Pseudo-Ignatius

Pseudo-Ignatius war ein anonymer Fälscher, der im 4. Jahrhundert die ihm vorliegenden Briefe des Ignatius von Antiochia interpolierte und sechs Briefe von und an Ignatius neu schrieb.

Die recensio longior der Ignatiusbriefe

Durch die Arbeit des Pseudo-Ignatius entstand die „längere Rezension“ der Ignatiusbriefe. Sie umfasste im für die Textgeschichte wichtigen Codex Monacensis graecus 394 (10. oder 11. Jahrhundert) folgende Schriften:

  1. Maria von Kassobola an Ignatius (neu)
  2. Ignatius an Maria von Kassobola (neu)
  3. Ignatius an die Trallianer (interpoliert)
  4. Ignatius an die Magnesier (interpoliert)
  5. Ignatius an die Tarser (neu)
  6. Ignatius an die Philipper (neu)
  7. Ignatius an die Philadelphier (interpoliert)
  8. Ignatius an die Smyrnäer (interpoliert)
  9. Ignatius an Polykarp von Smyrna (interpoliert)
  10. Ignatius an die Antiochener (neu)
  11. Ignatius an Heron (neu)
  12. Ignatius an die Epheser (interpoliert)
  13. Ignatius an die Römer (interpoliert)

Einige Versionen dieser umfangreicheren Briefsammlung enthalten darüber hinaus zwei Briefe des Ignatius an den Evangelisten Johannes und einen an die Jungfrau Maria.

Abfassungsort und -milieu

Dass der Interpolator der sieben älteren Ignatiusbriefe identisch ist mit dem Verfasser der sechs neuen Briefe in der 13-Briefe-Sammlung, gilt aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Kriterien als sicher. Konsens ist auch die Nähe zum Redaktor der Apostolischen Konstitutionen und zum Hiobkommentar eines Pseudo-Julian (4. Jahrhundert); alle diese Schriften scheinen aus dem gleichen Milieu zu stammen, wenn nicht sogar vom gleichen Verfasser bzw. Redaktor. Pseudo-Ignatius kannte und benutzte darüber hinaus die Schriften des Eusebius von Caesarea. Hanns Christof Brennecke zufolge war Pseudo-Ignatius in Antiochia am Orontes tätig.

Inhaltliche Neujustierungen

Pseudo-Ignatius arbeitete viel stärker mit Bibelzitaten als der Ignatius der mittleren Rezension. Diese Zitate machen mehr als die Hälfte der Interpolationen in den sieben älteren Ignatiusbriefen aus. Die trinitarischen Personen stellte Pseudo-Ignatius nach dem dogmengeschichtlichen Stand des 4. Jahrhunderts dar und korrigierte Ignatius, der im 2. Jahrhundert weniger differenzierte Anschauungen hatte.

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Hanns Christof Brennecke: Die recensio longior des Corpus Ignatianum, Berlin / Boston 2018, S. 252 f.
  2. ↑ Mark Edwards: When the Dead Speak: The Refashioning of Ignatius of Antioch in the Long Recension of His Letters, Oxford 2013, S. 346; vgl. ebd. S. 346: “Mary is a reverend figure, John a friend who will welcome a trite remark on the likeness of James to his brother Jesus, or the news that Salome, the daughter of a mutual acquaintance, is preserving her virginity.”
  3. ↑ Hanns Christof Brennecke: Die recensio longior des Corpus Ignatianum. Berlin, Boston 2018. S. 255 f.
  4. ↑ Hanns Christof Brennecke: Die recensio longior des Corpus Ignatianum, Berlin / Boston 2018, S. 256–261.
Personendaten
NAME Pseudo-Ignatius
KURZBESCHREIBUNG anonymer Fälscher
GEBURTSDATUM 4. Jahrhundert
STERBEDATUM 4. Jahrhundert oder 5. Jahrhundert