Premchand

Premchand anhörenⓘ/? (Hindi प्रेमचंद Premacand; * 31. Juli 1880 im Dorf Lamahi bei Varanasi; † 8. Oktober 1936 in Varanasi) ist das Pseudonym des indischen Schriftstellers Dhanpat Rai Shrivastav (Hindi धनपत राय श्रीवास्तव Dhanapat Rāy Śrīvāstav). Er war einer der bedeutendsten Autoren im Sprachraum des Hindi (im Unterschied zu anderen Regional- und Nationalsprachen und -literaturen wie Bengali, Marathi, Gujarati usw.) sowie der modernen indischen Literatur überhaupt. Er gilt als Pionier des zeitgenössischen Urdu- und Hindiromans.

Premchand war ein vielseitiger und sehr fruchtbarer Autor; in zahlreichen Kurzgeschichten, Theaterstücken, Filmscripts, Übersetzungen, Essays und Romanen behandelt er Themen und Probleme des indischen Alltags seiner Zeit, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land: Armut, Verschuldung, Korruption, Landverteilung, Kasten- und Religionsvorurteile und Kolonialismus. Als Herausgeber der literarischen Zeitschriften Hañs ("Schwan") und Jāgaraņ ("Erwachen") diskutierte er Fragen der Literatur und forderte als engagierter Sozialist Bildung für alle Schichten der Bevölkerung sowie ein nationales Bewusstsein im Sinne Gandhis.

Leben und Werk

Frühe Jahre

Premchands Vater war Munshi ("Schreiber") und Postbeamter aus der Srivastava- oder Shrivāstab-Kaste, einer Unterkaste der Kāyasth (auch Kaet oder Kaith, mit dem Ehrentitel Lāla), der Kaste der Schreiber und Steuereinnehmer auf dem Lande. im Alter von acht Jahren verlor Premchand die Mutter, und die Großmutter übernahm die Erziehung; als auch sie starb und der Vater erneut heiratete, schloss sich Premchand stärker an seine ältere Schwester an. Als Angehöriger der Schreiberkaste genoss er eine englische Schulbildung, zog aber das in Wortschatz und Schrift vom Hindi abweichende, aber elegantere, damals wie heute in Poetik und Musik übliche Urdu ("Hindustani") vor, das er, obwohl Hindu, als Achtjähriger in einer Madrasa unter Leitung eines Mullah erlernte. Premchand galt als Bücherwurm und eifriger Zeitungsleser; seine ersten schriftstellerischen Versuche unternahm er im Jahr 1901.

Ehe und Beruf

Bereits mit fünfzehn Jahren in der 9. Klasse gegen seinen Willen verheiratet – die Ehefrau kehrte beim Auszug Premchands aus seinem Dorf (1899) zu den Eltern zurück –, verlor er mit sechzehn Jahren auch den Vater und war nun nicht nur auf sich selbst gestellt, sondern als ältester Sohn auch für die Stiefmutter und die Geschwister verantwortlich. Als guter Schüler verdiente er sich Geld durch Nachhilfe für besser gestellte Mitschüler und legte später sein Examen als B.A. in Englisch, Persisch und Geschichte ab. In der Folge war er Grundschullehrer und Deputy Sub-Inspector (Schulrat) in den damals unter englischer Herrschaft stehenden United Provinces (heute: Uttar Pradesh), vor allem in Bundelkhand, wo er bei seinen Inspektionsreisen (im Ochsenkarren, wobei ihn später seine Frau oft begleitete) Stoff für seine zahlreichen Erzählungen fand. Er galt als milder Vorgesetzter und guter Lehrer, wenn auch ohne das für eine Schulleitung erforderliche Organisationstalent oder die gelegentlich notwendige Härte.

Als überzeugter Sozialreformer und Anhänger des Arya Samaj heiratete er gegen jedes Herkommen 1906 die schon als Kind verwitwete Shivarani Devi, die nach seinem Tod ein Buch über ihn verfasste (Premchand ghar mein, "Premchand zu Hause"); diese Art der Ehe war zu ihrer Zeit revolutionär und trug ihm die Gegnerschaft der Traditionalisten ein. Das Ehepaar hatte eine Tochter und zwei Söhne.

Schriftstellerische Tätigkeit

Im Jahr 1910 geriet er durch seine Sammlung von Kurzgeschichten (Soz-e-watan "Elegie auf die Nation"), die er bereits 1907 in Urdu unter dem Künstlernamen Nawab Rai in der Kanpurer Zeitschrift Zamana veröffentlicht hatte, in Konflikt mit der englischen Schulbehörde, die die Exemplare einzog und auf den Index setzte.

Premchand schrieb nun erstmals (seit 1910) unter seinem neuen Künstlernamen Premchand (hindi "Liebesmond"). Nachdem er sich bereits als Urdu-Schriftsteller als Munshi Premchand einen Namen gemacht hatte und daher auch als "Vater der Urdu-Kurzgeschichten" (urdu afsānā "Erzählung") bezeichnet wird, begann er ab 1914, auch aufgrund der zu geringen Auflagen der Urdu-Versionen, zunehmend auf Hindi zu schreiben. Er brachte damit einen realistischen Zug in die indische Literatur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch sprachlich von gezierter Poesie in Versform und inhaltlich von religiösen, mythologischen oder fantastischen Themen ohne Bezug zur Realität geprägt war (rāja-rāni-Literatur). Gleichzeitig schuf Premchand damit die Grundlage einer "homely literature" (Gandhi), die die Einheit des Landes vorbereiten half.

Premchand lernte 1919 in Gorakhpur Gandhi kennen, und als dieser 1921 zur Non-cooperation mit den Briten aufrief, gab er seine Beamtenstelle als Lehrer und Schulrat auf und betätigte sich unter großen persönlichen Opfern als freier Journalist und Zeitungsherausgeber; später wurde er Direktor einer Schule in Kashi. Seine literarischen Beiträge veröffentlichte er in den von ihm gegründeten Zeitschriften "Hañs" und "Jāgaraņ", die er seit 1923 in der eigenen Druckerei, der "Saraswati Press" publizierte, die in einem Gebäude des Arya Samaj in Benares untergebracht war, und die ihm – darin Balzac ähnlich – finanziell stets große Sorgen machte. Zwischen seinem Heimatdorf, in dem er das Elternhaus geerbt hatte und dem er sich zeitlebens verbunden fühlte, und seinen oft wechselnden Aufenthaltsorten – neben Benares v. a. Lakhnau, Allahabad, Bombay, Delhi, Aligarh usw. – und der Druckerei pendelte Premchand ständig hin und her; finanzielle Gründe waren es denn auch, die ihn dazu bewogen, einen Jahresvertrag der Filmindustrie in Bombay als Skriptautor anzunehmen (1934–35). Die Tätigkeit war zwar gut bezahlt, verlangte von ihm aber die einjährige Trennung von der Familie und erwies sich – nach Abzug der hohen Lebenshaltungskosten in Bombay – als nicht sonderlich attraktiv.

1936 wurde Premchand zum ersten Präsidenten der Indian Progressive Writers' Association IPWA gewählt. Er starb 1936 mit 56 Jahren nach längerem Leiden an einem Magengeschwür ("gastritic ulcer").

Premchand verfasste etwa 250 Kurzgeschichten, die man noch zu Lebzeiten in verschiedenen Sammlungen zusammenfasste, u. a. als Prem Pacchisi ("Premchands 25 Erzählungen"), "Prem Battisi" ("Premchands 32 Erzählungen") und schließlich in der Sammlung "Mānasarovar" ("Ozean der Gedanken", mit 203 Erzählungen). Er verfasste ein Dutzend Romane, am bekanntesten davon "Godan" ("Die Kuh-Schenkung"), sowie zwei Theaterstücke. Seine Werke schildern das Leben der städtischen Mittelschicht ebenso wie das Leben auf dem Land, wobei er einen Schwerpunkt auf das Zusammenleben von Christen, Moslems und Hindus legte.

Vorbilder, Einflüsse, Literaturtheorie

Premchand gilt als der erste namhafte indische Autor, der soziale Zustände realistisch schilderte; als Pädagoge war er von der erzieherischen, aufklärerischen Wirkung der Literatur überzeugt, ohne dabei die Eigenständigkeit des literarischen Werkes zu leugnen. Premchand nahm zwar die Werke indischer Zeitgenossen, wie z. B. des Bengalen Rabindranath Tagore, des älteren Urdu-Schriftstellers Hālī, der mit ihm befreundeten Schriftsteller Muhammad Iqbal, Mulk Raj Anand oder Sajjad Zaheer auf, teilte aber die kritische Haltung der von ihm gelesenen europäischen Autoren, vor allem Tolstoi, Maupassant, Anatole France, T. S. Eliot, John Galsworthy, Charles Dickens und Tschechow gegenüber der Gesellschaft. Während Premchand der bengalischen Literatur das stärkere emotionale Gespür zustand, sah er seine Stärke als Hindi-Autor eher in der Prosa, in Beobachtung und Analyse. Zu den Grundlagen seiner Literaturtheorie äußerte sich Premchand vor allem gegen Ende seines Lebens: Literatur solle "das Wahre, Gute, Schöne" darstellen und befördern und gehe über bloße Unterhaltung weit hinaus.

Auf dem Schriftstellerkongress der IPWA (1936), zu deren Präsident er gewählt wurde, sprach er sich gegen die damals politisch motivierte Einteilung der Literatur in progressiv und konservativ aus: "Ein Schriftsteller oder ein Künstler ist von Natur aus progressiv; wäre er das nicht, so wäre er auch kein Schriftsteller."

Dass Premchand mehr Hindu und Pädagoge war, als wohl von ihm selbst wahrgenommen, zeigt sich – ganz im Sinn der Sanskritliteratur – im Ideal der reinen Seele, die durch Ichbezogenheit und die Akzidenzen des Lebens wie Religionen, politische und soziale Zustände etc. von ihrem eigentlichen Ziel abgelenkt und nur durch Satsang, Satyagraha und Darshan (Umgang mit guten Menschen, gewaltloser Widerstand und Anblick des Guten) geläutert werden könne, kurz: durch den Sieg der Askese über Macht und Besitz – eine urindische Vorstellung.

Stil

Premchands Schriften zeichnen sich durch schlüssigen Erzählaufbau und eine Sprache aus, die sich an die Umgangssprache anlehnt und weitgehend auf Sanskriteinflüsse verzichtet. Sein Stil ist gekennzeichnet durch satirische und humorvolle Passagen, die zur Charakterisierung seiner Protagonisten dienen und die oft schonungslosen, ja erbarmungslosen Schilderungen für den Leser erst erträglich machen.

Premchands Werke wurde in alle Sprachen Indiens sowie ins Russische, Chinesische und in viele europäische und andere Kultursprachen übersetzt.

Kritik

Werke

Erzählungen

Romane

Ausgaben in Übersetzungen

Verfilmungen

Premchands erste und einzige Arbeit als Skriptautor war der heute verschollene Film Mazdoor (1934), in dem der Autor in einer Filmszene sogar kurz zu sehen war. Es entstanden zahlreiche weitere Verfilmungen seiner Romane und Kurzgeschichten.

Literatur

Leben und Werk

Einzelfragen

Einzelnachweise

  1. ↑ Hari Narayan: Awakening the aesthete within the reader. In: The Hindu. 1. August 2015, abgerufen am 29. Januar 2024 (englisch).
  2. ↑ Das Alltagsleben eines Postmeisters beschreibt Rabindranath Thakur in seiner gleichnamigen Kurzgeschichte.
  3. ↑ Fleißig, des Lesens und Schreibens kundig, intelligent, lernbegierig und in Sprachen versiert (Persisch), setzten die Srivastava der Intoleranz der muslimischen Invasoren weniger religiöse Skrupel entgegen als die sozial höher stehenden Brahmanen und nahmen daher vor allem unter den Fremdherrschern im Staatsdienst wichtige Stellungen ein; als dörfliche Steuereinnehmer waren sie wegen ihrer Schläue und Winkelzüge berüchtigt; R.V. Russell / Rai Bahadur Hīra Lāl: The tribes and castes of the central provinces of India. 4 Bde. London. Bd. 3, S. 404–422.
  4. ↑ Das in Nordindien und im heutigen Pakistan gebräuchliche Urdu nimmt in Schrift und Wortschatz die Kultur des muslimischen, persisch-arabischen Kulturraums auf, während das Hindi auf Schrift, Gedankengut und Wortschatz des Sanskrit zurückgreift.
  5. ↑ Statt mit seinem Hindu-Namen Dhanpad Rai, "Herr des Wohlstands", hatte ihn sein Onkel Mahabir stets Nawab Rai, "Herr Nabob" genannt.
  6. ↑ Premchand lernte Tagore nie persönlich kennen, ebenso wenig wie er jemals in Kalkutta war
  7. ↑ "Moral und Literatur haben ein gemeinsames Ziel - sie unterscheiden sich nur in der Art und Weise, wie sie es darstellen... Früher hielt die Religion die Zügel der Gesellschaft in der Hand, und... ihre Hilfsmittel waren Sünde und Gute Taten. Heute hat die Literatur diese Aufgabe übernaommen, und die Liebe zum Schönen ist ihr Hilfsmittel".
  8. ↑ Über eine solche Angelegenheit müsse die Bevölkerung selbst entscheiden, sagte ihm Premierminister Mirza Ismail von Mysore.
  9. ↑ Amrit Rai, S. 325.
  10. ↑ Amrit Rai, S. 336 u. passim
  11. ↑ Lesenswert ist Mirza Muhammad Hadi Ruswa (1858–1931): Die Kurtisane von Lakhnau. Aus dem Urdu übersetzt von Ursula Rothen-Dubs, Manesse, Zürich 1971, EA 1899. Ruswas Roman fußt auf wahren Begebenheiten und Personen.
  12. ↑ Munshi and the movies in The Tribune vom 31. Juli 2005.
  13. ↑ Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 27. Februar 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
Commons: Premchand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Personendaten
NAME Premchand
ALTERNATIVNAMEN Shrivastava, Dhanpat Rai (wirklicher Name)
KURZBESCHREIBUNG indischer Schriftsteller
GEBURTSDATUM 31. Juli 1880
GEBURTSORT Lamahi, Indien
STERBEDATUM 8. Oktober 1936
STERBEORT Varanasi, Benares