Pteridomanie

Gathering Ferns
(„Die Farnsammler“), Helen Allingham, Juli 1871

Pteridomanie oder Farnfieber (englisch fern fever, fern craze oder fern madness) sind Bezeichnungen für den Vorgang des exzessiven Farnsammelns in der Viktorianischen Ära. Zu dieser Zeit wurden auch Farnmotive als Dekoration vielseitig verwendet. Sie umfassten unter anderem Keramikgegenstände, Textilien, Skulpturen, Grabsteine und vieles mehr. Das Wort „Pteridomanie“ setzt sich zusammen aus dem wissenschaftlichen Namen für Farne Pterido(phyta) und Manie im Sinne von „übertriebener Leidenschaft“.

The fern gatherer
(„Die Farnsammlerin“), Charles Sillem Lidderdale, 1871

Das Sammeln von Farnen, dessen Beginn in den 1830er Jahren vermutet wird, zog Liebhaber aus verschiedenen Gesellschaftsschichten an. Für die einen war es ein modisches Hobby, für die anderen eine ernsthafte wissenschaftliche Beschäftigung. Sammler suchten Farnpflanzen entweder direkt in ihren heimischen Lebensräumen oder bezogen sie über Farnhändler. Häufig wurden die Farnwedel anschließend in Alben gepresst, um sie in den Wohnungen auszustellen. Amateur- und Profibotaniker wurden von dieser leicht zugänglichen Pflanze durch immer neue Veröffentlichungen in Zeitschriften, insbesondere dem populären The Phytologist, der erstmals 1844 erschien, angezogen. Farne erwiesen sich als eine besonders geeignete Pflanzengruppe für Neuaufnahmen, da sie bis dahin im Vergleich zu Blütenpflanzen weniger untersucht worden waren. Zudem wurden sie durch die Entwicklung besserer Straßen und die Ausbreitung der Eisenbahn leichter zugänglich.

Auch wurden Pflanzen für die Kultivierung in Gärten und in Innenräumen gesammelt. Gärtnereien boten nicht nur einheimische Arten, sondern auch exotische Arten aus anderen Teilen der Welt an. Charles Kingsley äußerte im Jahr 1855 tiefgründigere Gedanken zum Farnsammeln in seinem Buch Glaucus:

„Eure Töchter vielleicht sind der vorherrschenden Pteridomanie verfallen und streiten über unaussprechliche Namen der Spezien (die in jedem neuen Farn-Buch, das sie kaufen, anders zu lauten scheinen) – und trotzdem könnt ihr nicht abstreiten, dass ihnen das gefällt, dass sie deswegen aktiver sind und fröhlicher, sich selbst öfter vergessen als über Romane, Tratsch, das Häkeln oder Stickwolle.“

– Charles Kingsley

Kingsleys Schwester, Charlotte Chanter, trug mit ihrem Buch Ferny Combes. A Ramble after Ferns in the Glens and Valleys of Devonshire (1857) zur romantischen Begeisterung für Farne bei. Besonders für Frauen der viktorianischen Mittel- und Oberschicht bot die Pteridomanie eine der wenigen gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten, aus den strengen Konventionen ihres Alltags auszubrechen. Während von Frauen dieser Schicht üblicherweise erwartet wurde, sich im häuslichen Umfeld aufzuhalten und sich mit Handarbeiten oder Lektüre zu beschäftigen, legitimierte das botanische Interesse längere, oft unbegleitete Ausflüge in die Natur. Das Sammeln von Farnen erforderte strapazierfähige Kleidung und das Durchqueren von unwegsamem Gelände, was den Frauen eine ungewohnte physische und räumliche Freiheit verschaffte. Zudem bot die Botanik, und speziell die Pteridologie (Farnkunde), Frauen die Chance, sich ernsthaft wissenschaftlich zu betätigen, Fachliteratur zu studieren und eigene Sammlungen anzulegen, ohne dass dies als unschicklich galt. Autorinnen wie Charlotte Chanter trugen durch ihre Publikationen maßgeblich dazu bei, dass Frauen in diesem Bereich eine sichtbare Rolle einnahmen.

Der Hype führte dazu, die Kundschaft neben den etwa 70 einheimischen Farnarten und natürlichen Hybriden auch mit seltenen Varianten von Wildarten zu bedienen. Aus diesen wählten Gartenbauer Hunderte von Sorten für die Zucht aus. Polystichum setiferum, Athyrium filix-femina und Asplenium scolopendrium zum Beispiel brachten jeweils etwa 300 verschiedene Sorten hervor.

Wardian case

Ein spezielles Mini-Gewächshaus, als Wardian case bezeichnet, war ein Vorläufer des modernen Terrariums. Es wurde um 1829 von einem Arzt namens Nathaniel Bagshaw Ward erfunden, um seine Farne vor der Luftverschmutzung in London zu schützen. Die Wardian-Vitrinen wurden bald zu einem Merkmal stilvoller Salons in Westeuropa und den Vereinigten Staaten und trugen erheblich zur Verbreitung der Pteridomanie bei.

Die übersteigerte Sammelwut führte schließlich zu einer bedeutenden Abnahme vieler Farnarten auf den Britischen Inseln, von denen einige noch heute in Großbritannien auf der „Roten Liste“ stehen.

Nach dem Höhepunkt in den 1860er Jahren verebbte die Obsession und endete schließlich in den 1890er Jahren.

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Spiegato: Was ist Pteridomanie?
  2. ↑ The Phytologist: A Popular Botanical Miscellany. John van Voorst, 1844 (google.com [abgerufen am 14. August 2022]).
  3. 1 2 3 Peter D. A. Boyd’s Pteridomania
  4. ↑ Charles Kingsley: Glaucus: Or, The Wonders of the Shore. Macmillan, 1855 (google.de [abgerufen am 14. August 2022]).
  5. ↑ Pteridomanie – Ein viktorianischer Trend
  6. ↑ Charlotte Chanter’s “Ferny Combes” and the fashioning of the fern craze in Devon. Devon & Exeter, Library Collections, 17. Januar 2022, abgerufen am 25. Juli 2022 (englisch).
  7. 1 2 Zoë Schlanger: Today we suffer from “plant blindness,” but Victorian women knew their ferns. In: Quartz. 20. Juli 2022, abgerufen am 6. September 2026 (englisch).
  8. ↑ Dimitra Nikolaidou: How the Victorian Fern-Hunting Craze Led to Adventure, Romance, and Crime. In: Atlas Obscura. 12. Dezember 2016, abgerufen am 6. September 2026 (englisch).
  9. ↑ Pteridomania: The Victorian Obsession with Ferns. Royal Horticultural Society, 22. Mai 2025, abgerufen am 6. September 2026 (englisch).
  10. ↑ Dr. Nathaniel Bagshaw Ward - PlantExplorers.com™. Abgerufen am 14. August 2022.
  11. ↑ Scottish plant uses. Abgerufen am 14. August 2022.