Expertenplan

Vorschlag der Expertenkommission, übertragen auf den Stadtplan von 1889

Der Expertenplan (frz. plan des Artistes) war das Resultat einer im Mai 1794 durch den Domänenverwalter Amelot zusammengerufenen Expertenkommission mit dem Ziel, die staatlichen Güter mit Wegen besser zu verbinden und Vorhaben zur Verschönerung von Paris aus der Zeit des Königtums wieder aufzugreifen.

Bezeichnung

Die Bezeichnung Plan des Artistes bezieht sich mit dem Begriff des „Artiste“ auf ein Bedeutungsfeld von „Artiste“, das dem Begriff des Künstlers im Verständnis von Goethe und Schiller entsprechen würde, mit dem engeren heutigen Bedeutungsfeld von „Künstler“ aber nicht übereinstimmt; gemeint sind vielmehr Fachleute oder Experten, in diesem Fall in städtebaulichen Fragen, wie durch die Zusammensetzung der Kommission deutlich wird.

Kontext

Die Arbeit erschien notwendig wegen der Bedeutung und der Zersplitterung des vormals kirchlichen Nationalguts, das durch das Dekret vom 2. November 1789 verstaatlicht worden waren, sowie wegen der am 30. März 1792 entschiedenen Konfiskation der Güter von Emigranten, die durch das Dekret vom 27. Juli 1792 zum Verkauf gestellt worden waren. Ein Dekret vom 4. April 1793 legte die Regeln für den Verkauf in einzelnen Losen fest.

Das Nationalgut umfasste in Paris 505 kirchliche Gebäude auf einem Grund von ungefähr 400 Hektar, also knapp 12 Prozent des gesamten Stadtgebiets von 3370 Hektar. Diese Güter sollten – abzüglich des Grundes für projektierte neue Straßen sowie die Verbreiterung von vorhandenen Straßen – verkauft werden.

Zusammensetzung der Kommission

Die Expertenkommission bestand aus elf Mitgliedern, davon sieben Architekten, darunter Nicolas Lenoir, Louis Charles François Petit-Radel et Charles de Wailly, der bereits 1785 einen Plan zur Verschönerung von Paris vorgeschlagen hatte, sowie vier Inspekteure der Wege, darunter Edme Verniquet, der Urheber des ersten topographisch genauen Plans von Paris.

Geschichte

Am 14. Thermidor 1794 entschied der Nationalkonvent den Verkauf des Nationalguts auszusetzen, weil eine Expertenkommission gerade mit einem Plan für die Verschönerung von Paris beschäftigt sei.

Die Kommission, die nur eine beratende Rolle hatte, beendete ihre Arbeit am 31. März 1797 und übermittelte ihre Überlegungen dem Innenminister.

Der bekannte Expertenplan ist eine Rekonstruktion. Es gibt keinen Nachweis für den originalen Plan oder er ist verloren gegangen.

Vorschläge der Expertenkommission

Der von der Expertenkommission ausgearbeitete Plan ging bei dem Brand des Hôtel de Ville (Paris) in der Zeit der Pariser Kommune 1871 verloren, konnte aber aufgrund der Angaben der Beteiligten rekonstruiert werden und wurde anlässlich der Pariser Weltausstellung von 1889 publiziert.

Die Trassen auf der ursprünglichen Karte wurden in drei Farben dargestellt, die den drei folgenden Kategorien entsprachen:

Die erste Kategorie umfasste die dringendsten Vorschläge, die dritte die auf lange Sicht ins Auge zu fassenden Vorschläge.

Der Plan enthielt insbesondere:

Die ehrgeizigen Vorschläge im Süden auf der linken Seine-Seite schienen einerseits durch die Verfügbarkeit mehrerer Konvente möglich, von denen der größte der der Kartäuser war, andererseits durch noch wenig bebaute Flächen. Zu den Vorschlägen gehörten näherhin:

Die Vorschläge von Charles de Wailly, die Île de la Cité mit der Île Saint-Louis zu verbinden, die Île Louviers an die rechte Seine-Seite anzubinden und große Plätze am Rand des Geländes des Projekts des Palais National herzustellen, wurden nicht wieder aufgegriffen.

Die Kommission schlug außerdem eine städtebauliche Reglementierung vor, die – mit weniger Ehrgeiz – im Wesentlichen die städtebauliche Reglementierung der königlichen Anordnung von 1783 wieder aufgriff.

Die Straßen wurden in kategorisiert in Große Straßen von 14 Metern Breite, die von einem Ende der Stadt zum anderen führen sollten, Innere Verbindungen von 12 Metern Breite, die von einer Großen Straße zu einer anderen oder zu einem Platz führen sollten, und nachgeordnete Verbindungen (« étapes inférieures ») von 10, 8 ou 6 Metern Breite. Die Häuser sollten an den 14 Meter breiten Straßen höchstens 18 Meter hoch sein, 16 Meter an den 12 Meter breiten Straßen und 12 Meter an den Straßen von 6 oder 8 Metern Breite.

Der Expertenplan im Kontext älterer städtebaulicher Projekte für Paris

Der Expertenplan stand in der Nachfolge einmal des städtebaulichen Vorhabens von Pierre Bullet von 1676, das einen Ring von Boulevards vorsah, dann von Pierre Patte, der 1767 die Zusammenfügung der Île de la Cité und der Île Saint-Louis vorschlug, schließlich dem des Kommissionsmitglieds Charles de Wailly und mehreren lokalen Vorhaben der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Neubaugebiete für einen großen Teil des Jardin du Luxembourg, die Kartause oder auch das Tempel-Viertel.

Der bereits 1785 – vor der Verstaatlichung der Kirchengüter – von dem Kommissionsmitglied Charles de Wailly erarbeitete Plan umfasste im Wesentlichen folgende Vorschläge:

Charles de Wailly ergänzte seine früheren Vorschläge 1795 durch die folgenden:

Der Expertenplan erreichte bei Weitem nicht das Ausmaß der Umgestaltung von Paris während des Zweiten Kaiserreichs. Außerdem waren die vorgeschlagenen Maßnahmen sehr ungleichmäßig über das Stadtgebiet verteilt, sehr viel stärker entwickelt auf der linken Seine-Seite und ohne eine einzige große Nord-Süd-Achse. Unberücksichtigt blieb, bis auf seinen Südrand, auch das 32 Hektar große Ensemble des Enclos Saint-Lazare im Norden der Viertel Poissonnière und Saint-Denis.

Der Expertenplan nahm kaum Rücksicht auf das bauliche Erbe der Stadt; er sah die Zerstörung zahlreicher religiöser Gebäude vor, namentlich etwa der Kirche Saint-Germain l’Auxerrois, die bei den Haussmann’schen Arbeiten unangetastet blieb.

Die Umsetzung

Der Expertenplan hat wahrscheinlich die städtebaulichen Entscheidungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflusst, denn die Mehrzahl der umgesetzten Veränderungen entspricht Vorschlägen der Kommission.

Auch wenn die Haussmann’schen Arbeiten ein anderes Ausmaß hatten, beruhte ein kleiner Teil der nach 1848 umgesetzten städtebaulichen Maßnahmen wiederum auf den Vorschlägen des Expertenplans: die von 1848 bis 1854 realisierte Verlängerung der Rue Rivoli bis zur Rue Saint-Antoine – allerdings auf einer anderen Trasse als der im Plan vorgesehenen – die von 1854 bis 1868 gebauten Rue Réaumur und Rue du Quatre-Septembre, gegen 1860 die Verbreiterung der Avenue des Gobelins, von 1891 bis 1904 der Boulevard Raspail, schließlich 1911 die Begradigung der Rue Beaubourg.

Einige Vorschläge des Expertenplans wurden nicht umgesetzt, so etwa diejenigen für Straßen, die von Osten und Westen auf die Place Vendôme stoßen sollten, oder auch die meisten Vorschläge für Straßen im heutigen 5. und 13. Arrondissement, weil mehrere Gebäude des Nationalguts, darunter insbesondere das Krankenhaus Val de Grâce, bewahrt werden sollten.

Daneben scheint die Kommission die städtebaulichen Herausforderungen des Geländes an den Hängen der Montagne Sainte-Geneviève unterschätzt zu haben. Das im Zweiten Kaiserreich gebaute Straßennetz in diesem Viertel ist im Umfang dem von der Kommission vorgeschlagenen vergleichbar, aber die Trassen verlaufen deutlich anders und einige von ihnen erforderten erhebliche Terrassierungsarbeiten, insbesondere der Durchbruch der Rue Monge.

Bemerkenswert bleibt, dass die Expertenkommission erhebliche städtebauliche Potentiale offensichtlich übersah. Hierzu gehört der Clos Saint-Lazare, das in der Restauration neu errichtete Viertel Poissonnière und das Viertel um die Gare du Nord auf dem Clos Saint-Charles, dem Nordteil des Clos Saint-Lazare, die in der Julimonarchie und im Zweiten Kaiserreich realisiert wurden.

Einzelnachweise

  1. ↑ Pierre Lavedan: Histoire de l’urbanisme à Paris. Hachette, Paris 1993, ISBN 2-85962-012-5, S. 318 (französisch).
  2. ↑ Irène Delage, Chantal Pévot: Atlas de Paris. Éditions Parigramme, Paris 2014, ISBN 978-2-84096-763-7, S. 14–15 (französisch).
  3. ↑ Jean Tulard: Paris et son administration (1800–1830). Ville de Paris. Sous-commission des recherches d’histoire contemporaine, Paris 1976, S. 323 (französisch).
  4. ↑ Pierre Pinon, Bertrand Le Boudec, Dominique Carré: Les plans de Paris: histoire d’une capitale. Atelier parisien d’urbanisme Bibliothèque nationale de France Le Passage Paris bibliothèques, 2004, ISBN 978-2-84742-061-6 (französisch).
  5. ↑ Pierre Lavedan: Histoire de l'urbanisme à Paris. Hachette, 1993, ISBN 2-85962-012-5, S. 319–323 (französisch).
  6. ↑ Pierre Lavedan: Histoire de l’urbanisme à Paris. Hachette, 1993, ISBN 2-85962-012-5, S. 323 (französisch).
  7. ↑ Irène Delage, Chantal Pévot: Atlas de Paris. Éditions Parigramme, Paris 2014, ISBN 978-2-84096-763-7, S. 16 (französisch).
  8. ↑ Georges Poisson: Napoléon 1er et Paris. Taillandier, 2002, ISBN 2-84734-011-4, S. 72–73 (französisch).
  9. ↑ Karen Bowie: Du clos Saint-Lazare à la gare du Nord. Presses universitaires de Rennes, 2018, ISBN 978-2-7535-6612-5, S. 61–69 (französisch).