Radebrechen (früher auch Radbrechen; auch: gebrochene Sprechweise) ist eine abwertende Bezeichnung für die mangelhafte und mühevolle Ausdrucksweise in einer Fremdsprache. Die Redewendung des „Radebrechens“ in einer Sprache leitet sich von der mittelalterlichen Folter- und Hinrichtungsmethode des Räderns ab und bedeutet, dass eine Sprache „gequält“ wird. „Gebrochen“ wird als Gegenteil zur „fließenden“ Beherrschung einer Sprache verwendet.
Das Wort Radebrechen entstand laut Grimms Wörterbuch im Mittelhochdeutschen als Ableitung des Substantivs Radbreche, also die „Brechung“ auf einem Rad, wie sie bei der Methode des Räderns üblich war. Radebrechen wurde metaphorisch für „Quälen“ verwendet, laut Kluges etymologischem Wörterbuch seit dem 16. Jahrhundert im Neuhochdeutschen auch für das „Quälen“ einer Sprache. Leonhard Thurneysser verwendet 1583 die Formulierung „ein geradebrecht Wort“. Der Ausdruck „gebrochen reden“ wird von Grimms Wörterbuch ebenfalls auf die Redewendung des Radebrechens zurückgeführt. Im gegenwärtigen Sprachgebrauch verwendet man „Radebrechen“ ausschließlich als pejorative Bezeichnung für die mangelhafte und mühevolle Ausdrucksweise in einer Fremdsprache.
Das Verb „radebrechen“ wird im Gegensatz zum Verb „brechen“ regelmäßig konjugiert („er radebrecht“, nicht: „radebricht“).
Gebrochene Sprechweise ist nicht mit einem Xenolekt (engl. Foreigner Talk) zu verwechseln, den Muttersprachler gegenüber Sprechern mit (vermeintlich) geringen Sprachkenntnissen verwenden. Außerdem ist gebrochene Sprechweise von Pidgin- und Kreolsprachen abzugrenzen. Im Gegensatz zur gebrochenen Ausdrucksweise einer Person, die versucht, eine Sprache zu lernen (siehe Übergangsvarietät), sind sie stabile Systeme, deren Regeln erlernt werden.
Der Romanist Hugo Schuchardt führt die Struktur des Radebrechens auf das Sprechverhalten von Muttersprachlern zurück und vergleicht es mit Ammensprache. In seiner Untersuchung der Entstehung der romanischen Lingua franca im Prozess der Kreolisierung 1909 heißt es:
Alles Radebrechen einer Sprache geht von deren Erbbesitzern aus, ganz ähnlich wie die Kindersprache auf der Ammensprache beruht. Oder wenn ich ein Bild gebrauchen darf, nicht die Fremden brechen sich aus einem schönen festgefügten Gebäude einzelne Steine heraus um sich damit dürftige Hütten zu bauen, sondern die Eigentümer selbst reichen sie ihnen zu solchem Zwecke.
Der amerikanische Soziolinguist Charles A. Ferguson führte 1968 für den vereinfachten Sprachgebrauch gegenüber Fremden oder Ausländern (foreigners) den Begriff „Foreigner Talk“ ein, in Anlehnung an „Baby Talk“ (Ammensprache). Er verwendet ihn für eine Sprechweise mit simplifiziertem Register. Ähnlich wie Schuchardt beschreibt er den Prozess der Pidginisierung als Interaktion zwischen Foreigner Talk und gebrochener Sprache bzw. Sprechweise (broken language). Foreigner Talk reduziert nach Ferguson eine Quellensprache, gebrochene Sprache eine Zielsprache. Eine Pidginsprache reduziert eine Basissprache, die gleichzeitig Quellensprache für Muttersprachler und Zielsprache für Nichtmuttersprachler ist.
Nach Charles E. DeBose und Ferguson lassen Merkmale gebrochener Sprechweise (broken language) in drei Kategorien einteilen:
Sprachvarietäten wie Pidgin- und Kreolsprachen sowie Ethnolekte (z. B. Kiezdeutsch, Migrantendeutsch, Gastarbeiterdeutsch) können von Vertretern der Standardvarietät als Radebrechen bzw. gebrochene Sprechweise wahrgenommen werden, auch wenn sie aus Sicht der Sprachwissenschaft keine sind. Von „gebrochenem Deutsch“ ist umgangssprachlich die Rede, wenn die Sprachverwendung eines Sprechers als Sprachdefizit wahrgenommen wird. Eine Studie zur Wahrnehmung von „gebrochenem Englisch“ als sprachlicher Diskriminierung (kritisch auch als Linguizismus bezeichnet) unter US-amerikanischen Studenten ermittelte, dass die Bezeichnung einer Sprachvarietät als „gebrochen“ weniger durch die Sprachbeherrschung als durch Herkunft und Akzent bestimmter Sprachen beeinflusst wird. Eine Studie zur Mehrsprachigkeit unter Migranten in Deutschland beschreibt, wie der Ethnolekt Migrantendeutsch als „gebrochenes Deutsch“ wahrgenommen und als Symptom eines „Sprachverfalls“ gedeutet wurde.
Die Bezeichnung „gebrochen“ findet sich auch in historischen offiziellen Dokumenten, etwa in einer Erhebung der Sprachkenntnisse deutscher Aussiedler 1976. Um die Sprachkenntnisse von Gastarbeitern zu klassifizieren, verwendete die Bundesanstalt für Arbeit in den 1960er Jahren die Kategorien „fließend“, „gebrochen“ und „nicht“.
Die oft pejorative oder humoristische Darstellung gebrochener Ausdrucksweise, etwa in Filmen, Texten, Witzen und Übersetzungen, wird als sekundärer Foreigner Talk bezeichnet. Der Begriff geht auf einen Aufsatz von Ferguson aus dem Jahr 1975 zurück. Darin illustriert er sekundären Foreigner Talk mit dem Zitat „Ich Tarzan, du Jane“ („Me Tarzan, you Jane“, von Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller) und dem Roman Jenseits des schweigenden Sterns (1938) von C. S. Lewis, in dem Marsmenschen in gebrochenem Englisch dargestellt werden. Volker Hinnenkamp identifiziert im Anschluss an Ferguson vier Typen des sekundären Foreigner Talks. Er umfasse die Bezugnahme auf:
Ein alternativer Begriff ist der von Jörg Roche vorgeschlagene Terminus „Nix-Deutsch“, abgeleitet von der stereotypen Wiedergabe des Worts ‚nichts‘ als ‚nix‘ (z. B. in Ich Chef, du nix). Für Ethnolekte prägte der Linguist Peter Auer 2003 eine dreiteilige Klassifikation von primärem, sekundärem und tertiärem Ethnolekt.
