Pyromanie

Klassifikation nach ICD-10
F63.1 Pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Klassifikation nach ICD-11
6C70 Pyromanie
ICD-11: Englisch • Deutsch (Vorabversion)

Der Begriff Pyromanie (von altgriechisch πῦρ pyr, deutsch ‚Feuer‘, und μανία maníā ‚Raserei, Wut‚ Wahnsinn‘) bezeichnet die pathologische Brandstiftung und wurde im frühen 19. Jahrhundert geprägt, siehe dazu auch Monomanie. Betroffene Personen verspüren den Drang, Feuer zu legen, und beziehen aus der Tat Befriedigung. Von der Störung betroffene Personen werden auch Pyromanen genannt.

Klinisches Krankheitsbild

Klassifikation

Durch Brandstiftung zerstörte Mülltonne

Der Begriff der Pyromanie findet sich in der ICD-10 im Kapitel F63 („Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“) mit der Kategorie F63.1 „pathologische Brandstiftung [Pyromanie]“. Im Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM-5) ist die Pyromanie im Kapitel „Disruptive, Impulskontroll- und Sozialverhaltensstörungen“ zu finden, in der ICD-11 als Störung der Impulskontrolle.

Problematisch an der Aufnahme des Begriffs in psychiatrische Klassifikationssysteme ist, dass hiermit die Erwartung geweckt wird, Brandstiftungen mit Merkmalen der „Pyromanie“ würden als psychische Störungen von Gerichtspsychiatern und Gerichten als schuldmindernd anerkannt.

Kriterien

Im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, dem international gültigen Diagnosekatalog der Psychiatrie, finden sich folgende Kriterien:

Komorbidität

Die Pyromanie geht häufig mit anderen Störungen einher:

Differenzialdiagnose

Neben Implikationen für die Behandlung ist die differentialdiagnostische Abgrenzung auch strafrechtlich relevant.

Andere Motive

Das wichtigste Unterscheidungskriterium zur krankhaften Pyromanie ist das Motiv: Sabotage, Rache, Versicherungsbetrug oder Verbergen eines Verbrechens weisen auf eine nicht-krankhafte Brandstiftung hin. Auch die Suche nach Aufmerksamkeit oder Anerkennung ist von der Pyromanie abzugrenzen. Das Spielen mit Feuer im Kindesalter ist keine Pyromanie. Ungefähr 40 % der Brandstifter erfüllen die Zeichen einer Pyromanie.

Störungen des Sozialverhaltens

Brandstiftungen bei Jugendlichen mit Störung des Sozialverhaltens und wiederholten Diebstählen, Aggressivität oder Schulschwänzen oder bei Erwachsenen mit dissozialen Persönlichkeitsstörungen sind keine Pyromanie.

Symptom anderer psychiatrischer Störungen

Brandstiftungen im Zusammenhang mit Schizophrenie oder organisch bedingten psychiatrischen Störungen werden nicht unter Pyromanie klassifiziert.

Intoxikationen

Brandstiftungen unter Intoxikation mit psychotropen Substanzen (Alkohol, Drogen, Medikamente) sind differenziert zu betrachten: Strafrechtlich relevant ist die Frage, ob die Impulse erst im intoxizierten Zustand entstanden sind oder ob der Impuls zur Tat bereits nüchtern vorhanden war und das Rauschmittel zur Beruhigung genutzt wurde.

Epidemiologie

Zur Häufigkeit und Verlauf gibt es keine belastbaren Daten. Brandstiftung kommt gehäuft im Kindes- und Jugendalter vor (40 % der festgenommenen Brandstifter sind minderjährig), ist dann aber in der Regel mit anderen psychischen Störungen kombiniert.

Entstehung

Pyromanie geht gehäuft einher mit Lernschwierigkeiten und ADHS im Kindesalter, Sprachproblemen, physischen Defiziten oder neurologischen Störungen, Bettnässen und geringer Intelligenz.

Therapie

Verhaltenstherapeutische Strategien werden häufig eingesetzt. Erfahrungen bestehen in der ambulanten Therapie mit der „grafischen Interviewtechnik“ und mit soziotherapeutischen Psychoedukationsprogrammen.

Literatur

Wiktionary: Pyromanie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. ↑ F63.- Abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, abgerufen am 13. April 2021
  2. ↑ H. J. Möller: DSM-5: Möglichkeiten und Grenzen in der Verbesserung der Klassifikation/Diagnostik psychischer Erkrankungen // DSM-5: Possibilities and limitations in the improvement of the classification/diagnostic of mentaldisorders. In: Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie. Band 19, Nr. 4. Krause & Pachernegg GmbH, Verlag für Medizin und Wirtschaft, Gabliz 2018, S. 144–153 (PDF).
  3. ↑ Pyromanie, Thieme, abgerufen am 20. August 2021
  4. 1 2 3 4 Dieter Ebert: Impulskontrollstörungen. In: Psychiatrie Psychotherapie Up2date. Band 2, Nr. 5. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart / New York 2008, S. 321–336, doi:10.1055/s-2008-1067449.