
Poverty porn (auf Deutsch etwa „Armutsporno“) bezeichnet im englischen Sprachraum ein Vorgehen, den Zustand armer Menschen medial auszubeuten, um Mitgefühl zu erzeugen und dadurch die Reichweite von Medien zu steigern, Spenden einzusammeln, oder die Unterstützung für ein Anliegen zu steigern. Der Begriff porn legt dabei nahe, dass der Betrachter dadurch grundlegende Instinkte befriedigt. Andere im Englischen verwendete Begriffe dafür sind pornography of poverty (Pornographie der Armut), development porn (Entwicklungsporno), famine porn (Hungerporno) oder stereotype porn (Stereotypenporno).
Der Begriff wurde unter anderem benutzt bei der Kritik an fiktionalen Filmen und Dokumentationen, die Personen zu Objekten machen, um materiell bessergestellte Betrachter zu unterhalten.
Vermehrt in den 1980er Jahren verwendeten Hilfskampagnen wie Life Aid starke Bilder, zum Beispiel von unterernährten Kindern mit Fliegen an ihren Augen. Obwohl manche dieser Kampagnen erfolgreich waren und hohe Beträgezur Bekämpfung des Hungers einsammeln konnten, wurde auch Kritik laut. Beobachter meinten, das Problem der chronischen Armut werde dadurch verharmlost. Rückblickend wurde dafür der Ausdruck poverty porn benutzt. Gegen Ende des Jahrzehnts benutzten die Medien positivere Bilder für ihre Erzählungen. Dennoch wurden auch danach immer wieder Schockbilder verwendet. Der Begriff poverty porn wurde erst später geprägt. Eines der ersten Beispiele ist die Kritik zum Film Angela’s Ashes von 1999, die im Januar 2000 im elektronischen Newsletter Need to Know publiziert wurde. Dort wurde die Darstellung von Armut in dem Film als „schwerfälliges Erbrochenes voller Armutspornos“ charakterisiert.
Das Vorgehen ist kontrovers, da manche glauben, es sei ausbeuterisch, andere jedoch meinen, es helfe Organisationen dabei, ihre Ziele zu erreichen. Hilfsorganisationen wie UNICEF oder Oxfam stellen Situationen wie Hungersnöte, Armut und Kinder oft gemeinsam dar, um Sympathien zu erlangen und mehr Spenden zu erhalten.
Obwohl Poverty porn als ein Mittel gesehen werden kann, mehr Spendengelder zu erhalten, glauben viele, es stelle eine verformte Realität dar, indem es eine Gesellschaft zeigt, die aus eigener Kraft bzw. ohne westliche Hilfe nicht überleben kann. Des Weiteren glauben viele, dass die verwendeten Bilder zu voyeuristisch sind.
So verbot im Juli 2026 die Regierung Burkina Fasos per Dekret die „Zurschaustellung von Bildern verletzlichen Menschen neben den überreichten Spenden“. Die Regierung begründete die Regelung mit dem „Schutz ihrer Würde und Privatsphäre“. Zugleich müssen 60 Prozent der humanitären Finanzierung in den frühen Wiederaufbau und die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Betroffenen fließen; Hilfsgüter sollen zudem verstärkt vor Ort beschafft werden.
Die Debatte, ob Stereotypen und Sensationalismus dazu benutzt werden sollen, Empathie zu erzeugen, wird oft geführt. Chimamanda Ngozi Adichie, ein Schriftsteller aus Nigeria, merkt dazu an, dass das Problem mit Stereotypen nicht sei, dass sie falsch sind, sondern dass sie unvollständig sind; sie machen aus einer Geschichte die einzige Geschichte.
Während ihrer Spendenkampagne versuchen Hilfsorganisationen jene zu befragen, für welche die Hilfe bestimmt ist. Sie tun dies, um mehr Authentizität zu bekommen. Es ist jedoch häufig, dass jene, welche mit vielen anderen Problemen zu kämpfen haben, sich nicht für Bilder zur Verfügung stellen oder ihre traumatisierende Geschichte erzählen wollen. Dies zeigt einmal mehr, das Leute sich dafür schämen, in einer desolaten Situation zu leben und das poverty porn jene in den Medien zeigt, die dort eigentlich nicht gezeigt werden wollen.
In einem Fall führte dieses „Bedürfnis“ nach Stimmen, um diesen Stil des Fundraising zu rechtfertigen, dazu, dass eine Organisation fiktive „bedürftige Kinder“ erschuf und emotionale Briefe verschickte, die von diesen nicht existierenden Kindern „geschrieben“ worden waren. CNN deckte auf, dass die St. Josephs Indian School in South Dakota Millionen von Dollar an Spenden ergatterte, weil sie die „ärgste Form von Poverty porn“ benutzte. CNN schrieb, dass diese Schule von Personen geleitet wurde, welche nicht zu den Ureinwohnern zählten, „ein Vermögen durch rassistische Stereotypen verdiente“.
Die Medien benutzen Poverty Porn, indem sie Bilder von Armen zeigen, welche den Betrachter wachrütteln sollen. Die Bilder sollen bei den Betrachtern Emotionen hervorrufen. Es wird jedoch allgemein angenommen, dass die öffentliche Enthüllung des eigenen Elends durch Bilder, Interviews und andere Mittel ein unzulässiger Eingriff in die Privatsphäre ist.
Die Verwendung eines einzelnen Fotos, um ein ganzes Land als mittellos zu bezeichnen, lässt das Publikum fälschlicherweise annehmen, dass das gesamte Land die gleiche Geschichte teilt.
Ali Heller, ein Nigerianischer Schriftsteller und Anthropologe meint dazu: „Nehmen Sie einen Moment lang an, Sie litten unter chronische Inkontinenz Nehmen Sie zudem an, dass sie keinen Zugang zu Windeln für Erwachsene oder Damenbinden hätten. Stellen sie sich jetzt vor wie die Säure des Urins Ihre Oberschenkel verbrennt, die Haut aufreisst, und sie der Gefahr einer Infektion aussetzt. Stellen Sie sich jetzt die Scham vor, die Sie empfänden -ein Erwachsener, der unfähig ist, zu verhindern, dass beim Besuch eines Freundes auf dessen Stuhl ein wenig Urin zurückbleibt... Warum müssen wir die Extremfälle ins Rampenlicht stellen, wenn der Normalfall schlimm genug ist?“