Pittakall

Strukturformel
Struktur von Hexamethoxyparafuchsin
Allgemeines
Name Pittakall
Andere Namen
  • Hexamethoxyparafuchsin
  • Hexamethoxypararosanilin
Summenformel C25H29N3O6
Kurzbeschreibung

blauer Feststoff

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 47743-62-4
Wikidata Q7199099
Eigenschaften
Molare Masse 467,51 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Sicherheitshinweise
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung
keine Einstufung verfügbar
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0 °C, 1000 hPa).

Pittakall ist der erste synthetisch hergestellte Farbstoff. Er wurde 1832 durch Zufall vom deutschen Chemiker Karl von Reichenbach entdeckt, der auch als der Entdecker von Kerosin, Phenol, Eupion, Paraffinwachs und Kreosot gilt.

Entdeckung

In den 1830er Jahren beschäftigte sich Karl Reichenbach mit der Erforschung der Komponenten des Buchenteers. Reichenbach war zusammen mit Hugo Karl Eduard zu Salm-Reifferscheidt Mitinhaber von Hüttenwerken in Blansko in Mähren.

Mit dem in den dortigen Kohlenmeilern anfallenden Kreosot, das eine Reihe von polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, einfache Aromaten sowie Teersäuren, Teerbasen und weitere Inhaltsstoffe enthält, strich Reichenbach den Holzzaun um sein Grundstück, in der Hoffnung, dass der penetrante Geruch Hunde vom Urinieren am Zaun abhalten würde. Doch der Anstrich hielt die Hunde nicht fern; ihr Urin reagierte mit dem Kreosot auf dem Holz zu einem blauen Farbstoff. Diesen nannte Reichenbach Pittakall, von den griechischen Wörtern πίττα (pítta, „Pech“, „Harz“) und κάλλος (kállos, „Schönheit“). Später gelang ihm die Darstellung von reinem Pittakall als blauer Feststoff durch die Umsetzung von Buchenpech mit Bariumoxid. Pittakall ist unlöslich in Wasser, Ethanol und Diethylether, aber löslich in Säuren. Der reine Stoff besteht aus orangen Nadeln, die sich im Alkalischen blau lösen. Pittakall wurde als blauer Textilfarbstoff verwendet, der sich auf mit Aluminiumoxid gebeizten Textilien abscheiden lässt. Der blaue Farbstoff ist licht- und wasserbeständig.

Die Oxidation von Pittakall liefert Eupittonsäure, eine gelbe, kristalline Substanz. Der kommerzielle Erfolg des Pittakalls war jedoch gering.

Strukturaufklärung

Die Konstitutionsaufklärung von Pittakall erfolgte 1878 durch August Wilhelm von Hofmann. Hofmann konnte zeigen, dass sich durch Umsetzung von 2,6-Dimethoxyphenol (Pyrogallussäuredimethylether) 1 mit 4-Methyl-2,6-dimethoxybenzol (Methylpyrogallussäuredimethylether) 2 die Eupittonsäure 3 bildet. Diese Umsetzung ist analog der Darstellung von Parafuchsin aus Anilin und p-Toluidin. Die Umsetzung der Eupittonsäure mit Ammoniak ergibt den blauen Farbstoff Pittakall 4:

Synthese von Pittakall (Hexamethoxypararosanilin/Hexamethoxyparafuchsin)
Synthese von Pittakall (Hexamethoxyparafuchsin)

Eigenschaften

Wenn Pittacal aus seinen Lösungen flockig niedergeschlagen wird, oder durch Abdampfen getrennt wurde, findet es sich zu einer indigoähnlichen, spröden, prachtvoll dunkelblau gefärbten, abfärbenden Substanz mit kupferrothem Bruch zusammen. Es ist geruchs- und geschmacklos und reagiert auf Sonnenlicht, mäßige Wärme und Ätzkali unveränderlich.

Es ist unlöslich in Wasser, Alkohol, Ether, Basen und Eupion. Mit Wasser bildet es jedoch zumindest eine äßerst feine Suspension, welche aquch durch Filterpapier nicht zu trennen ist. Dabei zeigt sich das Pittacal unter dem Mikroskop als feine Nadeln. Wenn die Suspension über mehrere Tage zur Ruhe gekommen lassen wird bilden sich dunkelblauviolette Flocken, welche zu Boden sinken. Die Zugabe von Basen beschleunigt die Bildung der Flocken, auch aus sauren Lösungen. Pittacal ist unter Farbveränderung löslich in verdünnter Schwefelsäure, Salzsäure und Essigsäure. Bei der Lösung in Schwefelsäure zeigt sich eine Farbänderung über Veilchenblau ins Carmesinrot. Von Salpetersäure wird es zersetzt, wobei sich die Farbe ins Morgenrote verändert. Bei Zugabe von Base im Überschuss kehrt das ursprüngliche Blau schnell wieder zurück. In Kalkwasser fällt das Pittacal ohne roten Stich mit einem dunkelblauen Farbton aus. Diese Flocken können in schwacher Essigsäure gelöst und durch die Anwesenheit von geringsten Mengen Ammoniak wird es wieder hochblau.

Pittacal geht in Lösungen mit Metallsalzen wie Bleizucker, Zinnsalz, schwefelsaurem Kuperammoniak, essigsaurer Tonerde und weiteren, sowie verschiedenen Oxiden Bindungen ein. Es fällt in dunkelblauen leicht violetten Flocken aus.

Mit der Hilfe von essigsaurer Tonerde und Zinnsalz lässt es sich leicht auf organischen Fasern, wie Leinen und Baumwolle befestigen und färbt diese dauerhaft kräftig blau.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 George B. Kauffman: Pittacal - The first synthetic dyestuff. In: Journal of Chemical Education. 54, 1977, S. 753, doi:10.1021/ed054p753.
  2. ↑ Dieser Stoff wurde in Bezug auf seine Gefährlichkeit entweder noch nicht eingestuft oder eine verlässliche und zitierfähige Quelle hierzu wurde noch nicht gefunden.
  3. ↑ Matthijs de Keijzer, Maarten R. van Bommel, Regina Hofmann-de Keijzer, Regina Knaller, Edith Oberhumer: Indigo carmine: Understanding a problematic blue dye. In: Studies in Conservation. 57, 2013, S. S87–S95, doi:10.1179/2047058412Y.0000000058.
  4. ↑ Jöns Jacob Berzelius: Lehrbuch der Chemie: 8. Band. Arnoldsche Buchhandlung, Dresden, Leipzig, 1838, S. 578.
  5. ↑ A. W. Hofmann: Nachträgliches über Pittakall und Eupittonsäure. In: Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 12, 1879, S. 2216–2222, doi:10.1002/cber.187901202262.
  6. ↑ Carl Graebe: Geschichte der Organischen Chemie. Erster Band. Julius Springer, Berlin 1920, S. 359 (Digitalisat).
  7. ↑ Franz Ferzak: Karl Freiherr von Reichenbach. FFWASP EBOOKS, 2017 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. 1 2 3 4 5 New York Public Library: Journal für Chemie und Physik. Schrag'schen Buchhandlung, 1833 (archive.org [abgerufen am 22. Januar 2019]).
  9. 1 2 Eduard Assmuss: Die trockene Destillation des Holzes und Verarbeitung der durch dieselbe erhaltenen Rohproducte auf feinere, wie auf Essigsäure, essigsaure Salze, Terpentinöl, Wagenschmiere, Kienruss etc.: Ein Handbuch für Techniker, Chemiker und Fabrikanten. 1867, ISBN 978-3-662-33095-1 (springer.com [abgerufen am 21. Januar 2019]).
  10. ↑ Thomas Graham: Elements of Chemistry,: Including the Applications of the Science in the Arts. Hippolyte Baillière, foreign bookseller to the Royal College of Surgeons, and to the Royal Society, 219, Regent Street., 1842 (google.com [abgerufen am 22. Januar 2019]).
  11. ↑ Jahrbuch für Physiker, Chemiker, Mineralogen, Techniker, Pharmaceuten, Fabrikanten, Oekonomen und alle Freunde der Naturwissenschaften und Technologie (etc.). Damian u. Sorge, 1835 (google.com [abgerufen am 21. Januar 2019]).