Der Rechtspluralismus unterscheidet sich von der vergleichenden Rechtswissenschaft insbesondere dadurch, dass er sich auf nicht notwendig normierte, aber gleichwohl verbindliche Verhaltensregeln in einer Gesellschaft konzentriert, während die vergleichende Rechtswissenschaft sich mit einem internationalen Vergleich des positiven Rechts beschäftigt.
Unterschieden wird ein starker Rechtspluralismus, bei dem die nebeneinander existierenden Rechtssysteme keine staatliche Anerkennung genießen müssen, sondern rein soziale Phänomene sein können. Daneben bezeichnet der schwache Rechtspluralismus die Koexistenz staatlich anerkannter – oder universalistischen Normen entsprechender – Rechtssysteme.
Beispiele
Religiöses und weltliches Recht
Typische Fälle von Rechtspluralismus finden sich insbesondere in Staaten, in denen religiöse Normsysteme eine starke Rolle spielen. Zum Beispiel wurde eine „Parallelsouveränität“ zwischen den vormodernen Staaten und der katholischen Kirche in Europa im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit akzeptiert, so dass sie als die DNA der westlichen Kultur betrachtet werden kann. Auch wenn diese Autoritäten manchmal in Konflikt standen, unterwarfen sich Kirche und Staat in normalen Zeiten gegenseitig so sehr, dass man von einem „gemeinsamen Rechtspluralismus“ sprechen kann. Spanische Theologen-Juristen des 16. und 17. Jahrhunderts, wie Domingo de Soto oder Tomás de Mercado, förderten auf diese Weise die Wechselwirkungen zwischen staatlichem und kirchlichem Recht. Mercado betrachtete die Beichtväter, Richter des Gewissens des Gläubigen, als echte Agenten der staatlichen Rechtsdurchsetzung. Andere Beispiele sind die Staaten, wo die Scharia durchgesetzt ist.
Koloniales Erbe
Der Rechtspluralismus kann auch in (ehemaligen) Kolonien festgestellt werden, in denen das durch die Kolonialmacht eingeführte Recht traditionelle Normsysteme nie richtig verdrängt hat. Rechtsanthropologen machen deswegen darauf aufmerksam, dass zum Beispiel in postkolonialen afrikanischen Staaten das staatliche Recht nur begrenzte Reichweite hat, weil es – auf europäischen Rechtstraditionen wie dem englischen Common Law basierend – eine mangelnde Passung mit gängigen Lebensvorstellungen und soziokulturellen Gesellschaftsstrukturen aufweist. Große Teile der Bevölkerung suchen dort eher neotraditionelle Rechtsinstitutionen zur Lösung ihrer Konflikte oder Rechtsstreite auf, wobei sich aus der Konkurrenz auch lokale Formen gegenseitiger Kontrolle zwischen staatlichen und informellen Rechtsinstitutionen ergeben. Bekannt ist auch das Nebeneinander von Common Law und Civil Law im Privatrecht der kanadischen Provinz Québec und im US-amerikanischen Bundesstaat Louisiana, das auf Französisch als Bijuridisme und auf Englisch als Bijurialism bezeichnet wird.
In Peru existiert neben dem ordentlichen staatlichen Recht die Paralleljustiz der rondas campesinas in den andinen Regionen. Diese bäuerlichen Selbstverwaltungseinheiten sind durch die Verfassung Perus anerkannt.
In Bolivien pflegen die Guaraní ihr paralleles Rechtssystem, das durch die bolivianische Verfassung anerkannt ist.
Globalisierung
In neuerer Zeit wird auch im Zusammenhang mit der Globalisierung das Nebeneinander von staatlichen Rechtsordnungen und neuartigen internationalen oder transnationalen Rechtsregimes wie der Lex mercatoria von einer Art Rechtspluralismus ausgegangen.
Rechtspluralismus und Rechtsstaat
Rechtspluralismus kann zu Konflikten mit dem Rechtsstaat führen. So kann etwa eine Paralleljustiz, die nur einer indigenen Gruppe zugänglich ist, dieser forum shopping ermöglichen, d.h. ihr gestatten, zwischen staatlicher und indigener Justiz zu wählen, wobei diese Möglichkeit Nichtindigenen verwehrt bleibt.
Literatur zur Einführung
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↑Im Anschluss an John Griffiths: What is Legal Pluralism? Journal of Legal Pluralism 24 (1986), S.1–55, 2, passim.; vgl. mit weiteren Nachweisen etwa Wieland Lehnert: Afrikanisches Gewohnheitsrecht und die südafrikanische Verfassung: die afrikanische Rechtstradition im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Kultur und anderen Menschenrechten, LIT Verlag: Berlin-Hamburg-Münster, 2006, S. 87
↑Eugen Ehrlich:Grundlegung der Soziologie des Rechts. Duncker & Humblot, München, Leipzig 1913, S.393ff. (archive.org[abgerufen am 28.Februar 2018]).
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↑Wieland Lehnert: Afrikanisches Gewohnheitsrecht und die südafrikanische Verfassung: die afrikanische Rechtstradition im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Kultur und anderen Menschenrechten, LIT Verlag: Berlin-Hamburg-Münster, 2006, S. 87
↑PaoloProdi: Inaugurazione. Anno Accademico 2011-2012. Pontifica Università Lateranense. Accademia Alfonsiana. Istituto Superiore di Teologia Morale, Rome 2011, Peccato e reato nella teologia morale post-tridentina, S.24 (italienisch, alfonsiana.org[PDF]).
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↑WimDecock:Collaborative Legal Pluralism. Confessors as Law Enforcers in Mercado’s Advices on Economic Governance (1571). In: Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europaïsche Rechtsgeschichte. 25. Jahrgang, 2018, S.104 (englisch).
↑WimDecock:Collaborative Legal Pluralism. Confessors as Law Enforcers in Mercado’s Advices on Economic Governance (1571). In: Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europaïsche Rechtsgeschichte. 25. Jahrgang, 2018, S.105–106 (englisch).
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↑WimDecock:Collaborative Legal Pluralism. Confessors as Law Enforcers in Mercado’s Advices on Economic Governance (1571). In: Zeitschrift des Max-Planck-Instituts für europaïsche Rechtsgeschichte. 25. Jahrgang, 2018, S.110 (englisch).
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↑Emo Gotsbachner: Informelles Recht. Politik und Konflikt normativer Ordnungen. Lang: Frankfurt/M., 1995, 102 ff.
↑Jan Jakob Bornheim:Property Rights and Bijuralism. Can a Framework for an Efficient Interaction of Common Law and Civil Law Be an Alternative to Uniform Law? In: Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht. Nr.451. Mohr Siebeck, Tübingen 2020, ISBN 978-3-16-159169-3, doi:10.1628/978-3-16-159169-3 (mohrsiebeck.com[abgerufen am 18.November 2022] Dissertation, Universität Köln, 2016).
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