Ralph Underwager

Ralph Charles Underwager (* 28. Juli 1929 in Elgin, Illinois; † 29. November 2003 in Northfield, Minnesota) war ein US-amerikanischer Geistlicher und Psychologe, der in den 1980er- und 1990er-Jahren als Gutachter für die Verteidigung von Erwachsenen bekannt wurde, denen sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde. Bis zu seinem Tod im Jahr 2003 war er Direktor des von ihm 1974 gegründeten Institute for Psychological Therapies. Er war außerdem Mitbegründer von Victims of Child Abuse Laws (VOCAL), einer Lobbyorganisation, die die Interessen von Eltern vertrat, deren Kinder nach Missbrauchsvorwürfen durch Sozialbehörden aus ihren Familien genommen worden waren. Zudem gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der False Memory Syndrome Foundation. Aufgrund kontroverser Äußerungen, unter anderem in einem Interview für Paidika: The Journal of Paedophilia, wurde ihm vorgeworfen, die Positionen der Pädophilenbewegung zu unterstützen.

Biografie

Underwager wurde am 28. Juli 1929 geboren. Er erwarb 1951 einen Master of Divinity am Concordia Seminary in St. Louis und promovierte 1970 an der University of Minnesota. Anschließend war er als Pastor lutherischer Gemeinden in Iowa und Minnesota tätig. Von 1969 bis 1972 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Youth Research Center in Minneapolis. Von 1972 bis 1975 war er außerordentlicher Professor am St. Olaf College in Northfield. 1974 wurde er gemeinsam mit seiner Frau Hollida Wakefield Direktor des Institute for Psychological Therapies in Northfield, Minnesota, das er gegründet hatte. 1989 wurde er Fellow der American Psychological Society. Gemeinsam mit seiner Frau Er starb am 29. November 2003.

Mitbegründer von VOCAL

Erstmals trat Underwager 1984 als Sachverständiger der Verteidigung in einem Fall in Jordan, Minnesota, auf, einem der ersten Versuche in den Vereinigten Staaten, mutmaßlich organisierten sexuellen Kindesmissbrauch strafrechtlich zu verfolgen. Vor Gericht argumentierte er, die Aussagen der betroffenen Kinder seien das Ergebnis einer Gehirnwäsche durch Sozialarbeiter, die kommunistische Methoden der Gedankenkontrolle angewandt hätten. Die angeklagten Eheleute wurden freigesprochen und gründeten anschließend gemeinsam mit Underwager die Organisation VOCAL, eine Lobbygruppe für Personen, die von Sozialbehörden des Kindesmissbrauchs beschuldigt worden waren.

Bereits innerhalb eines Jahres nach ihrer Gründung beanspruchte VOCAL nach eigenen Angaben rund 3.000 Mitglieder in 100 Ortsgruppen in den Vereinigten Staaten. Mitglieder von VOCAL demonstrierten vor Krankenhäusern, Gerichten und Sozialbehörden, die sie als von „Gestapo-ähnlichen“ „Fanatikern“, „Quacksalbern“ und „Eiferern“ beherrscht bezeichneten, welche Kinder allein auf Grundlage von „Gerüchten“ aus ihren Familien entfernten.

Während der 1980er- und 1990er-Jahre setzte sich VOCAL wiederholt für gesetzliche Einschränkungen der Befugnisse von Kinderschutzbehörden ein. Auf nationaler Ebene forderte die Organisation, den Beweismaßstab in Kinderschutzverfahren zu Gunsten von Beschuldigten zu erhöhen. In Florida lobbyierte VOCAL für eine Einschränkung der gesetzlichen Meldepflichten bei Verdachtsfällen von Kindesmissbrauch. Darüber hinaus kritisierte die Organisation Programme zur Prävention von Kindesmissbrauch mit der Begründung, diese würden Kinder übermäßig für sexuelle Themen sensibilisieren und könnten dazu führen, dass harmlose Berührungen von Erwachsenen als Missbrauch fehlinterpretiert würden.

Tätigkeit als Sachverständiger der Verteidigung

Underwager trat in zahlreichen Verfahren wegen sexuellen Kindesmissbrauchs als Gutachter der Verteidigung auf. Ende der 1980er-Jahre hatte er bereits in mehr als 200 Verfahren in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland und Großbritannien ausgesagt.

Vor Gericht und in den Medien wurde ihm die Aussage zugeschrieben, 60 Prozent der Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden seien, hätten die Erfahrung als positiv bewertet. In eigenen Veröffentlichungen erklärte er später, diese Aussage sei missverstanden worden, und betonte, sexueller Missbrauch von Kindern sei stets schädlich.

Er bezeichnete Kinderschutzermittlungen als einen „Angriff auf die Familie als Institution“ und behauptete, 75 Prozent der Mütter, die in Sorgerechtsverfahren sexuellen Missbrauch geltend machten, litten an einer schweren Persönlichkeitsstörung, die sie zur Erfindung falscher Anschuldigungen veranlasse.

Underwager behauptete außerdem, dass Befragungen von Kindern zwangsläufig dazu führten, dass diese Berichte über satanischen rituellen Missbrauch konstruierten, da die „Fantasiewelt von Kindern von Chaos, Mord, Kannibalismus, Blut und Grausamkeiten erfüllt“ sei. Nach seiner Auffassung würden solche Befragungen sadistische sexuelle Fantasien hervorrufen und Kinder zu „psychotischen“ und sexualisierten Personen machen, die dadurch „für ihr ganzes Leben geschädigt“ würden.

Die Psychologin Anna Salter vertrat die Ansicht, dass die von Underwager und Hollida Wakefield vorgebrachten Behauptungen auf systematischen Fehlinterpretationen seriöser Forschung beruhten und teilweise sogar den von ihnen selbst zitierten Quellen widersprächen. Underwager reichte später mehrere erfolglose Klagen gegen Salter ein. Diese vertrat die Auffassung, die Klagen seien eine Reaktion auf ihre Kritik an seinen Gerichtsgutachten sowie auf ihre Behauptung gewesen, er habe bewusst falsche Angaben gemacht, um Kindesmissbrauchstätern zu helfen, einer Bestrafung zu entgehen. Darüber hinaus warf sie ihm weitere einschüchternde Verhaltensweisen vor.

Interview-Kontroverse

Underwager sah sich gezwungen, aus dem Beirat der False Memory Syndrome Foundation zurückzutreten und seine Tätigkeit als Sachverständiger zu beenden, nachdem in der Zeitschrift Moving Forward: A Newsjournal for Adult Survivors of Childhood Sexual Abuse and Their Supporters Auszüge aus einem Interview veröffentlicht worden waren, das er gemeinsam mit seiner Ehefrau Hollida Wakefield einer nicht wissenschaftlich begutachteten und pädophilenfreundlichen pseudoakademischen Publikation, Paidika: The Journal of Paedophilia, gegeben hatte.

In dem Interview wurde Underwager gefragt, ob die Entscheidung für Pädophilie aus seiner Sicht eine verantwortungsvolle persönliche Entscheidung sei. Er antwortete, Pädophile würden sich zu sehr durch die negative Wahrnehmung anderer definieren lassen. Seiner Ansicht nach könnten sie ihre Entscheidung selbstbewusst als Suche nach Nähe und Liebe darstellen und diese als mit ihrem religiösen Verständnis vereinbar betrachten. Dabei äußerte er unter anderem, Pädophile hätten das Recht, ihre Handlungen als Teil von Gottes Willen zu interpretieren, auch wenn andere Menschen dieser Auffassung nicht zustimmen würden.

Underwager und seine Ehefrau erklärten später, ihre Aussagen seien im Zusammenhang mit ihrer Auffassung gefallen, dass die wirksamsten Programme zur Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs auf die Verhinderung der Handlungen von Tätern abzielen sollten. Underwager behauptete zudem, „radikale Feministinnen“, die sich als Experten für sexuellen Missbrauch bezeichneten, hätten das Interview aus dem Zusammenhang gerissen und seine Aussagen verfälscht dargestellt. Dabei wiederholte er seine frühere Position, wonach sexueller Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern niemals akzeptabel oder positiv sein könne.

Wakefield erklärte im selben Interview, Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen könnten in den Vereinigten Staaten als „neutral bis schädlich“ angesehen werden, jedoch in anderen Kulturen möglicherweise positive Auswirkungen haben, und entsprechende Forschungsergebnisse würden von wissenschaftlichen Fachzeitschriften unterdrückt.

In ihrem 1994 erschienenen Buch Return of the Furies vertraten Underwager und Wakefield hingegen ausdrücklich die Auffassung, dass sexueller Kontakt zwischen Erwachsenen und Kindern stets schädlich sei.

Einzelnachweise

  1. ↑ The Memory War. In: The Cut. 6. Januar 2021, abgerufen am 16. Juni 2026 (englisch).
  2. ↑ Ralph C. Underwager Obituary | 2025 - 2003 | Minnesota Star Tribune. Abgerufen am 16. Juni 2026 (englisch).
  3. ↑ Summit, R. C.: Ritualistic Child Abuse: A report on the seminar presented by Professor Roland Summit for the New South Wales Child Protection Council, Sydney, NSW Child Protection Council, 1994, S. 14.
  4. ↑ Hechler, D.: The Battle and the Backlash: The Child Sexual Abuse War. Lexington Books, Lexington (Massachusetts) / Toronto 1988.
  5. ↑ Meinert, D.: „Two-thirds of all child-abuse reports groundless, says study“, in: San Diego Union-Tribune, 1985, S. 1–6.
  6. ↑ Formanek Jr., R.: „Child Abuse Waning“, in: The Record, 11. November 1985, S. 1; Gentry, C.; Basofin, P.: „Group's Ad calls HRS "Gestapo-like"“, in: St. Petersburg Times, 17. Oktober 1989, S. B1; O'Morain, P.: „Irish Group Is Linked To Opponents of Child Abuse Programmes In US“, in: Irish Times, 25. Juni 1996, S. 7.
  7. ↑ Shirk, M.: „Fewer Cases of Abuse Confirmed“, in: St. Louis Post-Dispatch, 23. September 1990, S. 1.
  8. ↑ Emery, E.; Flack, R.: „Plan would overhaul child abuse reporting / Lawmaker seeks greater protection for parents“, in: Colorado Springs Gazette Telegraph, 13. Februar 1991, S. 1.
  9. ↑ Chung, L. A.: „Abuse Experts Clash About Child Witnesses“, in: San Francisco Chronicle, 1. Februar 1985, S. 25.
  10. ↑ Grant, L.: „Tricks of the Memory“, in: The Guardian, 25. April 1994, S. 8.
  11. ↑ Lightfoot, L.: „Child Abuse Expert Says Paedophilia Part Of God's Will – Dr Ralph Underwager“, in: The Sunday Times, 19. Dezember 1993.
  12. ↑ Underwager, R.; Wakefield, H.: „Misinterpretation of a Primary Prevention Effort“, in: Issues in Child Abuse Accusations, Bd. 6, Nr. 2, 1994, S. 96–107.
  13. ↑ Duncan, D.: „Children's testimony in sexual abuse cases remains controversial“, in: The Seattle Times, 3. Mai 1997, S. B9.
  14. ↑ Dvorchak, R.: „Custody Fights Use Sex Charge as Weapon“, in: The Arizona Republic, 22. August 1992, S. A1–A8.
  15. ↑ Struck, D.: „Little Found to Substantiate Accounts of Bizarre, Satanic Child Abuse“, in: The Baltimore Sun, 29. Dezember 1986.
  16. ↑ Smith, L.: „Truth Can Be Victim In Child Sex Abuse“, in: Chicago Sun-Times, 13. September 1992, S. 30.
  17. ↑ Anna Salter: Confessions of Whistle-Blower: Lessons Learnt. In: Ethics & Behavior. Band 8, Nr. 2, 1998, S. 115–124, doi:10.1207/s15327019eb0802_2 (englisch).
  18. ↑ The Memory War. In: The Cut. 6. Januar 2021, abgerufen am 16. Juni 2026 (englisch).
  19. ↑ Jennifer J. Freyd: Betrayal Trauma: The Logic of Forgetting Childhood Abuse. Harvard University Press, Cambridge, Massachusetts / London 1998, ISBN 0-674-06806-8, S. 38 (englisch).
  20. ↑ Paidika interview: Hollida Wakefield and Ralph Underwager Part I. Nudist/Naturalist Hall of Shame, abgerufen am 16. Juni 2026 (englisch).
  21. ↑ Ralph C. Underwager, Hollida Wakefield: Misinterpretation of a Primary Prevention Effort. In: Issues in Child Abuse Accusations. Band 6, Nr. 2, 1994, S. 96–107 (englisch).
  22. ↑ Paidika interview: Hollida Wakefield and Ralph Underwager Part I. Nudist/Naturalist Hall of Shame, abgerufen am 16. Juni 2026 (englisch).
  23. ↑ Ralph C. Underwager, Hollida Wakefield: Return of the Furies: An Investigation into Recovered Memory Therapy. Open Court Publishing, La Salle, Illinois 1995, ISBN 0-8126-9272-1, S. 64–66 (englisch).
Personendaten
NAME Underwager, Ralph
ALTERNATIVNAMEN Underwager, Ralph Charles (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG US-amerikanischer Geistlicher und Psychologe
GEBURTSDATUM 28. Juli 1929
GEBURTSORT Elgin, Illinois
STERBEDATUM 29. November 2003
STERBEORT Northfield, Minnesota