Die Polysystemtheorie ist ein theoretisches Modell, mit dem die Diversität und Dynamik des Literatursystems einer Kultur beschrieben werden kann. Sie wurde in den 1970ern ursprünglich entwickelt von dem israelischen Kultur- und Übersetzungswissenschaftler Itamar Even-Zohar und seitdem vielfach weiterentwickelt.
Die Gesamtheit der Literatur innerhalb einer Kultur wird als ein Polysystem gesehen, in dem verschiedene Teilsysteme, also Genres, Textsorten, Schulen o. ä. miteinander um Einfluss und Leser konkurrieren. Das Modell eines Polysystems, das in ständiger Bewegung ist, bietet einen Gegenentwurf zu klassischen statischen Vorstellungen von Nationalliteratur und Literaturkanon. Literaturformen, die in klassischen Modellen oft als minderwertig gesehen werden (Kinderliteratur, Thriller, Comics etc.), sind so Teile eines dynamischen Systems.
Die Teilsysteme stehen dabei hierarchisch zueinander. Ob und wie neue Texte oder Teilsysteme (Textsorten o. ä.) in einer Kultur angenommen werden, und an welcher Position im Polysystem (zentral oder marginal) sie platziert werden, hängt wiederum von den Normen ab, die in einer Kultur etabliert sind.
Die Polysystemtheorie integriert im Gegensatz zu klassischen Definitionen von Nationalliteratur Übersetzungen als einflussreichen Textgattungen. Ursprünglich wurde die Polysystemtheorie mit dem Hauptanliegen entwickelt, „die Wirkung von Übersetzungen innerhalb der Nationalliteratur einer Zielsprache zu untersuchen, denn Übersetzungen bringen immer ein fremdes Element mit sich und spielen daher auch eine innovative Rolle innerhalb dieser Literatur.“ Die Forschergruppe um Even-Zohar entwickelte ihre Theorie am Beispiel israelischer Kultur, die besonders stark von Übersetzungen geprägt ist. Eine ihrer Thesen ist, dass Kulturen, die sich neu entwickeln oder marginalisiert werden, ein stärkeres Bedürfnis nach übersetzter Literatur haben als etablierte Kulturen, die weniger offen für äußere Einflüsse sind.
Eine der zentralen Neuerungen der Polysystemtheorie besteht darin, Übersetzungen nicht auf ihr Verhältnis zum Ausgangstext zu reduzieren, sondern im Kontext der Zielkultur zu untersuchen, in der sie entsteht. Diesen Ansatz hat vor allem der Übersetzungswissenschaftler Gideon Toury weitergeführt, der zusammen mit Even-Zohar der Tel Aviv School der Übersetzungsforschung zuzuordnen ist. Toury begründete die Descriptive Translation Studies, die ähnlich wie die Polysystemtheorie die Übersetzung als Produkt der Zielkultur betrachten. Ferner sind auch die Arbeiten von kulturwissenschaftlich orientierten Übersetzungswissenschaftlern wie Lawrence Venuti oder André Lefevere von der Polysystemtheorie beeinflusst.