Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität

RKB „Solidarität“ Deutschland 1896 e. V.
Gründung 1896 in Offenbach am Main
Verbandssitz Offenbach am Main
Präsident Tobias Köck

Bernd Schwinn (Ehrenpräsident)

Vereine 124
Mitglieder 38.727
Website www.rkbsoli.org

Der RKB „Solidarität“ Deutschland 1896 e. V. ist ein deutscher Sportverband mit Wurzeln in der Arbeitersportbewegung. Die Abkürzung RKB steht für Rad- und Kraftfahrerbund. Der Verband wurde im Jahr 1896 in Offenbach am Main unter dem Namen Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ gegründet und entwickelte sich im Kaiserreich und in der Weimarer Republik zum zweitgrößten deutschen Arbeitersportverband. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde er verboten, sein Besitz enteignet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er sich in den westlichen Besatzungszonen neu. Seine Mitgliedsvereine betreiben vor allem Hallenradsport (Kunstradfahren, Radball, Radpolo, Einrad und Einrad nach IUF), Rollsport (Rollkunstlauf und Inlinehockey) sowie Radwandern und Freizeitsport. Der RKB ist als Verband mit besonderen Aufgaben Mitglied im DOSB sowie als einziger deutscher Verband Teil der „Confédération Sportive Internationale Travailliste et Amateur“ (CSIT), dem internationalen Verband des Arbeiter- und Amateursports. Mit der Solidaritätsjugend Deutschlands (Solijugend) hat er seit 1954 einen eigenständigen Jugendverband.

Vorgeschichte, Gründung und erste Jahre des „Arbeiter-Radfahrerbundes Solidarität“

Postkarte des Arbeiter-Radfahrer-Bundes Solidarität aus dem Jahr 1906

Die Entstehung des späteren RKB steht im Zusammenhang mit dem Ausbau eigenständiger Organisationen der Arbeiterbewegung nach dem Ende des Sozialistengesetzes. In den 1890er Jahren entstanden im Umfeld von Sozialdemokratie, Gewerkschaften und Genossenschaften zahlreiche Arbeitervereine, darunter auch Kultur- und Sportorganisationen. Am 2. August 1893 erschien im Berliner Volksblatt ein Aufruf an sozialdemokratische Radfahrer, sich reichsweit zu organisieren und den Radsport zugleich „in den Dienst der Agitation“ zu stellen. Kurz darauf gründeten Arbeiter-Radfahrer, meistens Sozialdemokraten, in Leipzig einen Zentralverband mit einem explizit politischen Programm. Dieser wurde jedoch bereits nach wenigen Wochen von den sächsischen Behörden verboten, obwohl die Sozialistengesetze (1878 bis 1890) nicht mehr galten. Auf weiteren Kongressen wurde über die künftige Organisationsform gestritten, insbesondere über die Frage, ob ein zentralistisch aufgebauter Bund trotz des repressiven Vereinsrechts möglich sei. Das offizielle Gründungsdatum des späteren Verbandes ist Pfingsten 1896. Auf dem 4. Kongress der Arbeiter-Radfahrer in Offenbach am Main beschlossen 18 Delegierte aus 12 Städten die Gründung des Arbeiter-Radfahrerbundes „Solidarität“. Bei der Gründung in Offenbach hatte man das Programm weitgehend entpolitisiert. Mit dem Namen Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ jedoch dokumentierte der Verein die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung. Als rote Husaren des Klassenkampfes nutzten die Arbeiter-Radler den Verband dann auch für politische Zwecke. Die neue Organisation verstand sich aber vor allem als Alternative zu den bürgerlichen Radsportverbänden, denen viele Arbeiter faktisch oder sozial nicht gleichberechtigt angehörten. Bereits in den ersten Jahren setzte ein rasches Wachstum ein. 1908 wurde nach zeitgenössischen Angaben das hunderttausendste Mitglied begrüßt; 1913 zählte der Verband knapp 150.000 Mitglieder und war damit der zweitgrößte Arbeitersportverband im Deutschen Reich nach den Arbeiterturnern im ATSB.

Postkarte des Arbeiter-Radfahrer-Bundes Solidarität um 1900

Arbeitersportbewegung

Die Verbandsgründung im 19. Jahrhundert hatte natürlich auch sportliche Gründe im Zusammenhang der Arbeitersportbewegung. Arbeiter konnten sich endlich Fahrräder leisten – wenn auch nur gebrauchte oder sehr einfach ausgestattete. Die Arbeiter-Radler wollten – wie ihre bürgerlichen Sportgenossen – im Verein radeln. Die bürgerlichen Vereine aber, überwiegend konservativ, nationalistisch und/oder militaristisch, kamen für Arbeiter nicht in Frage oder nahmen keine Arbeiter auf. Darüber hinaus hatte die Arbeiterbewegung ein anderes, nicht unbestrittenes, Sportverständnis: Körperkultur, Körperbeherrschung und gemeinschaftliches Erleben zählten und nicht Rekorde oder bezahlter Leistungssport. Statt Radrennen gab es Wettbewerbe im Langsamfahren; der Verband pflegte Radtouristik, Kunstradfahren und andere Saalradsportarten, und diese stehen auch heute noch im Vordergrund der sportlichen Aktivitäten. Sie unterschieden sich hieran aber auch von der kommunistischen Rote Sport Internationale, die den Wettkampfsport (auch im Radrennsport) pflegte, weil man über die Zuschauer (und nicht nur über die Teilnehmer) Klassenbewusstsein entwickeln und verfestigen wollte. In den 1920er Jahren boomte die „Solidarität“. Der Verband besaß eine eigene Fahrradfabrik, eigene Läden und ein ausgebautes soziales Sicherungssystem mit Unfall-, Haftpflicht-, Raddiebstahls- und Rechtsschutzversicherung. Je nach Dauer der Mitgliedschaft erhielten die Hinterbliebenen sogar im Sterbefall eine Unterstützung.

1916 lösten sich die Schweizer Sektionen und begründeten den Arbeiter Radfahrer-Bund der Schweiz „Solidarität“.

An der Organisation der Frankfurter Arbeiterolympiade vom 24. bis 28. Juli 1925 hatte der Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität, der mit über 300.000 Mitgliedern (organisiert in 5.000 Ortsgruppen) der größte Arbeitersportverein der Weimarer Republik war, wesentlichen Anteil.

Gründung der Fahrradfabrik Frischauf

Im Jahr 1912 gründete der Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität in Offenbach die genossenschaftlich organisierte Fahrradfabrik Frischauf.

SPD und die Arbeiter-Radfahrer

Um sich gegen das bürgerliche Lager behaupten zu können, war ein enger Anschluss an die organisierte Arbeiterbewegung erforderlich. Die Arbeitersportler achteten deshalb stets auf gute Beziehungen zur SPD und zu den freien Gewerkschaften. Während der Weimarer Republik hatte der RKB eine besondere Bedeutung für die Partei: In den Zeiten der Wahlagitation konnten sie aufgrund ihrer Mobilität Flugblätter selbst in die entlegenen Dörfer verbreiten. Dies brachte ihnen den Spitznamen „Rote Kavallerie“ ein. Dennoch war das Verhältnis zwischen SPD und der „Solidarität“ nicht spannungsfrei. Teile der SPD warf den Arbeiter-Radfahrvereinen vor, sie lenkten durch Sport und Vergnügungen von der politischen Arbeit ab. Sie seien auch keine richtigen Arbeiter, weil sie sich Räder leisten konnten. Selbst beim Wiederaufbau des Verbandes nach dem Zweiten Weltkrieg boten Gewerkschaften und SPD keinerlei Unterstützung.

Verbot und Wiederaufbau

Die gesamte Arbeiterbewegung war nicht stark genug, um dem Nationalsozialismus zu trotzen. Im Mai 1933 wurde die „Solidarität“ verboten. Dem nationalsozialistischen „Deutschen Radfahrer-Verband“ schloss sich die „Solidarität“ nicht an, anders als die Funktionäre und Mitglieder des „Bundes Deutscher Radfahrer“, die zu einem beträchtlichen Teil in den Einheitsverband eintraten. Die Nazis beschlagnahmten das Eigentum der „Solidarität“. Sie enteigneten das Bundeshaus mit dem Fahrradhaus „Frischauf“, einer Fahrradfabrik mit einer Jahresproduktion von bis zu 20.000 Rädern und Verkaufsfilialen in vielen Städten, und entließen die Mitarbeiter. Nicht wenige Mitglieder der „Solidarität“ wurden als engagierte Sozialisten und Kommunisten Opfer des NS-Regimes oder schlossen sich Widerstandsgruppen an.

Nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten und dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verband im April 1949 (wenn auch nur für Westdeutschland) wiedergegründet.

Zum RKB gehört seit 1954 die Solidaritätsjugend Deutschlands im RKB (kurz: Solijugend oder Soli) als eigenständige Jugendorganisation. Heute hat die Solijugend rund 30.000 Mitglieder.

Im Jahr 1963 wurde das Wort „Arbeiter“ aus dem Namen gestrichen. Bis Anfang der 1960er-Jahre gelang es dem Bund wieder, einen erheblichen Mitgliederbestand aufzubauen. Dann führten organisatorische und rechtliche Streitigkeiten mit dem DSB (Deutscher Sportbund) und dem BDR (Bund Deutscher Radfahrer) zu einem deutlichen Mitgliederschwund. Der DSB sperrte sich gegen eine Aufnahme des RKB Solidarität. Auch die Beziehungen zum Fachverband BDR gestalteten sich zunehmend schwierig. Zwar gab es seit 1958 eine Arbeitsgemeinschaft, die den Mitgliedern beider Verbände die Teilnahme an gemeinsamen Wettkämpfen ermöglichen sollte, jedoch blieben die Mitglieder der „Solidarität“ von der Teilnahme in einigen Disziplinen, vor allem im wichtigen Straßenrennsport, ausgeschlossen.

Solidarität und Bund Deutscher Radfahrer

Die Rolle von Funktionären und Mitgliedern des „Bundes Deutscher Radfahrer“ (BDR) wird vom Rad- und Kraftfahrerbund „Solidarität“ als nicht sehr rühmlich angesehen: Sie bekämpften die „Solidarität“ im Dritten Reich und behinderten den Wiederaufbau des Verbandes. Dabei ging es vor allem auch um Rückgabe des Eigentums und um Entschädigungen. Der BDR wurde 1948 wiedergegründet, der Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ – seit 1928 hieß er Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität (ARKB) – ein Jahr später. 1968 verhandelten der BDR und der RKB über die Bildung eines „Einheits-Radsport-Verbandes“. Die Verhandlungen wurden Ende Januar ergebnislos abgebrochen.

Erst 1977, nach einem Bundesgerichtshofsurteil, gelang es der „Solidarität“, in den Deutschen Sportbund aufgenommen zu werden. Dort verteidigte der BDR als Spitzenverband des Radsports sein Monopol. Noch in den 50er Jahren hatte der ARKB mehr Mitglieder als der BDR. Die verweigerte Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund kam einem Verbot der Wettbewerbsteilnahme für die Solidaritätsfahrer gleich, daher wanderten viele Mitglieder in den BDR ab.

Die Solidarität heute

Logo bis 2017

Der Rad- und Kraftfahrerbund „Solidarität“ hat seine regionalen Schwerpunkte in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Trotz der Versuche, durch Jugendarbeit und die Aufnahme neuer Sportarten die Vereine zu reaktivieren, bleibt die „Solidarität“ marginal. Allein Kunstradfahren, Radball und Rollsport sind in der Öffentlichkeit bekannte Disziplinen. Ein verkehrspolitisches Profil bildete der Verband nicht heraus, da er sich dem Motorsport öffnete. Er kooperiert inzwischen mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Nach einer Analyse der Probleme durch den motorisierten Individualverkehr für Mensch und Umwelt erhebt die „Verkehrspolitische Plattform“ des Bundestages der „Solidarität“ nur sehr allgemeine Forderungen zu Bahn und Öffentlichem Personen-Nahverkehr ÖPNV und betont die Notwendigkeit neuer Radwege. Am 15. November 2015 beschlossen die Delegierten die Umbenennung des Verbandes in RKB „Solidarität“ Deutschland 1896 e. V. Die Umbenennung soll eine Assoziation mit den anderen Sportarten wie etwa Rollkunstlauf erleichtern.

Zusammenschluss

1990 erfolgte die Vereinigung des RKBS (DDR) mit dem RKBS (BRD) zum Rad- und Kraftfahrerbund „Solidarität“ Deutschland 1896 e. V.

Der RKB ist Mitglied in der „Confédération Sportive Internationale Travailliste et Amateur“ (CSIT), dem internationalen Verband des Arbeitersports, im DOSB als „Verband mit besonderen Aufgaben“, und im DMV, dem Deutschen Motorsportverband.

Der Sitz des Verbands ist Offenbach am Main. Hier befindet sich auch die Bundesgeschäftsstelle und die Jugendbildungsstätte des Verbandes, der etwa 40.000 Mitglieder (Stand 2012) hat.

Chronik

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 Bestandserhebung 2024. (PDF; 971 kB) Stichtag der Erfassung: 1. Januar 2024. In: cdn.dosb.de. Deutscher Olympischer Sportbund e. V., 28. Februar 2025, abgerufen am 11. September 2026.
  2. 1 2 Ralf Schröder: Radsport. Geschichte, Kultur, Praxis. Die Werkstatt, Göttingen 2002, ISBN 3-89533-364-6, S. 22–23.
  3. ↑ Arnd Krüger, James Riordan (Hrsg.): The Story of Worker Sport. Human Kinetics, Champaign IL u. a. 1996, ISBN 0-87322-874-X.
  4. ↑ Gerhard Beier: Arbeiterbewegung in Hessen. Zur Geschichte der hessischen Arbeiterbewegung durch einhundertfünfzig Jahre (1834–1984). Insel, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-458-14213-4, S. 271–275.
  5. ↑ Sozialdemokratie in Rheinland-Pfalz: „Aufs Rad – Genossen alle!“ In: sozialdemokratie-rlp.de. 12. August 1928, abgerufen am 7. Juli 2024.
  6. ↑ Bund Deutscher Radfahrer (Hrsg.): Radsport. Nr. 4/1968. Deutscher Sportverlag Kurt Stoof, Köln 1968, S. 4.
  7. ↑ BGH: Urt. v. 2.12.1974 – Az. II ZR 78/72 – „Deutscher Sportbund“. 1976, = BGH, GRUR 1976, 43 (beck.de [abgerufen am 7. Mai 2020]).
  8. ↑ Wernhard Möschel: Monopolverband und Satzungskontrolle. Am Beispiel des Einlagerungssicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken e. V. (= Recht und Staat in Geschichte und Gegenwart. 486/487). Mohr, Tübingen 1978, ISBN 3-16-641221-2, S. 15 ff., (online).
  9. ↑ Geschichte Soli. In: www.dingos.de. 1996, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 19. Mai 2006; abgerufen am 21. September 2015.
  10. ↑ Erklärung der Abkürzungen und Zeichen. In: Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine, 1897, S. 118; Geschichte auf S. 144 (Wikisource).
  11. ↑ Inserat. In: Leipziger Volkszeitung, 30. Juli 1904 (Wikisource).