Das Predigerseminar in Finkenwalde war eine Einrichtung der Bekennenden Kirche der Altpreußischen Union von 1935 bis 1937 zur Ausbildung angehender Pfarrer. Es befand sich in Finkenwalde (heute Zdroje), einem Vorort von Stettin. Dietrich Bonhoeffer leitete das Seminar. Finkenwalde ist der Ort, an dem Bonhoeffer die Nachfolge niederschrieb und mit quasi-monastischer Lebensweise experimentierte.
Das Predigerseminar nutzte angemietete Räume im ehemaligen Karbeschen Gutshaus (Waldstraße 5). Zuvor war dort ein privates Internat untergebracht, das im Zuge der NS-Schulpolitik schließen musste. Aus dieser Zeit gab es noch eine Turnhalle; an den Altbau des Herrenhauses war ein moderner Flügel angebaut worden. Dieses Herrenhaus war ein zweigeschossiger Putzbau auf längsrechteckiger Grundfläche. Der Mittelrisalit an der Hofseite markierte den Haupteingang, der beiderseits von großen Bäumen beschattet war. Die Räumlichkeiten waren für die Nutzung als Seminar wenig geeignet und auch baulich in schlechtem Zustand. Im Erdgeschoss gab es einen zentralen Raum mit Kamin, der als Aufenthaltsraum diente. Dieses Kaminzimmer wurde von Bonhoeffer mit wechselnden Rembrandtzeichnungen ausgestattet. Beiderseits befanden sich der Speisesaal und der Unterrichtsraum. Im Obergeschoss war der Schlafsaal. Möbel und Bücher kamen durch Spenden zusammen. Bonhoeffer selbst sorgte für den Grundstock der Seminarbibliothek. Es gab ein Musikzimmer mit zwei Bechsteinflügeln.
In der Turnhalle richteten die Kandidaten unter Anleitung von Wilhelm Groß ihre Kapelle ein. Über dem Altar schrieben sie in goldenen Buchstaben das griechische Wort HAPAX, „Ein für allemal“, auf die Wand. Mit diesem Motto bezog man sich auf die Christologie der Barmer Theologischen Erklärung und grenzte sich von den Deutschen Christen ab. Groß trug außerdem den Einband zur Altarbibel sowie die Holzplastik eines Propheten zur Kapelle bei.
Der Alltag war spartanisch. Alle Kandidaten teilten sich einen großen Schlafsaal im ersten Stock. Dort waren 25 Betten in zwei Reihen aufgestellt. Die kleinen Schlafzimmer aus der Zeit der Nutzung als Internat dagegen wurden als Arbeitsräume für je drei Personen mit Schreibtischen und Regalen eingerichtet. Bonhoeffer bewohnte ein eigenes Zimmer über der Garage.
Der altpreußische Bruderrat unterhielt insgesamt fünf Predigerseminare: in Wuppertal-Elberfeld, Bielefeld-Sieker, Bloestau, Naumburg/Queis und Finkenwalde.
Dietrich Bonhoeffer wurde vom Bruderrat als Direktor des Finkenwalder Seminars angestellt, Wilhelm Rott als Studieninspektor. (Nach dem vierten Kurs schied Rott aus, und Fritz Onnasch übernahm diese Aufgabe.) Die meisten Seminaristen kamen aus Berlin-Brandenburg, einige auch aus Pommern, Ostpreußen und der Provinz Sachsen.
Der Lehrplan umfasste die üblichen Fächer: Homiletik, Katechetik, Seelsorge, Liturgik, „Amt und Kirche“. Rott unterrichtete Katechetik, dazu den Heidelberger Katechismus. Bonhoeffer behielt sich die Homiletik vor und bot zusätzlich ein Seminar über die Nachfolge an. Das Buch gleichen Namens entstand aus seinen Vorlesungsmanuskripten und wurde am 26. August 1937 abgeschlossen, zum Advent 1937 lag es dann gedruckt vor.
Beim Bruderhaus handelte es sich um eine von Bonhoeffer gegründete Kommunität, die im Predigerseminar kontinuierlich wohnen und ein geistliches Leben (vita communis) pflegen sollte. Bonhoeffer beantragte die Freistellung der daran interessierten jungen Theologen am 6. September 1935. Bekannte Gründungsmitglieder waren u. a. Joachim Kanitz, Winfried Maechler, Albrecht Schönherr und Eberhard Bethge. Später gehörten Karl Ferdinand Müller und Horst Thurmann zu diesem Konvent.
Das Ende aller Ausbildungseinrichtungen der Bekennenden Kirche kam mit einem Erlass des Reichsführers SS, datiert auf den 29. August 1937, der aber zunächst nicht bekannt wurde. So endete das Semester in Finkenwalde planmäßig am 8. September, und das Haus stand danach fast leer. Studieninspektor Onnasch nahm den Schließungsbefehl der Geheimen Staatspolizei am 28. September 1937 entgegen. Sie versiegelte das Haus. Da es nicht gelang, eine Revision in Gang zu setzen, musste der Mietvertrag zum 1. Dezember 1937 gekündigt werden. Die Finkenwalder Bekenntnisgemeinde hielt zwei weitere Jahre ihre Versammlungen in dem Gebäude ab.
Koordinaten: 53° 22′ 35,9″ N, 14° 37′ 19,7″ O