Rauriser Urwald

Moortümpel und Fichten im Rauriser Urwald

Als Rauriser Urwald wird ein Lehrpfad durch einen naturbelassenen Blockwald im Talschluss Kolm-Saigurn der Gemeinde Rauris im österreichischen Bundesland Salzburg bezeichnet. Der Wald gilt aufgrund seines bis zu 300 Jahre alten Baumbestandes und der zahlreichen Moortümpel als landschaftliche Besonderheit. Er liegt in der Außenzone des Nationalparks Hohe Tauern und ist ein beliebtes Ausflugsziel im Raurisertal.

Geographie

Der Begriff Rauriser Urwald ist kein offizieller Flurname, sondern entstand mit der Schaffung des Lehrpfads. In der ÖK und der wissenschaftlichen Literatur wird das Gebiet als Durchgangwald bezeichnet. Es befindet sich auf einer Seehöhe von etwa 1600 m ü. A. bis knapp 1800 m ü. A. an der Ostflanke des hintersten Hüttwinkltals, eines Zubringers des Raurisertals. Der Wald wird vom Lenzangerbach durchflossen.

Eine exakte Herkunft des Namens Durchgangwald wird in der Literatur nicht angeführt. Im Allgemeinen ist Durchgang eine andere Bezeichnung für Gebirgspass und bezieht sich möglicherweise auf die nahe gelegene Bockhartscharte, einen passartigen Übergang vom Raurisertal ins Gasteinertal. Nach einer anderen Quelle lässt sich der Name vermutlich auf die zahlreichen, flachen Tümpel zurückführen, die sich aufgrund ihrer geringen Tiefe leicht zu Fuß durchqueren („durchgehen“) lassen.

Entstehung

Aus der Ostflanke des Grieswies-Schwarzkogels (3115 m ü. A., eines Vorgipfels des Hocharn) auf der gegenüberliegenden Talseite ereignete sich in prähistorischer Zeit ein gewaltiger Bergsturz, dessen Ablagerungen die Grieswiesalm und den Großteil des Durchgangwaldes aufbauen. Die Oberfläche der Sturzmasse beträgt etwa 3,75 km², ihr Volumen ungefähr 0,33 km³. Im Bereich des Rauriser Urwalds herrscht Schwarzphyllitschutt vor, der einen hohen Anteil von Tonmineralen aufweist, was den Schutt nur gering wasserdurchlässig macht; daher konnten sich die wassergefüllten Senken mit über 80 Moortümpeln bilden.

Die frühere Annahme, das Gebiet sei durch ein mehrmaliges, langsames Abgleiten der östlichen Hangflanke über längere Zeiträume entstanden, wie auch auf den Infotafeln vor Ort noch dargestellt, ist nach heutigem Kenntnisstand nicht zutreffend.

Seit dem Mittelalter wurde im Raurisertal Bergbau betrieben, und durch den hohen Holzverbrauch wurden große Teile des Tals gerodet. Aufgrund der zunehmenden Weidewirtschaft auf den Almen vergrößerte sich die waldfreie Fläche weiter. Durch Pollenanalyse konnte nachgewiesen werden, dass auch der Bereich des Durchgangwalds baumfrei war. Der Rauriser Urwald ist daher kein Urwald im eigentlichen Sinn, sondern ein Sekundärwald, der durch die Einstellung der Weidewirtschaft vor 300 Jahren entstehen konnte.

Flora und Vegetation

Moortümpel mit Totholz. Die Krautschicht wird von der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) dominiert.

Die Vegetation wird von einem hochmontanen Fichten-Lärchenwald, mit wenigen Zirben (Pinus cembra), gebildet. Die Krautschicht wird von der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) und Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) dominiert. In feuchten Bereichen wächst auch die Rauschbeere (Vaccinium uliginosum). Mit Latschenkiefer (Pinus mugo subsp. mugo) und Alpen-Wacholder (Juniperus communis var. saxatilis) sind zwei weitere Nadelgehölze anzutreffen. Um die regenwassergespeisten Moortümpel und Lacken wachsen feuchteangepasste Arten, wobei Sauergräser in den Vordergrund treten. Dort sind das Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum) und das Schmalblättrige Wollgras (Eriophorum angustifolium) häufig. Die Schnabel-Segge (Carex strata) bildet in flachen Randbereichen kleine Bestände, denen sich die Graue Segge (Carex canescens) anschließt. Die Braun-Segge (Carex nigra) bildet einen eigenen Rasen in feuchten Senken.

Moose

Torfmoose bilden kleine Inseln

An den Rändern der Moortümpel gedeihen verschiedene Arten von Torfmoosen (Sphagnum). Abseits davon bilden das Rotstängelmoos (Pleurozium schreberi) und das Etagenmoos (Hylocomium splendens) ausgedehnte Rasen unter Zwergsträuchern. Weitere häufige Arten sind Schönes Widertonmoos (Polytrichum formosum), Berg-Gabelzahnmoos (Dicranum montanum) und Plagiothecium undulatum.

Flechten

Die vielen Altbäume, Totholz in allen Zerfallsstadien und der schütter bewachsene Boden über stellenweise sehr sauren Unterlagen, ermöglicht das Vorkommen von über 100 Flechtenarten. Verschiedene Bartflechten der Gattungen Alectoria und Usnea wachsen auf den Ästen und Stämmen der Bäume. Die intensiv gelbgrün gefärbte Wolfsflechte (Letharia vulpina) gedeiht auf Lärchen und Zirben. Auf kargen Böden und vermodernden Baumstümpfen ist die Großhornflechte (Cladonia macroceras) auffällig, die bis zu 10 cm hoch werden kann.

Fauna

Totholz bietet Lebensraum für viele Tierarten

Der strukturreiche Lebensraum mit viel Totholz bietet Lebensraum für viele Tierarten. Der Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) ist eine Leitart solcher Lebensräume, daneben sind Schwarzspecht (Dryocopus martius) und Buntspecht (Dendrocopos major) verbreitet. Auch der Fichtenkreuzschnabel (Loxia curvirostra) bevorzugt solche Wälder. Die Amphibien sind mit Alpensalamander (Salamandra atra), Erdkröte (Bufo bufo), Grasfrosch (Rana temporaria) und Bergmolch (Triturus alpestris) vertreten.

Naturschutz und Tourismus

Lehrpfad

Der Wald ist durch einen gut ausgebauten Lehrpfad erschlossen. Dieser wurde 1980 durch den Naturschutzbund Österreich angelegt. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 13. September 1980 durch den Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger. 1983 wurde das Gebiet in den Nationalpark Hohe Tauern integriert, und der Rauriser Urwald war die erste Besuchereinrichtung des Nationalparks. 2012 wurde der Lehrpfad saniert und im Jahr 2014 als einer der besten Lehrwege Österreichs ausgezeichnet. Elf Schautafeln und ein kleines Waldmuseum am Wegesrand informieren über die geologischen Prozesse und die ökologischen Besonderheiten.

Ausgangspunkt ist der Parkplatz Lenzanger oder der Gasthof Ammererhof in Kolm-Saigurn. Die Wanderung durch das Gebiet ist als leicht eingestuft und dauert etwa 45 bis 90 Minuten.

Literatur

Commons: Rauriser Urwald – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Etymologisches Wörterbuch des Deutschen – Paß. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 31. Juli 2026.
  2. ↑ Eberhard Fugger: Salzburgs Seen. IX. Hrsg.: Gesellschaft für Salburger Landeskunde (= Mitt(h)eilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Nr. 51). Salzburg 1911, S. 29 (zobodat.at [PDF; abgerufen am 17. Juni 2026]).
  3. ↑ Johann Hellerschmidt-Alber: Bericht 1997 über geologische Aufnahmen im Penninikum des Hüttwinkltales auf Blatt 154 Rauris. In: Jahrbuch der Geologischen Bundesanstalt. Band 141. Wien 1998, S. 301 (81 S., zobodat.at [PDF; 847 kB; abgerufen am 7. September 2022]).
  4. ↑ Johann Peter Gruber, Roman Türk, Thomas Peer: Der Rauriser Urwald. S. 130–131.
  5. ↑ Friedrich Kral: Zur postglazialen Waldentwicklung in den nördlichen Hohen Tauern, mit besonderer Berücksichtigung des menschlichen Einflusses. Pollenanalytische Untersuchungen. Hrsg.: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (= Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse. Nr. 190). Wien 1981, S. 239–230 (zobodat.at [PDF; abgerufen am 17. Juni 2026]).
  6. ↑ Johann Peter Gruber, Roman Türk, Thomas Peer: Der Rauriser Urwald. S. 132–135.
  7. ↑ Johann Peter Gruber, Roman Türk, Thomas Peer: Naturlehrweg Rauriser Urwald. S. 136–137.
  8. ↑ Johann Peter Gruber, Roman Türk, Thomas Peer: Naturlehrweg Rauriser Urwald. S. 135–136.
  9. ↑ Eberhard Stüber: Naturlehrweg Rauriser Urwald. S. 19–20.
  10. ↑ Johann Peter Gruber, Roman Türk, Thomas Peer: Der Rauriser Urwald. S. 138–140.
  11. ↑ Naturschutzbund Österreich (Hrsg.): Über die Eröffnung des Naturlehrweges und Waldmuseums im "Rauriser Urwald" (ca. 1700 m Seehöhe) (= Natur und Land. Nr. 1980/5). Salzburg 1980, S. 159–160 (zobodat.at [PDF; abgerufen am 17. Juni 2026]).
  12. ↑ Rudolf Kirchschläger: Ansprache des Herrn Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger anläßlich der Eröffnung des Naturlehrweges im "Rauriser Urwald" am 13.9.1980. Hrsg.: Naturschutzbund Österreich (= Natur und Land. Nr. 1980/5). Salzburg 1980, S. 159–160 (zobodat.at [PDF; abgerufen am 17. Juni 2026]).
  13. ↑ Rauriser Urwald, Rauris. Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft, abgerufen am 7. Juni 2026.

Koordinaten: 47° 4′ 31″ N, 12° 59′ 30″ O