Ein Punktprozess ist in der Wahrscheinlichkeitstheorie ein spezieller stochastischer Prozess und eine Zufallsvariable mit Werten im Raum der Zählmaße. Er ist ein Spezialfall eines zufälligen Maßes. Im Gegensatz zu den klassischen stochastischen Prozessen sind Punktprozess aber keine zeitindizierten Prozess, sondern mengenindizierte Prozesse , wobei die σ-Algebra ist.
Anschaulich modellieren Punktprozesse die zufällige Verteilung von Punkten, im einfachsten Fall auf den positiven reellen Zahlen, im oder in allgemeineren Mengen. Bekanntestes Beispiel eines Punktprozesses ist der Poisson-Prozess, der auch Poisson-Punkt-Prozess genannt wird.
Sei ein messbarer Raum. Wir betrachten einen Raum , dessen Elemente s-endliche Zählmaße auf dem Raum sind. Dann ist die Zufallsvariable
ein Punktprozess. Ein Punktprozess ist ein Spezialfall eines zufälligen Maßes.
Es existieren drei Räume:
Die Definition sagt, ein Punktprozess ist eine Zufallsvariable im Raum der s-endlichen Zählmaße auf . Das heißt für jedes ist ein Zählmaß auf .
Unter geeigneten Regularitätsbedingungen (insbesondere für einfache Punktprozesse) besitzt er fast sicher eine Darstellung der Form
besitzt, wobei die die zufälligen Punkte der Konfiguration darstellen.
Für jede messbare Menge gilt dann
also zählt die Anzahl der Punkte, die in liegen.
Ein Punktprozess wird simple oder einfach genannt, falls jeder Punkt fast sicher distinkt ist.
Für einen Punktprozess lassen sich Maße für die Momente und Maße für die faktoriellen Momente definieren. Diese beschreiben jeweils erwartete Summen über -Tupel von Punkten, unterscheiden sich jedoch darin, dass bei Moment-Maßen auch wiederholte Punkte berücksichtigt werden, während faktorielle Momente-Maße nur Beiträge von paarweise verschiedenen Punkten enthalten und dadurch die reine Interaktionsstruktur des Punktprozesses erfassen.
Das -te Moment-Maß für eine nicht-negative messbare Funktion ist definiert durch:
Sei das Diracmaß und betrachte des Maß
dann ist das -te faktorielle Moment-Maß auf der Borelsche σ-Algebra definiert als
für alle Borel-Mengen
Das heißt für eine nicht-negative messbare Funktion :
Falls das n-te faktorielle Moment-Maß absolut stetig bezüglich eines Referenz-Maßes (üblicherweise das Lebesgue-Maß) ist, so nennt man die Radon-Nikodým Dichte
für alle Borell-Mengen die n-Punkt-Korrelationsfunktion (auch multivariate Intensität). Das heißt, es gilt
Die n-Punkt-Korrelationsfunktion beschreibt die gemeinsame Dichte dafür, dass sich Punkte des Prozesses simultan in infinitesimalen Umgebungen der Punkte befinden.
Sei die Rado-Nikodým-Dichte eines n-ten faktoriellen Moment-Maß eines absolut-stetigen Punktprozesses. Dann lässt sich die normierte Paar-Korrelationfunktion oder normiert 2-Punkt Korrelationsfunktion wie folgt bilden
für zwei Punkte .
Eine Folge von Zufallsvariable heißt ein Punktprozess (auf ), wenn gilt:
Ein einfaches Beispiel für einen Punktprozess erhält man, wenn man eine unabhängig identisch verteilte Folge von Zufallsvariablen , die fast sicher echt positive Werte annehmen, betrachtet. Definiert man dann
so ist die Folge der monoton wachsend, somit handelt es sich um einen Punktprozess.
Ein Hawkes-Prozess ist ein einfacher Punktprozess, der einen Punktprozess modelliert, bei dem das Auftreten eines Ereignisses, einen positiven Einfluss (d. h. erhöhen) auf die Intensität für zukünftige Ereignisse hat.
Die bedingte Intensität folgende Form hat
wobei ein Integralkern ist, der den positiven Einfluss vergangener Ereignisse auf die jetzige Intensität modelliert. Dabei ist entweder der zu erwartende, vorhersagbare, oder deterministische Teil der Intensität. sind Stoppzeiten des i-ten Ereignisses.
Die Campbellsche Formel beschreibt eine wichtige Eigenschaft eines Punktprozesses zu seiner Intensität . Für alle -integrierbaren Funktionen gilt
Man unterscheidet zwischen echten und unechten Punktprozessen. Ein Punktprozess wird dann echt genannt, wenn ein Zufallsvariable mit Werten in und Zufallsvariablen existieren, so dass fast sicher gilt
Es lässt sich zeigen, dass es für jeden Poisson Punktprozesse einen echten Punktprozess gibt, der die gleiche Verteilung auf demselben Raum besitzt.
Ein Punktprozess auf modelliert die zufällige Verteilung von Punkten auf den positiven Zahlen. Dabei besagt der erste Teil der Definition, dass der erste Punkt der Nullpunkt sein soll. Der zweite Teil besagt, dass die Punkte mit einer Ordnung versehen sind, also schon der Größe nach sortiert sind.
Im obigen Beispiel werden die Zufallsvariablen über über ihre Zuwächse definiert. Dabei entsprechen die Verteilungen der Zuwächse, hier im Beispiel , im allgemeinen Fall , der Verteilung des Abstandes der Punkte. So sind beispielsweise beim Poisson-Prozess die Abstände zwischen zwei Punkten exponentialverteilt.
Jedem Punktprozess auf lässt sich durch
ein Zählprozess zuordnen ( bezeichnet hier die charakteristische Funktion auf der Menge ). Anschaulich läuft der Zählprozess von Nullpunkt aus mit gleichbleibender Geschwindigkeit die positiven Zahlen ab und zählt, wie viele Punkt er bis zum Zeitpunkt schon angetroffen hat. Zählprozess und Punktprozess beleuchten hier zwei Aspekte derselben Idee. In ihrer Formalisierung unterscheiden sie sich jedoch deutlich, wie sich schon an ihrer Indexmenge zeigt.