy. In: Richard N. Frye (Hrsg.): The Cambridge History of Iran: From the Arab Invasion to the Saljuqs, Bd. 4. Cambridge 1975, ISBN 0-521-20093-8, S. 759.
  3. 1 2 Richard N. Frye: The political history of Iran under the Sasanians. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): The Cambridge History of Iran: The Seleucid, Parthian and Sasanian Periods, Bd. 3, 1. Cambridge 1983, ISBN 0-521-20092-X, S. 125.
  4. ↑ Ammianus Marcellinus, Res gestae 24, 2, 9–22; Zosimos, Historia Nea 3, 17, 3 – 18, 6; dazu Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser. Klett-Cotta, Stuttgart 2006, ISBN 3-608-94296-3, S. 354.
  5. ↑ J. Wienand: Peroz-Shapur, in: Oliver Nicholson (Hrsg.): The Oxford Dictionary of Late Antiquity, 2018, S. 1159.
  6. 1 2 3 Michael G. Morony: Anbār. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica. Band 2, 1987, ISBN 0-7100-9110-9, S. 5 (englisch, iranicaonline.org, Stand: 7. August 2018 [abgerufen am 14. Juli 2026] mit Literaturangaben).
  7. 1 2 3 4 5 M. Streck, A. A. Duri: Al-Anbār, in: Encyclopaedia of Islam, 2. Auflage, Bd. 1 (1960), S. 485.
  8. ↑ Scherira Gaon: The Iggeres of Rav Sherira Gaon. Translated by Nosson Dovid Rabinowich, Rabbi Jacob Joseph School Press - Ahavath Torah Institute Moznaim, Jerusalem 1988, S. 125.
  9. ↑ Johanna Schmidt: Pirisabora. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XX,2, Stuttgart 1950, Sp. 1724 f. (hier: Sp. 1725).

Koordinaten: 33° 23′ N, 43° 43′ O