Produkt von Moduln

In vielen Gebieten der Mathematik spielen direkte Produkte und Koprodukte der betrachteten Objekte eine besondere Rolle. Die Konstruktion solcher Produkte von Objektfamilien fußt oft auf dem kartesischen Produkt von Mengen.

In der Mengenlehre wird das kartesische Produkt einer Familie von Mengen (Ai|i∈I) folgendermaßen definiert:

∏i∈IAi:={a:I→⋃i∈IAi|a(i)∈Ai∀i∈I}

Sind die Ai alles Rechtsmoduln über dem unitären Ring R, so hat ∏i∈IAi eine Modulstruktur. Dies ist ein Produkt von Moduln, das Produkt der Modulfamilie (Ai|i∈I).

Definition des Produktes

Produkt von Moduln

Ist (Ai|i∈I) eine Familie von Rechtsmoduln über dem Ring R so heißt ∏i∈IAi das Produkt der Moduln. Ist a∈∏i∈IAi, so heißt a(i) die i-te Komponente von a. Das Produkt ∏i∈IAi erhält durch die folgenden beiden Verknüpfungen eine Modulstruktur.

+:∏i∈IAi×∏i∈IAi∋(a,b)↦a+b∈∏i∈IAi, wobei (a+b)(i):=a(i)+b(i),i∈I⋅:∏i∈IAi×R∋(a,r)↦a⋅r∈∏i∈IAi, wobei (a⋅r)(i):=a(i)⋅r,i∈I

Ist die Funktion a∈∏i∈IAi, so schreibt man dafür oft (ai), analog wie das bei reellen Zahlenfolgen üblich ist. Dabei ist ai=a(i) die i-te Komponente. Man addiert also komponentenweise und mit den Skalaren wird komponentenweise multipliziert.

Universelle Eigenschaft des Produktes

Ist ∏i∈IAi das Produkt der Moduln Ai so bilden die Funktionen πi:∏i∈IAi∋(ai)↦ai∈Ai das Produkt ∏i∈IAi epimorph auf Ai ab. Sie heißen Projektionen. Das Paar (∏i∈IAi,(πi,i∈I)) hat die folgende Eigenschaft:

Zu jedem Rechtsmodul X über R und jeder Familie von Homomorphismen fi:X→Ai gibt es genau einen Homomorphismus f:X→∏i∈IAi, so dass πi∘f=fi für alle i∈I gilt.

In der Kategorientheorie nennt man eine solche Eigenschaft universell, sie kennzeichnet das Produkt von Objekten bis auf Isomorphie, das heißt:

Ist P ein Modul und pi:P→Ai eine Familie von Homomorphismen und gibt es zu jedem Modul X und jeder Familie fi:X→Ai von Homomorphismen genau ein f:X→P mit pi∘f=fi, so ist P≅∏i∈IAi. Ein Diagramm zu dieser Situation sieht so aus:

Zu jeder Familie von Homomorphismen fi:X→Ai gibt es genau ein f mit pi∘f=fi für alle i∈I

Die oben angegebene Konstruktion zusammen mit dem Nachweis der universellen Eigenschaft fasst man auch kurz so zusammen: In der Kategorie der Moduln gibt es Produkte.

Produkt und Hom Funktor

Ist pi:P→Ai eine Familie von Homomorphismen, so ist P genau dann ein Produkt der Familie (Ai|i∈I), wenn der Homomorphismus

Hom(M,P)∋f↦(pi∘f)∈∏i∈IHom(M,Ai)

für alle Rechtsmoduln M ein Isomorphismus ist. Insbesondere ist:

Φ(M):Hom(M,∏i∈IAi)∋f↦(πi∘f)∈∏i∈IHom(M,Ai)

eine natürliche Transformation, die für jeden Modul M ein Isomorphismus ist. Φ(M) ist ein funktorieller Isomorphismus.

Beispiele, Bemerkungen, Bezeichnungen

  1. Ist für alle i∈I:Ai=A, so schreibt man AI:=∏i∈IAi und nennt dies eine Potenz von A.
  2. Für jede Indexmenge I ist RI sogar ein Ring, wenn man komponentenweise multipliziert. RI ist auf der linken und rechten Seite ein Modul über dem Ring R. Die DiagonalabbildungR∋r↦(r)∈RI ist ein Homomorphismus der Ringe und der Moduln. Dabei sind alle Komponenten von (r) gleich r.
  3. Ist Ui↪AR eine Familie von Untermoduln, so gibt es einen eindeutig bestimmten Homomorphismus f:A→∏i∈IA/Ui mit πi∘f=pi. Dabei ist (pi|i∈I) die Familie der kanonischen Homomorphismen von AR auf die Faktormoduln A/Ui. Der Kern dieses Homomorphismus ist ⋂i∈IUi.
  4. Sind (Ai|i∈I) und (Bi|i∈I) zwei Familien von Moduln und ist fi:Ai→Bi eine Familie von Homomorphismen, so ist die Abbildung ∏fi:∏i∈IAi∋(ai)↦(fi(ai))∈∏i∈IBi ein Homomorphismus. Es ist Kern⁡(∏fi)=∏i∈IKern⁡(fi). Weiter ist Bild⁡(∏i∈Ifi)=∏i∈IBild⁡(fi).
  5. Ist auch (Ci|i∈I) eine Familie von Moduln und ist für alle i∈I die Folge Ai→fiBi→giCi exakt, so ist ∏i∈IAi→∏fi∏i∈IBi→∏gi∏i∈ICi exakt.
  6. Sind A,Q Rechtsmoduln, so gibt es einen eindeutig bestimmten Homomorphismus g:A→QHom(A,Q) mit πf∘g=f für alle f∈HomR(A,Q). Es ist Kern⁡(g)=⋂f∈Hom(A,Q)Kern(f). Ist S=HomR(A,A) der Endomorphismenring von A, so ist Kern⁡(g) auf der linken Seite ein S– Untermodul von SA. Ist Kern⁡(g)={0} so koerzeugt der Modul QR den Modul AR. Ein Modul, der alle Rechtsmoduln koerzeugt heißt Kogenerator. Der Modul QR ist daher ein Kogenerator, wenn es zu jedem Rechtsmodul AR einen Monomorphismus A→QI gibt, für eine gewisse Indexmenge I.
  7. Ist A eine abelsche Gruppe, so ist A torsionsfrei genau dann, wenn A von ℚ koerzeugt wird.
  8. ℚ/ℤ ist ein Kogenerator in der Kategorie der abelschen Gruppen. Dies ist nicht mehr ganz einfach. Es setzt die Theorie der injektiven Moduln voraus. Siehe dazu zum Beispiel

Koprodukt von Moduln

Eine Funktion f:I→⋃i∈IAi,f(i)∈Ai heißt endlichwertig, wenn f(i)≠0 nur für endlich viele i∈I gilt. Man meint dasselbe, wenn man sagt f(i)=0 für fast alle i∈I. Die Menge der endlichwertigen Abbildungen aus ∏i∈IAi wird Koprodukt (oder äußere direkte Summe) der Familie (Ai|i∈I) genannt und mit ∐i∈IAi bezeichnet. ∐i∈IAi ist ein Untermodul des Produktes.

Ist a∈Aj, so sei ηj(a) die folgende Abbildung aus ∐i∈IAi:

ηj(a)(i)={0fallsi≠jafallsi=j

Schreibt man die Abbildung ηj(a) als Tupel, so ist ηj(a)=(…0,a,0,…). An allen Stellen des Tupels steht 0 nur an der j-ten Stelle steht a.

ηj:Aj∋a↦ηj(a)∈∐i∈IAi↪∏i∈IAi ist der einzige Homomorphismus f:Aj→∏i∈IAi, welcher folgende Bedingung erfüllt:
πi∘f={0fallsi≠j𝟏Ajfalls i=j

Dies ergibt sich aus der universellen Eigenschaft des Produktes. Die (ηi|i∈I) sind alles Monomorphismen und es ist ∐i∈IAi=⨁i∈Iηi(Ai) die direkte Summe der ηi(Ai) in dem Produkt der Ai.

Universelle Eigenschaft des Koproduktes

Ist ∐i∈IAi das Koprodukt der Moduln Ai so bilden die Funktionen

ηi:Ai∋a↦ηi(a)∈∐i∈IAi

die Ai monomorph nach ∐i∈IAi ab. Sie heißen Injektionen. Das Paar (∐i∈IAi,(ηi,i∈I)) hat die folgende Eigenschaft:

Zu jedem Modul DR und jeder Familie von Homomorphismen gi:Ai→D gibt es genau einen Homomorphismus g:∐i∈IAi→D, so dass g∘ηi=gi für alle i∈I gilt.

In der Kategorientheorie kennzeichnet diese universelle Eigenschaft das Koprodukt von Objekten bis auf Isomorphie, das heißt:

Ist S ein Modul und qi:Ai→S eine Familie von Homomorphismen und gibt es zu jedem Modul D und jeder Familie gi:S→D von Homomorphismen genau ein g:S→D mit gi=g∘qi, so ist S≅∐i∈IAi.

Die oben angegebene Konstruktion zusammen mit dem Nachweis der universellen Eigenschaft fasst man auch kurz so zusammen: In der Kategorie der Moduln gibt es Koprodukte.

Koprodukt und Hom Funktor

Ist qi:Ai→Q eine Familie von Homomorphismen, so ist Q genau dann ein Koprodukt der Familie (Ai|i∈I), wenn der Homomorphismus

Hom(Q,M)∋f↦(f∘qi)∈∏i∈IHom(Ai,M)

für alle Rechtsmoduln M ein Isomorphismus ist. Insbesondere ist:

Φ(M):Hom(⨁i∈IAi,M)∋f↦(f∘ηi)∈∏i∈IHom(Ai,M)

ein Φ(M) funktorieller Isomorphismus.

Bezeichnungen und Beispiele

  1. Meist identifiziert man die Ai mit den ηi(Ai) in ∐i∈IAi. Dann schreibt man ⨁i∈IAi anstelle von ∐i∈IAi. Normalerweise ist keine Verwechslung zu befürchten.
  2. Ist Ai=A für alle i∈I so schreibt man A(I) anstelle von ∐i∈IAi.
  3. Ist Ai=R für alle i∈I, so ist R(I) ein freier Modul. Eine Basis ist die Familie (ei|i∈I) mit ei:=ηi(1).
  4. Ist die Indexmenge I endlich, so sind direkte Summe und direktes Produkt identisch.
  5. Ist E eine endliche Teilmenge von I und A=⊕i∈EAi, so ist A direkter Summand in ∏i∈IAi. Der Homomorphismus p=∑i∈Eηi∘πi:∏i∈IAi→∏i∈IAi erfüllt die Bedingungen p∘p=p und Bi⁡(p)=A. Für unendliche Mengen ist die direkte Summe normalerweise keineswegs direkter Summand im direkten Produkt. So ist ℤ(ℕ) kein direkter Summand in ℤℕ. Eine schwierige Frage ist: Für welche Moduln M ist M(ℕ) direkter Summand im Produkt Mℕ? Ist beispielsweise M halbeinfach und endlich erzeugt, so ist dies der Fall.
  6. Sind G,A Rechtsmoduln, so gibt es einen eindeutig bestimmten Homomorphismus g:G(Hom(G,A))→A mit g∘ηf=f für alle f∈HomR(G,A). Es ist Bild⁡(g)=∑f∈Hom(G,A)Bild⁡(f). Ist S=HomR(A,A) der Endomorphismenring von A, so ist Bild⁡(g) auf der linken Seite ein S– Untermodul von SA. Ist Bild⁡(g)=A, so erzeugt der Modul G den Modul A. Ein Modul, der alle Rechtsmoduln erzeugt heißt Generator. Der Modul G ist daher ein Generator, wenn es zu jedem Rechtsmodul A einen Epimorphismus G(I)→A gibt, für eine gewisse Indexmenge I. Da jeder Modul das epimorphe Bild eines freien Moduls ist, ist RR ein Generator.

Zwei wichtige Sätze

Ein Zerlegungssatz Satz von Kaplansky

Sei c eine unendliche Kardinalzahl. Ist der Modul M direkte Summe von c erzeugbaren Untermoduln, so ist jeder direkte Summand von M direkte Summe von c erzeugbaren Untermoduln.

Der wichtigste Fall ist: Ist M direkte Summe von abzählbar erzeugten Untermoduln, so hat jeder direkte Summand diese Eigenschaft. In dieser Form hat Irving Kaplansky den Satz ursprünglich bewiesen. Daraus folgt beispielsweise, dass jeder projektive Modul direkte Summe von abzählbar erzeugten Moduln ist. Will man daher Struktursätze über projektive Moduln beweisen, so kann man sich dank Kaplansky auf abzählbar erzeugte beschränken. Jeder projektive Modul ist ja direkter Summand in einem freien Modul.

Der Zerlegungssatz von Krull-Remak-Schmidt-Azmaya

Seien M=⊕i∈IMi≅⊕j∈JNj zwei Zerlegungen von M. Sind die Endomorphismenringe aller Mi lokal und sind alle Nj unzerlegbar, so gibt es eine Bijektion α:I→J mit Mi≅Nα(i) für alle i∈I.

Dieser Satz verallgemeinert viele wichtige Sätze. So zum Beispiel:

  • Je zwei Basen eines Vektorraumes haben gleiche Mächtigkeit.
  • Die Zerlegung eines halbeinfachen Moduls in eine direkte Summe von einfachen Moduln ist im Sinne des Satzes eindeutig.
  • Der Zerlegungssatz von Satz von Krull-Remak-Schmidt für Moduln endlicher Länge.

Einzelnachweise

  1. ↑ Friedrich Kasch Moduln und Ringe. Teubner, Stuttgart 1977, Seite 77 ISBN 3-519-02211-7
  2. ↑ Robert Wisbauer, Grundlagen der Modul – und Ringtheorie, Verlag Reinhard Fischer, München 1988 Seite 112 ISBN 3-88927-044-1
  3. ↑ Frank W. Anderson, Kent R. Fuller, Rings and Categories of modules Springe, New York Berlin Heidelberg, 1992, Seite 106, ISBN 0-387-97845-3
  4. ↑ Friedrich Kasch Moduln und Ringe. Teubner, Stuttgart 1977, Seite 127 ISBN 3-519-02211-7

Literatur