Präferenzwahl

Möglicher Stimmzettel

Eine Präferenzwahl, Rangfolgewahl, Präferenzstimmgebung oder Vorzugswahl ist ein Wahlverfahren, bei welchem Wähler nicht nur einen Kandidaten (oder sonst eine Option) angeben können, sondern eine Rangfolge gemäß ihrer Vorliebe.

Die Präferenzwahl kann ebenso auf Kandidaten bei der Mehrheitswahl angewandt werden wie auf Parteien bei der Verhältniswahl (bei personalisierter Verhältniswahl wie in Deutschland auf Personstimme (Erststimme) und Parteistimme (Zweitstimme) unabhängig voneinander). Eine nachrangige Präferenz kann nur wirken, wenn alle vorrangigen nicht wirken (etwa wegen einer Sperrklausel). Damit bleibt trotz mehrerer Stimmen die Wahlgleichheit gewahrt.

Die Präferenzwahl ist zu unterscheiden von der Bewertungswahl.

Varianten

Arten von Präferenzwahlsystemen ohne Berücksichtigung der Aggregationsverfahren sind:

Verschiedene Aggregationsverfahren

Verschiedene Präferenzwahlen können unterschiedliche Gruppenpräferenzen durch verschiedene Aggregationsverfahren ergeben, selbst bei identischen Präferenzen von allen Wählern, siehe Theoretische Eigenschaften. Häufige Aggregationsverfahren sind:

Beispiel einer Präferenzwahl

Gegeben sei eine Gruppe von n=21 Personen, die aus m=3 Kandidaten {A,B,C} einen Kandidaten wählen. Die Mitglieder der Gruppe haben folgende Präferenzen.

6  0  5  2  5  3
----------------
a  a  b  b  c  c
b  c  a  c  a  b
c  b  c  a  b  a

Erklärung: 6 Personen haben die Präferenz: a vor b, a vor c und b vor c. (Die Kleinschreibung der Buchstaben zeigt individuelle Präferenzen an.)

3 rote Punkte im Dreieck mit Pfeilen gegen die Uhrzeigerrichtung verbunden
Beispiel einer Zyklischen Mehrheit

Theoretische Eigenschaften von Präferenzwahlen

Der Condorcet-Sieger ist die Option, welche von den meisten Wählern in Vergleich zu jeder anderen Option bevorzugt wird. Falls der Condorcet-Sieger immer gewählt wird, dann erfüllt dieses Wahlsystem das Condorcet-Kriterium. Zyklischen Mehrheiten bereiten ein Problem für Präferenzwahlen, auch Condorcet-Paradoxon genannt. Eine Zyklischen Mehrheit ist, wenn Option A über B gewinnt, Option B über C gewinnt, und Option C über A gewinnt. Verbunden mit Zyklischen Mehrheiten ist das Arrow-Theorem, welches zeigt, das unter bestimmten Kriterien kein Präferenzwahlsystem existiert, das garantiert funktioniert. Die Häufigkeit von Zyklischen Mehrheiten bei realen Wahlen ist unklar. So sagt Duncan Black, dass politische Meinungen sich auf einem mehrdimensionalen politischem Spektrum befinden und keine Zyklischen Mehrheiten existieren. Das Medianwählertheorem demonstriert, dass unter diesen Annahmen die meisten Präferenzwahlsysteme funktionieren.

Rechtslage

Im September 2017 beschloss das Bundesverfassungsgericht, dass keine verfassungsrechtlich herzuleitende Pflicht des Gesetzgebers zur Einführung einer Präferenzwahl bestehe.

Anwendung

Im deutschsprachigen Raum

Eine Präferenzwahl auf Kandidaten (Erststimme) bezogen wurde in Deutschland im Mai 2022 vorgeschlagen, es handelt sich hier um eine Integrierte Stichwahl auf zwei Präferenzen begrenzt. Eine Präferenzwahl auf Parteien (Zweitstimme) bezogen wurde in Deutschland vorgeschlagen: 2013 in Schleswig-Holstein und 2015/16 im Saarland. Sowohl die Präferenzwahl auf Kandidaten als auf Parteien bezogen wird in Deutschland mit Ersatzstimme betitelt.

Im nicht-deutschsprachigen Raum

Die Übertragbare Einzelstimmgebung wird in Irland, Malta, Australien und einigen USA-Städten angewandt. Integrierte Stichwahl wird unter anderen angewendet in Australien, Irland, Fiji, Papua-Neuguinea, und einigen USA-Bundesstaaten.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Landtagsfraktion der Piraten in Schleswig-Holstein Alternativen zum Gesetzentwurf aus Drucksache 18/385 vom 4. November 2013
  2. ↑ Bundesverfassungsgericht, Beschluss des Zweiten Senats vom 19. September 2017 - 2 BvC 46/14 - Rn. 81
  3. ↑ Ist die Fünf-Prozent-Hürde gerecht?, jetzt Magazin
  4. ↑ https://bewegung.jetzt/wp-content/uploads/2021/08/BTW-Programm-2021-Web.pdf
  5. ↑ Sebastian Hartmann, Konstantin Kuhle und Till Steffen: Wie der Bundestag verkleinert werden kann. Ein Gesprächsangebot zur Reform des Wahlrechts (Memento vom 12. Juli 2022 im Internet Archive). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Mai 2022, S. 8.
  6. ↑ Phil McKenna: Vote of no confidence. In: New Scientist. 198. Jahrgang, Nr. 2651, 12. April 2008, S. 30–33, doi:10.1016/S0262-4079(08)60914-8 (englisch, rangevoting.org).
  7. ↑ Bundesverfassungsgericht: Beschluss 2 BvC 46/14 vom 19. September 2017, Rn. 80–82
  8. ↑ Philipp Barlet: Entscheidungsbesprechung - Verfassungskonformität des Bundestagswahlrechts trotz Nichteinführung der Eventualstimme?, in: ZJS 2/2018, S. 179–188
  9. ↑ Ein neues Betriebssystem
  10. ↑ Landtagsfraktion der Piraten in Schleswig-Holstein: Alternativen zum Gesetzentwurf aus Drucksache 18/385 vom 4. November 2013
  11. ↑ Innen- und Rechtsausschuss des schleswig-holsteinischen Landtages Niederschrift der Sitzung vom 7. Mai 2014
  12. ↑ Artikel in der SHZ vom 13. Juli 2015: Ersatzstimme bei Landtagswahlen: SPD will Piraten-Vorschlag überdenken, abgerufen am 17. Oktober 2019
  13. ↑ Landtagsfraktion der Piraten im Saarland: Gesetzentwurf zur Änderung wahlrechtlicher Vorschriften, Drucksache 15/1541 vom 7. Oktober 2015
  14. ↑ Saarländischer Landtag: Erste Lesung des von der PIRATEN-Landtagsfraktion eingebrachten Gesetzes zur Änderung wahlrechtlicher Vorschriften, Sitzung am 13./14. Oktober 2015
  15. ↑ ACE Project: The Electoral Knowledge Network: Electoral Systems Comparative Data, World Map. Abgerufen am 24. Oktober 2017 (englisch).
  16. 1 2 ACE Project: The Electoral Knowledge Network: Electoral Systems Comparative Data, Table by Country. Abgerufen am 24. Oktober 2017 (englisch).
  17. ↑ Section 54: Voting and other matters. In: Constitution of Fiji. International Constitutional Law Project, abgerufen am 29. Juni 2012 (englisch).
  18. ↑ Voting. Electoral Commission of Papua New Guinea, 2011, abgerufen am 30. Juni 2012 (englisch).
  19. ↑ Where is Ranked Choice Voting Used?